Heute in den Feuilletons

Eine Orchidee mit Dornen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.01.2011. Die NZZ fragt: Wo ist die arabische Zivilgesellschaft, die die Gewalt gegen Christen geißelt. Bert Rebhandl hat für Cargo den türkischen Film "Tal der Wölfe - Palästina" gesehen: "Das ist ein lupenreiner Propagandafilm, Preisklasse Jud Süß." In der FR will György Konrad die Zustände in Ungarn nicht mit der Machtergreifung der Nazis vergleichen, tut es dann aber doch. Im Guardian verteidigt sich Ian McEwan gegen Israelkritiker, die ihn auffordern, den Israel Prize nicht entgegenzunehmen. Die SZ empfiehlt eine überrraschend aktuelle Inszenierung des tunesischen Theaterregisseurs Fadhel Jaibi.

NZZ, 28.01.2011

Mona Naggar untersucht, warum sich im Nahen Osten so wenige religiöse oder intellektuelle Stimmen gegen die Gewalt gegen Christen aussprechen: "Auffällig ist, dass in vielen Analysen zwar die radikalen Islamisten und die Gewaltakte verurteilt, aber die Hauptschuldigen für die Vertreibung der Christen im Ausland gesucht werden. Diese Sichtweise findet sich sowohl unter Intellektuellen als auch bei Vertretern des islamischen Establishments, wie etwa dem Mufti des Mount Liban oder dem Imam der Al-Azhar-Moschee; sie sehen hinter der Entwicklung Pläne westlicher Mächte, Israels und diverser Geheimdienste, den Nahen Osten weiter zu destabilisieren.

Weiteres: Bettina Spoerri resümiert die gestern zu Ende gegangenen Solothurner Filmtage, bei denen sie eine starke Hinwendung zum Privaten bemerkte. In der Kolumne "Digitaler Alltag" schreibt heute Hans Ulrich Gumbrecht. Marc Zitzmann versammelt französische Reaktionen zu den Vorgängen in Tunesien. Besprochen werden James Blake neues Album und die CD "Blue Songs" von Hercules and Love Affair.

Aus den Blogs, 28.01.2011

"Das ist ein lupenreiner Propagandafilm, Preisklasse Jud Suess von Veit Harlan", meint Bert Rebhandl im Blog von Cargo zu dem türkischen Film "Tal der Wölfe - Palästina", der jetzt in deutschen Kinos gestartet ist. "Den am deutlichsten propagandistischen Satz spricht der weißhaarige Avi aus. Er rechtfertigt die brutale Besatzungspolitik, für die das Planieren von Palästinenserhäusern das wichtigste Bild ist, so: 'Tiere (Ratten) lernen nur durch Schmerz.' Die Implikationen sind eindeutig: Hier kehrt der nazistische (Ungeziefer-)Antisemitismus aus dem Mund eines Juden zurück, der nun in demselben Vokabular von den Palästinensern spricht - und damit selbst zum 'Nazi' wird."

Zur Feier des Australia Days, des australischen Nationalfeiertags am 26. Januar hat BibliOdyssey einige hinreißende Bilder aus dem Bilderbuch "Die Abenteuer der zerstreuten Wombats" online gestellt. Das Buch aus dem Jahr 1962 ist von Ruth Park, die Illustrationen von Noela Young. Weil er so schön ist, hier noch ein lebendes Exemplar: der verschmitzte Nacktnasenwombat.

Bei Gawker ärgert sich John Cook über ein Vorwort des NYT-Chefredakteurs Bill Keller zu dem NYT-Buch "Open Secrets: WikiLeaks, War and American Diplomacy". Keller beschreibe darin Julian Assange vorzugsweise als weinerlichen kleinen Trotzkopf. Nicht sehr fair, findet Cook. "There's something unseemly about Keller attacking him so openly and gleefully. This is the man, for better or worse, whose effort and innovation made possible the little e-book Keller is hawking. He had accomplished reporting feats - in terms of sheer breadth and volume - that no one at the Times ever had, or ever will, match. He had something that the Times desperately wanted, and shared it with them, for free. ... At one point, according to Keller, Assange lamely demanded of the Times, 'Where's the respect? Where's the respect?' Reading Keller's snide take evisceration of a guy who, in the end, did him a massive and invaluable service, you kind of get his point."

