Heute in den Feuilletons

Das ist doch eine großartige Geschichte!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2009. Im Freitag beschwört Alexander Kluge die Entstehung des Netzes aus dem Geist der Quanten. Reuters berichtet, dass der Prozess gegen Liu Xiaobo begonnen hat. Laut CNN wird das Urteil für Freitag erwartet. In der FAZ beschreibt Ernest Wichner den Zustand Rumäniens zwanzig Jahre nach 89 als unberechenbar. Die FR studiert ein Killer-App für das Iphone. Die FAZ bringt außerdem nochmal eine ganze Seite zum Fall Hans Heinrich Eggebrecht.

Weitere Medien, 23.12.2009

Die Agentur Reuters berichtet über den Prozessauftakt gegen Liu Xiaobo.

Aktualisiert um 9.05 Uhr: CNN berichtet, dass der Prozess beendet ist. "Shang Baojun, Liu's lawyer, told CNN that the trial was finished, and sentencing was scheduled for Friday. Liu has been accused of 'inciting subversion' by Chinese authorities. A few dozen supporters of Liu gathered outside the courthouse, waving signs and wearing placards." Auch der Parisien berichtet aktuell.
Stichwörter: CNN, Liu Xiaobo, Der Prozess

Perlentaucher, 23.12.2009

Ein seltsames Desinteresse herrscht in Deutschland am Fall des chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo, konstatiert Sabine Pamperrien im Perlentaucher: "Schon die Charta 08, die am Menschenrechtstag 2008 im Internet veröffentlicht wurde, stieß hierzulande auf geringes Interesse. In dem von 303 Erstunterzeichnern publizierten Manifest werden unter anderem Rede-, Presse- und Meinungsfreiheit eingefordert - unter bewusstem Bezug auf die Charta 77, der mitteleuropäische Medien hellhörig machen sollte." Liu wird heute der Prozess gemacht, ihm drohen 15 Jahre Haft.

Freitag, 23.12.2009

Alexander Kluge macht den altlinken Utopisten im Gespräch mit den Freitag-Redakteuren nicht allzu viele Hoffnungen in punkto Alternativen zum Kapitalismus: "Ich habe von keinem, dem ich vertrauen würde, ein Rezept gehört, wie man eine andere, nicht Clan-gesteuerte, nicht gewalttätige Ordnung schaffen soll, die Menschen so eifrig macht und die Waren bis nach Sinkiang bringt." Sehr schön spricht Kluge auch über die Entstehung des Netzes: "Man muss sich den Ursprung der Netz-Technologie richtig vor Augen führen: Die Schweizer Feinmechanik und die Einsteinsche Physik bauen gemeinsam ihre Fragestellung im CERN auf - die Beschäftigung mit etwas so Kleinem wie den Quanten, dieses Kleine, das das Spiegelbild des Großen im Kosmos ist. Der Nachrichtenaustausch darüber ist so komplex, dass dafür das Internet erfunden wurde - zunächst als Binnenkommunikation zwischen Physikern - das macht dann zunächst noch einen Umweg über das Pentagon, aber dann eignet sich die Menschheit das an! Das ist doch eine großartige Geschichte!"
Anzeige
Stichwörter: Internet, Alexander Kluge

TAZ, 23.12.2009

Sehr nützlich: Die taz-Kulturredaktion gibt Weihnachtsgeschenktipps in letzter Minute. Besprochen wird Leander Haußmanns Film "Dinosaurier" (mehr hier) mit Walter Giller und Nadja Tiller. In tazzwei erzählt Max Büch, wie Facebook sein Konto sperrte. Er firmierte dort als "Max Mustermann", aber "Facebook does not allow users to register with fake names".

Und Tom.

FR, 23.12.2009

Buchstäblich ein Killer-App ist die heißeste neue Applikation für Apples Iphone. Entworfen hat sie, berichtet Patrick Beuth auf der Medienseite, die Firma Raytheon, eines der größten Rüstungsunternehmen der USA. Mit dem App kann man "im Gefecht unter anderem die Position von eigenen und fremden Truppen in Echtzeit lokalisieren" und dann abhörsicher den Angriff fordern.

