Heute in den Feuilletons

Pressestellenhafte Hauptsatzrealität

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.02.2012. Die Spanier bekommen in der Krise langsam Angst und zwar echte Angst, konstatiert der Schriftsteller Antonio Orejudo in der NZZ. Im Tagesspiegel erklärt der Autor Nikos Dimou, warum es ein Unglück ist, Grieche zu sein. Welt und FAZ sind begeistert vom erweiterten Städel-Museum in Frankfurt. Die SZ findet, es ist kein Wunder, dass Protestanten Präsidenten werden: Die können reden. Anders als ein Viertel der Deutschen, die laut FAZ nicht richtig lesen und schreiben können.

NZZ, 22.02.2012

Die Spanier bekommen Angst, beobachtet der Schriftsteller Antonio Orejudo nach der Absetzung des mutigen Baltasar Garzon. Und zwar echte Angst: "Sicher ist allein, dass die Krise selbst sich verändert hat: In Spanien entwickelte sie sich von einer wirtschaftlichen zu einer politischen und gesellschaftlichen Krise. Nachdem sie Jobs, Reichtum und Arbeitsrechte zugrunde gerichtet hat, korrodiert sie jetzt auch das Netz der staatlichen Institutionen. Die Hintertüre - jene Tür, durch welche der Populismus sich einzuschleichen pflegt - ist nur noch angelehnt."

Weiteres: Alain Claude Sulzer protokolliert seine Abenden in den Berliner Theatern. Besprochen werden die Ausstellung über Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig", ein neuer Band des Historischen Lexikons der Schweiz und Cornelia Vismanns Studie "Medien der Rechtsprechung" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Tagesspiegel, 22.02.2012

Einen interessanten Einblick in die Technik journalistischen Internetbashings liefert Marc Kalpidis im Tagesspiegel. Überschrieben ist sein Artikel: "Kritikwelle im Netz - Volkssport Gauck-Bashing". Und verlässt sich darauf, dass die Botschaft geschluckt ist, bevor er die erste Quelle zitiert, eine Zeitung! "Selbst Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele fragt sich in der Frankfurter Rundschau, wie Gauck angesichts der allgemeinen Klage gegen Übermacht und Machtmissbrauch des Finanzsystems 'den Protest dagegen auf der Straße 'unsäglich albern' nennen' könne." Stimmt natürlich: Auch eine Zeitung ist im Grunde nur eine gedruckte Internetdatei.

Nikos Dimou hat 1975 ein griechisches Kultbuch geschrieben, eine griechische Selberbeschimpfung, die nun auch auf deutsch vorliegt: "Über das Unglück, ein Grieche zu sein". Das Buch ist zwar zum Lachen, aber "Satire ist bitter", sagt er im Gespräch mit Gerd Höhler. "Für einen Griechen ist dieses Buch im Grunde eine Qual. Denn es ist keine lustige Sammlung von Aphorismen über das Zukurzkommen der Griechen, sondern ein bitteres Nachdenken über ihr tragisches Schicksal, gespalten zu sein zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Norden und Süden, Osten und Westen."

TAZ, 22.02.2012

Auf der Meinungsseite liest Klaus Hillenbrand seinen Kollegen, die gestern die halbe taz mit ihrem Genöle gegen Joachim Gauck vollgeschrieben haben, kräftig die Leviten: "Kaum also ist Gauck für das höchste Staatsamt gekürt, tut die linke Szene das, was sie am besten kann: Sie ist beleidigt." Dabei sollte sie sich freuen, der mann kann etwas Wichtiges: "Gauck kann streiten. Das sollte man nicht mit Spalten verwechseln. Anstatt den Mann zu fürchten und ihn schon vor seiner Amtseinführung zum Beelzebub im Priesterrock zu erklären, sollten wir uns auf diesen Streit freuen. Gauck ist befähigt, etwas weniger schnarchsackschlafmützige Reden zu halten als diverse seiner Vorgänger. Das wäre schon ein großer Fortschritt in einem Land, das am liebsten in Harmoniesoße kocht."

Aus den Kulturseiten porträtiert Tobi Müller den Performer und Regisseur Patrick Wengenroth. Besprochen werden die CD "Basta Mafia!" der moldawischen Rockband Band Zdob si Zdub und das Buch "Der Implex" von Dietmar Dath und Barbara Kirchner.

Und Tom.
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Welt, 22.02.2012

Rundherum gelungen findet Hans-Joachim Müller die neue Städel-Sektion für Gegenwartskunst: "Die Städel-Gegenwart ist vor allem, Ernst Jünger hätte gesagt, verwehte Gegenwart. Neo Rauch mit einem wunderbaren Ensemble aus seinen Anfangsjahren. Baselitz und Schoenebeck, wie sie mit Aplomb in den späten 60ern antraten. Lüpertz mit den 'Ziegel'-Bildern, die seine Karriere begründet haben. Polke von 1979, Palermo von 1970, Hoedicke von 1964. Der Charakter bedachter Retrospektive fällt gleich auf und nimmt durchaus ein für Wahl und Auswahl. Was keineswegs heißt, dass nicht auch Künstler wie Michael Beutler oder John Armleder aufgeboten wären, In-situ-Installationen mit der frischen Jahreszahl 2012 zu schaffen."

Weitere Artikel: Sven Felix Kellerhoff erinnert daran, dass Gauck in seiner Zeit als Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde zahlreiche ehemalige MfS-Kader einstellte. Berthold Seewald erklärt, warum die Einheit Syriens, die der Diktator Assad angeblich verteidigen will, eine jüngere Erfindung ist. Besprochen werden eine Ausstellung mit dem Werk des Zeichners und Filmregisseurs Winsor McCay in Troisdorf, Torsten Fischers Inszenierung der Gluck-Oper "Telemaco" und eine CD mit Liedern von Debussy, aufgenommen von Natalie Dessay.

