Heute in den Feuilletons

Wir sind nicht unfehlbar

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.08.2011. Die Welt trauert um verschollene Filme. Die NZZ sieht in China anti-konfuzianischen Reformbedarf. Peter Glaser warnt in Futurezone vor dem Hausherrn. In der SZ erklärt Nathan Shachar, wie Gaza überleben kann. Die FAZ feiert Charlotte Roches Wirsing hackende Romanheldin.

Weitere Medien, 08.08.2011

Ist die Zukunft der Öffentlichkeit ihre Privatisierung, fragt Peter Glaser in einem sehr interessanten kleinen Essay auf futurezone.at: "Die eigentliche Illusion aber ist, dass es sich bei Google+, Facebook, Twitter und Konsorten um öffentlichen Raum handle. Es sind Unternehmensbereiche, die sich vielleicht anfühlen wie öffentlicher Raum, in denen aber das Hausrecht des Betreibers gilt. Was sich nun mit den sozialen Netzen vollzieht, ist eine bislang beispiellose Privatisierung von Öffentlichkeit (auch wenn innerhalb dieses privatisierten Bereichs neue Formen von Öffentlichkeit entstehen)."

Welt, 08.08.2011

Holger Kreitling freut sich, dass ein früher Hitchcock wiederaufgetaucht ist, aber es fehlen immer noch so viele alte Filme: "Mehr als 3500 verschollene Filme listet die Webseite 'lostfilms.eu' der Deutschen Kinemathek auf, nicht nur aus der Stummfilmzeit. So fehlt auch ein Kurzfilm von Rainer Werner Fassbinder, den er 1966 auf Super-8 gedreht hat. Von den amerikanischen Tonfilmen von 1927 bis 1950 gilt die Hälfte als verloren. Über die Frühzeit des Kinos und die Stummfilmzeit sagen Forscher, nur ein Fünftel sei noch vorhanden, der Rest ist weg."

Weitere Artikel: Giovanni Maria Vian, Chefredakteur des Osservatore Romano, versichert im Interview: "Wir sind nicht unfehlbar. Das ist nur unser Herausgeber." Paul Jandl überrascht es nicht, dass Anders Breivik Österreich bewunderte: "In einigen Meinungsumfragen liegt die FPÖ bereits vor allen anderen Parteien."

Eine Meldung informiert uns, dass Brigitte Borchert gestorben ist. Hier ist sie noch einmal, die blonde Plattenverkäuferin in Billy Wilders "Menschen am Sonntag":



Besprochen werden die Salzburger Mozart-Trilogie und die Ernst-May-Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt.

FR/Berliner, 08.08.2011

Raimund Bezold, Lektor der Reihe C. H. Beck Wissen, erzählt im Interview, warum die Reihe für Autoren wie Leser gleichermaßen interessant ist: "Das knappe Format ist etwas für Könner. Und dass die Reihe Platz für jede Sicht biete, sollte man nicht missverstehen. C. H. Beck Wissen steht für verlässliche Information, also eher für wissenschaftlichen Mainstream als für Außenseiterpositionen. Weil die Leser selbst keine Fachleute sind, müssen sie sich auf die Informationen verlassen können."

Weiteres: Die Iranerin Ameneh Bahrami, die bei einem Säure-Attentat vor sieben Jahren schwer verletzt wurde und erblindete, hat sich entschieden, dem Täter nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wozu sie nach dem iranischen Strafgesetz das Recht gehaben hätte, berichtet Behrouz Khosrozadeh. Jacek Slaski schreibt zum Tod des Tonkünstlers Conrad Schnitzler. Ingeborg Ruthe schreibt zum Tod des polnischen Malers Roman Opalka. Wilhelm Roth schreibt zum Tod der Schauspielerin Jennifer Minetti. Besprochen wird Jan Peter Bremers Roman "Der amerikanische Investor" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Stichwörter: Beck, Lektor

NZZ, 08.08.2011

Urs Schoettli sieht in China nicht nur dringenden politischen Reformbedarf, sondern auch anti-konfuzianischen: "Während das Land in Wirtschaft und Technologie sich machtvoll ins 21. Jahrhundert katapultiert hat, greift es bei den Werten auf eine Referenzfigur aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert zurück."

Weiteres: Martin Walder berichtet von der ersten etwas verregneten Halbzeit des Filmfestivals von Locarno. Ethik-Professor Thomas Kesselring möchte keinen Grund gelten lassen, den Klimawandel zu leugnen. Petra Kipphoff besucht die Dieter-Meier-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen.