FR, 28.01.2011

Nach einem Gespräch mit dem Schriftsteller György Konrad berichtet Volker Mülller von dessen alarmistischer Einschätzung der Lage: "Es liege ihm fern, ahistorisch gleichsetzend eine Schreckensherrschaft wie die in der deutschen NS-Zeit an die Wand zu malen, sagt Konrad. 'Doch diese schnelle 'Machtergreifung', die wir jetzt erleben, lässt mich schon denken an die Atmosphäre in Deutschland Anfang 1933."

Weiteres: Auf einer ganzen Seite widmet sich Peter Michalzik Hamburgs ungeschicktem Vorgehen beim Versuch, die Kölner Intendantin Karin Beier ans Schauspielhaus zu holen. In Times mager erwartet Daniel Kothenschulte, das der türkische Film "Tal der Wölfe" heute - nach dem Holocaust-Gedenktag - anlaufen wird; die FSK hat ihn jetzt doch ab 18 Jahren freigegeben.

Besprochen werden Edouard Locks Choreografie "New Work" mit der kanadischen Kompanie La La La Human Steps, Lothar Kittsteins Stück "Böses Mädchen" am Theater Bonn und Manfred Schneiders Studie "Das Attentat" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite spricht der Drehbuchautor und Gründer der Deutsche Akademie für Fernsehen, Jochen Greve, über die Situation der Fernsehautoren: "Die Arbeitszeiten werden länger, die Drehzeiten werden kürzer, die Gagen und Honorare werden gedrückt. Ein Beispiel: Das Urhebergesetz hält jeden Verband von Kreativen an, mit den Sendern oder den Auftraggebern Vergütungsregeln abzuschließen. In diesen Verhandlungen bietet die andere Seite uns Drehbuchautoren zum Beispiel effektiv 30 Prozent weniger an als bisher üblich."

Sebastian Moll kündigt ein Stück im dem nächsten New York Times Magazin, in dem Chefredakteur Bill Keller Wikileaks und Julian Assange zurechtstutzt.
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Weitere Medien, 28.01.2011

Der Guardian meldet, dass Ägypten das - äh - Internet geschlossen hat: "Egypt appears to have cut off almost all access to the internet from inside and outside the country from late on Thursday night, in a move that has concerned observers of the protests that have been building in strength through the week. 'According to our analysis, 88 percent of the 'Egyptian internet' has fallen off the internet,' said Andree Toonk at BGPmon, a monitoring site that checks connectivity of countries and networks."

Sehr defensiv liest sich der Brief, mit dem Ian McEwan im Guardian seine Reise nach Israel verteidigt, wo er den Israel Prize entgegennehmen wird: "I'm for finding out for myself, and for dialogue, engagement, and looking for ways in which literature, especially fiction, with its impulse to enter other minds, can reach across political divides." Die "British Writers in Support of Palestine" hatten ihn im Guardian  aufgefordert, den Preis abzulehnen. Ihr Brief ist unter anderem von John Berger unterzeichnet. Auch eine Gruppe israelkritischer Isralis, zu der auch die Aktivistin Iris Hefets gehört, mahnt McEwan in einem Brief an den Guardian, nicht nach Israel zu kommen.

Alle lesen Brad Stones Geschichte über Larry Page aus der Business Week. Sie beginnt mit der Beschreibung eines Rituals bei Google: Jeden Montanachmittag treffen sich die Topmanager der Firma: "The weekly meeting, known as Execute, was launched last summer with a specific mission: to get the near-sovereign leaders of Google's far-flung product groups into a single room and harmonize their disparate initiatives."

TAZ, 28.01.2011

Arno Frank wundert sich über das Wiedergängertum des Punk bei der Pariser Modewoche, wo Jean Paul Gaultier mit Irokese und Sicherheitsnadel herumfuhrwerkt. "Wenn die Hochleistungsschneiderei in all ihrer Zwecklosigkeit wirklich die Orchideenzucht unter den Künsten ist, dann hat Gaultier mal wieder eine Orchidee mit Dornen gezüchtet." (Hier Fotos von der Schau bei Style.com)

Weitere Artikel: Julian Weber unterhält sich mit Jon King und Andy Gill, den beiden Gründungsmitgliedern der britische Postpunkband Gang of Four, die mit "Content" zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder ein neues Album vorlegt. Christian Werthschulte erinnert an den Dub-Musiker King Tubby, der 1989 in Kingston erschossen wurde und heute 70 Jahre alt geworden wäre. Nadja Alexandra Meyer erklärt uns, weshalb selbst Brecht sich Langhans angesehen hätte und warum das Dschungelcamp diesmal eine intellektuelle Herausforderung darstellt.

