Heute in den Feuilletons

Verweigerung, Krach und Depression

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.08.2011. Im Perlentaucher wettert Pascal Bruckner gegen die verklemmte Sexualmoral der Amerikaner. Die Welt  rechnet ab mit dem Tanz im August. Für die taz besucht Gabriele Goettle jenen Ort, an dem  einst der große Reichskriegsschatz gehortet wurde.  Achgut hat Einwände gegen das Leben im "Einklang mit der Natur". Die FAZ bringt John Le Carres Weimarer Goethe-Rede - einen Abgesang auf Europa.

Weitere Medien, 29.08.2011

In Los Angeles wird demnächst ein Kunstwerk von Ai Weiwei eingeweiht, natürlich ohne den Künstler. David Ng von der Los Angeles Times konnte sich per Telefon mit ihm unterhalten - aber er darf kaum etwas sagen, immerhin dies: "This event isn't about me but about the whole society. It's about how people are being treated,' Ai said. He added that he continues to support 'freedom of expression and the Internet, and how people can communicate and share ideas through the Internet."
Stichwörter: Ai Weiwei

Aus den Blogs, 29.08.2011

Gegen die Anhänger eines Lebens im "Einklang mit der Natur" macht Henryk Broder auf Achgut folgende Argumente geltend: "Wer im Einklang mit der Natur lebt, hat gute Aussichten, an Hunger oder an einer Blinddarmentzündung zu sterben. Das Gegenteil von Natur ist Zivilisation: Seife und Zahnpasta, Kühlschrank und Mikrowelle, PID und SMS, Raumfahrt und Teflonpfanne, Viergang-Automatic und Dialyse. Wer 'im Einklang mit der Natur' leben möchte, sollte auf all das verzichten. Also, raus ins Freie, Naturfreunde. Irene kommt gleich."

In "Jackson Pollock 51" filmte Hans Namuth den Maler durch Glas. "The film achieved Namuth?s aesthetic goals, but it came at a price", schreibt dazu Open Culture. "Apparently the filming taxed Pollock emotionally, and by the evening, the painter decided to pour himself some bourbon, his first drink in two years. A blowout argument followed; Pollock never stopped drinking again; and it was downhill from there..."


FR/Berliner, 29.08.2011

Michaela Schlagenwerth geht Wiebke Hüsters gepfefferte Kritik (in der FAZ) am "Tanz im August" zwar zu weit, derzufolge das Festival nur noch "prozessorientierten Kinderkram von selbstberufenen standardlosen Subventionsempfängern" biete, aber auch sie fand dieses Jahr ziemlich schlecht: "Nicht, weil das Festival zu klein, zu eng, zu lokal geworden wäre. Es ist eher, wie viele Festivals dieser Art, zu saturiert geworden."

Weiteres: Hans-Jürgen Linke interviewt die Stadtsoziologin Martin Löw über die Chancen des spröden, aber nicht reizlosen Mannheims, 2020 Europäische Kulturhauptstadt zu werden. Frauke Hartmann stellt den Kulturmanager Matthias von Hartz als echten Überzeugungstäter vor.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Hiroyuki Masuyama in der Kunsthalle Gießen und Navid Kermanis Riesentagebuchroman über alles, "Dein Name" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages).
Anzeige

NZZ, 29.08.2011

Marc Zitzmann hat sich in die fantastischen Kleiderwelten des zyprischen Modedesigners Hussein Chalayan begeben, dessen eigenwilligen Kreationen das Pariser Museum Les Arts decoratifs eine große Schau widmet. "Hussein Chalayans Kreationen erzählen Geschichten von den Konflikten der Welt, von der Entwurzelung, dem Reisen, der Suche nach Identität, der Befruchtung der Kulturen. Sie sind angesiedelt in einer elegant schwerelosen, zugleich aber leicht beunruhigenden Realität - einer Welt voller Blumenfrauen, Samurai-Weltraumfahrer und Retro-Riviera-Diven. Rokoko und Jugendstil sind in dieser Assoziationswelt miteinander verschwistert; ein Hemd verwandelt sich da in einen Drachen und Rapunzels Haarsträhnen in deren Leinen."

