Heute in den Feuilletons

Nur die Arroganz ist geblieben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2011. In der Welt wirft Boualem Sansal einen eher pessimistischen Blick auf die Unruhen in Ägypten. Die FR berichtet über den Prozess gegen die Autorin Pinar Selek in Istanbul. Die FAZ interviewt  Mohammed Waheed, den Vizepräsidenten der ersten muslimischen Demokratie auf den Malediven. Außerdem attackiert die FAZ die antitotalitären französischen Intellektuellen. Die SZ ist angewidert vom Auftritt der Sportmoderatorin Monica Lierhaus bei der "Goldenen Kamera".  Und wir fragen uns: Wie überzeugend ist Meryl Streep als Maggie Thatcher?

Welt, 09.02.2011

Der Panarabismus und der Islam sind für den algerischen Autor Boualem Sansal die größten Gefahren, die den arabischen Ländern auf dem Weg zur Demokratie drohen. Sansal attackiert unter anderem Mohammed al-Baradei, "der sich als Demokrat internationalen Zuschnitts positioniert". Er "wählte als seine erste Geste das gemeinsame Gebet mit den Islamisten auf offener Straße (er hätte auch mal in eine Kirche zu den Kopten gehen sollen), anstatt vor allem seine oppositionellen ideologischen Positionen zu betonen. Unter den aktuellen Bedingungen auf der Straße zu beten ist kein neutraler oder unverfänglicher Akt, es ist ein politisches Zeichen der schlechtesten Sorte."

Auf der Kulturseite bespricht John Gebhardt Cyril Tuschis Dokumentarfilm über Michail Chodorkowski - als symptomatischsten Moment erlebte er darin ein Interview mit Joschka Fischer, der dem nach Menschenrechten fragenden Regisseur Naivität bescheinigt. Gideon Lewis-Kraus erklärt, warum junge New Yorker Juden Thomas Bernhard so sehr lieben ("Wir New Yorker sehen ihn sofort und ohne groß nachzudenken in der Tradition von Groucho Marx über Woody Allen bis hin zu Fran Drescher aus 'Die Nanny'"). Und Kai Luehrs-Kaiser porträtiert den polnischen Pianisten Piotr Anderszewski, der eine ganzjährige Auszeit nimmt, um sich vom Konzertbetrieb zurückzuziehen.

Besprochen werden Romeo Castelluccis "Parsifal"-Inszenierung in Brüssel und Kathrin Rögglas Stück "Die Unvermeidlichen" in Mannheim.

Aus den Blogs, 09.02.2011

(via achgut) Alan M. Dershowitz, einer der berühmtesten amerikanischen Strafverteidiger, kann es bei Hudson.org nicht mehr hören: die moralische Verurteilung des Westens für die Unterstützung undemokratischer Regime in den arabischen Ländern. "Now the hard left is finally talking about torture and other undemocratic abuses in Egypt and Jordan, as well as the despotism of virtually all Arab regimes. Do you recall any campus protests against Egypt or Mubarak? Do you recall any calls for divestment and boycotts against Arab dictators? No, because there weren't any. The hard left was too busy condemning the Middle East's only democracy, Israel."


Don't tell Mama! Muss man gehört haben. 4.14 Minuten Sonnenschein an einem wirklich miesen Tag: Dame Judi Dench als Sally Bowles, 1968.



FR, 09.02.2011

In Istanbul beginnt heute der Prozess gegen die Autorin Pinar Selek. Sie wird - obwohl schon zwei Mal freigesprochen - beschuldigt, einen Anschlag auf den Ägyptischen Basar in Istanbul verübt zu haben, bei dem sieben Menschen starben, berichtet Birgit Walter. "Störende Fakten wie den, dass die Bombe als Gasflasche enttarnt wurde, blendet das Kassationsgericht geflissentlich aus. Ungerührt ordnete es zwölf Jahre nach der Explosion einen weiteren Prozess an. Es beruft sich allein auf die Aussage des Zeugen Abdülmecit Öztürk. Er hatte unter Folter ausgesagt, zusammen mit Pinar Selek die Bombe gelegt zu haben und vor Gericht sofort widerrufen. Öztürk ist längst rechtskräftig freigesprochen, nur Pinar Selek nicht." Selek lebt seit 2009 in Deutschland. Der PEN hat eine Unterschriftenaktion für sie gestartet.

