Heute in den Feuilletons

Die Richtung ist eindeutig

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.08.2010. Thilo Sarrazin auf allen Kanälen. Es ist zwar peinlich, aber es gibt auch einen demokratischen Rassismus, muss die SZ feststellen. Die FAZ erzählt, wie Sarrazin den flachen Haken eines Reporters aus Holland parierte, der ihn mit Geert Wilders verglich. Und was hat es mit den Genen der Juden auf sich?, fragt die Welt. Außerdem: Youtube wird zahlbar, meldet Gawker, zumindest teilweise. Micha Brumlik graut in der taz vor Juden, die der Hamas stolz die Hand drücken. Reuters meldet: Putin will 2012 wieder russischer Präsident werden und findet, dass Demokraten, die demonstrieren, verprügelt gehören.

Welt, 31.08.2010

Immer noch auf allen Kanälen: Thilo Sarrazin. Gestern hat er sich in einer Presseerklärung von seiner Äußerung distanziert, dass "alle Juden ein bestimmtes Gen teilten". Das sei missverständlich gewesen, er habe damit "keinerlei Werturteil" verbunden. "Die Frage, was aus möglichen genetischen Übereinstimmungen von Bevölkerungsgruppen zu schließen ist, ist vollkommen offen." Matthias Kamann berichtet auf der Seite 3 von der gestrigen Pressekonferenz Sarrazins: "Er sei kein Rassist, sagte er auch bei der Vorstellung. Warum soll man ihm das nicht glauben?" Ayman Mazyek vom Zentralrat der Muslime sieht das anders, er nannte Sarrazin einen "Nazi in Nadelstreifen", so Kamann.

Im Feuilleton spricht Hannes Stein mit dem Genforscher Gil Atzmon über dieses "bestimmte Gen", das sich laut Sarrazin die Juden teilen: "Sie können Juden nicht als Rasse bezeichnen. Es gibt keinen jüdischen Phänotyp, keine genetische Barriere", sagt Atzmon. Doch teilten sie mehr Gene miteinander als sie mit Nichtjuden teilten. Das treffe auch auf andere Gruppen wie zum Beispiel die Amish zu.

Außerdem: Ophelia Abeler wandert über die Architektur-Biennale in Venedig. Manuel Brug berichtet über Choreografien beim Berliner Festival "Tanz im August".

Aus den Blogs, 31.08.2010

Youtube wird zahlbar - zumindest teilweise, meldet Gawker: "The company is negotiating with major Hollywood studios for content to fuel a pay-per-view version of YouTube, the Financial Times said, a service that would presumably connect to your TV through a Google set-top box."

M. Seemann findet die Aufregung um Google Street View in einem Blog in Zeit online zwar "irrational und uninformiert", aber er versteht sie: "Luis Borges hat in seiner Geschichte 'Von der Strenge der Wissenschaft' eine Landkarte beschrieben, die den Maßstab eins zu eins aufweist und so das gesamte Reich und jeden Menschen darin abbildet. Street View scheint für viele das Symbol einer solchen, bald möglichen Karte. Ob Google das explizit will oder nicht, spielt keine Rolle, denn die Richtung ist eindeutig."

Die Aufregung um Sarrazin erlaubte Richard Wagner in der Achse des Guten gestern Abend interessante Feldstudien bei den öffentlich-rechtlichen Sendern: "Der gestrige Montagabend war ein Abend der Rekorde. Wer immer schon mal die Chefredakteure aus der öffentlich-rechtlichen Parallelgesellschaft, und ihre Stellvertreter dazu, zu Gesicht bekommen wollte, hatte seine große Gelegenheit. Darüber hinaus konnte man sich von ihren jeweiligen rhetorischen Fähigkeiten überzeugen, denn die Redekunst war gestern Abend mächtig gefordert."

