Heute in den Feuilletons

Aber die Musik war echt gut

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.11.2011. Die EU ist nicht nur dazu da, den Griechen Annehmlichkeiten zu bieten, schreibt der litauische Autor Sigitas Parulskis in der Welt. Die NZZ blickt in die Abgründe der politischen Korrektheit. Mit Europa ist's vorbei, meint die SZ: Berlin ist das neue Brüssel. Warum hat sich keine deutsche Zeitung mit Charlie Hebdo solidarisiert?, fragt Achgut.

Welt, 11.11.2011

Seine Mutter hat eine Rente von 240 Euro im Monat, obwohl sie vierzig Jahre gearbeitet hat, und sie protestiert nicht, schreibt der litauische Autor Sigitas Parulskis an die Adresse der Griechen - und weiter: "Natürlich haben die Griechen ihre Gründe, wenn sie ihrem Unmut sowohl über ihre eigene Regierung als auch über die Europäische Union Luft machen. Aber sie sollten dennoch eine Sache verstehen: Wenn man Mitglied eines anständigen Klubs ist - und ich glaube trotz allem, dass die EU ein solcher Klub ist oder wenigstens sein kann -, dann muss man nicht nur die Freiheiten und Annehmlichkeiten nutzen, die er zu bieten hat, sondern sich auch dazu verpflichtet fühlen, ihm das eine oder andere Opfer zu bringen."

Weitere Artikel: Ulf Poschardt schlägt im Feuilletonaufmacher die Jungmoderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf als Nachfolger für "Wetten dass" vor. Manuel Brug unterhält sich mit dem neuen Salzburger Intendanten Alexander Pereira. Marc Reichwein staunt in seiner Feuilletonkolumne über die Beliebtheit der Preußen beim Spiegel. Lars-Broder Keil erzählt, "wie Else Lasker-Schüler vor hundert Jahren um den Kleist-Preis bettelte und keine müde Mark vom Komitee erhielt". Gerhard Gnauck stellt zwei polnische Filme vor, die düstere Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erzählen: Agnieszka Hollands "In der Dunkelheit" und Wojciech Smarzowskis "Roza". Und für den politischen Teil besucht Henryk Broder die Aktivisten von der Occupy Wall Street-Bewegung in New York.

Besprochen werden die Ausstellung "Der geteilte Himmel - Die Sammlung 1945-1968" in der Neuen Nationalgalerie Berlin, eine DVD-Box mit Kabarattprogrammen des Hanns Dieter Hüschs und Mozarts "Figaro" in der Regie Andreas Dresens in Potsdam.

FR/Berliner, 11.11.2011

Nach der Premiere von Roland Schimmelpfennigs Stück "Goldener Drache" in Washington, schöpft Peter Michalzik wieder Hoffnung für die deutsch-amerikanischen Theaterbeziehungen. Bisher ging da gar nichts, weiß er vom Theatermann Robert McNamara: "Die Amerikaner wollen Geschichten, die Deutschen Regie, die Amerikaner sind pragmatisch, die Deutschen haben Subventionen."

Weiteres: Christian Schlüter sieht doch noch Hoffnung für die Demokratie, die seine Kollegen Dirk Pilz und Friederike Schröter vorige Woche schon freudig-feierlich zu Grabe getragen haben. Besprochen werden eine Ausstellung mit Arbeiten von Tobias Zielony im Frankfurter MMK Zollamt, Paolo Sorrentinos Roadmovie "Cheyenne - This Must Be the Place" mit Sean Penn und Thorsten Beckers Buch "Agrippina" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 11.11.2011

Warum hat keine deutsche Zeitung die Mohammedkarikaturen aus Charlie Hebdo nachgedruckt, fragt Christoph Spielberger schreibt auf Achgut: "In Frankreich zeigt man sich solidarisch mit Charlie Hebdo, viele große Zeitungen haben die ersten Cartoons nachgedruckt. Und in Deutschland? Niemand, nichts, bis auf das Titelbild, das 'muss' man zeigen, denn ohne dies war ja die Aufregung nicht zu verstehen. Solidarität, sechs Jahre nach den Mohammed- Cartoons, ist die abgeschmackteste Phrase, denn Kultursensibilität wirkt."
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NZZ, 11.11.2011

Heute morgen war die NZZ leider noch nicht online. Vielleicht versuchen Sie es später hier noch einmal selbst.

Der Bezug auf die Politische Korrektheit oder ihre Verteufelung helfen nicht weiter, das merkt Joachim Güntner bald beim Nachdenken über den neuen moralischen Rigorismus, der unseren Alltag zu vergiftet und unsere Freiheit einzuschränken droht: "Neulich zum Beispiel, als vor der Haustür eine Gruppe von Nachbarskindern spielte und einem kleinen Mädchen der Schnürsenkel aufgegangen war. Zu sagen: 'Na komm, den binden wir mal zu, sonst fällst du noch hin', in die Hocke zu gehen, sich die Kleine auf das Knie zu setzen, um sie herum nach vorn zu greifen und den Senkel zu binden, war eins. Das Erschrecken setzte erst beim Aufstehen ein: Eine fremde Vierjährige aufs Knie zu nehmen, wie konntest du nur!"

