Christian Gerlach

Extrem gewalttätige Gesellschaften

Massengewalt im 20. Jahrhundert
Cover: Extrem gewalttätige Gesellschaften
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2011
ISBN 9783421043214
Gebunden, 576 Seiten, 39,99 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Kurt Baudisch. Massengewalt zählt zu den verstörendsten Phänomenen der Gegenwart. Während herkömmliche Erklärungsversuche vor allem die Rolle des Staats und der ideologischen Voraussetzungen untersuchen, fragt Christian Gerlach nach den sozialen Bedingungen der Massentötungen. Anhand von Geschehnissen u.a. in Armenien, Bangladesch, Griechenland und Indonesien untersucht Gerlach die Bedeutung sozioökonomischen Drucks und sozialer Mobilität in betroffenen Gesellschaften. Aus ihnen folgen vielfältige Motive für Gewalt. Begriffe wie "Genozid" oder "ethnische Säuberung" verschleiern in ihrer Eindimensionalität die Unterschiedlichkeit der Gewaltakte, der Täter und Opfer. Mit seiner differenzierten Analyse leistet Christian Gerlach einen wichtigen Beitrag zur zeithistorischen Aufklärung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.10.2011

Dass Staaten oder das Militär Massaker verüben, ist bekannt. Aber wie verhält es sich mit einzelnen Bevölkerungsgruppen, die plötzlich eine andere Gruppe massakrieren? Dieser Frage ist Christian Gerlach nachgegangen, und das mit einem frischen, "innovativen" Ansatz, lobt Rezensent Michael Wildt. Gerlach untersucht beispielsweise den Mord an einer halben Million angeblicher Kommunisten nach dem gescheiterten Putsch gegen Sukarno in Indonesien, die Unabhängigkeitsbewegung Bangladeschs oder das Schicksal der Armenier. "Alltägliche ökonomische Interessen" spielten dabei eine Rolle (wer denkt dabei nicht sofort an Götz Alys "Hitlers Volksstaat"?), aber auch die Religion, referiert Wildt. Er hätte noch gern die Frage des Zugangs zu Waffen untersucht gehabt, aber alles in allem lobt er Gerlachs Studie als "anregend".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2011

Nicht mehr als "ein Steinbruch des Wissens" ist diese Studie Christian Gerlachs geblieben, so das Resümee des Rezensenten Christian Hartmann. Indem Gerlach auf die Massenmorde in Indonesien (1965/66), im Osmanischen Reich (1915 bis 1923) und in Bangladesch (1971 bis 1977) fokussiert, erinnere er zwar zu Recht daran, dass auch jenseits von Nazideutschland, der Sowjetunion und China im großen Stil gemordet wurde. Gerade die Tatsache aber, dass Gerlach die letztgenannten Schauplätze nahezu komplett ausklammert, verstört den Rezensenten dann doch. Auch wenn Hartmann die prinzipiellen Unterschiede zwischen den jeweils temporären Mordkoalitionen innerhalb der untersuchten Gesellschaften und ideologischen Massenmördern wie Hitler oder Stalin einleuchten, ist der Kritiker überzeugt, dass sich eine umfassende Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts auf mehr als die "im Grunde beliebige Auswahl" Gerlachs berufen muss. Und in den sozioökonomischen Deutungsmustern des Autors erblickt der Rezensent letztlich kaum mehr als schnöde Kapitalismuskritik. Hartmanns Fazit: Interessante Details seien durchaus zu erfahren; der selbst gestellte Anspruch, Massengewalt zu erklären, werde jedoch gründlich verfehlt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.07.2011

Fulminant scheint diese Studie zu sein. Thomas Sandkühler, Historiker an der Humboldt-Uni in Berlin, referiert die Ergebnisse von Gerlachs Studie jedenfalls mit großer Verve, und er vergisst dabei nicht zu betonen, dass Gerlach in Deutschland keine Stelle fand und nach eine Odyssee durch die Hochschulen der Welt nun in Bern lehrt. Sein Buch erschien zuerst in der Cambridge University Press. Zunächst einmal begrüßt Sandkühler, dass Gerlach den Begriff des "Genozids" in die Abstellkammer der Historiografie zurückverweist. Er spricht statt dessen von "extrem gewalttätigen Gesellschaften". Dies ermöglicht ihm laut Sandkühler, seinen Blick auch auf Gewaltprozesse zu werfen, die nicht unter den Begriff des "Genozids" zu fassen sind, wie die Gewaltexzesse gegen angebliche "Kommunisten" in Indonesien in den Jahren 1965 und 66. Sandkühler begrüßt, dass Gerlach wieder marxistische Begriffe wie Kapitalismus, Imperialismus und ökonomische Interessen als Erklärungsmuster einführt, betont aber, dass vor der Schematisierung bei Gerlach stets das Studium des Einzelfalls steht. Ob auch Holocaust und die kommunistischen Massenverbrechen in Gerlachs Ansatz passen, lässt der Rezensent vorerst offen. Er annonciert aber, dass Gerlach an einer Gesamtdarstellung des Holocaust arbeitet.
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