Heute in den Feuilletons

Denn das Licht ist die Luft der Zeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.07.2010. Die These, dass das Internet das Hirn zermansche, verdreht dem Neurowissenschaflter Steven Pinker in der SZ die Augen. Eweeks meldet, dass die unabhängigen Buchhändler in den USA Google Editions nutzen werden, um elektronische Bücher zu verkaufen. Die Paywall von Rupert Murdochs Londoner Times wird zu einem brain drain in der Zeitung führen, meint Steve Outing in seinem Blog. In der taz singt Gabriele Goettle eine Hymne auf Susanne Neumann in Gelsenkirchen.

TAZ, 05.07.2010

In ihrer monatlichen Reportage besucht Gabriele Goettle die Putzfrau Susanne Neumann in Gelsenkirchen, die seit dreißig Jahren in ihrem Job arbeitet: "Sie putzen alles, Theater, Schlachthöfe, Gerichte, Schulen, Altersheime, Krankenhäuser, U-Bahnen, Züge, Flughäfen, Großküchen, Ämter und Bürogebäude. Sie beseitigen Berge von Papier, Abfall, Staub, Schmutz, Blut, Fett, Urinstein und Kotspuren. Sie beseitigen das, was das System an Schmutz erzeugt und sorgen für etwas ganz Unverzichtbares, für Reinlichkeit, Hygiene und Ordnung. Man möchte meinen, das sei etwas wert."

Klare Worte zum vermeintlichen Antizionismus findet Klaus Hillenbrand auf der Meinungsseite: "Nun steht es selbstverständlich jedermann frei, Nationalismus und nationale Bewegungen abzulehnen. Verdächtig allerdings mutet es an, wenn allein der Zionismus im Fokus der Kritik steht, nicht aber der Nationalismus von Italienern, Sudanesen oder gar Palästinensern. Ginge es den Antizionisten nur um eine Kritik an israelischen Siedlungen auf besetztem Gebiet, sie bräuchten ihr Etikett nicht. Denn diese Siedlungen werden auch von den meisten Israelis abgelehnt, und viele der Siedler sind keineswegs Zionisten, sondern religiöse Juden. Tatsächlich versteckt sich hinter dem Begriff des Antizionismus eine radikale Ablehnung eines existierenden, völkerrechtlich anerkannten Staates."

Auf Flimmern und Rauschen verabschiedet Jürn Kruse mit den 11 Freunden ein "Glanzstück deutscher Indie-Kultur" an den Großverlag Gruner und Jahr.

Und Tom.

NZZ, 05.07.2010

Joachim Güntner überlegt - ohne zu einem Ergebnis zu kommen - wie die Deutschen über die Notwendigkeit gebildeterer Zuwanderer als bisher diskutieren könnten, ohne rassistisch zu klingen. Patricia Grzonka beschreibt Wiens sozialen Wohnungsbau. Spaniens Compania Nacional de Danza sucht einen Nachfolger für ihren Choreografen Nacho Duato, berichtet Brigitte Kramer. Besprochen wird ein Roman des mexikanischen Autors Paco I. Taibos über die gescheiterte Revolution von 1910, "Der Schatten des Schattens" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 05.07.2010

In Italien mehren sich die Stimmen von links und rechts, Roberto Saviano beschmutze mit seiner Mafiakritik das Nest, meldet Martin Zöller. Cosima Lutz berichtet über indische Filme beim Filmfest München: Ob Bollywood oder Nicht-Bollywood - der Zuschauer durfte sich in jedem Fall angeschmiert fühlen.

Besprochen werden Armin Petras' Inszenierung von Christian Krachts Roman "Ich werde hier sein..." in Stuttgart (konventionell, findet Sebastian Hammelehle), eine Ausstellung über die Ruinenstadt Teotihuacan im Berliner Martin-Gropius-Bau, neue Comics von Mertikat/Schreuder, Seth und Mimi Welldirty und eine lahme Inszenierung von Grauns Oper "Montezuma" zum Auftakt des Festivals Theater der Welt in Mühlheim an der Ruhr.
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FR, 05.07.2010

Der Strafrechtler Michael Walter wendet sich gegen die von Gerhard Roth und Grischa Merkel vertretenen Justizkonzepte, die im Glauben an eine neurobiologische Determiniertheit des Menschen auf gründliche Änderungen von Täterpersönlichkeiten setzen. In Times mager erinnert Judith von Sternburg an Carl Einstein.

Besprochen werden Armin Petras' Theaterversion von Christian Krachts "Ich werde hier sein im Licht und im Schatten" in Stuttgart, Ilse Helbichs Erzählungsband "Fremde" und Margherita von Brentanos Akademische Schriften (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 05.07.2010

Der Verband der unabhängigen Buchhändler in den USA will Google Editions zu seinem Hauptpartner machen, um elektronische Bücher zu verkaufen, meldet (via Hemartin) Eweek. Der Service startet diesen Sommer: "Readers will use their Google accounts to purchase the books directly from Google, whose Google Checkout system will serve as the payment platform. Google will pay publishers 63 percent of revenues and keep 37 percent for itself where it sold ebooks directly to consumers." (Mehr hier in der New York Times.)