Bildung schützt vor Terror nicht, meint Clemens Heni im Wadinet zur Sarrazin-Debatte: "So zu tun, als ob 'Bildungsferne' oder Arbeitslosigkeit von Muslimen mit die größten Gefahren für dieses Land seien, ignoriert die Tatsache, dass gerade diejenigen mit Abitur und guter Ausbildung Antisemitismus klein reden wenn nicht fördern und zumal deutsche Forscher den Islamismus unterstützen und nicht analysieren und bekämpfen. Das Gerede um 'Islamophobie' wird ja gerade auch von nicht-muslimischen Forschern und Publizisten in die Öffentlichkeit getragen. Die Frage ist, warum sich Sarrazin nicht diese nicht-muslimischen Deutschen ebenso vorknöpft?"

NZZ, 31.08.2010

Andrea Köhler berichtet über den Streit um den Bau des muslimischen Kulturzentrums zwei Blocks entfernt von Ground Zero. Der chilenische Schriftsteller und Ex-Kumpel Hernan Rivera Letelier befürchtet, dass die Rettung der Grubenarbeiter aus der eingestürzten Mine in Copiapo zu einer weltweit übertragenen Reality-Show mutieren könnte. Ueli Bernays resümiert das Jazzfestival Willisau, dieses Jahr unter erstmaliger Leitung von Arno Troxler. Thomas Schacher erwartet mit Spannung Dieter Ammanns Auftritt als "Composer in Residence" beim Lucerne Festival.

Besprochen werden Roberto Bolanos gegenwartskritischer "Lumpenroman", die Neuauflage von Laurence Sternes "Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien" und die philosphische Schrift über menschlichen Besitz von Michel Serres, "Das eigentliche Übel" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Weitere Medien, 31.08.2010

Ein Alptraum wird wahr. Reuters meldet: "Russia's paramount leader, Prime Minister Vladimir Putin, hinted on Monday he would return to the presidency in 2012 for six more years and said democracy protesters marching without permission deserved to be beaten."
Stichwörter: Vladimir Putin

FR, 31.08.2010

Franz Anton Cramer hat sich Merce Cunninghams letztes Stück "Nearly 90" in Erfurt angesehen. Jürgen Otten stellt das Projekt Sounding D vor, das die Neue Musik im Land ganz neu erfahrbar machen will. Peter Michalzik berichtet von der Trauerfeier für Christoph Schlingensief in Oberhausen.

Besprochen werden der Frankfurter Saisonauftakt mit Ulrich Rasches "streng puristischer" Inszenierung des "Wilhelm Meisters" am Schauspiel, Daniel Mendelssohn Spurensuche "Die Verlorenen" (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 31.08.2010

In seiner "Gott und die Welt"-Kolumne nimmt Micha Brumlik die European Jews for a Just Peace aufs Korn, deren deutsche Sektion demnächst ein Boot nach Gaza schicken will. Ihm ist die Hypermoral der Truppe gar nicht geheuer: "Umso auffälliger ist, dass sich Mitglieder der deutschen Sektion von EJJP damit brüsten, in Gaza von Hamasfunktionären begrüßt und verabschiedet worden zu sein. Spätestens hier bricht das rabbinische Motiv zusammen: So sehr ganz Israel für sich verantwortlich ist, so sehr kann ausgeschlossen werden, dass die Kooperation mit eliminatorischen Antisemiten ein Beitrag zur jüdischen Moral ist."

Weiteres: Rolf Lautenschläger besichtigt die Architekturbiennale in Venedig. Ingo Arend fürchtet um die Villa Tarabya und den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und der Türkei. Besprochen werden das Album "Caruso" des laut Thomas Winkler des lakonisch-großartigen Nils Koppruch und Gaspar Noes Film "Enter the Void".

Und noch Tom.

SZ, 31.08.2010

Auch die SZ denkt jetzt über Thilo Sarrazin nach. Thomas Steinfeld bemerkt im Aufmacher: "Es ist unangenehm, ja sogar peinlich, sich Rechenschaft abzulegen darüber, dass es einen demokratischen Rassismus gibt. Aber es gibt ihn, in allen Parteien, in weiten Teilen der Bevölkerung, überall, wo überhaupt die Vorstellung einer natürlichen Staatsangehörigkeit auftaucht." Evelyn Roll teilt in einem zweiten Artikel ihre Eindrücke von der gestrigen Pressekonferenz Sarrazins mit. Marc Felix Serraio berichtet außerdem, dass der rechte Nischenverlag Antaios mit einem kleinen Buch über Sarrazin jetzt kräftige Windfallprofits macht.

