Heute in den Feuilletons

Seliges Lärmknäuel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.06.2011. Die taz wählt den koreanischen Spionagenotruf 113. In der FAZ erinnert Erhard Eppler an seine Verdienste für den Umweltschutz. Die SZ hat neue deutsche Stücke gelesen, die immerhin ein Gutes haben: Sie stehen politisch auf der richtigen Seite.

Tagesspiegel, 07.06.2011

Nadine Langer war beim Grönemeyer-Konzert. Eigentlich sagt die Unterzeile ihres Artikels schon alles: "Breitbeinig bollert der Sound - die Texte kaum verständlich. Seliges Lärmknäuel."

TAZ, 07.06.2011

Katharina Borchardt unterhält sich mit dem koreanischen Schriftsteller Kim Young-ha über die Spannung zwischen Nord und Süd, den in jeder Telefonzelle zu findenden Spionagenotruf 113 und seinen neuen Roman um einen nordkoreanischen Agenten. Von der instabilen Lage in Nordkorea berichtet er: "Ich habe von nordkoreanischen Flüchtlingen gehört, dass die Kommunistische Partei Pjöngjang zwar unter Kontrolle hat, aber dass es in ländlicheren Gebieten gelegentlich zu Schießereien zwischen Bauern und Soldaten kommt. Auch an der Grenze zu China herrscht Chaos. Nordkoreanische Soldaten lassen sich zum Beispiel von Schmugglern schmieren, die koreanische Antiquitäten und Kunstwerke und auch altes Porzellan nach China ausführen."

Petra Schellen verteidigt William Turner gegen den konservativen Nimbus, mit dem ihn auch die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum in Hamburg belege. In Wahrheit war Turner Suprematist: "Tatsächlich reißt Turner den Betrachter mitten hinein in seine radikale Dekonstruktion der Objekte, sprich: der Materie als einem Strudel aus bewegten Teilchen. Das ist Quantenphysik und Abstraktion zugleich."

Weiteres: In seiner Kolumne "Gott und die Welt" glaubt Micha Brumlik nicht, dass Benjamin Netanjahus Forderung an die Palästinenser, Israel als "jüdischen Staat" anzuerkennen, völkerrechtlich gedeckt ist. Außerdem besprochen werden eine Ausstellung der amerikanischen Fotografin Roni Horn in der Hamburger Kunsthalle und Bernd Hüppaufs Buch "Vom Frosch".

Auf der Meinungsseite fragt Reiner Kreuzer, warum die angeblich knappen Arbeitskräfte eigentlich keine höheren Gehälter bekommen.

Und Tom.

NZZ, 07.06.2011

Roman Bucheli berichtet von den Solothorner Literaturtagen, wo die "Kraft des Imaginären" gegen die "Zelebrierung eines modernen Nomadentums" die Oberhand behalten habe. Roman Hollenstein begutachtet den neuen Campus der Roche Diagnostics AG in Rotkreuz

Besprochen werden Joanna Bators Roman "Der Sandberg" und Hans Maiers Erinnerungen "Böse Jahre, gute Jahre" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite weist Rainer Stadler auf eine Studie des European Journalism Observatory in Lugano hin, die aufzeigt, wie Redaktionen ihren Lesern mehr Transparenz bieten können, und zwar ganz ohne finanziellen Mehraufwand.
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FR, 07.06.2011

Nichts online in der FR, darum der Inhalt hier nur kursorisch. Besprochen werden u.a. die Aufführung von Aulis Sallinens Oper "Kullervo" in Frankfurt, die Doppelausstellung "Im Atelier und auf der Straße" mit Arbeiten von Brassai in Berlin, und der letzte Teil des "Rings" in Paris.
Stichwörter: Oper

Welt, 07.06.2011

Alexander Kluge unterhält sich mit dem Literaturwissenschaftler Arata Takeda über Selbstmordattentäter in der Geschichte. Eckhard Fuhr analysiert die Ehec-Diskurs-Epidemie.

Besprochen werden eine Lorenzo-Lotto-Ausstellung in den Scuderie del Quirinale in Rom, die Aufführung von Janaceks Oper "Aus einem Totenhaus" unter Konwitschny und Metzmacher, eine Ausstellung über Thomas Mann und Richard Wagner im Lübecker Buddenbrookhaus und zwei Inszenierungen - von "Scarlett O'Hara Syndrom" und "Sommernachtstraum" - am Schauspiel Frankfurt.

