Heute in den Feuilletons

Ein fantastisches Gebiss

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.06.2010. Der Freitag interviewt die Künstlergruppe reproducts, die aus dem Fernsehen der frühen Jahre die Geheimgeschichte der Bundesrepublik erstehen lässt. Die SZ wringt einen barocken Schwamm. Die Zeit rät ab vom Kommunismus und wirft ein Streiflicht auf die komischen Greise von der SZ. In der FAZ erkennt Martin Walser in Horst Köhler den Leidensgenossen im Gekränktsein. Die Bezwinger Spaniens amüsieren sich heute mit amerikanischen und russischen Frauen.

NZZ, 17.06.2010

Andrea Köhler berichtet vom paradoxen Versuch der im Metropolitan Museum of Art und im Brooklyn Museum mit viel Pomp inszenierten Ausstellung "American Woman: Fashioning a National Identity!", der Identität der amerikanischen Frau anhand der Haute Couture nachzugehen. Dabei wird mit historischen Kostümen und zahlreichen Tableaus manches Klischee bedient: "Sie hat schwungvoll geföhntes, meist blondes und langes Haar, ein fantastisches Gebiss und immer ein Handy am Ohr. Optimismus ist ihre Lebensform, Plappern ihre Passion, und jeder potenzielle Bewerber wird zuerst nach seinen materiellen Vorzügen abgecheckt. So weit der Phänotyp der amerikanischen Frau, wie er uns im Fernsehen, in Hollywood und häufig auch auf den Straßen der großen Städte begegnet. Nur eines wird man von dieser - eher kalifornischen - Variante der Weiblichkeit nicht behaupten wollen: dass sie besonders raffiniert gekleidet ist."

Mit Ilma Rakusa hingegen dürfen wir uns freuen, dass endlich die wahre Tiefe russischer Frauen ausgelotet wird: Sie ist in Tatjana Kuschtewskajas Buch "Liebe - Macht - Passion" Russinnen mit einer ausgeprägten Vision und einem nicht minder ausgeprägten Durchsetzungsvermögen begegnet.

Außerdem: Helmuth Mojem erinnert an den vor 200 Jahren geborenen Dichter Ferdinand Freiligrath, dessen "versgewordene Fernträume des Biedermeier" zwischen Karl May und Karl Marx anzusiedeln sind. Anlässlich ihres 100. Geburtstages versucht Uwe Justus Wenzel die vor zehn Jahre verstorbene streitbare Schweizer Philosophin Jeanne Hersch vor dem Vergessen zu bewahren.

Besprochen werden die Ausstellung "Zelluloid - Film ohne Kamera" in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, die unter anderem Jennifer Wests in Ketchup, Mayonnaise und Rotwein eingelegte Filme zeigt, Jean-Marc Vallees kunstvoll und kongenial arrangierter Kostümfilm "The Young Victoria" und Bücher, darunter Olga Martynovas Roman "Sogar Papageien überleben uns" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 17.06.2010

Dirk Knipphals resümiert ein Werkstattgespräch der Veranstaltungsreihe "Tunnel über der Spree" im Literarischen Colloquium Berlin, bei dem arrivierte und junger Schriftsteller "tiefergehängt, pragmatisch und am Handwerk orientiert" über ihre Literatur sprachen.

Auf der Medienseite informiert Daniel Bouhs über den Ankauf des Nachrichtensenders N24 durch das Bieterkonsortium um Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust, der dort "Informationsfernsehen auf Sparflamme" und sein Nachrichtenmagazin "Woche" machen will.

Besprochen werden Mira Nairs Biopic "Amelia" über die amerikanische Flugpionierin Amelia Earhart, die DVD von Stuart Coopers Film "Overlord" von 1975, der in einer Mischung aus Doku und Fiktion von der alliierten Invasion in der Normandie handelt, sowie die Ausstellung "Skies and Seas" im Museum für Photographie Braunschweig.

Und Tom.
Stichwörter: Stefan Aust, Biopic, Spree

Perlentaucher, 17.06.2010

Thierry Chervel fordert, dass Christian Wulff aus dem Kuratorium der evangelikalen Organisation prochrist austritt: "In der Sendung 'Farbe bekennen' beschwor Christian Wulff "die Gefahr der Parallelgesellschaft, des Gegeneinanders, Gewalttätigen und Fundamentalistischen", der er entgegentreten wolle. Mit den Evangelikalen, die sich selbst gern als 'entschiedene Christen' bezeichnen, geht das nun gerade nicht."
Anzeige

Freitag, 17.06.2010

Matthias Dell unterhält sich mit der Künstlergruppe reproducts, deren Kommissar-Variation "Todesboten" ein youtube-Hit ist, über ihre Arbeit mit Fernsehbildern der frühen Bundesrepublik. Über Hans Rosenthal sagen sie: "Das heißt zum Beispiel, dass Hans Rosenthal die letzten Nazi-Jahre in Berlin in einer Laube sitzt und jeden Tag vom Tod bedroht ist. Dann ist der Krieg vorbei, und Rosenthal macht Rundfunk, später Fernsehen. Dabei geht es immer nur ums Spielen. Bis zum Ende. Das ist zutiefst anrührend und erschütternd, wie damit jemand sagt: 'Nein, das ist gewesen, das vergessen wir, wir spielen jetzt wieder, jetzt sind wir wieder Freunde.' Das berührt uns sehr."

