Heute in den Feuilletons

Das Geräusch zerschmetterter Möbel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.04.2011. Die Deutschen sollten nicht nur ihr Verhältnis zum Islam überdenken, meint Hamed Abdel-Samad im Freitag: "Es ist nicht einzusehen, warum der Staat für die christlichen Kirchen Steuern eintreibt." In der NZZ spricht ein syrischer Dissident: "Das syrische Volk ist eins." Die FR schildert die gefährliche Arbeit der Journalisten in Libyen. Die taz berichtet über die Furcht chinesischer Künstler, dass es zu einer Intellektuellenjagd wie zuletzt unter Mao kommen könnte. In der FAZ plädiert Salman Rushdie für Ai Weiwei

Freitag, 21.04.2011

Die Debatte über den Islam sollte dazu dienen, dass die Deutschen auch das Verhältnis von Staat und Religion insgesamt ins Auge fassen, meint Hamed Abdel-Samad: "Es ist nicht einzusehen, warum der Staat für die christlichen Kirchen Steuern eintreibt. Das Staatskirchenrecht mochte zu Bismarcks Zeiten eine smarte Lösung für die Konflikte sein, die aus dem Mittelalter herüberragten - heute ist es das nicht mehr. Es ist auch nicht einzusehen, warum die Schulkinder konfessionell gebundenen Religionsunterricht bekommen. Sie brauchen Unterricht in der Bedeutung der Religionen, aber nicht von kirchlich gebundenen und daher voreingenommenen Lehrern."

Außerdem unterhalten sich Henryk M. Broder, Matthias Matussek und Jakob Augstein über den Beitrag der Deutschen zum Welthumor.

NZZ, 21.04.2011

Ibtissam Moure berichtet aus Syrien, wie sich die junge Generation zu einer Protestbewegung gegen das rigide Regime von Bachar al-Asad formiert: "Mechi al-Din lacht auf. Er kenne nicht einmal den Grund für seine Verhaftung: 'Suchen Sie sich einfach einen aus - das Regime macht das so. Vielleicht weil ich ein sunnitischer Kurde und somit ein potenziell terroristischer Separatist bin?' Das Schreckgespenst des 'Terrorismus' und ein mit dem Verweis auf die Gefahr eines Bürgerkriegs konnotierter Konfessionalismus sind in der Tat die Karten, welche das Regime zur Rechtfertigung seiner repressiven Politik vorzugsweise ausspielt, gerade gegenüber dem Ausland. Die Demonstranten wissen dies nur zu gut und rufen zum Beweis ihrer Friedfertigkeit 'Salmiyeh, salmiyeh' ('Friedlich, friedlich') oder - um die Angstmacherei bezüglich innerer Konflikte zu entkräften - 'Eins, eins, eins. Das syrische Volk ist eins.'"

Andreas Ernst schildert, wie sich die Türkei um mehr Einfluss auf den Balkan bemüht: "Imperialer Stolz wird klug kaschiert. Diese Haltung unterscheidet die Türken in den Augen der kleinen Balkanvölker positiv von vielen 'Europäern'. Deren Reden über 'europäische Standards' und das gelegentlich hemdsärmlige Auftreten ihrer Troubleshooter gehen vielen einheimischen Politikern auf die Nerven. Man hört nicht selten, dass die Türken manches 'einfach besser kapierten'."

Besprochen werden auf der Filmseite Denis Villeneuves Verfilmung von Wajdi Mouawads Kriegsparabel "Incendies" und Radu Munteans Dreiecksgeschichte "Tuesday After Christmas" und Bücher, darunter Gerhard Roths Abschluss seines Österreich-Zyklus "Orkus" und Richard Kämmerlings' Literaturgeschichte "Das kurze Glück der Gegenwart" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 21.04.2011

Thomas Schmid schildert die höchst gefährliche Arbeit der Reporter in Libyen. "In der ostlibyschen Stadt Bengasi, der Hochburg der Rebellen, die gegen Gaddafis Truppen anrennen, tummeln sich über 200 Journalisten. Die einen wohnen in Hotelsuiten, sind mit Satellitentelefon, Helm und schusssicherer Weste ausgerüstet und mieten sich ein Auto mit Fahrer, einen Übersetzer und einen Stringer, einen einheimischen Journalisten zumeist, gleich für eine ganze Woche. Andere müssen sparen, vor allem die Freelancer, wie die freischaffenden Reporter im Berufsjargon heißen." Mehrere Reporter sitzen in Gaddafis Gefängnissen. Der britische Kriegsfotograf Tim Hetherington kam in Misrata ums Leben.