Weitere Medien, 07.06.2011

Anthony Weiner hatte das Potenzial, der witzigste Bürgermeister New Yorks aller Zeiten zu werden. Nun hat er aber ein Bild seiner Unterhose mit sich drin an eine Studentin getwittert, die sich sexuell belästigt fühlte. Er hat gestanden. Jon Stewart kommentiert wie folgt:




Stichwörter: Jon Stewart

FAZ, 07.06.2011

Erhard Eppler, gern verspotteter SPD-Vordenker der Ökologie, erinnert sich an die Kämpfe, in denen über Jahrzehnte etwas wie ein Umweltbewusstsein entstand. Heute, resümiert er, scheint die frühere Ignoranz kaum noch vorstellbar: "Wie erkläre ich einer Schulklasse, dass es noch in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts kein ökologisches Bewusstsein gab? Die jungen Leute glauben mir manches, was ich etwa über NS-Kuriositäten erzähle, aber dass eine ganze Gesellschaft nicht weiß, was sie der Natur antut - ist das möglich?"

Weitere Artikel: In Ordnung findet Swantje Karich die Disqualifikation der iranischen Frauen-Fußballnationalmannschaft, deren ihnen vorgeschriebene Hijabs gegen die FIFA-Kleiderordnung verstießen. Nach Abschluss der Beweisaufnahme im Buback-Prozess stellt Ulf G. Stubenberger fest: Eine Verurteilung Verena Beckers als Todesschützin auf dem Motorrad ist wegen eklatanten Mangels an Beweisen auszuschließen. Die Ermordung des ossetischen Dichters Schamil Dschikajew durch einen Islamisten meldet Kerstin Holm. Über die (Wieder)Entdeckung eines frühen Notizbuches von Honore de Balzac, die in Frankreich viel Aufmerksamkeit erregt, berichtet Jürg Altwegg. Als "glanzvoll" lobt Arnold Bartetzko die Restaurierung des Kolumbariums auf dem Leipziger Südfriedhof. Abgedruckt wird Arno Geigers Dankrede zur Verleihung des Hölderlin-Preises.

Besprochen werden Christof Nels Inszenierung von Aulis Sallinens Oper "Kullervo" (nach dem finnischen Kalevala-Epos) in Frankfurt und Bücher, darunter Hanif Kureishis Erinnerungen an seinen Vater "Mein Ohr an Deinem Herzen" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 07.06.2011

Christine Dössel war Jurorin des "Stücke"-Festivals in Mülheim und kann nach der Lektüre von 119 neuen Dramen einiges sagen über den Stand der Dramatik in Deutschland. Richtige Begeisterung kommt nicht auf, aber die Stücke sind politisch auf der richtigen Seite, es geht gegen Sarrazin und die New Economy: "Der Zug ins Politische tut der zeitgenössischen Dramatik gut, er führt sie raus aus der Befindlichkeitsfalle und ist tendenziell auch dort auszumachen, wo es nicht explizit um globale oder interkulturelle Konflikte geht, sondern um jenen privat-öffentlichen Bereich, aus dem im Mülheim-Jahrgang 2011 die meisten Dramen ihre Themen schöpfen: aus der Arbeitswelt. "

Weitere Artikel: Alex Rühle besucht den "Weltkongress der Uiguren" in München, lässt sich über die Unterdrückung dieses Volks durch die Chinesen aufklären und informiert nebenbei, dass in München die größte Exilgemeinde von Uiguren überhaupt lebt. Johan Schloemann beobachtet die Rückkehr der Tiefkühl- und Dosenkost in die Küchen der verängstigten Deutschen. Gustav Seibt besucht eine Ausstellung des Briefwechsels von Goethe und Schiller im Frankfurter Goethe-Haus und meditiert über das Verschwinden der deutschen Kurrentschrift. Alexander Menden meldet die Gründung einer neuen, rein privaten Universität in London unter dem Namen "New College of the Humanities" (NCH) in Bloomsbury. Till Briegleb verfolgte einen Kongress gegen Gentrifizierung in Hamburg. Auf der Medienseite berichtet Christiane Kohl vom Prozess gegen den früheren Herstellungsleiter des Kika, der die Öffentlich-Rechtlichen unbemerkt um ein paar Millionen erleichterte.

Besprochen werden Janaceks "Totenhaus" in Zürich, eine Ausstellung des Architekten und Designers Gio Ponti bei der Mailänder Triennale, Wagner- und Hauptmann-Inszenierungen in Dresden und eine Ausstellung zum hundertsten Jubiläums von Gallimard in der Bibliotheque nationale.