Heute in den Feuilletons

Kritik von Leuten über zwölf

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.03.2010. In der Welt glaubt Dave Eggers fest an die Verbreitung radikaler neuer Ideen durch den Roman, aber nicht ans Internet. Die Berliner Zeitung warnt vor zu häufigem Epilieren der Schamhaare. Die taz bricht eine Lanze für die Reformschulen. Die SZ macht Theater fürs Theater, ganz besonders in Wuppertal. In der FAZ erzählt der Schriftsteller Jean-Christophe Bailly von der ewigen Traurigkeit über den Feldern von Verdun.

Welt, 27.03.2010

In der Literarischen Welt unterhält sich Wieland Freund mit Dave Eggers, Autor von "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" und multiaktiver Literaturvermittler, der fest ans Genre glaubt: "In den USA sagt ständig irgendwer, der Roman sei tot und die Literatur habe in der wirklichen Welt keine Macht. Ich widerspreche vehement. Jede radikal neue Idee erreicht Amerika über ein Buch. Der Roman und die literarische Reportage sind immer noch der beste Weg zu Empathie und Verstehen." Eggers erweist sich zudem als der feuchte Traum jedes Journalisten: "Ich lese gar nichts am Bildschirm. Ich habe keinen Internetzugang zu Hause, kein Kindle, kein iPhone, keinen Kabelanschluss. Ich informiere mich allein durch Zeitungen."

Weitere Artikel: Im Aufmacher der Literarischen Welt bespricht Dorothea von Törne zwei Bände der Nelly-Sachs-Gesamtausgabe und ein Buch von Aris Fioretos über die Dichterin. Tilman Krause wundert sich in der Glosse über das Ausmaß der sexuellen Verklemmtheit, mit der unsere sexuell befreite Gesellschaft über das Thema Missbrauch spricht. Fritz J. Raddatz bespricht einen Tagebuchband von Susan Sontag (und erinnert sich daran, dass der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt in den fünfziger Jahren, als der Paragraph 175 noch galt, die Schwulen besonders unbarmherzig verfolgte). Und Henryk Broder schreibt eine kleine Hommage auf den israelischen Autor Gad Granach, der 95 Jahre alt wird.

Auf der Kulturseite empfiehlt Alan Posener Hajo Schomerus' Dokumentarfilm "Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen" (mehr hier) über den Streit von sechs christlichen Fraktionen um die Grabeskirche in Jerusalem. Johannes Wetzel berichtet außerdem, dass Yasmina Reza mit ihrem ersten Film "Chicas" (Trailer) in Frankreich Erfolge feiert. Auf der Forumsseite schreibt Michael Augustin eine kleine Hymne auf die Freuden des Internetradios, das selbst spezialisierteren Hörerwünschen entgegenkommt.

Berliner Zeitung, 27.03.2010

Sandra Kellein klagt über den Enthaarungswahn der heutigen Jugend: "Nachdem Kate Winslet im letzten Jahr den Oscar für den Film 'Der Vorleser' ergattern konnte, gab sie zu Protokoll, bei Nacktszenen ein Schamhaartoupet benötigt zu haben; durch rigoroses Epilieren wachse nämlich nicht mehr genug nach. Auch darüber kann man heute in jeder Talkshow reden."

TAZ, 27.03.2010

Reformschulen sind viel besser, als es die derzeitige Missbrauchsdebatte vermuten lässt, meint Christian Füller auf der Meinungsseite: "Das pädagogische Problem der Bundesrepublik sind nicht die Handvoll Reformschulen. Es ist die Mehrheit der 30.000 staatlichen Schulen. Sie prügeln zwar nicht mehr - aber den Paradigmenwechsel von der Institution zum Kind haben sie nicht mitbekommen, geschweige denn vollzogen."

Weitere Artikel: Philip Gessler versagt dem großen Jubilar der kommenden Woche, der "Fleisch gewordenen Macht" Helmut Kohl, vorab schon einmal alle Glückwünsche. Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen findet es im Interview mit Peter Unfried okay, einfach mal einverstanden zu sein: "Eine Haltung des Dafürs zu entwickeln, hat mit Empathie zu tun." Bert Hoffmann porträtiert die kubanische Bloggerin und Dissidentin Yoani Sanchez. Wiebke Porombka hat einen Spaziergang mit der Schriftstellerin Alissa Walser unternommen. Dominik Kamalzadeh spricht in einem Interview mit dem Regisseur Noa Baumbach über dessen Flim "Greenberg". Und Wolf-Dieter Vogel hat sich für eine Reportage mit jungen Musikern aus der mexikanischen Drogenkriegsmetropole Ciudad Juarez unterhalten, die versuchen, die Gewalt mit HipHop und Rap zu bewältigen. Unter anderem spricht er mit der Band MC Crimen, die man auch auf YouTube findet:
 


Besprochen werden unter anderem Hariett Köhlers Roman "Und dann diese Stille" und Anne Webers Roman "Luft und Liebe" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In Farbe: Tom.
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NZZ, 27.03.2010

In Literatur und Kunst würdigt Sandra Krämer den norwegischen Erzähler und Dramatiker Jon Fosse, dessen Stücke gerade zu Klassikern werden. In den Bildansichten schreibt Navid Kermani über Caravaggios "Martyrium der heiligen Ursula", das nach der Restaurierung ganz anders aussieht "als in meinen Büchern".