Weitere Artikel: Franzobel gibt den Thomas Bernhard, der sich an seinem Achtzigsten nicht "wie eine scheußliche Gipsbüste in Ihr mit Geschmacklosigkeiten voll geräumtes Wohnzimmer stellen" lassen will. Mit dem anspruchsvollen Film geht es bergab, stellt Daniel Kothenschulte zwei Tage vor der Berlinale fest.

Auf der Medienseite meldet Jochen Voss widerspruchslos: "Die ARD ist zufrieden mit sich. Zumindest, was die Berichterstattung rund um die Krise in Ägypten anbelangt. Man sei sogar 'sehr zufrieden', sagte die Vorsitzende und WDR-Intendantin Monika Piel nach der Intendantentagung in Köln."

Besprochen werden eine Ausstellung von Giovanni Segantini in der Fondation Beyeler und das theatrale Forschungsprojekt "Was wir fühlen" der Opernkompagnie Novoflot in Berlin.
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NZZ, 09.02.2011

Markus Bauer berichtet von den Verwerfungen, die die Öffnung der Securitate-Akten unter rumäniendeutschen Schriftstellern ausgelöst haben, und fordert eine systematische wissenschaftliche Aufklärung: "Die bisher aus einem komplexen Fundus von Aktenmaterial, Gerüchten und internen Debatten an die Öffentlichkeit gedrungenen Fälle zeigen, dass die nachträgliche 'Aufarbeitung' häufig äußerst willkürlich und an bereits in Rumänien existierenden Freundes- und Feindeslinien entlang verläuft - mit der Folge, dass die Zusammenhänge für Außenstehende kaum noch zu überblicken sind." Mehr zu den Verwicklungen und Enthüllungen zum Beispiel hier.

Weitere Artikel: Roman Hollenstein beschreibt, wie sich Kapstadts Victoria and Alfred Waterfront von der öden Touristenmeile zum "weltweit gelungensten Hafenerneuerungsprojekt" gemausert hat. Andrea Köhler feiert die erfolgreiche Restaurierung eines Philipp-IV.-Porträt von Velazquez, das nun auch wieder als echt gilt (auch wenn Philipp darauf aussehe wie Mark Zuckerberg).

Besprochen werden John Keegans Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs, der Roman "Das Mädchen meines Herzens" des bengalischen Schriftstellers Buddhadeva Bose sowie Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 09.02.2011

Das ist Margaret Thatcher. Links im Original, rechts verkörpert von Meryl Streep, die Thatcher in einem Biopic spielt, das seit Januar von Phyllida Lloyd (Mamma Mia) gedreht wird. Der Guardian hat das Foto gestern veröffentlicht. Wir lieben Streep, aber hier sieht sie aus wie eine verhätschelte texanische Ölmilliardärsgattin. Man konnte dem Original vieles vorwerfen, aber das - nie!

TAZ, 09.02.2011

Philipp Gessler erzählt auf den vorderen Seiten, wie der Student Peter Hammerschmidt nachwies, dass der einstige Gestapochef Klaus Barbie, der Schlächter von Lyon, für den BND gearbeitet hat.

Im Kulturteil berichtet Katrin Bettina Müller von den Fortschritten, die das Operndorf-Projekt des verstorbenen Christoph Schlingensief in Burkina Faso macht. Besprochen werden eine Schau des Fotografen Hans-Christian Schink im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus und Tim B. Müllers Geschichte der Linksintellektuellen im Kalten Krieg "Krieger und Gelehrte".

Und Tom.

FAZ, 09.02.2011

Die Malediven sind ein Vorreiter der Demokratie in der islamischen Welt. Ihr Vizepräsident Mohammed Waheed hat in Stanford studiert und ist stark von der Philosophie von Jürgen Habermas beeinflusst. Frank Schirrmacher befragt ihn auf anderthalb nicht immer spritzigen FAZ-Seiten zu seinem Lebensweg, zur Lage im arabischen Raum, zur Zukunft der Malediven. Waheed plädiert nicht zuletzt für eine hermeneutisch-aufklärerische Wende des Islam nach dem Muster des Christentums: "Die Auseinandersetzung muss unter den Intellektuellen geführt werden. Es gibt auf beiden Seiten Menschen, die polarisieren und die Religion für ihre populistischen Zwecke missbrauchen. Die Auseinandersetzung muss von islamischen Intellektuellen zusammen mit westlichen Gelehrten geführt werden."

