Heute in den Feuilletons

Eine Kultur der Jetzigkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.03.2010. Die SZ  berichtet über die Demontage eines Denkmals in Polen: Ryszard Kapuscinski wird vorgeworfen, dass er nicht nur dem Regime recht nahe stand, sondern auch ganz schön geflunkert hat.  Die NZZ ist auf dem Quivive und hat herausgefunden, dass Brooklyn inzwischen angesagter ist als Manhattan, vor allem bei den "Helicopter Moms". Die FAZ liest mit Staunen Cory Doctorows Roman "Little Brother".  Das Blog Carta meldet, dass die SZ 21 Stellen in der Redaktion streicht.

NZZ, 01.03.2010

Brooklyn macht Manhattan Konkurrenz. Der größte New Yorker Stadtteil ist derzeit ein angesagter Ort, an dem man vom Hipster in seinen engen Hosen mit Hornbrille und Che-Guevara-Biografie in der Tasche bis zur "Helicopter Mom" alles finden kann. Andrea Köhler hat sich auf den Weg gemacht und Brooklyn erkundet: "Während Williamsburg so etwas wie eine Hipster-Monokultur ausbrütet, gedeiht in der Nähe des Prospect Park ein anderer Menschenschlag: die sogenannte 'Helicopter-Mom' - und jene, die über sie schreiben. 'Helicopter-Mom' wird jener militant ökologische Frauentypus genannt, der von den biologisch abbaubaren Windeln bis zum Blickkontakt der Sprösslinge alles unter Kontrolle hat."

Weiteres: Zum 200. Geburtstag erinnert Martin Meyer an Frederic Chopin, in dem er den "Prototypus des Leidenden" erkennt. Besprochen werden die Tschaikowsky-Oper "Eugen Onegin" unter der Regie von Yona Kim am Stadttheater Bern und ein Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich mit dem schottischen Dirigenten und Komponisten Oliver Knussen.

Aus den Blogs, 01.03.2010

Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung wird durch 21 Entlassungen gehörig "verschlankt", meldet Sandra Mamitzsch in Carta: "Gekürzt werden soll nicht nur bei den Regionalredaktionen, sondern auch bei der Mantelredaktion der Zeitung. Hier sollen sieben Redakteure und Redakteurinnen ihren Arbeitsplatz verlieren."
Stichwörter: Süddeutsche Zeitung

TAZ, 01.03.2010

Besprochen werden die Ausstellung "Linie Line Linea" mit Zeichnungen von 20 Künstlerinnen und Künstlern in Bonn, eine "Diskurs-Operette" unter dem Titel "Deichkind in Müll" in Hamburg, Frank Castorfs Inszenierung der "Soldaten" an der Berliner Volksbühne und die neue Hängung der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf.

In tazzwei berichtet Reinhard Wolff über die "Entschuldigung" der dänischen Zeitung Politiken für den Abdruck der Mohammed-Karikaturen.

Und Tom.
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Welt, 01.03.2010

Manuel Brug schreibt zum Zweihundertsten von Chopin. Eckhard Fuhr ärgert sich über die Behandlung finanziell ruinierter Kommunen wie Dessau. Gerhard Midding meldet die Verleihung der Cesars. Die Jazz-Sängerin Dee Dee Bridgewater spricht im Interview über ihre neue CD, eine Billie-Holiday-Hommage.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung der Tschechow-Erzählung "Krankenzimmer Nr. 6" (leider eine "Rätselrallye für Insider", meint Ulrich Weinzierl) und die Ausstellung "Licht fangen. Zur Geschichte der Fotografie im 19. Jahrhundert" im neuen Museum für Kultur und Technik in Baden-Baden.

FR, 01.03.2010

Eine Tendenz zum Martialischen hat Sylvia Staude bei der diesjährigen Tanzplattform in Nürnberg bemerkt: "Der Performer von heute trägt offenbar gern Sturmhaube oder wenigstens das T-Shirt überm Gesicht. Dazu Pistole, Peitsche, Blutlache, zur Waffe geformte Finger." Christian Schlüter berichtet von einer Tagung in Essen zu Terror, Religion und Ökonomie.

Besprochen werden eine Aufführung von Händels "Orlando" an der Komischen Oper in Berlin, Dimiter Gotscheffs Version von Tschechows "Krankenzimmer Nr. 6" am Deutschen Theater in Berlin, Frank Castorfs Inszenierung von Lenz' "Soldaten" an der Berliner Volksbühne und die neue CD der Sterne, "24/7".
Stichwörter: Frank Castorf, Oper

SZ, 01.03.2010

Gaubt man Thomas Urban, so wird das Reporterdenkmal Ryszard Kapuscinski durch eine heute in Polen erscheinenden Biografie Artur Domoslawskis offenbar gründlich geschleift. Partei- und Regimenähe war das eine Problem, das andere ein dehnbarer Begriff der Reportage: "Er habe manche Passagen in seinen weltweit erfolgreichen Büchern, gepriesen als unbestechliche Berichte über die Dritte Welt sowie die zerfallende Sowjetunion, schlicht erdichtet. Nebenbei widerlegt Domoslawski das von Kapuscinski vor allem in seinen letzten Lebensjahren mit Eifer gezeichnete Selbstbild, er sei eigentlich ein heimlicher Dissident in der Volksrepublik Polen gewesen."