Besprochen werden Bücher, darunter Robert Asbackas Roman "Das zerbrechliche Leben" (dem Andreas Breitenstein den Aufmacher widmet), Hans Herbjörnsruds Erzählband "Die Brunnen" und eine "weltumspannende" Anthologie der Übersetzungen von Shakespeares Sonetten (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton berichtet Urs Hafner über einen Vortrag von Ulrich Beck in Zürich. Till Brockmann schreibt zum 100. Geburtstag des japanischen Filmregisseurs Akira Kurosawa. Besprochen werden eine Ausstellung der Porträts von Irving Penn in der National Portrait Gallery in London und Chorkonzerte beim Lucerne Festival.

FR, 27.03.2010

Hans-Jürgen Linke schaut zusammen mit der Musikinstrumentenindustrie, die in Frankfurt trotz eines Umsatzrückgangs von 20 Prozent gerade Messe hat, verhalten optimistisch in die Zukunft. Axel Kahrs erzählt eine Art Kultur- und Rezeptionsgeschichte der Dömitzer Elbbrücke, die ein Symbol der deutschen Spaltung war und von der Bahn jetzt versteigert wird, obwohl sie unter Denkmalschutz steht. Judith von Sternburg unterhält sich mit dem künftigen Herausgeber der "Anderen Bibliothek", Christian Döring, der den beiden alten und gerade gefeuerten Herren Klaus Harpprecht und Michael Naumann nachfolgt und vermutlich ein weit geringeres Honorar kostet. Marcia Pally porträtiert in ihrer samstäglichen Kolumne eine Freundin aus dem amerikanischen Gesundheitswesen, die weiß, dass es in Europa besser läuft und trotzdem den amerikanischen Kapitalismus vorzieht.

Besprochen werden die Ausstellung "Das große Spiel" über den Zuhammenhang von Archäologie, Kolonialismus und Politik in Essen, eine Ausstellung mit Gegenwartskunst aus Sri Lanka in Frankfurt und Sandor Marais Roman "Befreiung" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 27.03.2010

Normalerweise ist der Tag des Theaters kein großer Anlass, schreibt Christine Dössel, aber diesmal geht's um was, angesichts drastischer Kulturkürzungspläne in vielen deutschen Städten: "Da lässt das Theater mal so richtig seine Muskeln spielen und inszeniert einen Großaufmarsch mit dramatischem Tamtam. Schauplatz des Spektakels ist Wuppertal, denn in Wuppertal soll das Schauspielhaus geschlossen werden. "

Unter dem Motto "Ordnung und frühes Leid" widmet sich eine ganze Seite in kleinen Vignetten dem Topos Internat in der Literatur, von Christa Winsloes "Mädchen in Uniform" über Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" bis Hermann Kinders "Der Schleiftrog". Zu Enid Blytons "Hanni und Nanni" schreibt Andrea Gerk: "Auch wenn Enid Blyton als konservativ, unrealistisch und sogar rassistisch gilt, wird das Internat 'Lindenhof' eine heile Gegenwelt für kleine Mädchen bleiben. Wer das bedenklich findet, dem entgegnen wir mit Enid Blyton: 'Kritik von Leuten über zwölf interessiert mich überhaupt nicht.'"

Weitere Artikel: Hat der Tübinger Literaturdozenten Horst Fassel mit der Securitate zusammengearbeitet? Herta Müllers Securitate-Akte gibt einen - vagen - Hinweis, berichtet Gloria Veeser. Zwischen Prophet des Umbruchs und eitler Snob, so Sebastian Schoepp in seinem Porträt, schwanken die Urteile über den peruanischen Schriftsteller und Journalisten Jaime Bayly, der Präsident seines Landes werden will. Christine Dössel informiert, wie am heutigen Welttheatertag in Wuppertal gegen die drohende Schließung des dortigen Schauspielhauses mobil gemacht werden soll. Tobias Kniebe fasst die Beurteilungsphasen über James Camerons Film "Avatar" zusammen. Jörg Häntzschel informiert über den aktuellen Stand im Streit zwischen Apple, Amazon und Buchverlagen über Preise im Geschäft mit iPads und E-Books. Stephan Speicher resümiert die Tagung "Gesichter/Faces" im Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Wolfgang Schreiber kommentiert das bisherige Programm des Berliner Festivals für aktuelle Musik. Holger Liebs gratuliert Eat-Art-Künstler Daniel Spoerri zum 80. Geburtstag. In einem Nachruf würdigt Kristina Maidt-Zinke den Alte-Musik-Pionier Konrad Ruhland. Catrin Lorch berichtet vom Pariser Salon du Dessin. jby schließlich informiert über das Berliner Schlossprojekt, das seit acht Jahren weder leben noch sterben darf. Auf der Medienseite ist zu lesen, was der jüngste Bericht zur Lage der amerikanischen Medien über die Zukunft des traditionellen Journalismus sagt.

