Heute in den Feuilletons

Ich saß bereits im Flugzeug

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.03.2010. Die Debatte über Ryszard Kapuscinski geht weiter. Laut Welt war er ein parteilicher Autor, der es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. In der NZZ erklärt Martin Pollack, warum er die Biografie nicht übersetzen will - nicht wegen ihrer Wahrheiten, sondern wegen ihres Tons. Die FAZ beklagt den Einfluss der Sammler auf den heutigen Kunstbetrieb. In der SZ fordert Ulrich Johannes Schneider: Digitalisiert die Bücher! Die taz präsentiert die furiose Geigerin Patricia Kopatchinskaja und NPR das neue Album der Gorillaz.

FR, 02.03.2010

"Volltreffer", befindet Joachim Lange über die Uraufführung von Aribert Reimanns "Medea" an der Staatsoper Wien: "Man wird von einer archaischen Klang-Atmosphäre in den Bann gezogen; orchesterstark, aber nicht klangmachtbesessen, betörend streichersatt, dann wieder mit aufstrahlenden Bläsern und rumorendem oder schepperndem Schlagwerk. Über dieser Musik, die im Entsetzen auch ächzen kann, mäandert ein Parlandoton, in dem sich der vokale Exzess der Bernarda-Alba-Frauen in virtuosen Koloraturen und Melismen domestiziert wiederfindet."

Bernhard Bartsch berichtet, dass Chinas Behörden den Autor Liao Yiwu daran gehindert haben, nach Deutschland zur lit.cologne zu reisen: "'Ich saß bereits im Flugzeug, als die Stewardess mir sagte, ich müsse die Maschine wieder verlassen', sagte Liao zur FR. 'Ein Flughafenpolizist nahm mich mit auf die Polizeistation, wo ich von vier Beamten verhört wurde.'" Liao Yiwu steht jetzt unter Hausarrest. Hier sein Offener Brief, mit dem er Angela Merkel um Unterstützung gebeten hatte.

Weiteres: Weidlich genervt berichtet Peter Michalzik vom Theaterspektakel "Odyssee Europa", zu dem die Ruhrtheater im Kulturhauptstadtjahr ihre durchaus interessanten Stücke "hochgejazzt" haben: "Zwanghaftes Aufeinanderzugehen mit durchgeplantem Minutenzeitplan. Was, Sie waren auf Toilette, dann aber ganz schnell zum Anschlussbus." In Times mager evaluiert Judith von Sternburg das Potenzial klassischer Musik als Bestrafungsmaßnahme.

Besprochen werden Rene Polleschs Inszenierung "Mädchen in Uniform" in Hamburg, die Ausstellung "AufRuhr 1225" in Herne und Erik Orsenna Buch "Die Zukunft des Wassers" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 02.03.2010

"Wir haben Zapata sterben lassen", schreibt Renaud Revel in seinem Medienblog im Express. Der Fall des kubanischen Dissidenten Orlando Zapata, der nach 85 Tagen Hungerstreik gestorben ist, hat auch in Deutschland niemanden interessiert. Er gehörte zu der großen Dissidentengruppe, die 2003 vom Caudillo der sympathischen Tropendiktatur in den Knast gesteckt worden war - Zapatos Strafe belief sich zuletzt auf 36 Jahre, ohne Prozess. "Zapatas Hungerstreik hat kaum Aufsehen erregt. Von Chavez war ohnehin nichts zu erwarten. Aber andere lateinamerikanische Führer, die zu anderen Zeiten das Gefängnis von innen kennengelernt hatten, hätten intervenieren können. Nein. Der pouläre Lula hat sich auf einem Kubabesuch geweigert, die Familien politischer Gefangener zu treffen. Schande über ihn."
Stichwörter: Deutschland, Dissidenten

TAZ, 02.03.2010

Auf den Kulturseiten porträtiert Dagmar Leschow die Geigerin Patricia Kopatchinskaja: "Sie entfacht bei Beethovens 'Kreutzer-Sonate' wahre Gewaltszenen. Selbst im heiteren Schlusssatz entlockt sie ihrem Instrument messerscharfe Töne. Die treffen dann auf die entfesselten Klänge des türkischen Pianisten Fazil Say, mit dem sie ihre erste CD eingespielt hat." Hier ist der heitere Schlusssatz:




Weiteres: Katharina Borchardt unterhält sich mit dem togoischen Germanisten Gilbert Dotse Yigbe über den Stand der Germanistik und des Deutschen in Afrika. Ralf Leonhard resümiert die Skandale um die Osterfestspiele in Salzburg. Micha Brumlik erzählt, dass es nicht nur bei katholischen Priestern, sondern auch bei orthodoxen Rabbis immer wieder Berichte über sexuelle Verfehlungen gibt. Besprochen wird ein Theaterstück von Franzobel über Hans Moser in Wien.

