Heute in den Feuilletons

Tränen schießen ihr in die Augen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.03.2011. Die taz hat zum hundertsten Frauentag exakt hundert Frauen gefragt, was sie sich denn wünschen würden, wenn sie dürften. In der SZ kritisiert Widney Brown von Amnesty International, dass die Frauen in Ägypten zu wenig am Demokratisierungsprozess beteiligt werden. Die FR sieht uns auf dem Weg zum Berlusconismus-Guttenbergismus. Außerdem kritisiert sie die recht unprofessionelle Kriegsberichterstattung deutscher Medien. In der NZZ erklärt Justin Smith, wie er Atlantic Monthlyonline neu erfand - und sanierte. Die FAZ erinnert an eugenisch begründeten Kindsraub im Spanien Francos.

Aus den Blogs, 08.03.2011

Für das Blog der New York Review of Books berichtet Nicolas Pelham nicht ohne Optimismus aus Libyen: "Will the rebel alliance survive? To date, inclusiveness has been its hallmark. For such a violent revolutionary regime, revenge killings have been remarkably infrequent-at least for now. Young urban lawyers sit side-by-side with tribal elders and Islamists on the National Council. A non-Islamist lawyer serves as the council spokesman, and a staunch secularist is charged with running Benghazi's education."
Stichwörter: Libyen, New York, Optimismus

TAZ, 08.03.2011

"Wenn ich mir was wünschen dürfte" (und nicht zum Beispiel: "Was wir fordern") steht als Titel über einer Ausgabe zum Frauentag, deren Titelseite mit einer alten Karatekämpferin über einer PDS-Anzeige verziert ist.

Und weiter geht?s im Editorial: Die taz "hat zum 100. Frauentag 100 Frauen gefragt, was sie sich heute wünschen. Geantwortet haben Angela Merkel, Nina Hagen, Monika Hauser, Kristina Schröder, Sibylle Berg, Uschi Glas, Grada Kilomba, Nicole, Gloria von Thurn und Taxis, Tuba Isik-Yigit und 90 andere. Sie haben geschrieben, gemalt, gekocht, gepuzzelt, fotografiert." Nichts getöpfert?

Als erstes kommt auf den Kulturseiten, die für die Statements geopfert wurden, Lamya Kaddor zu Wort, die eine 16-jährige Yonca porträtiert: "Yonca schaut in den Spiegel: Sie sieht ein hübsches Gesicht, das von einem Kopftuch umrahmt wird. Es gefällt ihr. Sie schaut auf die SMS von gestern, in der ihre heimliche große Liebe mit wenigen Worten Schluss gemacht hat. Wegen einer anderen, 'es hat einfach nicht geklappt'. Dann denkt sie an die jüngsten Pleiten bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz: 'Falscher Name, falsches Aussehen.' Tränen schießen ihr in die Augen..."

Claudia Roth schreibt in steifster Politikerprosa: "Der 100. Frauentag ist ein Anlass, sich über Erfolge beim Kampf für eine geschlechtergerechtere Welt zu freuen. Er gibt aber auch Grund, sich darüber zu ärgern, wie schleppend es auf vielen Gebieten immer noch läuft..."

Angela Merkel etwas flüssiger: "Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würde ich die Frauen von vor 100 Jahren, die Vorkämpferinnen für unsere Rechte, gern einen Tag lang durch mein Leben im heutigen Deutschland führen. Sie sollten sehen, wie viel wir erreicht haben: Eine Frau kann alles werden, auch Wissenschaftlerin oder Kanzlerin."

Heike Dorsch, Dolmetscherin, macht sich frei: "Ich wünsche mir richtig gefickt zu werden, aber nicht nur vom Finanzamt!"

Außerdem: Es gibt Anzeigen von den Grünen, der SPD und dem Vorwärts. Das würden wir uns auch wünschen!

FR, 08.03.2011

Auf der Medienseite kritisiert der Reporter Christoph Maria Fröhder die laxe Haltung deutscher Medien zur Kriegsberichterstattung: "An manchen Tagen haben wir aus Ägypten leider weniger über die Vorgänge dort erfahren als über die Gefühle der Korrespondenten. Statt Analysen zu liefern haben manche uns erzählt, dass sie ihr Büro nicht mehr betreten konnten und in Hotel-Zimmer geflüchtet seien. [...] Bei den öffentlich-rechtlichen bestehen die Redaktionen aus politisch handverlesenen Journalisten, die hintergründige Berichte für gefährlich halten und leichtere Berichte sympathischer finden, weil die keinen Ärger machen."

Thomas Meyer, emeritierter Politologe, findet es unerhört, dass es so vielen Wählern - mit freundlicher Unterstützung der Bild-Zeitung - völlig wurscht ist, ob Karl-Theodor zu Guttenberg plagiiert hat oder nicht. Damit sind wir nach Meyer schon auf dem Weg nach "Berlusconistan".

Besprochen werden Christof Loys Inszenierung der "Fledermaus" an der Oper Frankfurt, die Ausstellung "Weltsichten - Landschaft in der Kunst vom 17. bis zum 21. Jahrhundert" in der Kunsthalle Kiel, der Abend "Die Kunst der Unterhaltung: Needcompany spielt den Tod von Michael König" im Wiener Akademietheater und Bücher, darunter Arnon Grünbergs Roman "Mitgenommen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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NZZ, 08.03.2011

Für die Medienseite hat sich Andreas Mink vom Präsidenten des Atlantic Monthly, Justin Smith, erklären lassen, wie das fast schon ruinierte Magazin sich online neu erfand und wieder auf die Beine kam. Im Feuilleton meditiert Martin Meyer über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Marc Zitzmann stellt die Gaite lyrique, das neue Pariser Zentrum für digitale Kunst vor. Hans T. Siepe schreibt zum Tod von Friedhelm Kemp.