Im Feuilleton überlegt Arno Widmann, welche Funktion (und wie lang) die Grünen eigentlich haben. Besprochen werden eine Ausstellung der Fotografien Cy Twomblys im Münchner Museum Brandhorst, Rowan Joffes Regiedebüt "Brighton Rock", Christoper Morris' Dschihadisten-Farce "Four Lions", Thomas Frickels Dokumentarfilm über Neonazis "Die Mondverschwörung", Stefan Herheims und Simon Rattles "Salome" in Salzburg und Bücher, darunter der vierte Band von Naoki Urasawas und Osamu Tezukas Manga "Pluto" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 21.04.2011

Berthold Seewald unterhält sich mit dem Kirchenhistoriker Christoph Markschies über den Begriff der "Gnosis". Heimo Schwilk kommentiert den "Schritt zurück" in der Versöhnung der Türken und Armenier durch die Zerstörung des Mahnmals von Mehmet Aksoy in Kars.. Michael Pilz erzählt die Erfolgsgeschichte der Stadionband Elbow. Besprochen werden der Helge Cramers Dokumentarfilm "Teufels Werk und Gottes Beitrag" über exorzistische Prakitkanten in der katholischen Kirche (der heute im WDR läuft) und der koreanische Thriller "Das Hausmädchen" (mehr hier).

TAZ, 21.04.2011

Von dem inhaftierten Ai Weiwei fehlt weiter jede Spur. Jutta Lietsch berichtet von der Furcht chinesischer Künstler und Bürgerrechtler, dass es zu einer neuen Intellektuellenhatz wie zu Mao Zedong Zeiten kommen könne. "Ais Schwester Gao Ge veröffentlichte gestern in einer australischen Zeitung einen Brief des Künstlers, den er zwei Jahre nach dem Tode Mao Zedongs 1976 geschrieben hatte. Als Kind war er seinem Vater, dem Dichter Ai Qing, in die Verbannung gefolgt, der als sogenannter Rechtsabweichler geächtet wurde. 'Was sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt hat', schrieb der Jugendliche, 'ist das: das ausgedörrten Land mit dem mageren und schwachen Kind, das schweres Feuerholz trägt, [?] das Geräusch zerschmetterter Möbel und der Menschen, die um Gnade flehen [?] Wir waren so jung, aber wir mussten all diese Verbrechen ertragen.'"

Jana Petersen erinnert sich in der Reihe Notizen zum Kleistjahr an einen verstorbenen Freund. Besprochen werden die Filmsatire "Four Lions" von Christopher Morris über vier dilettierende Attentäter, Im Sang-soos Film "Das Hausmädchen" und die DVD von Michael Winterbottoms Film "Genova" von 2008, der es nie in die deutschen Kinos schaffte.

Und Tom.

SZ, 21.04.2011

Peter Burghardt berichtet leicht mokant, das Mario Vargas Llosa, der ja auch Fidel Castro "für einen Diktator" und Chavez und Morales "für populistische Scharlatane hält", in Argentinien Ärger mit den regierenden Postperonisten hat. Barbara Gärtner meldet, dass der chinesischen Staatsgeisel Ai Weiwei von der Berliner UdK eine Professur angetragen wurde. Amin Farzanefar resümiert das dreißigste Filmfestival Istanbul. Der Sankt-Gallener Philosophieprofessor Dieter Thomä rät den Grünen zum Abschied von jedwedem Fortschrittsdenken. Reinhard J. Brembeck hört sich Vertonungen der Klagelieder Jeremiae an, die einst in den "Tenebrae" genannten Nächten vor Karfreitag erklangen.