Weieters: Marc Zitzmann besichtigt im Seebad Menton das von Rudy Ricciotti entworfene Museum für Jean Cocteau. Astrid Kaminski besucht die afghanische Theatertruppe Aftaab in Paris. Christian Gasser bespricht Posy Simmonds' Flaubert-Comicadaption "Gemma Bovery" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
Stichwörter: Jean Cocteau

TAZ, 11.11.2011

Ganz klare "ideologische und antisemitische Polemik" bescheinigt Bert Rebhandl dem Direktor des Teheraner Dokumentarfilmfestivals Cinema Verite, der Filmemacher als Zionisten beschimpft, die aus Protest gegen die Verhaftung von Kollegen ihre Beiträge zurückgezogen haben. Ingo Arendt resümiert eine Veranstaltung, bei der Hans Haacke mit Politikern über sein einst heftig umstrittenes Kunstwerk "Der Bevölkerung" - eine Aufschüttung "deutscher" Erde mit beleuchtetem Schriftzug - diskutierte.

Besprochen werden das Album "Replica" von US-Musiker Daniel Lopatin und das Album "Mein kleiner Krieg" der Berliner Noiserock-Band Mutter.

Und Tom.
Stichwörter: Hans Haacke, Mutter

SZ, 11.11.2011

Das war's dann wohl, vereintes Europa: Zumindest sei die aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs entstandene Grundüberlegung, Europa supranational zu fassen, mit dem Euro-Rettungsversuch gründlich verabschiedet, findet Thomas Kirchner und sieht die Zukunft eines "Europas mit zwei Geschwindigkeiten" heraufdämmern: "Wie Europa regiert wird, das bestimmen jetzt Deutschland und ein bisschen Frankreich. Das ist keine Machtverschiebung, die nur für die Zeit der Krise gilt. Es ist ein dauerhafter Rückschritt zu einer mehr nationalstaatlichen Politik... Berlin wird das neue Brüssel."

Viel hat Vasco Boenisch für Helene Hegemanns demonstrative Anti-Haltung wider den Kulturbetrieb in ihrer Theaterperformance "Lyrics" im Düsseldorfer FFT nicht übrig: "Nach 70 Minuten wird die brav abgefuckte Theater-AG, die nichts tut und eben auch nicht spielen will, von ihren generösen institutionellen Förderern endlich in das bestimmt ganz viel aufregendere After-Show-Partyleben entlassen. Aber die Musik war echt gut."

Weitere Artikel: Scheinheilig findet der Schriftsteller Akos Doma die Kritik westlicher Medien am ungarischen Rechtsruck seit 2010, denn eigentlich sei doch der westliche Kapitalismus die Ursache für bloß armutsbedingte Ressentiments. Joseph Hanimann stellt das neue Kriegsmuseum im französischen Meaux vor. Laura Weissmüller begeistert sich bei einer Ausstellung in der Pinakothek der Moderne für Holz als wiederzuentdeckenden Baustoff. Gustav Seibt erklärt, warum Berlusconi in Italien mitunter als "Ritter" bezeichnet wird (er hat einmal eine Auszeichnung als "cavaliere del lavoro", Held der Arbeit bekommen!) Auf der Medienseite empfiehlt Hans-Jürgen Jakobs einen Film Lutz Hachmeisters über Peter Hartz am Montagabend in der ARD.

Besprochen werden Kelly Reichardts Filmwestern "Meek's Cutoff", ein Konzert von Hans Zenders Variationen von Beethovens Diabelli-Variationen, Peter Konwitschnys Inszenierung von Tschaikowskys "Pique Dame" an der Grazer Oper und Bücher, darunter Emma Donoghues "beeindruckender" Kaspar-Hauser-Roman "Raum" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 11.11.2011

"Intime Science-Fiction" nennt Dietmar Dath den losen Filmzusammenhang, in dem sich Mike Cahills Film "Another Earth" bewegt. Mit den Mitteln der Phantastik gelinge diesen Filmen oft ein genauerer Blick auf das Vertraute als manchem Sozialdrama: "Gäbe es bei Cahill die zweite Erde nicht, samt einer Bild- und Tonsprache, die das filmische Äquivalent der Einsteinschen Einsicht findet, dass in der Umgebung großer Massen die Maßstäbe schrumpfen, dann fehlte 'Another Earth' etwas ganz und gar Irdisches: das Vermögen, die Leiden seiner Figuren wie aus großer Ferne zu betrachten und damit eben nicht zu relativieren, sondern auf schwarzem Grund glühen zu lassen."

Martin-Walser-Festspiele, zweiter Tag: Diesmal liest Walser, derzeit auf Tour durch die USA, an der Brandeis University, wo er anschließend gefragt wird, was den "Furor" um seine Paulskirchenrede ausgelöst habe, berichtet Jordan Mejias. "Ob er darauf eine Antwort geben wolle? 'Natürlich! Ich weiß es ja!' Aber er denkt nicht daran, die Kontroverse klar zu benennen. Klarheit, was ist das schon! Die Aufforderung, klar zu reden, sei nichts als eine Verführung zur adressierten Sprache, in der er selbst eben nicht mehr vorhanden sei." Darunter abgedruckt ist Walsers Amerikagedicht "Versuch, ein Gefühl zu verstehen" von 1973.

Weitere Artikel: In der Maschinenraumkolumne stellt Constanze Kurz die Möglichkeiten von Software zur innerbetrieblichen Effizienzkontrolle vor, die nebenbei auch die Onlinekommunikation der Mitarbeiter samt deren Twitter-Accounts protokolliert. Irene Bazinger berichtet von Sparmanövern am Staatstheater Cottbus.

Besprochen werden die Ausstellung "Degas and the Ballet: Picturing Movement" an der Royal Academy of Arts in London, Kelly Reichardts Western "Meek's Cutoff", ein Benefizkonzert des Deutschen Symphonie-Orchester Berlins in Fukushima und Bücher, darunter eine schön bizarr bebilderte Graphic-Novel-Adaption von E.T.A. Hoffmanns Novelle "Die Fräulein von Scuderi" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).