Weitere Artikel: Gemeldet wird, dass Isabella Rosselini Jurypräsidentin bei der Berlinale wird. Tobias Lehmkuhl berichtet über literarische Feste in der Hauptstadt. Lothar Müller freut sich über die Übergabe des Verlagsarchivs von Mohr Siebeck an die Berliner Staatsbibliothek. Kia Vahland schreibt zum 500. Todestag Giorgiones.

Besprochen werden Antonio Vivaldis "Ottone in villa" bei den Innsbrucker Festspielen, ein Auftritt der auf Abschiedstournee befindlichen Merce Cunningham Dance Company beim Kunstfest Weimar, eine Ausstellung des Nachlasses von Curzio Malaparte in Mailand.

FAZ, 31.08.2010

Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben. Alle Welt redet darüber. Gestern wurde es veröffentlicht und offiziell vorgestellt. Andreas Kilb - der, das wird deutlich, nicht viel von Sarrazins Thesen hält - war dabei und berichtet: "Necla Kelek, die sich mit ihrer Einführung zu 'Deutschland schafft sich ab' auf Sarrazins Seite gestellt hat (FAZ von gestern), sitzt neben ihm wie eine Boxtrainerin, deren Schützling im Ring alles richtig macht. Den flachen Haken eines Reporters aus Holland, der ihn in eine Reihe mit dem Populisten Geert Wilders rücken will, pariert Sarrazin mit einem Satz, der als Motto über der Debatte um sein Buch stehen könnte: 'Wenn man jedes Problem, das von den Falschen benannt wird, zum Nichtproblem erklärt, ist man trotzdem auf dem falschen Weg.'" Joachim Müller-Jung erklärt in einem daneben stehenden Kasten, was es mit den Genen von Bevölkerungsgruppen auf sich hat: Es gibt zwar Genvarianten, die gehäuft, jedoch keineswegs ausschließlich auftreten: "Für ein 'bestimmtes Juden-Gen' trifft dasselbe zu wie auf ein 'Intelligenz-Gen'. Es ist Prosa biologistischer Fälscher."

Weitere Artikel: Von Länderpavillon zu Länderpavillon bewegt sich Dieter Bartetzko durch einen Text zur Architekturbiennale in Venedig und zeigt sich erfreut, dass Sachlichkeit und Vernunft die diesjährige Ausgabe der Ausstellung prägen. Sehr grundsätzlich denkt der chirurgische Gutachter Michael Imhof anlässlich des jüngsten Säuglingstods über Diktate der Ökonomie als mögliche Ursachen nach. In der Glosse schildert Karen Krüger mit Kopfschütteln die Empörung, die die Doppelbeschriftung mancher Milchtüten (mit Milch österreichischer Kühe) mit türkischen und deutschen Angaben in Österreich hervorgerufen hat. Das Erlanger Poetenfest (Website) hat Beate Tröger besucht. Andreas Rossmann berichtet, dass das Dortmunder Museum am Ostwall seine Exponate vor der Fertigstellung in der Museumsbaustelle zeigen will. Alexandra Kemmerer schreibt zum Tod der Rechtswissenschaftlerin Cornelia Vismann. Von Michael Althen stammt der kurze Nachruf auf den französischen Filmregisseur Alain Corneau.

Besprochen werden die acht Konzerte umfassende "Brahms-Szenen"-Reihe bei den Salzburger Festspielen (sie gehört für Gerhard Rohde "zum Wertvollsten, was Salzburg in diesem Jahr zu bieten hatte"), Ulrich Rasches chorale "Wilhelm Meister"-Theaterversion in Frankfurt, und Bücher, darunter Antonio Munoz Molinas Roman "Mondwind" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).