TAZ, 08.08.2011

Ingo Arend erklärt ziemlich herablassend, dass Ai Weiwei kein großer Künstler sei, sondern allenfalls ein genialer Dilettant: "Das Drama um den 1957 geborenen Mann funktionierte nach der alten Reiz-Reaktions-Spirale. Der Westen kann sich China nicht anders vorstellen denn als finstere Diktatur und stellt die Suchkameras so lange scharf, bis einer auftaucht, der in das Muster 'Dissident' passt. Der verhält sich entsprechend."

Weiteres: Etwas paradox findet Brigitte Werneburg das neue schicke BMW Guggenheim Lab, das ausgerechnet in der Lower East Side über Gentrifizierung und urbanes Leben aufklären will. Auf der Meinungsseite glaubt Bahman Nirumand, dass anders als offenbar Russland, China und Indien vor allem der Westen in der arabischen Welt an Glaubwürdigkeit verloren hat.

Und Tom.

SZ, 08.08.2011

Nathan Shachar, Korrespondent für die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter und Autor eines Buchs über den Gaza-Streifen, erinnert sich gut daran, wie er Gaza 1975 zum ersten Mal sah. Seitdem gab es viele Veränderungen, für heute gilt: "In absehbarer Zeit werden der einzige mögliche Arbeitsmarkt und der einzige mögliche Markt für Gaza-Güter Israel sein."

Weitere Artikel: Jens Bisky möchte keinen Berliner Wahlkampf "in Orange-Braun" mehr, sondern - weil es sonst nichts Wichtiges gibt - eine Debatte über Stadtentwicklung. Andrian Kreye porträtiert den französischen Straßenkünstler JR, der gerade auch in Tunis sein Unwesen treibt: "Die Malcolm-X-Sonnenbrille, den Vollbart und den kurzkrempigen Strohhut trägt er nicht zuletzt auch deshalb, weil er damit ein austauschbares Bild des Hipsters abgibt, der ohne die Mode-Insignien nicht wiedererkennbar wäre" - total clever, zu bewundern bei TED.

Auf der Medienseite stellt Michael Moorstedt die Bürgerjournalismus-Website Global Voices vor: "'Wir haben mehr Storys aus Trinidad und Tobago als aus Deutschland', sagt [die leitende Redakteurin Solana] Larsen. Es müsse auch von Orten berichtet werden, an denen gerade nicht die Luft brenne, von Regionen, die traditionell wenig beachtet würden, weil es keine Rohstoffe, Bürgerkriege oder Skandale gibt, die Schlagzeilen machen."

Besprochen werden Claus Guths überarbeitete Inszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" (die Helmut Mauro nicht überzeugt hat), Johannes Nabers Max-Ophüls-Filmpreisträger "Der Albaner", ein "Faust" nach Jon Fosse/Goethe bei den Salzburger Festspielen und Bücher, darunter Hans Rudolf Vagets Band "Thomas Mann, der Amerikaner" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 08.08.2011

Feuilleton-Großereignis: Diese Woche erscheint "Schoßgebete", der neue Roman von Charlotte Roche. Felicitas von Lovenberg ist im ganzseitigen Aufmacher einfach hin-ge-rissen: "Bereits auf den ersten fünfundzwanzig Seiten lernen wir Elizabeth als eine Frau kennen, die dem Penis ihres Mannes dieselbe akribische Aufmerksamkeit widmet wie dem Wirsing, den sie nach dem Sex zum Kochen kleinschneidet."

Weitere Artikel: Jan Brachmann würdigt die Berliner Sing-Akademie, die mit stolzen 220 Jahren als ältester gemischter Chor der Welt gilt. Jordan Mejias wirft einen Blick in die aktuellen Ausgaben der amerikanischen Zeitschriften The Believer, Slice, Tin House und The Paris Review. Rolf Dobelli bringt Beispiele dafür, wie die Pawlow'sche "Verknüpfungsmaschine" Gehirn Dinge miteinander assoziiert, die nichts miteinander zu tun haben.

Besprochen werden zwei Münchner Ausstellungen, eine mit Arbeiten von Matt Mullican im Haus der Kunst, eine zur Architektur und Geschichte von Bibliotheken im Architekturmuseum der Pinakothek, der Dokumentarfilm "Im Bazar der Geschlechter" über Zeit- und Lustehen im Islam (mehr), sowie Bücher, darunter ein Band mit satirischen Erzählungen aus der DDR von Hermann Kant (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).