Aus den Blogs, 22.02.2012

(Via Sascha Lobo) Patrick Breitenbach hat in einem höchst verdienstvollen Blogbeitrag herausgefieselt, was Gauck wirklich sagte, etwa über Sarrazin: "Zum einen hat Gauck das Buch von Sarrazin nicht gelesen, er distanziert sich auch ausdrücklich von seinen Inhalten, die er über die öffentliche Debatte mitbekommen hat, vor allem in Bezug der biologischen Kausalzusammenhänge. Gleichzeitig nennt er die Ansprache des Themas durch Sarrazin und den damit verbundenen Problemen und den Ängsten bei den Menschen mutig, mutiger jedenfalls als das Thema durch 'Political Correctness' zu übertünchen... Mut also für den Tabubruch, nicht für seine inhaltlichen Thesen."

Spiegel Online, 22.02.2012

Sascha Lobo kommentiert bei Spiegel Online die böswilligen Verkürzungen von Gauck-Zitaten in Medien und im Netz. Entfalten solche Techniken Wirkung, dann "bliebe dem risikoaversen Politiker nur eine rundgelutschte, pressestellenhafte Hauptsatzrealität übrig - bloß kein falsch verstehbarer Nebensatz! - eine Entwicklung, die sich schon länger beobachten lässt."
Stichwörter: Sascha Lobo

FR/Berliner, 22.02.2012

Reines Rezensionsfeuilleton heute. Besprochen werden u.a. eine CD des Rappers Haftbefehl, eine Ausstellung des New Yorker Künstlers Condo in der Frankfurter Schirn, ein Abend mit Helge Schneider in der Frankfurter Oper, ein Konzert Christian Thielemanns und der Staatskapelle Dresden in Baden-Baden, und António Lobo Antunes' Roman "An den Flüssen die strömen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 22.02.2012

Zwei Artikel befassen sich mit Joachim Gauck als Redner: Gustav Seibt etwa weiß, wie es dazu kam, dass die alte, katholisch geprägte Bundesrepublik nach der Wende zu einer Republik evangelischer Politiker und Repräsentanten wurde: "Das Amtscharisma des evangelischen Pfarrers wiegt leichter als das seines katholischen Kollegen, der vorrangig Verwalter von Sakramenten ist. Der evangelische Pfarrer ist eben vor allem Prediger, also Redner." Als solchen Redner aus dem Geiste der evangelischen Pfarramtsausübung sieht auch der Historiker Eckart Conze den künftigen Bundespräsidenten auf uns zukommen und legt Gauck schon mal einen Katalog mit historischen Gedenk- und Jubiläumstagen vor, zu denen dieser in den kommenden fünf Jahren Reden halten könnte.

Weitere Artikel: Sonja Buckel informiert über Hintergründe der für diesen Donnerstag erwarteten Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, ob Flüchtlinge an der EU-Grenze im italienischen Mittelmeeraum ohne weiteres von Einsatzkräften zurückgedrängt werden dürfen. Thomas Kuban schaut sich im Umfeld des Rechtsrock um und begegnet dabei insbesondere der sich nach außen gemäßigt gebenden Band Frei.Wild mit einigem Zweifel. Volker Breidecker schaut sich die jüngst wiederaufgetauchte erste Manuskriptseite von Novalis' "Heinrich von Ofterdingen" mit größter Freude genauer an. Michael Fischer hat im Literaturarchiv Marbach eine Tagung zum Werk Peter Handkes besucht.

Besprochen werden neue Pop-CDs, der Film "Young Adult", der Anne Philippi über den Feminismus nachdenken lässt, Christoph Willibald Glucks Oper "Telemaco" am Theater an der Wien, Nuran David Calis "Zoff in Chioggia" nach Carlo Goldoni am Schauspielhaus Bochum und Marion Braschs DDR-Roman "Ab jetzt ist Ruhe" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 22.02.2012

Deutschland hat ein gravierendes Problem mit dem Analphabetismus, weigert sich aber es wahrzunehmen, schreibt Regina Mönch nach Lektüre eines Berichts der Professorin Anke Grotlüschen, die herausgefunden hat dass 7,5 Millionen Deutsche zumindest "funktionale" Analphabeten sind und weitere 13 Millionen kaum in der Lage auch nur einfache Wörter fehlerfrei zu schreiben: "Alle haben die deutsche Schule durchlaufen, weit mehr als die Hälfte der Analphabeten sind deutsche Muttersprachler. Jeder zweite besitzt einen Hauptschulabschluss, einem Fünftel wurde gar die mittlere Reife attestiert - für Fähigkeiten, die sie nie hatten; und mehr als die Hälfte hat sogar Arbeit."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube sinniert über die Frage, was noch alles passieren kann, bis die Bundesversammlung zusammentritt. Swantje Karich besucht das erweiterte und eine neue Hängung präsentierende Städelmuseum und ist begeistert ("Das Städel könnte der Thinktank der deutschen Museen werden - solange Max Hollein weiter edle und treue Spender findet.") Auf der Medienseite liest Olivier Guez zwei neue erotische Zeitschriften aus Frankreich, Edwarda (Website) und L'Imparfaite (Website).

Besprochen werden Jason Reitmans Filmkomödie "Young Adult" (mehr hier) und eine Ausstellung des britischen Künstlers David Shrigley in der Londoner Hayward Gallery und Bücher, darunter eine eine Geschichte des Kampfs gegen Krebs von Siddhartha Mukherjee (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).