Heute in den Feuilletons

Worte wieder wie Dinge

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.10.2009. Die FR fasst zusammen: "Es ist eine kluge, geschmacksichere, kühne, politisch sensible und also äußerst erfreuliche Wahl." Und so sehen es die anderen Feuilletons auch. "Es ist ein Bekenntnis zu Artistik und Ethik als zwei Seiten einer Medaille ", schreibt die FAZ. Und dem Titel-Magazin kommt ein Satz Faulkners in den Sinn: "Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist noch nicht einmal vergangen." Die NZZ beschreibt Müllers poetisches Verfahren. Nur die SZ kritisiert Herta Müllers Werk als "monomanisch".

NZZ, 09.10.2009

Andrea Köhler ist begeistert von der Entscheidung der Schwedischen Akademie in Stockholm und beschreibt Herta Müllers Literatur als Kampf gegen die Sprache der Diktatur unter Ceaucescu: "Wo das Ganze die gegen jeden Einzelnen rabiat durchgesetzte Wirklichkeit ist, beginnt man in Einzelheiten zu leben. Und vielleicht kommt nur so, aus einem durch tausend Tode durchschrittenen Abstand zur verordneten Realität, eine Dichtung zustande, in der die Worte wieder wie Dinge sind, Dinge, die es in der Realität nicht gibt. Dinge wie 'Teigschuh', wie 'Himmelmuttermal' oder 'Löffelbieger'. Herausgeschnitten aus ihrem falschen Zusammenhang, fängt die Sprache an, neue Allianzen zu bilden. Herta Müllers Vokabular setzt die Welt wieder neu zusammen. Doch so, wie sie dann dastehen, erzählen die Sätze immer auch von dem durchschrittenen Abstand."

Weitere Artikel (die heute morgen alle noch nicht online sind): Marc Zitzmann überschaut den Bücherherbst "rentree litteraire" in Frankreich und ist sichtlich erbost über die einfallslose Berichterstattung im Figaro. Andreas Breitenstein resümiert einen Vortrag des amerikanischen Politologen Robert Kagan an der Universität Zürich, der einen neuen Nationalismus beobachtet. Markus Ganz stellt die Rückkehr der Pop-Folklore in der Schweiz fest.

Besprochen werden die Aufführung von Prokofjews Ballett "Cendrillon" am Grand Theatre in Genf, zwei Uraufführungen von Werken des Komponisten Rolf Urs Ringger durch das Tonhalle-Orchester Zürich, Bob Dylans Weihnachtsalbum "Christmas in the Heart" sowie die beiden Premieren von Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee" und Grimmelshausens "Simplicissimus Teutsch" in Hannover.

Aus den Blogs, 09.10.2009

Sehen Sie den Mann auf diesem Foto?




Das ist kein Photoshopeffekt. Der chinesische Künstler Liu Bolin malt sich an und tarnt sich in den Farben und Konturen der Umgebung. Zwei Einflüsse benannte er in einem Interview mit dem Whitehot Magazine im April 2008: "There are two main influences. The first is the environment, the experience of living. That's my main influence. The second influence would be the demolishment of Suojiacun Village, the art village where I lived with my friends. That was my first time to be personally affected in a major way by the government?s decisions. They destroyed my studio and made me homeless! After all that I became very concerned with the state of China. My work is really an expression of my concern." Mehr hier und hier.

Welt, 09.10.2009

Ernest Wichner, Leiter des Literaturhauses Berlin, würdigt Herta Müller aus sehr persönlicher Sicht. Er verfolgte mit, wie Müller ihr Projekt "Atemschaukel" (Leseprobe) zunächst mit Oskar Pastior begann, bevor sie es allein verwirklichen musste. "Und ich war, als das Buch abgeschlossen war, begeistert und erschüttert von der Genauigkeit und der Liebe, mit der Herta Müller das Porträt des Freundes geschaffen hatte. Dass sie eine Sprache gefunden hatte für Hunger, Tod, Leid, Überlebenskampf, Opportunismus, Freude und Scham und all das unaufzählbar Viele, das den Menschen im Prozess seiner Entmenschlichung heimsucht und plagt."

Tilman Krause schreibt auf Seite 3: "Es sind vielleicht die eindringlichsten Bücher Herta Müllers, die mitten im hedonistischen Berlin der späten Achtzigerjahre entstanden und nun auch noch diese Entfremdungserfahrung zum Thema machen: als Traumatisierte, durch die Höllen des Totalitären Gegangene sieht sie sich angesichts des alten West-Berlins in einem Umfeld, das sich der großen Freiheitsprivilegien, die es täglich genießt, überhaupt nicht bewusst ist!"