Besprochen werden eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die die expressionistische Dichterin Else Lasker-Schüler als Zeichnerin würdigt und die Alben "Seefeel" der Electronica-Band Seefeel und "Small Craft on a Milk Sea" des Briten Brian Eno.

Und Tom.

SZ, 28.01.2011

Der tunesische Theaterregisseur Fadhel Jaibi ist gerade mit dem Stück "Amnesia" in Frankreich zu Gast. Thomas Laue, Chefdramaturg am Schauspielhaus Bochum, hat es gesehen und kann nur staunen, wie aktuell die Aufführung unvermutet geworden ist: "Im Zentrum des Stückes steht eine Herrscherfigur, die am Ende ihrer Zeit angekommen ist. Die abgesetzt wird und das Land verlassen will, aber ironischerweise bleiben muss, weil sie keinen gültigen Reisepass besitzt. Der Mann wird zunächst in die eigene Bibliothek im Palast und dann, nach einem mysteriösen Unfall, in ein psychiatrisches Krankenhaus verbannt. Yahia Yaich heißt Jaibis Despot. Er ist ein Getriebener, der in der Psychiatrie mit dem Albtraum seiner eigenen Geschichte konfrontiert wird."

Weitere Artikel: Über die postume Entdeckung der meisterlichen Fotografien der Vivian Maier, die zeitlebens als Kindermädchen gearbeitet hat, schreibt Laura Weissmüller. Wolfgang Schreiber porträtiert den Architekten Stefan Braunfels und seinen Einsatz für das Werk seines Großvaters, des Komponisten Werner Braunfels. Ein Münchner Kolloquium zur "Politisierung der Geschichte" in Spanien hat Sebastian Schoepp besucht. Rudolf Neumaier macht auf ein Memorandum aus dem Jahr 1970 aufmerksam, in dem ehrwürdige Theologen wie Karl Rahner und jüngere Kollegen wie Christi aktueller Stellvertreter auf Erden Joseph Ratzinger schon einmal vorsichtig über die Abschaffung des Zölibats nachdachten. Andreas Zielcke schreibt zum Tod des Soziologen Daniel Bell

Besprochen werden ein Konzert des Artemis-Quartetts im Münchner Herkulessaal, Chris Kondeks Videoarbeiten beim "Frankfurter Positionen"-FestivalClint Eastwoods etwas jenseitiger Film "Hereafter" und Bücher, darunter der aus Manes Sperbers Nachlass veröffentlichte Band "Kultur ist Mittel, kein Zweck" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 28.01.2011

Mark Siemons berichtet, dass man sich in China keineswegs einmütig mit dem in den USA gerade heftig umstrittenen Erziehungsbuch der chinastämmigen Amerikanerin Amy Chua identifizieren möchte. Joachim Müller-Jung schreibt über den einflussreichen amerikanischen Klimawandel-Skeptiker Patrick Michaels, der möglicherweise von Ölmultis finanziert wird. Kerstin Holm glossiert den Vorstoß der orthodoxen Kirche in Russland, die Frauen dazu aufruft, sich anständiger anzuziehen (mehr beim Stern). In Spanien stößt der Versuch, hart gegen Internet-Piraterie durchzugreifen, wie Paul Ingendaay informiert, nach wie vor auf heftigen Widerstand (mehr bei Heise). Tilman Spreckelsen denkt über Mathematikunterricht in der Grundschule nach. Nachrufe gibt es auf den Soziologen Daniel Bell (hier) und den Kunsthistoriker Gundolf Winter.

Besprochen werden die Darbietung der noch namenlosen neuen Arbeit der legendären Tanztruppe Lalala Human Steps im Mousonturm in Frankfurt, Peter Konwitschnys "La Traviata"-Inszenierung in Graz (unter der Überschrift "Bürger und Nutten sind die Kaputten" geißelt Dirk Schümer die Regie als konventionell und die musikalische Leitung als konturlos), Mike Leighs neuer Film "Another Year" und Bücher, darunter John Bergers Brief-Liebesgeschichte "A und X" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).