Auf der Meinungsseite wendet sich der Publizist Klemens Ludwig gegen den Begriff der "Islamophobie": "Wem nützt es, den Islam als ewiges Opfer zu zeichnen? Einem aufgeklärten, emanzipierten Islam, der gleichberechtigter Teil der europäischen Gesellschaften ist, sicher nicht."

Und Tom.
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Welt, 02.03.2010

Die polnischen Debatten um Ryszard Kapuscinski anlässlich der Biografie von Artur Domoslawski erklärt Gerhard Gnauck auch daraus, dass Kapuscinski ein Problem mit der Wahrheit hatte, aber nicht mit dem Glauben: "Kapuscinski glaubte nicht an 'objektiven' Journalismus, er war Partei, er stand auf Seiten der marxistischen 'Befreiungsbewegungen' und verabscheute die Fratze des Kapitalismus, wie er sie in der Dritten Welt erlebte. Und als parteilicher Beobachter hielt er es auch für seine Pflicht, 'mir selbst Zensor zu sein': Als er 1975, offenbar als einziger Journalist der Welt, von der Präsenz kubanischer Söldner im angolanischen Busch erfuhr, hielt er die Nachricht zurück. Er wollte nicht die Intervention der mit den Portugiesen sympathisierenden Mächte des Westens provozieren."

Weitere Artikel: Hannes Stein erzählt in der Leitglosse von Protesten gegen den Plan, eine Fernsehserie über die Kennedys ausgerechnet vom Autor der (auch hierzulande einst hochgelobten) Folterserie "24" schreiben zu lassen. Cosima Lutz begibt sich auf die Spuren von Matti Geschonneks neuem Film "Boxhagener Platz" in Friedrichshain. Igal Avidan stellt den Film "Blackbus" vor, mit dem sich die israelische Dokumentarfilmerin Naomi Ragen gegen "koschere" Buslinien in Israel wendet, die, obwohl öffentlich subventioniert, neuerdings wieder Geschlechtertrennung vorsehen.

Besprochen werden die große Ausstellung "Byzanz - Pracht und Alltag" in Bonn und Aribert Reimanns neue Oper "Medea" in Wien.

NZZ, 02.03.2010

Der Autor und Übersetzer Martin Pollack verkündet, dass er die Ryszard-Kapuscinski-Biografie des polnischen Journalisten Artur Domoslawski nicht ins Deutsche übertragen wird. Pollack stört sich am Ton: "Es sind nicht die vielleicht peinlichen Enthüllungen, die mich stören, die sozrealistischen Gedichte, die Verstrickungen in den polnischen Stalinismus, die persönlichen Schwächen, die Domoslawski ans Tageslicht holt. Ich finde es gut, dass wir diese bisher unbekannten Seiten des großen Autors kennenlernen, vielleicht stößt das eine Diskussion an, wie man mit der Vergangenheit umgehen soll. Aber diese Debatte müssen wir ruhig führen, ohne Häme und ohne Spekulationen, die dem anderen jeweils das Schlimmste unterstellen - genau das aber macht Domoslawski."

Weitere Artikel: Warum die beiden Kiepenheuer-Verlage auch zu ihrem anstehenden hundertsten Geburtstag nicht zusammenfinden werden, erklärt Joachim Güntner. Klaus Bartels informiert über die ethymologischen Ursprünge des Wortes Demokratie.

Auf der Medienseite beschäftigt sich Rainer Stadler in zwei Artikeln mit fragwürdigen journalistischen Recherchemethoden in Großbritannien und Deutschland und dem manipulativen Journalismus. Außerdem berichtet er von der Gründung eines Vereins, der die medienkritische Auseinandersetzung fördern will und begutachtet schließlich auch noch den Pilotfilm der neuen Fernsehserie "Flash Forward".

Besprochen werden das Theaterprojekt "Odyssee Europa", das im Rahmen von "Ruhr 2010" sechs Stücke verschiedener Autoren rund um Homers Odyssee in sechs Städten zeigt, J.M. Coetzees fiktive Autobiographie "Sommer des Lebens", der Roman "Möchtegern" von Milena Moser und die Novelle "Das süße Messer" von Jochen Jung (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 02.03.2010

(Via Nerdcore) Das neue Album der Gorillaz steht online, und zwar kostenlos, im wunderbaren kanal von NPR. In dieser "Musik ist für jeden was drin", schreibt Michael Katzif, "manchmal in ein und demselben Stück".