Weitere Artikel: Roman Hollenstein betrachtet die "exzentrischen Wohnmaschinen" des dänischen Architekten Bjarke Ingels, der mit seinen Entwürfen zwischen Avantgarde und Behaglichkeit in Kopenhagen für schöneres Wohnen sorgt. Die ebenso avantgardistischen Geräuschkulissen Fritz Hausers hat sich Barbara Villiger Heilig im Basler Theater angehört. Vom Lucerne Festival berichtet Jenny Berg über die dramatischen Leistungen des Philadelphia Orchestra, und Alfred Zimmerlin spürte beim Ensemble-Auftritt des Lucerne Festival Orchestras die emotionale Energie von Arnold Schönbergs Kammersinfonie in E-Dur.

Perlentaucher, 29.08.2011

Ziemlich sauer ist Pascal Bruckner auf die Behandlung des Falls DSK durch die amerikanische Öffentlichkeit: "Frankreich für den Irak zu bestrafen, für Roman Polanski, für die Gesetze gegen den Schleier und den Niqab, diese widerspenstige Nation, die an ihren lockeren Sitten festhält, wieder auf Linie zu bringen - darin besteht letztlich der Zweck der Affäre DSK zu einem Zeitpunkt, in dem Amerika am Boden liegt und bequeme Sündenböcke für seinen Niedergang sucht." (Hier noch der Link zum französischen Original in Le Monde)

Welt, 29.08.2011

Wer braucht das Festival "Tanz im August", wenn es derartig uninspiriert und vorgestrig ist wie in diesem Jahr, fragt Manuel Brug: "Eszter Salamon und Meg Stuart sind fast jedes Mal dabei. Bringen sie Neues? Nein! Immer nur Verweigerung, Krach und Depression. Trotzdem haben sie ihr finanziell gut unterfüttertest Festivalticket. Wann hat Susanne Linke zuletzt etwas Kreatives fabriziert? Sie darf trotzdem ihr nicht sonderlich originelles, japanisch inspiriertes Beziehungsdrama 'Kaikou' uraufführen; auch wenn es nur ein weiterer, trauriger Abgesang ist. ... 'Tanz im August' ist voll, er hat sein alles durchwinkendes Nischenpublikum. Aber es erstickt fast an seiner Selbstreferentialität und seiner kleinmütigen 'Alles geht'-Haltung."

Weitere Artikel: Iris Alanyali empfiehlt für heute Abend die ARD-Trilogie "Dreileben" von Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler. Ulrich Weinzierl hofft, dass Stefan Bachmann neuer Intendant des Kölner Schauspiels wird. Das Philadelphia Orchestra musste gerade Konkurs anmelden, dem Pittsburgh Symphony Orchestra geht's dagegen ganz gut, berichtet Marco Frei, den der Geschäftssinn des letzteren nicht unbeeindruckt lässt (wenn das Orchester reist, hat es die örtliche Handelskammer im Schlepptau).

Besprochen wird der jetzt als Buch herausgegebene Email-Wechsel zwischen Christian Kracht und David Woodard ("Die durchgängig auf Englisch geführte Korrespondenz ist streckenweise so langweilig, dass sie, wie Woodards Dreammachine, hypnotisch zu wirken beginnt", behauptet Jan Küveler).

TAZ, 29.08.2011

Heute ist der Tag der Gabriele Goettle: Die Reporterin besucht die Zitadelle Spandau, in der einst der große Reichskriegsschatz gehortet wurde. Er wurde aus einem Teil der Kriegsentschädigung gebildet, die Frankreich nach dem Deutsch-Französischen Krieg zahlen musste, und 1874 auf der Zitadelle eingelagert, wie sich Goettle von Karl-Heinz Bannasch erzählen lässt: "Im Juliusturm. Man hat eine Festung ausgewählt, damit nichts wegkommt. Und der sollte für den Fall der Mobilmachung sein. Aber es hat interessanterweise im Ersten Weltkrieg keinen Befehl darüber gegeben, den Reichskriegsschatz zu verwenden. Warum ist dieses Geld, obwohl Deutschland dicht vor der Pleite stand, nicht verwendet worden, sodass es noch da lag, als der Krieg verloren war und die Franzosen 1919 herkamen und ihren Schatz wieder abholten?!"

