Heute in den Feuilletons

Seifenblasenhäscher

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2011. Katzenjammer bei den Reichen und Einflussreichen: Kann es sein, dass die Linke recht hatte?, fragt in der FAZ am Sonntag Frank Schirrmacher, der aber noch nicht gleich - wie Warren Buffett in der New York Times - nach höheren Steuern für die Besserverdienenden verlangt. Und die Kassandra des Marktgeschehens, Nouriel Robini gibt sich im Auge des Orkans, dem Wall Street Journal, endgültig geschlagen: Karl Marx hatte recht. Die Märkte versagen. Nicht zufrieden sind die Zeitungen auch mit Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Peter Handkes Stück "Immer noch Sturm" in Salzburg.

Weitere Medien, 15.08.2011

(Via ibtimes.com) Im (Video-)Interview mit dem Wall Street Journal, sagt Nouriel "Dr. Doom" Roubini, die Kassandra der Märkte: "Karl Marx had it right, At some point capitalism can self-destroy itself. That's because you can not keep on shifting income from labor to capital without not having an excess capacity and a lack of aggregate demand. We thought that markets work. They are not working.'"

Und in der New York Times beschwert sich Warren Buffett höchstpersönlich über ausbleibende Steuererhöhungen für Superreiche: "Our leaders have asked for 'shared sacrifice.' But when they did the asking, they spared me. I checked with my mega-rich friends to learn what pain they were expecting. They, too, were left untouched."

FAZ, 15.08.2011

Wie ein Schlag getroffen hat ein Artikel des Thatcher-Biografen Charles Moore im Daily Telegraph Frank Schirrmacher: Kann es sein, dass die Linke recht hatte?, fragt der konservative Moore darin. Kann es sein, dass das Primat der Ökonomie nur den Reichen dient? Zweifel am konservativen Wertekanon meldete gestern auch Schirrmacher in der FAS an: "Die CDU hat ihre an die Finanzmärkte ausgeliehenen immateriellen Werte, ihre Vorstellung vom Individuum und vom Glück des Einzelnen, niemals zurückgefordert. Sie hat nicht nur keine Verantwortung für pleitegehende Banken verlangt, sie hat sich noch nicht einmal über die Verhunzung und Zertrümmerung ihrer Ideale beklagt. Entstanden ist so eine Welt des Doppel-Standards, in der aus ökonomischen Problemen unweigerlich moralische Probleme werden. Darin liegt die Explosivität der gegenwärtigen Lage, und das unterscheidet sie von den Krisen der alten Republik."

Mit gleich zwei Artikeln wird die Wiedereröffnung des Frankfurter Filmmuseums nach seinem Umbau, ja, doch: gefeiert. So lobt Dieter Bartetzko: "Pure Verschwendung, ungetrübte Illusion einer anderen, einer unalltäglichen Welt, Grundprinzipien also des Films, werden hier in Architektur gesetzt. Projektionen Schwebender und zusätzliche Lichteffekte verstärken bei Dunkelheit die Faszination dieses diskreten und doch so eindrucksvollen Raumkunstwerks." Verena Lueken sieht sich unterdessen in der neuen Dauerausstellung und den anderen Räumlichkeiten um.

Weitere Artikel: Über weitere Protestaktionen in Israel, darunter ein recht spektakulärer Einbruch von Künstlern in ein Tel Aviver Museum, berichtet Joseph Croitoru. Die Hintergründe des mutmaßlich von ihrem Mann begangenen Mordes an der tschechischen Schriftstellerin Simona Monyova schildert Dirk Schümer - offenbar war die Ehe der Erfolgsautorin alles andere als sie schien. In der Glosse schildert Dirk Schümer die - in diesem Jahr geminderten - Gefahren der "Summer Sadness", die Frauen befällt. Rüdiger Suchsland resümiert die Filmfestspiele von Locarno. In seiner "Klarer Denken"-Kolumne warnt Rolf Dobelli diesmal vor dem "Anfängerglück".

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Peter Handkes "Immer noch Sturm"-Text (den Gerhard Stadelmaier für groß hält; die Aufführung dagegen ganz und gar: nicht), Salzburger Konzerte unter Beteiligung von Christian Thielemann, Mitsuko Ushida und anderen und Bücher, darunter Hernan Rivera Leteliers Roman "Die Filmerzählerin" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 15.08.2011

So kann das ja nichts werden mit deutschen Internetfirmen! Die Presse interessiert sich nicht die Bohne für heimische Start-ups, klagt der PR-Berater Theodossios Theodoridis bei Netzwertig. Nur die amerikanischen Riesen werden journalistisch liebevoll betreut: "Die 'Liebe' zu den Big Playern geht sogar so weit, dass Süddeutsche.de den Unternehmen Facebook, Apple (iPad) und Twitter eigene Rubriken im Digital-Bereich eingerichtet hat - eigene Themenbereiche, für einzelne (US-)Unternehmen bei Süddeutsche.de? Irgendetwas stimmt da doch nicht."