Weitere Artikel: Hendrik Werner staunt über die Präzision der Wettquoten von Ladbroke's vor der Bekanntgabe der Literaturnobelpreise und vermutet doch keine Manupulation, da das Büro zuweilen auch kräftig daneben lag. Klaus Honnef schreibt zum Tod des Fotografen Irving Penn. "mibo" kolportiert Gerüchte, dass der amerikanisch-israelische Medienunternehmer Chaim Saban (der dem Springerkonzern wohlbekannt ist) bei al Dschasira einsteigen soll. Manuel Brug unterhält sich mit Cecilia Bartoli, die auf ihrer neuen CD und Konzerttournee Arien singt, die einst für Kastraten geschrieben wurden. Und Marko Martin erinnert an den Literaturwissenschaftler Alexander von Bormann.
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Weitere Medien, 09.10.2009

Gerade hat Conde Nast vier Magazine geschlossen, aber die Krise geht weiter, meldet Newsweek: "Based on estimates of publishing data, Conde Nast could see its ad revenue drop by $1 billion in 2009."
Stichwörter: Conde Nast

TAZ, 09.10.2009

Großer Bahnhof für Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Auf den Tagesthemenseiten beschreibt Jörg Magenau sie jenseits ihres Rufs als "Chronistin des Alltagslebens in der Diktatur" als eine Schriftstellerin, "die so kompromisslos wie keine andere die Existenzbedingungen im Zeitalter der Großideologien zur Sprache bringt - zu einer Sprache, in der all der Schrecken, den sie erlebte und den sie nicht loswerden kann, in poetischen Bildern aufgehoben ist". In seinem Kommentar auf Seite 1 meint Dirk Knipphals, dass in dieser Verleihung auch eine Verpflichtung liege: "Und zwar dazu, auch in unseren sehr viel fremderen Literaturen nach den Büchern zu suchen, in denen gegenwärtige Konfliktlinien verhandelt werden. Wer diesen Preis gut findet, darf etwa an die chinesische Literatur nicht andere Maßstäbe anlegen. (...) Man darf als Europäer nicht Gefahr laufen, dass man die eigenen historischen Konflikte so ernst nimmt, dass man sie mit dem einzigen Weltliteraturpreis, den es gibt, auszeichnet. Und gleichzeitig die Konflikte außerhalb Europas unter den Teppich kehrt."

Flankierend zu lesen ist der Text "Tod oder Knast oder Kinder", den Herta Müller 1988 für die taz geschrieben hat und in dem es um den Sozialismus mit unmenschlichem Antlitz und dessen Umgang mit Frauen geht. Außerdem ein Werkverzeichnis und Reaktionen auf die Verleihung.

Auf den Kulturseiten sinniert Karl Bruckmaier darüber, warum Bob Dylan wieder nicht den Nobelpreis für Literatur bekommen hat - wobei seine anspielungsreichen Songtexte ohne seine Gitarre, seine Band und seine Platten gar nicht funktionierten. Sollte er ihn indes je doch einmal bekommen, "dann nicht für seine Imitation von Lyrik, nicht für seine informativ-modernistische Biografieprosa, nicht für die Rehabilitierung oraler Traditionen und schon gar nicht für all die tatsächlichen Dichter, die er zitiert oder beklaut hat (der Preis als Fleißbildchen), sondern für seine größenwahnsinnige Chuzpe, die Literaturwelt davon überzeugt zu haben, dass sie sich nur dann weiterdrehen kann, wenn sie einen wie ihn auszeichnet und damit eingemeindet."

Besprochen werden die Ausstellung "Berlin 89/09 - Kunst zwischen Spurensuche und Utopie" in der Berlinischen Galerie, die Einblicke in die Prozesse zu geben sucht, in denen sich die Stadt seit der Wende verändert hat, und das Album "Get Color" der kalifornischen Band Health.

Und Tom.

Titel-Magazin, 09.10.2009

Wolfram Schütte schreibt im Titel-Magazin: "Der berühmte Satz Faulkners in seiner Nobelpreisrede: 'Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist noch nicht einmal vergangen' könnte auch über Herta Müllers poetischer Aufarbeitung ihrer Lebenszeit in Rumänien als deren Motto stehen."

FR, 09.10.2009

Keine Links zur FR heute morgen. Irgendwas namens rc.de.adlink.net verhindert, dass die Seiten sich öffnen.