Weitere Artikel: Niklas Hofmann schwärmt in den Nachrichten aus dem Netz vom Youtube-Kanal des British Film Institute (das gerade die erste Alice-in-Wonderland-Verfilmung von 1903 hochstellte) und fragt, warum so wenige deutsche Archivinstitutionen Googles Videodienst nutzen. Julia Amalia Heyer verfolgte eine Münchner Diskussionsrunde zur "Weltrisikogemeinschaft". Thomas Steinfeld gratulierrt dem ehemaligen Präsidenten der Preußen-Stiftung Klaus-Dieter Lehmann zum Siebzigsten.

Besprochen werden eine große Ausstellung der Sammlung Bührle (die laut Volker Breidecker zu nicht geringem Teil in der Zeit der Judenverfolgung zusammengetragen wurde) in Zürich, die posthume Johnny-Cash-Platte "Ain't No Grave" (rezensiert von Wim Wenders persönlich), eine Adaptation der "Räuber" durch Volker Lösch in Bremen, neue DVDs, eine Ausstellung der Malerin Maria Lassnig in München und Bücher, darunter Don DeLillos neuer Kurzroman "Der Omega-Punkt" ("ausgezehrt, sehnig und doch vibrierend vor Spannkraft" ist dieser Roman laut Christopher Schmidt). Georg Diez und Christopher Roth interviewen den Autor dann auch noch.

Spiegel Online, 01.03.2010

Auch Jan Puhl hat mit Erstaunen Artur Domoslawskis Biografie über Ryszard Kapuscinski gelesen: "Zum Beispiel weist Domoslawski nach, dass Kapuscinski Che Guevara nicht gekannt und den kongolesischen Rebellen Patrice Lumumba nicht getroffen haben kann."

FAZ, 01.03.2010

Fridtjof Küchemann stellt den Science-Fiction-Autor und Blogger (Boingboing) Cory Doctorow und seinen jüngsten Roman "Little Brother" vor. Das Jugendbuch ist eine Anleitung zur Sabotage von Überwachungstechnologien. Zukunftszugewandt, wie lange schon bei Doctorow, ist nicht zuletzt seine Veröffentlichungspolitik. Alles Creative Commons, frei zum Lesen und Übersetzen für jedermann: "Christian Wöhrl, der schon im Juni vergangenen Jahres eine eigene deutsche Übersetzung des Romans ins Netz gestellt hat, spricht von mehr als 140.000 Abrufen seiner PDF-Datei. Was heißt das für das gedruckte Buch, das jetzt bei Rowohlt erscheint? Cory Doctorow ist überzeugt, dass die freie Verbreitung im Internet den Verkaufszahlen seines Buchs nicht schadet"

Weitere Artikel: Aus Anlass eines Gerichtsurteils, das dem PKK-nahen Sender Roj TV die weitere Ausstrahlung erlaubt, warnt Lorenz Jäger davor, die PKK und ihre Freunde ("oft aus der 'antideutschen' Linken") als ungefährlich abzutun. Neue Diskussionen um einen schon etwas älteren Spitzelskandal der Murdoch-Presse schildert Gina Thomas. In der Glosse kommentiert Oliver Jungen die Versuche amerikanischer Universitäten, ganz im Geist der Videoplattform bei Youtube für sich zu werben: Hier ist der Yale-Clip, ein astreines, gut viertelstündiges Musical, das schon fast eine halbe Million mal angeklickt worden ist:



Von der diesmal recht abgespeckten Whitney Biennale (Website) in New York berichtet Jordan Mejias. In deutschen Zeitschriften liest Ingeborg Harms Texte über Stefan George und seinen Kreis sowie Rudolf Borchardt und Hugo von Hofmannsthal. Die Geburstagsglückwünsche der Woche gehen an die Sopranistin Montserrat Figueras (60), den Architekten Roger Diener (60), den Autor und Übersetzer Reinhard Kaiser (60), den kunstaffinen Jesuitenpater Friedhelm Mennekes SJ (70) und den ins britische Königshaus eingeheirateten Fotografen Antony Armstrong-Jones, First Earl of Snowdon (80).

Besprochen werden Niklaus Helblings Inszenierung von Sibylle Bergs Stück "Nur Nachts" am Wiener Akademieheater, eine Aufführung der Händel-Oper "Orlando" an der Komischen Oper in Berlin, eine Ausstellung mit Zeichnungen von Peter Loewy in der Pinakothek der Moderne in München und Bücher, darunter gleich drei Bände, die, so Patrick Bahners, einer "Ideologiekritik der Islamkritik wertvolle Hinweise" geben - interessanterweise nutzt Bahners diese Hinweise auch gleich zu Vorhaltungen gegen die FAZ-Autorin Necla Kelek (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Hinzuweisen ist auf online bisher nicht zu lesendes Internetmanifest David Gelernters ("Das Internet, wie wir es heute kennen, ist eine Maschine zur Verstärkung von vorurteilen"): "Das Internet ist eine Kultur der Jetzigkeit. Das Internet lässt uns wissen, was unsere Freunde und die Welt jetzt gerade treiben..." Gelernter, so annonciert die FAZ online hat ab jetzt eine regelmäßige Kolumne in der FAZ.