Auf der Medienseite erzählt Jörg Häntzschel, dass die von Rupert Murdoch mit viel Pomp eröffnete Ipad-Zeitung The Daily ein Flop ist.

Besprochen werden eine große Retrospektive zu Max Liebermann in der Bundeskunsthalle Bonn, der Thriller "Das Hausmädchen" (mehr hier) des koreanischen Regisseurs Im Sang Soo, eine Verfilmung von Graham Greenes Roman "Brighton Rock" (mehr hier) und Bücher, darunter die nur auf Englisch erschienene Studie "American Grace - How Religion Divides and Unites Us" von Robert D. Putnam und David E. Campbell (Auszug).

FAZ, 21.04.2011

Salman Rushdie ruft zur Unterstützung der chinesischen Regimekritiker auf (hier das Original in der NYT). Neben dem verschwundenen Ai Weiwei sind das Wen Tao, Ye Du, Teng Biao, Liu Xianbin, Liu Xiaobo, Zhu Yufu, Liu Zhengying, Yang Tongyan, Shi Tao (noch mehr Namen nannte vor einigen Tagen der Schriftsteller Ma Jian in der Welt). Liao Yiwu droht das nächste Opfer zu werden. "Nicht alle Schriftsteller und Künstler streben nach einer öffentlichen Rolle, und diejenigen, die sie übernehmen - Harold Pinter, Susan Sontag, Günter Grass, Graham Greene, Gabriel Garcia Marquez -, riskieren selbst in einer freien Gesellschaft Häme und Spott. [...] Doch außerhalb der freien Welt, wo Kritik an den Machthabern bestenfalls schwierig und schlimmstenfalls unmöglich ist, sind Menschen wie Ai Weiwei und seine Kollegen die Einzigen, die den Mut haben, gegen die Lügen von Tyrannen die Wahrheit zu sagen."

Martin Thoemmes schickt einen Bericht über eine Tagung des "Freundeskreises der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger", die Ernst Jünger von jeder Kriegstreiberei frei sprach: "Der Vater und einstige Kriegsheld schrieb in sein Tagebuch [über den bei Carrara gefallenen 17-jährigen Sohn]: 'Der gute Junge. Von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nachzutun. Nun hat er es gleich beim ersten Male besser gemacht, ging so unendlich über ihn hinaus.' Nicht nur dieser Vortrag, die ganze Tagung destruierte das schon immer grundfalsche Bild vom Kriegsverherrlicher Ernst Jünger." (Wie wär's mit einem Logikpflichtkurs für Geisteswissenschaftler?)

Weitere Artikel: Mark Siemons beobachtet vereinzelte Besucher, die es in die Aufklärungs-Ausstellung in Peking verschlägt. "Prominente israelische Intellektuelle haben angekündigt, am heutigen Donnerstag mit einer spektakulären Veranstaltung das palästinensische Unabhängigkeitsbestreben zu unterstützen", meldet Joseph Croitoru (mehr im Standard). Der Historiker Arnold Esch reist auf den Spuren Antoine de la Sales zur Grotte der Sibylle (lässt sich aber nicht einfangen). Der Historiker Raphael Gross kritisiert den verkrampften Umgang - wie gerade in München - mit kontaminierten Worten wie NS oder Reichskristallnacht.

Besprochen werden Jean-Claude Gallottas Choreografie "Faut qu' je danse!" in Paris ("Anders als in Deutschland ... demonstrierte in Frankreich der zeitgenössische Tanz großes Selbstbewusstsein in der aktiven Auseinandersetzung mit der amerikanischen Postmoderne", schreibt Wiebke Hüster), Im Sang-soos Film "Das Hausmädchen", die Ausstellung "Daniel Buren. Allegro Vivace" in der Kunsthalle Baden-Baden, eine missglückte "Dreigroschenoper" in der Comedie Francaise und Roy Jacobsens Roman "Das Dorf der Wunder" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).