Dass Herta Müller mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, hat Ina Hartwig nicht wirklich überrascht. "Denn Herta Müller ist zweifelsohne eine singuläre Stimme nicht nur der deutschsprachigen Literatur, sondern der Weltliteratur, wie die Nobelpreisjury nun endgültig unterstreicht. Es ist eine kluge, geschmacksichere, kühne, politisch sensible und also äußerst erfreuliche Wahl. Die Auszeichnung gilt einer Autorin, die ihr bisheriges Werk den Diktaturerfahrungen im weitesten Sinne gewidmet hat. Wie schon ihr ungarischer Nobelpreiskollege Imre Kertesz, wie überhaupt jeder Literat von Weltrang, ist Herta Müller dabei absolut gefeit vor Sentimentalität und Moral."

Jing Bartz, Leiterin des Buchinformationszentrums Peking der Frankfurter Buchmesse, erklärt im Interview, wie schwierig es ist, die GAPP (die chinesische Zentralverwaltung für Presse und Publikationen) davon zu überzeugen, dass es kontraproduktiv wäre, wenn China auf der Buchmesse "nur ein konservatives, traditionelles und politisch korrektes Bild von sich zeichnet". Aber es gibt auch Fortschritte: "Zum Beispiel ärgern mich bis heute einige Namen auf der Liste der offiziell eingeladenen Autoren. Wenn diese Leute in Frankfurt auftreten, bin ich besorgt, dass sie ein negatives Chinabild vermitteln. Das verstehe ich oft nicht - China ist schon viel weiter, als es sich extern - also im Ausland gibt. In China ist sehr viel mehr möglich, als Westler vermuten. Andererseits weiß ich auch, dass China in Sachen Öffentlichkeit Fortschritte macht - und auch machen will. Die Entscheidung, sich in Frankfurt zu präsentieren, ist eine Chance, aber auch ein Risiko für die Regierung. Ich finde es bemerkenswert, dass das offizielle China diesen Schritt geht. Es ist ganz sicher ein Gesprächsangebot, das nicht ausgeschlagen werden sollte."

Weiteres: DaK schreibt zum Tod des Fotografen Irving Penn. Besprochen werden eine Ausstellung zu dem Architekten Martin Elsaesser, Nicolas Joels Saisoneröffnung mit Charles Gounods Oper "Mireille" im Palais Garnier in Paris, Shakiras neue CD und Wolfgang Sofskys "Buch der Laster" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 09.10.2009

Als Entscheidung, die manchen Missgriff der letzten Jahre wiedergutmacht, kommentiert Tilman Spreckelsen auf der ersten Seite die Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller: "Indem nun auch Herta Müller dieser Preis zuerkannt worden ist, geht von der Stockholmer Akademie ein Signal aus, das einige törichte Entscheidungen der vergangenen Jahre vergessen machen könnte. Es ist ein Bekenntnis zu Artistik und Ethik als zwei Seiten einer Medaille und nicht zuletzt auch zu einer zerstörten Diasporakultur und ihrer wortmächtigsten Bewahrerin. Auch deshalb ist die Stockholmer Entscheidung ein großer Tag für die deutsche Literatur."

Im Literaturteil sieht die völlig mit der Entscheidung einverstandene Felicitas von Lovenberg das Werk Müllers auch als Vorbild für weite Teile der deutschen Literatur: "Es funkelt dunkel und scharfkantig in eine Szenerie hinein, die ziemlich schicksalslos-locker ihre - im Vergleich zu ihr - doch kleineren Krisen- und Beziehungskreise abschreitet."

Außerdem gibt Friedmar Apel eine kurze Einführung in Herta Müllers Werk. Ihr Verleger Michael Krüger im Interview über ihre erste Reaktion auf die Ehrung: "Sie hatte buchstäblich keine Worte. Wir haben uns am Telefon stumm umarmt." Daneben würdigen Ilija Trojanow, Andrzej Stasiuk und, recht ausführlich, Michael Lentz die Kollegin. Die im Banat aufgewachsene FAZ-Mitarbeiterin Katharina Kilzer erinnert sich an die literarischen Anfänge der Autorin. Abgedruckt wird auch ein Gespräch mit der Autorin zu ihrem jüngsten Werk "Atemschaukel".