Besprochen werden die Ausstellung "Rising Currents" im MoMA, in der fünf Architektenteams erklären, weshalb sie vom Wasser bedrohte Städte nicht mehr mit Deichen verteidigen wollen, das Liebes-Melodram "Remember Me" von Allen Coulter und ein Klavierabend der Pianistin Alice Sara Ott in München.

In der Wochenendebeilage erinnert sich Durs Grünbein an seinen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom. Und Emma Thompson spricht über Pflichten.

FAZ, 27.03.2010

In Bilder und Zeiten wandert der französische Schriftsteller Jean-Christophe Bailly über die Schlachtfelder von Verdun und hält fest: "Wie sehr manche Landschaften dieser Region (mehr noch als andere Schlachtfelder, etwa die an der Somme) bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit von einem traumatischen Taumel heimgesucht scheinen, kann man nur ermessen, wenn man auf den schmalen Landstraßen dort ziellos umherfährt. Auch abgesehen vom Lauf der Zeit und allem, was er mit sich bringt, angefangen beim Wiederaufbau durch die Menschen und der nachwachsenden Vegetation, ist es, als hätte sich dort eine stehende Welle festgesetzt, die einen Mantel schwerfälliger, resignierter Traurigkeit über Felder und Wälder und ganz besonders über die Dörfer breitete, gleichsam das Wesen der Trauer, Inbegriff ewiger Trauer."

Weiteres: Alessandro Topa stellt den französischen Philosophen und Orientalisten Henry Corbin vor, der im Iran des Schah Reza Pahlevi geschätzt wurde und dort auch heute noch Verehrer hat. Jan Drees hat einen Ortstermin am Wuppertaler Vollplaybacktheater. Auf der letzten Seite spricht der Regisseur Tony Gatlif, Kind einer Familie aus Kabylen und Roma, im Interview über seinen Film "Liberte" (hier ein Fernsehbericht) und die Freiheit. Einen Freien erkenne er sofort, sagt er: "An seiner Haltung, an seinem Blick. Ich erkenne ihn sofort. Es geht mir schlecht, wenn ich die Leute in den Straßen der Stadt sehe, in der Metro, auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Rückweg nach Hause. Sie sind nicht frei, ihr Blick verrät sie, ihre demütige Haltung. Es ist zum Weinen."

Im Feuilleton bricht Swantje Karich eine Lanze für die Kunstvereine, die durch finanzielle Kürzungen bedroht sind. Martin Otto berichtet über eine Berliner Tagung zum Abschluss der zehnbändigen "Berliner Ausgabe" von Reden, Artikeln und Briefen Willy Brandts. Absolut nichts Revolutionäres hörte Jan Brandt beim Berliner Festival Maerzmusik. In der Glosse mokiert sich Edo Reents über den Komödianten Eckart von Hirschhausen. Jürgen Dollase speist bei Herbert Brockel in Erftstadt. Lena Bopp schickt eine Reportage aus Ruanda über Frauen, die "Kinder des Hasses" - bei Vergewaltigungen gezeugte Kinder - geboren haben.

Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas über den Verkauf des Independent an den russischen Oligarchen Alexander Lebedew, der sein Motiv so erklärt hat: "Seine Vorliebe für das Zeitungsgeschäft gehe auf seine Zeit als KGB-Agent in London zurück, wo er in den Jahren von 1988 bis 1992 die britischen Blätter auswerten musste." (Mehr dazu im Guardian) Eine Meldung informiert uns, dass der Direktor des oppositionellen venezolanischen Fernsehkanals Globovision wegen angeblicher Beleidigung des Präsidenten Hugo Chavez und Verbreitung von Falschinformationen verhaftet wurde. Und eine zweite Meldung informiert uns, dass Rupert Murdoch den Online-Auftritt der Times ab Juni kostenpflichtig machen will (mehr dazu hier).

Besprochen werden Peter Turrinis Stück "Jedem das Seine" über den Mord an den ungarischen Juden, das Silke Hassler am Wiener Theater in der Josefstadt inszeniert hat, die Ausstellung "Rhetorik der Bilder. Über das journalistische Foto" im Braunschweiger Museum für Fotografie, ein Konzert der Avett Brothers in Köln und Bücher, darunter die Neuübersetzung von Laurence Sternes "Empfindsame Reise durch Frankreich und Italien des Mr Yorick" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um neue CDs von Erykah Badu, von Goldfrapp, der Combo Manhattan Brass, Aufnahmen junger Bratschisten und Liedern von Measha Brueggergosman.

In der Frankfurter Anthologie stellt Silke Scheuermann Wolfgang Hilbigs Gedicht "bahnhof" vor:

"grau grau graues durcheinander
von wo kein zug abfährt wo ein riesiger rabe
sich schwarz zwischen die schienen setzt
bahnhof das ist aller orte kältester nachts
schläft niemand
..."