Aufmacher des Feuilletons ist Maik Söhlers Artikel über zehn Jahre Grimme Online Award.

FR, 17.06.2010

Gestern stand auf der Medienseite ein kritischen ARD-Artikel, heute gibt es prompt ein ganzseitiges Interview mit ihrem Vorsitzenden Peter Boudgoust, der sich trotz Zwangspauschale auf sinkende Gebühreneinnahmen einstellt: "Es wird jedenfalls keine wundersame Geldvermehrung stattfinden. Wir gehen davon aus, dass wir in zehn Jahren etwa 15 Prozent weniger Geld zur Verfügung haben werden als heute."

Der deutsch-nigerianische Autor und Biker Anatol Egbuna erzählt im Interview mit Christoph Behrends, wie er, je nach Standort, entweder als Neger oder als Oyibo beschimpft wird. Besprochen werden Oliver Hirschbiegels Nordirland-Drama "Five Minutes of Heaven", Sebastian Silvas Hausmädchen-Film "La Perla", Telemanns "Pimpinone" als Studio-Oper in Frankfurt, Joachim C. Martinis Studie "Musik als Form geistigen Widerstandes" und das Sportbuch "(K)ein Sommermärchen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 17.06.2010

Dankwart Guratzsch berichtet, dass es sich bei dem jüngst im Magdeburger Dom exhumierten Skelett um Kaiserin Editha, die Ehefrau Ottos des Großen persönlich gehandelt hat. Elmar Krekeler informiert über den neuesten Stand der Streitigkeiten um das Erbe Stieg Larssons. Trotz Krise ist die Art Basel erfolgreich, schreibt Tim Ackermann.

Besprochen werden eine erste Ausstellung des nunmehr in Marbach gehüteten Suhrkamp-Archivs, die Michi Strausfelds Verdienste um die Entdeckung lateinamerikanischer Literatur würdigt, und Filme, darunter Oliver Hirschbiegels Nordirland-Drama "Five Minutes of Heaven", über den der Regisseur auch mit Peter Zander gesprochen hat.

SZ, 17.06.2010

Beim Leipziger Bachfest versucht die Regisseurin Sigrid T'Hooft, die Barockoper "Die lybische Talestris" nach den Regeln der damals zeitgenössischen Opernkunst zur Aufführung zu bringen. Was schon deshalb nicht einfach ist, wie Helmut Mauro erklärt, weil es damals Regisseure und individuellen Gefühlsausdruck gar nicht gab, sondern ein recht genau festgelegtes Haltungs- und Gestenrepertoire: "Einen schüchternen Augenaufschlag wird man nicht erklären müssen, ein paar zornig verengte Augenbrauen auch nicht, aber die Geste des Beweinens etwa, die darin besteht, dass man in den Handflächen einen nicht vorhandenen Schwamm auswringt, die wird man auf Anhieb nicht begreifen."

Weitere Artikel: Burkhard Müller denkt über Geoff Dyers These nach, Reportagen seien heute die besseren Romane. Über die mangelnde Attraktivität der Bundeswehr denkt Jochen Rack nach und kommt zum Ergebnis, dass Parade, Drill und Gehorsam heute nur noch wenig zeitgemäß erscheinen - und mit dem Alltag des Kampfes auch nichts mehr zu tun haben. Till Briegleb besucht das Braunschweiger "Theaterformen"-Festival und stellt fest, dass, was im Kongo und anderswo aufregendes Theater sein mag, beim Export in westliche Kontexte schnell jeden Charme verliert. Susan Vahabzadeh stellt eine Reihe mit koreanischen Filmen im Münchner Filmmuseum vor. Fritz Göttler erinnert daran, wie vor fünfzig Jahren mit Godards "Außer Atem" und Hitchcocks "Psycho" die filmische Moderne begann.

Besprochen werden eine Thomas-Struth-Ausstellung im Kunsthaus Zürich, Daniel Müller-Schotts und Angela Hewitts Einspielung von Beethovens Cellosonaten, Sebastian Silvas Film "La Nana", Oliver Hirschbiegels Nordirland-Drama "Five Minutes of Heaven" und Bücher, darunter die Gesamtausgabe der Essays und der Publizistik Heinrich Manns (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 17.06.2010

Martin Walser schreibt über Horst Köhlers Großen Zapfenstreich und erkennt im gegangenen Mann den Leidensgenossen im Gekränktsein: "Normalerweise lassen sich Politiker die Unterstellungsroutine gefallen, machen möglichst gute Miene zu jedem hämischen Spiel. Diesmal hat das nicht funktioniert. Der geht einfach... Beim Blues amüsiert, beim Choral ergriffen, bei der Hymne tapfer. So sieht keiner aus, der flieht und sich zum Rätsel stilisieren will. So sieht einer aus, der denen, die das öffentliche Wort verwalten, ein Beispiel geben will."

Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf wiederum mahnt - bezeichnenderweise wirklich im Feuilleton - anlässlich der bevorstehenden Köhler-Nachfolgerwahl, dass die Parteien kein Recht haben, die Angelegenheit zu ihrer Sache zu machen: "Die Bundesversammlung als Vertretung des Volkes wählt den Bundespräsidenten aus der Reihe der vorgeschlagenen Kandidaten. Auf die Mitwirkung der politischen Parteien ist sie dabei nicht angewiesen."

Weitere Artikel: In einem Kurzseminar zum Thema Schichtentheorie erklärt Jürgen Kaube, warum die Einkommensspreizungsstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus soziologischer Sicht fahrlässig, wenn nicht "unverschämt" verfährt. Viel freundlicher schreibt Kaube weiter hinten über Mehmet Scholls im Fernsehen von heute so raren Fußballsachverstand. Von der offensichtlich von Herzen unaufregenden Frankfurter Regionalkonferenz der vom Bund ins Leben gerufenen Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft erstattet Anne-Christin Sievers ohne falsche Spannungseffekte Bericht. Wolfgang Günter Lerch schreibt zum Tod des Orientalisten Gernot Rotter. Auf der Kinoseite würdigt Bert Rebhandl den Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn, zu dessen 80. Geburtstag eine große DVD-Box erschienen ist.

Besprochen werden die von Trisha Brown choreografierte Inszenierung von Rameaus "Pygmalion", ein Kölner Konzert von The Hold Steady (Website), Renee Flemings Album "Dark Hope", die CD "Crossing the Rubicon" der Band The Sounds (Website), Mark Steven Johnsons romantische Komödie "When in Rome" und Bücher, darunter Ian Burumas bislang nur in englischer Sprache erschienene Studie "Taming the Gods" (vom Theologen Friedrich Wilhelm Graf freundlich aber entschieden abserviert) sowie Miljenko Jergovics Roman (Leseprobe) "Freelander" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 17.06.2010

Überraschend unfreundlich empfängt Thomas Assheuer die neuen Kommunisten, die sich nächste Woche zum großen Kongress in der Berliner Volksbühne versammeln wollen. Nicht nur mit ihrer reaktionären Kulturkritik geht er ins Gericht, die in der Freiheit nur noch ein Herrschaftsmedium des Kapitalismus sieht, sondern auch mit ihren Galionsfiguren: "Slavoj Zizek hält Venezuelas Präsidenten Hugo Chavez, den Verehrer des Judenhassers Ahmadinedschad, für eine Lichtgestalt, und sein Freund Alain Badiou, der den Opfern von Stalin und Mao keine Träne nachweint, stellt sich unter Kommunismus eine 'Wahrheitspolitik' vor, die vermutlich genauso autoritär exekutiert wird, wie sie klingt. Badiou verschraubt nämlich das Denken von Plato und Heidegger und verpasst ihnen ein linkes Vorzeichen. Plato, sagt er, habe recht gehabt, als er von ewigen und unzerstörbaren Werten sprach... Leider folgt daraus, dass die kommunistische Politik nur dann wahr ist, wenn sie dem freien Willen der Bürger die Richtung vorgibt und in letzter Konsequenz nicht nur aus dem 'Kapitalo-Parlamentarismus', sondern ganz aus der wahrheitsvergessenen Moderne herausführt."

Christof Siemes verschafft sich ein Bild von der misslichen Lage der SZ. In den oberen Etagen stellt sie sich so dar: "Im Windschatten der Chefs residieren, nicht weniger weit blickend, die drei Sachwalter des Allerheiligsten der SZ, die Streiflicht-Redakteure. Drei sind es noch, die sich täglich um die 72-zeilige Glosse auf der ersten Seite kümmern, sie sind 64, 65 und 67 Jahre alt. 'Wir sind die Schicksalsfrage', sagt der jüngste von ihnen Benjamin Henrichs, und keckert ironisch."

Weitere Artikel: Jonathan Fischer streift durch die Kwaito-Szene der Boomtown Durban. Ursula März fürchtet, dass aus dem Fall der zu Unrecht gekündigten Kassiererin Barbara E. nur eine Story wird, nicht aber der Beginn eines Aufstands. Hanno Rauterberg schreibt den Nachruf auf Sigmar Polke. Christof Siemes arbeitet sich durch einige kulturellen Großereignisse der Kulturhauptmetropole Ruhrgebiet. Claus Spahn beobachtet mit Freude die neue Lust an der Oper unter Schauspielregisseuren wie Jan Bosse, Andreas Kriegenburg und Nicolas Stemann.

Besprochen werden Luc Bondys Inszenierung von Euripides' "Helena" (in der Übersetzung von Peter Handke), die Berlin Biennale, der Film "La Perla" des chilenischen Regisseurs Sebastian Silva und Bücher, darunter Christa Wolfs neuer Roman "Stadt der Engel", Richard Price' "Cash" und Marie N'Diayes "Drei starke Frauen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).