Jürg Altwegg kritisiert die antitotalitären Pariser Intellektuellen von Alain Finkielkraut bis Pascal Bruckner scharf für ihr Schweigen zur arabischen Revolution: "Die notwendige Aufarbeitung des Kommunismus seit dreißig Jahren mündet in eine ideologische Sackgasse, und nur die Arroganz ist geblieben." 

Weitere Artikel: Über den Streit um die Authentizität einer im letzten aufgetauchten vermeintlichen Rimbaud-Fotografie informiert kundigst Reinhard Pabst. Kritisch betrachtet Peter Graf Kielmannsegg die Rolle der Akademien bei den politischen Diskussionen um die Präimplantationsdiagnostik. Aus Moskau berichtet Kerstin Holm, dass die einstige Ballerina Anna Wolotschkowa nicht ihre inkriminierten Aktfotos, sehr wohl aber ihr Engagement gegen den Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski bereut. In der Glosse erinnert Gerhard Stadelmaier naturgemäß in Endlos-Sätzen an den Finger-in-die-Luft-Stecher Thomas Bernhard. Oliver Tolmein schildert, welche Probleme beim Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden die Tatsache bereitete, dass die Nebenkläger mit gleich neunzehn eigenen Anwälten im Verfahren vertreten waren. Auf der Medienseite informiert Daniel Grinsted über den ersten Fernsehauftritt der ägyptischen Protest-Symbolfigur Wael Ghonim nach seiner Entlassung aus der Sicherheitshaft. Michael Hanfeld kritisiert die ARD-Kritik an der FAZ-Kritik an der ARD wegen deren Ägyptenberichterstattung.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Bildern der Malerin Elizabeth Peyton in den Opelvillen Rüsselsheim, Til Schweigers neuer Erfolgsfilm "Kokowääh" (wobei Marcus Jauer mehr über das Medien-Phänomen Schweiger und sein sauberes Weltbild schreibt), Rose Boschs Holocaust-Film "Die Kinder von Paris" (den Andreas Kilb sehr problematisch findet) und Bücher, darunter Kerstin Deckers Biografie der Lou Andreas-Salome (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 09.02.2011

Geilheit auf den großen emotionalen Moment war es, der das ZDF bewog, den Auftritt der Sportmoderatorin Monica Lierhaus zu zeigen, wie er bekanntlich war, schreibt Alexander Gorkow, der hart mit dem deutschen Gebührenfernsehen, "dem teuersten der Welt" ins Gericht geht: "Von ARD und ZDF ist wenig zu erwarten. Unser öffentlich-rechtliches Fernsehen ist so mittelmäßig, wie es ist, weil die Politik es exakt so will. Nur eins könnten die Anstalten ausnahmsweise tun, und sei es für einen kurzen und nicht ganz so geilen Moment: sich schämen."

"Und? Hat sie recht? Klar hat sie recht", ruft Cathrin Kahlweit als eine der wenigen Rezensentinnen nach Lektüre von Bascha Mikas Streitschrift "Die Feigheit der Frauen". Der katholische Priester Arnold Angenendt plädiert gegen den Zölibat. Der Historiker Gregor Schöllgen freut sich, dass die Akten aus den frühen Jahren des BND geöffnet werden, fordert aber noch weitergehende Konzessionen - etwa die Öffnung von Archiven des Kanzleramts, dem der Geheimdienst untergeordnet ist. Peter Münch erklärt, warum es für die Palästinenser nicht ganz leicht sein wird, die Geburtskirche von Bethlehem zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Jörg Häntzschel gratuliert dem amerikanischen Künstler Robert Morris zum Achtzigsten. Karl-Joachim Hölkeskamp schreibt zum Tod des Althistorikers Ernst Badian.

Auf Seite 3 porträtiert Andrian Kreye den "Anti-Assange" Daniel Domscheit-Berg, der sich von Wikileaks losgesagt und Openleaks gegründet hat.

Besprochen werden Kathrin Rögglas Stück über "die Unvermeidlichen" Simultandolmetscher in Mannheim, Ivo Pogorelichs Auftritt mit einem Klavierkonzert Prokofjews in München und ein Buch mit Gesprächen über Thomas Bernhard (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).