Weitere Artikel: Jürg Altwegg schildert, wie der französische Kulturminister Frederic Mitterand als Nebenwirkung seiner Unterstützung von Roman Polanski selbst in einen Sittenskandal gerät. Günter Kowa stellt den Siegerentwurf für das zukünftige Gebäude der Bundeskulturstiftung (Website) in Halle vor. Über neue Verhandlungen zum Google Books Settlement informiert Jordan Mejias. Spürbar erbost nimmt Patrick Bahners am Beispiel der jüngsten Sendung zu den Sarrazin-Thesen die Debattentechnik von Frank Plasbergs "Hart, aber fair" auseinander. Julia Voss unterhält sich mit Marion Ackermann, der neuen Leiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. In der Glosse berichtet Kerstin Holm von einem recht einsamen Geburtstagsessen Wladimir Putins, zu dem dieser eine Reihe russischer Schriftsteller eingeladen hatte, die dann aber alle nicht kamen. Freddy Langer schreibt zum Tod des Fotografen Irving Penn.

Besprochen werden Robin Orlyns im Louvre aufgeführte Choreografie "Babysitting Petit Louis", die Eröffungsinszenierungen von Ibsens "Wildente" und Goethes "Clavigo" am Theater in Potsdam und Jeff Nichols' Film "Shotgun Stories".

SZ, 09.10.2009

Für eine gute Schriftstellerin hält Thomas Steinfeld die Nobelpreisträgerin Herta Müller schon, nur nicht für eine wirklich große. Darum gilt, meint er: "Es muss jetzt wohl sein, dass sich Leser und literarische Kritik bis auf weiteres von einer lieben Vorstellung trennen: dass der Nobelpreis für Literatur eine Belohnung für die besten Dichter und die besten Werke sei." Das grundsätzliche Problem, das er mit der Autorin hat, liegt in ihrer Beschränkung auf einen Ort (Banat), eine Zeit (die Diktatur), ein Thema (das Schreckliche): "Denn so, wie es eine Suche nach Schutz vor dem Schrecklichen gibt, so gibt es auch eine Suche nach Schutz im Schrecklichen. Daher kommt das Unerbittliche bei Herta Müller. Daher kommt auch das Eingeschränkte, fast Monomanische ihrer Literatur, das sie nicht zu einer wirklich großen Dichterin werden lässt."

Im Interview, das Lothar Müller nach Bekanntgabe der Auszeichnung mit der Autorin geführt hat, weiß Herta Müller noch nicht, wie ihr geschieht: "Bei mir ist noch gar nichts angekommen. Ich bin so wie abgeschaltet. Offenbar gibt es so eine Art Kompass im Kopf, eine Schutznadel, die das irgendwie etwas blockiert. Ich weiß das, aber es sagt mir nichts. Gefühlsmäßig sagt es mir noch nichts. Wenn das so bleibt, kann einen das ja auch beuteln. Ich möchte nicht gebeutelt werden. Ich bin jetzt ganz stoisch, ich bin es ja auch nicht, es sind ja die Bücher. Das muss man ja auch alles einordnen. Ich glaube, das geht schon."

Außerdem werden Stimmen gesammelt, von Mircea Dinescu bis Angela Merkel. Abgedruckt werden außerdem noch Auszüge aus dem Hörbuch "Die Nacht ist aus Tinte gemacht. Herta Müller erzählt über ihre Kindheit im Banat" (dazu gab es auch ein Interview mit Herta Müller im Deutschlandfunk).

Weitere Artikel: Die reaktionären Kräfte sitzen in der Türkei zuvörderst in der Justiz - das zeigt sich für Kai Strittmatter wieder einmal sehr deutlich angesichts eines neuen Urteils, das Tür und Tor öffnet für weitere Klagen gegen Orhan Pamuk. Vom Auftakt des Steirischen Herbstes in Graz berichtet Jürgen Berger. Thomas Avenarius liefert Hintergründe zum Kunstschätze-Streit zwischen Ägypten und Louvre. Holger Liebs schreibt zum Tod des Fotografen Irving Penn.

Besprochen werden Christof Loys Inszenierung des "Tristan" in London, drei wegen des Antritts neuer Intendanten mit Spannung erwartete Musiktheater-Premieren auf einen Streich, in Köln Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung der "Meistersinger", in Düsseldorf Immo Karamans Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" und eine "Salome" in Duisburg (nur in Düsseldorf hat Michael Struck-Schloen wirklich Gelungenes gesehen), ein Münchner Klavierabend mit Kit Armstrong und Harry Nutts Feuilletons übers Laster "Mein schwacher Wille geschehe" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).