Und auf der Seite eins fragt die taz zu Bildern von Guido Westerwelle und Gaddafi: "Wer gibt zuerst auf?"

Und Tom.

FAZ, 29.08.2011

Abgedruckt wird John le Carres Rede zur Verleihung der Goethe-Medaille in Weimar. Der Autor schildert darin sein ganz besonderes Liebesverhältnis zur deutschen Sprache und Literatur, er erinnert sich, wie er im Jahr 1949 in Weimar Thomas Mann die Hand geschüttelt hat. Und kommt am Ende doch auf die äußerste Gegenwart zu sprechen: "Historisch ist Europa daran gewöhnt, überall die Finger im Spiel zu haben. Heute müssen wir uns damit abfinden, bei Ereignissen auf der ganzen Welt den Beobachter zu mimen. Ohne jede Hoffnung, sie unter Kontrolle bringen zu können. Once, Europe happened to the world. Now, the world is happening to us."

Weitere Artikel: Recht knapp dagegen würdigt Lena Bopp den syrischen Goethepreis-Träger Adonis. Jordan Mejias berichtet aus dem New York vor und während Irene. Den vergeblichen Versuch des israelischen Historikers Tom Segev, Günter Grass anlässlich des Erscheinens von dessen Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" in Israel mehr als die bekannten Bekenntnisse zu entlocken, schildert Joseph Croitoru. Jürgen Richter berichtet vom Schicksal des lange dem Verfall preisgegebenen, jetzt wieder betretbaren, aber noch lange nicht komplett instandgesetzten Schlosses Dahlen in Sachsen. "wiel" glossiert Udo Lindenbergs nicht so ganz ernst gemeinte Drohung, dem "Lockefinger" Richtung Berlin zu folgen. In seiner "Klarer Denken"-Kolumne warnt Rolf Dobelli davor, der Sehnsucht nach Unmittelbarkeit nachzugeben.

Besprochen werden die Konzerte mit Neuer Musik in Salzburg, Willy Deckers "Tristan und Isolde"-Inszenierung bei der Ruhrtriennale, und Bücher, darunter Heinz Budes Großessay "Bildungspanik" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 29.08.2011

Im Interview mit Franziska Augstein enthüllt John Le Carre, der gerade in Weimar die Goethe-Medaille erhalten hat, seine Recherchetechniken: "Die meisten Journalisten wollen mit dem Chef von, sagen wir, General Motors reden. Das mache ich anders: Ich suche den enttäuschten kleinen Manager, der mir sagt, was wirklich läuft. In der Pharmaindustrie war das besonders einfach."

Weitere Artikel: Jens Bisky hat zwei in Buchform erschienene Beiträge zu Bildungsdebatte gelesen, Jörg Drägers "Wege aus der Bildungskrise" und Heinz Budes "Bildungspanik", und hofft mit beiden Autoren auf "weniger Harmonie- und Erlösungsfloskeln und mehr Bewusstsein dafür, dass es um einen sozialen Kampfplatz geht". In den "Nachrichten aus den Netz" zitiert Michael Moorstedt Studien, die untersuchen, welche Nachrichten sich in den sozialen Netzen eigentlich besonders gut verbreiten - sie sollten emotionale Valeurs haben, stellt sich heraus. Gemeldet wird, dass Liao Yiwu ein Buch über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens vorbereitet. Anlässlich des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt spießt Stefan Weidner einige doch sehr regimefreundliche Äußerungen des syrischen Dichters Adonis auf. Alexander Menden inpiziert das von Zaha Hadid entworfene Riverside Museum in Glasgow.

Besprochen werden Wagners "Tristan und Isolde" unter Willy Decker und Kirill Petrenko in Bochum, Wofgang Rihms neues "Sommerstück" mit Anne-Sophie Mutter in Wiesbaden, der Horrorfilm "Final Destination 5" und Bücher, darunter Axel Honneths Summa "Das Recht der Freiheit". (Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.)