(Via Media Digital) Nichts gegen eine Paywall, meint Steve Outing in seinem Blog, aber die Paywall der Londoner Times ist viel zu hart - Google kann die Inhalte der Zeitung gar nicht mehr finden. Die Times hat sich aus der Netzöffentlichkeit herausgehievt: "We can probably expect a brain drain at the Times/Sunday Times newsroom. Britain?s top journalists have aspired to write for The Times for decades; what journalist with serious credentials would want to work there now that the global influence of The Times has been wiped away?"
Stichwörter: Ebooks, Google, New York, Paywalls, USA

SZ, 05.07.2010

Der Psychologe und Neurowissenschaftler Steven Pinker bezweifelt, dass das Internet das Hirn zermanscht: "Kritiker der neuen Medien greifen gelegentlich auf die Naturwissenschaft selbst zurück, um ihre Position zu untermauern. Sie zitieren dann Forschungen, die angeblich zeigen, wie 'Erfahrungen das Gehirn verändern'. Aber in der kognitiven Neurowissenschaft verdreht man bei solchem Gerede nur die Augen." (Hier unser Resümee des Artikels aus der New York Times. Die SZ weist zwar nicht darauf hin, dass hier auf eine Debatte reagiert wird, die Frank Schirrmacher von der Konkurrenz in Deutschland auslöste, aber dafür ist ja der Perlentaucher da!)

Eine ganze Seite ist Missverständnissen zwischen Deutschland und Frankreich gewidmet. Tobias Kniebe belegt an der falschen Übersetzungen eines Satzes von Jean Eustache durch Dominik Graf, wie fruchtbar solche Misverständnisse sein können ("Il faut filmer la lumiere des choses parce qu'elle est l'air du temps", hatte Eustache gesagt. "Man muss das Licht filmen. Denn das Licht ist die Luft der Zeit", hatte Graf übersetzt - aber air du temps ist eine stehende Wendung und heißt schlicht "Zeitgeist"). Außerdem geht?s um die Unterschiede in der Musikwahrnehmung, in Politik und Unternehmenskultur.

Weitere Artikel: Manfred Schwarz fürchtet um die Kölner Museumsbibliothek, deren Bestand nach einem Gutachten von Unternehmensberatern in andere Bibliotheken eingeordnet werden soll. Michael Moporstedt zitiert in den "Nachrichten aus dem Netz" aus einer Studie des Pew Research Center in Washington, wonach selbst Internetprofis an an den positiven Auswirkungen des Netzes auf die Menschheit zweifelten (mehr hier). Das Pew Research Center setzt den Akzent auf seiner Webseite allerdings genau andersherum: "The social benefits of internet use will far outweigh the negatives over the next decade"). Auf der Medienseite stellt Stefan Ulrich das Konsortium um den französischen Unternehmer Pierre Berge vor, das für 110 Millionen Euro Le Monde erstand.

Besprochen werden die Ausstellung "Stadt-Grün - Europäische Landschaftsarchitektur für das 21. Jahrhundert" in Frankfurt, Ereignisse des Festivals Theater der Welt an der Ruhr und Bücher, darunter eine Werbausgabe des Freiherren von Knigge.

FAZ, 05.07.2010

Noemi Smolik würdigt entgeistert das offenbar auch durch die längst stattgehabte Wahl eines Nachfolgers nicht beendbare desaströse Wirken von Milan Knizak als Leiter der Prager Nationalgalerie: "Tragikomik zeichnet Knizaks Sammeltätigkeit aus. Als ein Werkkomplex von Milan Grygar, eine Dokumentation einer Klangperformance, die zu den wichtigsten Arbeiten tschechischer Kunst der sechziger Jahre gehört, zum Verkauf stand, griff das Pariser Centre Pompidou zu. Das ist kein Einzelfall. Demnächst wird man, um zentrale Werke tschechischer Kunst zu sehen, nach Paris, London oder Wien fahren müssen. Gesammelt werden Werke seiner Schüler."

Weitere Artikel: In einem Achtzigzeiler erklären uns gleich zwei Soziologen, wir müssten keine Angst vor dem derzeitigen WM-Patriotismus haben: die Untersuchung des Vergleichsfalls 2006 zeige, dass das eine sehr auf den Anlass bezogene Angelegenheit bleibe, so Jürgen Gerhards und Michael Mutz. Dirk Schümer geht in der WM-Kolumne die internationale Pressereaktionen aufs Deutschlandspiel gegen Argentinien durch. In der Glosse schildert Andreas Rossmann den - relativ zu Köln gesehen - Bagatellwasserschaden am Düsseldorfer Stadtarchiv. Joseph Croitoru liest osteuropäische Zeitschriften. Joseph Hanimann schreibt zum Tod des französischen Schauspielers Laurent Terzieff.

Besprochen werden die Aufführung von Pichet Klunchuns Tanzstück "Nijinski Siam" beim Theater-der-Welt-Festival in Mühlheim, Armin Petras' Stuttgarter Theaterversion von Christian Krachts Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" (politisch-ästhetisch naiv, findet Martin Halter), die "Teotihuacan"-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau und Bücher, darunter Holger Zaborowskis Heidegger-Studie "Eine Frage von Irre und Schuld?" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).