Besprochen werden Jane Campions Keats-Film "Bright Star" ("Von allen Campion-Heldinnen, die sich in den 'falschen' Mann verlieben, trägt Fanny Brawne am wenigsten rebellischen Geist in sich", meint Michael Kohler), Fatih Akins Film "Soul Kitchen" ("der größte Hamburg-Film seit 'Große Freiheit Nummer 7'", behauptet Daniel Kothenschulte), Leander Hausmanns Filmkomödie "Dinosaurier - Gegen uns seht ihr alt aus!" ("erstaunlich zahnlos", murrt Michael Kohler), der von Pascal Touzeau in Mainz auf die Bühne gebrachte Tanztheaterabend "Rebound", Rainald Grebes Karl-May-Festspiele in Leipzig und ein Buch über Korruption, Uli Reiters "Lärmende Geschenke" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 23.12.2009

Thomas Kielinger weiß zu berichten, dass der Vikar der St. Lorenz Gemeinde im britischen York, Father Tim Jones, wie einst Kardinal Frings das Stehlen freigegeben hat, was in schweren Zeiten immerhin besser als Prostitution sei: "'Ich rate freilich', so fuhr Reverend Jones Fort, 'nicht mehr zu nehmen als benötigt, und auch nur so lange wie nötig.'"

Außerdem: Hanns-Georg Rodek frohlockt über Fatih Akins Hamburg-Komödie "Soul Kitchen": "Sie ist gleichzeitig robust und sinnlich, sentimental und cool." Der Theologe Gerd Lüdemann widmet sich der wundersamen Karriere von Johannes dem Täufer im Christentum. Peter Dittmar besichtigt die von Luc Tuyman und Ai Weiwei kuratierte Ausstellung "The State of Things" in Brüssel, die chinesische und belgische Künstler versammelt. Eckhard Fuhr meldet, dass sich Alt Tucheland im Oderbuch ein Rio-Reiser-Klangzimmer gibt. Manuel Brug verabschiedet den Dirigenten Franz Welser-Möst aus Zürich. Gemeldet werden Proteste der Verleger gegen die Pläne der ARD, ihre Tagesschau kostenlos als Apps zu versenden.

NZZ, 23.12.2009

Naomi Bubis schildert, wie Israels Orthodoxe Juden immer wieder erfolgreich gegen den säkularen Staat opponieren, dabei aber die Segnungen des modernen Sozialstaats durchaus für sich nutzen: "Israels Regierungen - ob links oder rechts - zeigen sich meist kompromissbereit gegenüber dem orthodoxen Lager. Keine Regierung hat es bisher gewagt, am Status quo zu rütteln."

Weiteres: Der Historiker Christoph Jahr versucht die Frage zu klären, wie demokratisch Hitler an die Macht gekommen ist und was das für die Debatte um Plebiszite bedeutet. Besprochen werden eine Ausstellung der Künstlerin Jenny Holzer in der Fondation Beyeler, Wilfried Rotts Geschichte West-Berlins "Die Insel", Diane Meurs Familiensaga "Die Lebenden und die Geister" und Christian Schuldts Geschichte "Klatsch!" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 23.12.2009

Im Natur-und-Wissenschaften-Teil der Zeitung ist eine ganze Seite Boris von Hakens Enthüllung über den Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht gewidmet. Für den Musikwissenschaftler Friedrich Geiger ist es nach Lektüre des Artikels "wahrscheinlich, aber nicht gewiss", dass Eggebrecht an der Erschießung von 14.000 Juden auf der Krim beteiligt war. Er hält fest, dass in Sachen Musik viele "weiterhin dachten und redeten wie im Dritten Reich. Ihre Wirkung konnte erheblich sein, wie bei dem Musikschriftsteller Walter Abendroth, der nach Kriegsende Feuilletonchef der Zeit wurde und 1959 eine weit verbreitete, oft aufgelegte 'Kurze Geschichte der Musik' schrieb, deren Nähe zum NS-Musikdiskurs kaum auffiel, weil man Ähnliches etwas milder auch bei vielen anderen las. Wer Eggebrechts Bücher nun in den Giftschrank verweist, verdrängt, indem er den vermeintlichen Einzelfall entsorgt, ein Problem, das die Musikwissenschaft im Innersten betrifft."