Besprochen werden Martin Gayfords - bisher nur auf Englisch erschienenes - Buch über seine Sitzungen mit Lucian Freud, der ihn als "Man with a blue scarf" porträtierte, Julian Schütts Biografie des frühen Max Frisch (Leseprobe) und Volker Riebles Studie "Das Wissenschaftsplagiat" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 08.03.2011

Paul Ingendaay erzählt die Geschichte des systematischen Kindsraubs bei linken Häftlingen unter Franco - mit dem eugenisch begründeten Zweck der Erziehung zur rechten Ideologie. Kaum zu glauben sei die nach wie vor herrschende Gleichgültigkeit gegenüber diesen Verbrechen: "Das Bedrückende ist, dass der Kindesraub in den letzten Jahren wiederholt in Büchern und Fernsehdokumentationen dargestellt wurde, doch keinen Eingang ins kollektive Gedächtnis der Spanier gefunden hat."

Auf der Medienseite verteidigen die Bild-am-Sonntag-Chefredakteure Walter Mayer und Michael Backhaus im Gespräch mit Michael Hanfeld die Politik des Springer-Verlags im Fall der beiden iranischen Staatsgeiseln Marcus Hellwig und Jens Koch, die nun zurück in Deutschland sind - die Frage, warum die Namen der beiden Reporter so lange nicht genannt wurden, stellt Hanfeld leider nicht.

Weitere Artikel: Dirk Schümer beklagt die sich ausbreitende, populistisch begründete "Kulturfeindlichkeit" in den Niederlanden. Von der Londoner Book Night, in der in Buchhandlungen eine Million extra zu diesem Zweck gedruckte Bücher von Autoren wie John le Carre bis Seamus Heaney verschenkt werden, berichtet Gina Thomas. In der Glosse denkt Tomas Kurianowicz über die Kunst der Entschuldigung im Zeitalter sozialer Netzwerke nach. Einen Bericht aus dem Dubliner Theaterleben schickt Andreas Rossmann.

Auf einer ganzen Seite geht es um Fragen der Bioethik: Melanie Mühl kritisiert eine Gesellschaft, in der ein Wettbewerb um Erfolgsbiografien zur Abtreibung potenziell behinderter Kinder führt. Joachim Müller-Jung erklärt, wie die Pränataltests der Zukunft wohl aussehen werden. Und Tilman Spreckelsen liest Jugendliteratur, die sich mit dem Klonen und anderen medizinethischen Zukunftsfragen beschäftigt. 

Besprochen werden Christof Loys "Fledermaus"-Inszenierung an der Frankfurter Oper und Bücher, darunter der Band "Ich zeichne das Gesicht der Zeit" mit Essays, Feuilletons und Reportagen von Joseph Roth (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 08.03.2011

Heute ist internationaler Frauentag. Widney Brown von Amnesty International schreibt im politischen Teil zur Lage in Ägypten: "Vor kurzem wurde ein nationaler Ausschuss eingesetzt, um die neue ägyptische Verfassung zu schreiben - zusammengesetzt aus ausschließlich männlichen Mitgliedern. Das ist inakzeptabel. Würde sich die internationale Gemeinschaft ernsthaft für Frauenrechte im künftigen Ägypten interessieren, müsste sie jetzt dafür sorgen, dass Frauen in allen Belangen an der Gestaltung des neuen Systems und seiner Institutionen teilhaben."

Weitere Artikel: Auf Seite 3 schreibt Franziska Augstein ein respektvolles Porträt über Erich Loest (auch wenn sie ihm etwas zu verübeln scheint, dass er böse ist auf die PDS-Linke und Anhänger des "Dritten Wegs"). Im Feuilleton berichtet Jens Bisky über die späte Suche nach einem neuen Chef für das Deutsche Historische Museum. Lothar Müller wünscht sich in einem zweiten Artikel, dass dieser neue Chef in einem großen Projekt die Daten der Reformation mit denen des Dreißigjährigen Kriegs verbindet. Alex Rühle verfolgte eine Tagung über Waldemar Bonsels, den Erfinder der "Biene Maja". Andrian Kreye meldet, dass sich Michael Moore auf der Seite der Guten im Arbeitskampf von Wisconsin einmischt, wo die Tea Party-Bewegung die Rolle der Bösen spielt. Susanne Gmür erzählt, wie die Schweiz mit dem "Raumkonzept Schweiz" eine weitere Zersiedelung des Landes verhindern will. Andreas Kühne gratuliert dem Zero-Künstler Heinz Mack zu Achtzigsten.

Besprochen werden ein Spketkal der am Burgtheater gastierenden belgischen Needcompany, eine Ausstellung mit Fotografien von Abisag Tüllmann im Historischen Museum Frankfurt, Christof Loys Inszenierung von Johann Strauß' "Fledermaus" in Frankfurt und Bücher, darunter Natasha Walters feministisches Manifest " Living Dolls - Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).