Stichwörter: Gorillaz

FAZ, 02.03.2010

Für eine fatale Tendenz hält es Niklas Maak, dass der Kunstbetrieb sich mehr und mehr den Privatsammlern ergibt, was nämlich bedeutet, dass Einfluss, Ruhm und Bedeutung deshalb mehr und mehr käuflich scheinen: "Wer hat die Macht im Kunstsystem? Wer entscheidet, was gezeigt wird, was als bedeutend gilt? Bisher war die Antwort auf diese Frage meistens: die staatlichen Ausstellungshallen und Museen, vielleicht noch die Biennalen - und weniger die privaten Sammler... Doch seit neuestem gibt es einen neuen, meist schwerreichen Typus von Kunstsammler, der nicht nur Kunst, sondern gleich das gesamte System inklusive seiner Insassen (Kuratoren, Museumsleiter) mitkauft."

Weitere Artikel: "Von handlicher Megalomanie" ist für Hubert Spiegel das Kulturhauptstadt-Theaterprojekt einer Reise zu gleich sechs hintereinander weg gezeigten Odyssee-nahen Uraufführungen - allerdings hat ihn weniger die Theaterkunst begeistert als das Gemeinschaftsgefühl, das bei dieser "ersten großen postdramatischen Kulturkarawane" aufkam. Marta Kijowska schildert das große Aufsehen, das Artur Domoslawskis mit mancher Legende aufräumende Biografie des Reportageschriftstellers Ryszard Kapuscinski im Vorfeld erregt. In der Glosse muss Dirk Schümer feststellen, dass aus dem "Dienstmann" Hans Moser auch in Franzobels dem Schauspieler gewidmeten Theaterstück kein tragischer Held wird.

Entschieden donaldistisch nähert sich Martin Otto der Steuer-CD-Angelegenheit. Jürg Altwegg berichtet aus Frankreich, dass die geplante Reform der Auslands-Kulturinstitute, damit auch die Umbenennung der "Instituts Francais" in "Instituts Victor Hugo" am chauvinistischen Widerstand auch von links gescheitert ist. Mark Siemons meldet, dass der noch stets an der Ausreise gehinderte chinesische Schriftsteller Liao Yiwu diesmal auf dem Weg zur lit.cologne sogar aus dem startbereiten Flugzeug geholt worden ist und trotz höchstrangiger Interventionen das Land wieder einmal nicht verlassen darf.

Besprochen werden die Wiener Uraufführung von Aribert Reimanns neuer Oper "Medea", Dimiter Gotscheffs Berliner Theaterversion von Anton Tschechows Roman "Krankenzimmer Nr. 6" ein Jazz-Konzert mit dem Saxophonisten Tim Garland, dem Vibraphonisten Joe Locke und dem Pianist Geoff(rey) Keezer in Hannover und Bücher, darunter Hartmut Langes Novellenband "Der Abgrund des Endlichen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und David Gelernters Internetmanifest aus der FAZ am Sonntag steht jetzt onliine.

SZ, 02.03.2010

Die Freude über das mögliche Straucheln von Google Books ist allgemein sehr groß. Vergessen wird dabei allerdings, dass es in Deutschland noch nicht die geringste Alternative gibt. Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, benennt die Misere in einem mutigen Text: "Wer Deutschland und seinen Bibliotheken für die Zukunft der digitalen Inhalte Glück wünschen will, hat Schwierigkeiten, einen Adressaten zu finden. Welche der verschiedenen Bibliotheksorganisationen, die sich demnächst wieder zum Bibliothekskongress in Leipzig zusammenfinden, ist die entscheidende? Welche Förderorganisation sitzt am längeren Hebel, die DFG oder das BMBF oder die Länder? Muss man die Nationalbibliothek ermuntern oder erst einmal die Katalogverbünde auflösen?" Lieber Gott, lass Google weiter Fakten schaffen!

Weitere Artikel: Julia Amalia Heyer unterhält sich mit dem Schriftsteller Yishai Sarid ("Limassol") über Geheimdienste in Israel - allzu viel Mitleid mit dem gerade ermordeten Hamas-Funktionär hat er nicht. Vorabgeruckt wird ein Kapitel aus Tony Judts neuem Buch "Das vergessene 20. Jahrhundert", in dem der Historiker vor der Manie voreiliger Vergleiche mit der Vergangenheit warnt. Johannes Willms erzählt die Geschichte eines wiedergefundenen Briefs von Descartes. Henrik Bork informiert uns, dass der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu trotz seines Briefs an Angela Merkel und Interventionen deutscher Politiker nicht zur litcologne reisen darf. Michael Stallknecht verfolgte in Hombroich die erste wissenschaftliche Tagung über das Werk Thomas Klings, der vor fünf Jahren gestorben ist.

Besprochen werden die Ausstellung "Byzanz - Pracht und Alltag" in Bonn, Sibylle Bergs neues (laut Helmut Schödel "wunderbar witziges, auch trostvoll heiteres") Stück "Nur nachts" in Wien, Aribert Reimanns "Medea" gleich nebenan in der Staatsoper und Bücher, darunter das Buch "Die Kälte darf nicht siegen" von Gisela Mayer, die beim Massaker von Winnenden ihre Tochter verloren hat.