Sobald es um ihre eigenen Apps geht, denken deutsche Verleger ganz und gar provinziell, lernt Marcel Weiss bei einem Vortrag des Entrepreneurs Matthaus Krzykowski. Risikovermeidung um jeden Preis ist das deutsche Gebot der Stunde: "A friend, the CEO of a leading German app startup, had his sales rep approach the leading 25 German digital agencies about the possibility of striking a deal with the startup. The result: one 50% lead, 24 'no's. European publishers and advertising agencies are letting their local startups starve. I am pretty sure the same folks will be lobbying the EU very hard two years from now to 'break the Google/Apple monopoly' in this space."
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Stichwörter: Apps, Folk, Twitter

Welt, 15.08.2011

Kanye West hat für das Album "Watch the Throne" die Verse "This is something like the Holocaust, Millions of our people lost" gedichtet, die Jan Küveler in der Leitglosse als Beitrag zum Historikerstreit lesen will (hier das Rap-Gedicht in seiner erhabenen Gesamtheit). Ulrich Weinzierl ist zwar ergriffen von Peter Handkes neuem Stück "Immer noch Sturm", das die Rolle von Handkes Familie im Widerstand beleuchtet, aber nicht von Dimiter Gottscheffs Salzburger Inszenierung. Eckhard Fuhr besichtigt das renovierte Frankfurter Filmmuseum (Website). Und der Medienkritiker Bernd Gäbler beißt sich im Streitgespräch über die Notwendigkeit allabendlicher Talkshows die Zähne am knochentrockenen ARD-Chefredakteur Thomas Baumann aus.

TAZ, 15.08.2011

Beim Londoner Aufruhr handelte es sich in der Analyse Joachim Kerstens von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster ganz klar um "Rassenkrawalle", die unter anderem folgende Konventionen ausgebildet haben: "Die Plünderphase - häufig in Kombination mit gelegten Bränden - dauert vier bis fünf Nächte. Danach kann aufgeräumt, der Schaden kann geschätzt und Programme für die Geschädigten können aufgelegt werden. Die Toten werden beerdigt, Verletzte werden behandelt."

Und anders als die meisten anderen Kritiker findet Uwe Mattheis nicht nur Dimiter Gotscheffs Salzburger Inszenierung, sondern auch Peter Handkes Stück "Immer noch Sturm" selbst recht verschmockt: "Im Laub stapfend imaginiert er die - darf man das so sagen? - Heimaterde im Kärntner Jaunfeld samt Apfelbaum mit 99 roten Äpfeln. Dann endlich ruft er die 'Ahnen' auf..." Und das dauert fünf Stunden.

Weitere Artikel: Gereon Asmuth liest mit Begeisterung den hochaktuellen Krimi "Radikal" von Yassin Musharbash, in dem sich ein scheinbar islamistisches Attentat als eines von Islamhassern entpuppt.

Und Tom.
Stichwörter: Peter Handke

NZZ, 15.08.2011

Uwe Stolzmann sieht es an der Zeit, den chilenischen Dichter Pablo Neruda neu zu bewerten, den Mann, der gleichzeitig Oden an Stalin schrieb und solche Liebesgedichte: "Ich liebe. / Dich, Leib aus Haut, aus Moos, aus Milch, voll Kraft und Begierde. / Ah, die Becher der Brüste! Ah, die entrückten Augen! / Ah, die Rosen des Schambergs! Ah, deine schwere Stimme!"

Abgedruckt ist der Lucerner Vortrag Rüdiger Safranskis, in dem der Philosoph und Autor den Verlust der Nacht betrauerte: "Auch wenn wir nach wie vor schlafen gehen, es ist immer Tag."

Weiteres: Martin Walden freut sich über den starken Auftritt des Schweizer Films beim Filmfestival von Locarno, große Leopardengewinnerin war die Argentinien-Schweizerin Milagros Mumenthaler mit ihrem Erstling "Abrir puertas y ventanas". Besprochen wird Dimiter Gotscheffs Salzburger Inszenierung von Peter Handkes "Immer noch Sturm".

SZ, 15.08.2011

Bayern hat heute einen seiner zahllosen Feiertage. Wir gratulieren.

FR/Berliner, 15.08.2011

Wenig Freude hatte Dirk Pilz in Salzburg bei der Uraufführung von Peter Handkes "Immer noch Sturm". Am Stück lag's nicht, wohl aber an Dimiter Gotscheffs Inszenierung: "Es sind fünf Stunden Theater entstanden, das viele Worte macht, aber dem Text stets nur hinterherhumpelt. Die Schauspieler wirken wie Seifenblasenhäscher: Jeder Satz zerplatzt, sobald sie ihn zu fassen bekommen. Welch seltsame Leere, welch bleierne Virtuosität dieser Abend verströmt."

Besprochen werden weiter Sasha Waltz' Choreografie "Continu" mit Musik von Xenakis, Varese und Vivier in Salzburg ("Was man hört, wird durch das, was man sieht, fast eliminiert", meint dazu Jürgen Otten), die Choreografien "Dance" von Lucinda Child und "La Rue Princesse" von N'Soleh beim Berliner Festival Tanz im August und Jose Eduardo Agualusas Angola-Roman "Barroco Tropical" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).