Außerdem: Der Historiker Götz Aly hält es im Interview für "ziemlich eindeutig", dass Eggebrecht tatsächlich an den Verbrechen auf der Krim beteiligt war. Der Musikwissenschaftler Richard Klein findet es unfair, Eggebrecht jetzt Germanophilie vorzuwerfen, denn "welcher Musikhistoriker dieser Generation war nicht germanophil? Auch für den neun Jahre jüngeren Carl Dahlhaus gab es im Grunde nur Beethoven, Wagner und Schönberg".

Weitere Artikel: Der rumäniendeutsche Germanist Ernest Wichner beschreibt im Feuilleton den aktuellen Zustand Rumäniens zwanzig Jahre nach der Revolution als "unberechenbar". Michael Hanfeld schießt wieder gegen die Öffentlich-Rechtlichen. Die ARD will ein Iphone-App anbieten, Hanfeld kann darin keinen Service, sondern nur nur eine Wettbewerbsverzerrung erkennen. Dieter Bartetzko bringt uns auf den neuesten Stand des Nofretete-Rückgabe-Streits. Paul Ingendaay schildert katalanische Diskussionen um ein mögliches Corrida-Verbot. Eher verzweifelte Versuche westfälischer Kommunen, Gelder aufzutreiben, schildert Andreas Rossmann in der Glosse. Auf der DVD-Seite werden unter anderem eine DVD-Box mit zehn Filmen von Jean-Luc Godard und Neueditionen der Klassiker "Vom Winde verweht" und "Der Zauberer von Oz".

Besprochen werden zwei Theaterinszenierungen in London, darunter eine mit Keira Knightley, Jane Campions Film "Bright Star", und Bücher, darunter Claudio Magris' Orpheus-Neuerzählung "Verstehen Sie mich bitte recht" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 23.12.2009

Martina Knoben bespricht Fatih Akins neuen Film "Soul Kitchen" (mehr hier) als multikulturelles Weihnachtsmärchen. Susan Vahabzadeh geht in einem zweiten Artikel der Frage nach, was es mit den Plagiatsvorwürfen des Autors Alexander Wallasch auf sich hat (offenbar nicht allzu viel). Nina Berendonk will dem Boom in den Buchhandlungen nicht ganz trauen - denn es profitierten davon nur einige Bestseller. Javier Caceres berichtet über einen spanischen Jazzfan, der bei einem Konzert sein Geld zurück wollte, weil die dargebotene Musik kein Jazz sei, und der daraufhin landesweite Debatten um das Wesen des Jazz entfachte und vom wertkonservativen Trompeter Wynton Marsalis mit seinen CDs beschenkt wurde. Holger Liebs schreibt zum Neunzigsten des Malers Pierre Soulages. Hermann Unterstöger gratuliert dem Latinisten Wilfried Stroh zum Siebzigsten.

Besprochen werden Bachs "Weihnachtsoratorium" als szenische Collage im Berliner Radialsystem ("Am Ende erringt eine wild improvisierende Jazz Combo den Sieg", berichtet Wolfgang Schreiber), die Ausstellung "Schöne Madonnen am Rhein" in Bonn, eine Goldoni-Inszenierung von Claus Peymann am BE (von Till Briegleb als "Altherrentheater" abgefrühstückt), Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" in Köln und Bücher, darunter Ingo Schulzes Essayband "Was wollen wir?" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).