Heute in den Feuilletons

Identische Originale

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.07.2009. Die FR erklärt, warum wir nicht in Paris leben können. In der NZZ sieht Bahman Nirumand echte Risse in der islamischen Herrschaft im Iran. Die taz lässt sich von Regisseur Marco Bechis erklären, was man von einem schweigenden Clint Eastwood lernen kann. Die SZ will Open Access doch eine Chance geben. In der FAZ ruft der Schriftsteller Thomas von Steinaecker seinen Kollegen zu: Lasst den vermeintlichen Realismus hinter euch!

FR, 15.07.2009

Werner Girgert erzählt, warum es sich kaum noch jemand leisten kann, in Paris zu leben. "Allein seit dem Jahr 2000 haben sich die Preise für Eigentumswohnungen im Altbaubestand verdoppelt auf durchschnittlich rund 6.000 Euro für den Quadratmeter. Für eine Mietwohnung fallen zwischen 17 und 23 Euro pro Quadratmeter an. Die Finanzkrise hat dem Pariser Immobilienmarkt zwar einen leichten Dämpfer versetzt. Größere Eigentumswohnungen lassen sich zurzeit nur schwer vermarkten. Von sinkenden Preisen kann jedoch keine Rede sein. Besonders die Jüngeren unter den Besserverdienern, Kreative und Künstler weichen auf der Suche nach bezahlbaren Wohnungen verstärkt in die ärmeren östlichen Arrondissements aus.... Wenn die Gentrifizierung bislang dennoch nicht mit gleicher Wucht über die östlichen Arrondissements hinweg rollt wie über das Zentrum, ist das einzig dem hier traditionell dichten Bestand an Sozialwohnungen zu verdanken, der wie ein Bollwerk gegen die Immobilienspekulation wirkt."

Weitere Artikel: In Times mager springt Ina Hartwig den "Vorlesern" zur Seite, die es besser könnten, wenn das ZDF sie nur ließe. Joachim Lange beschreibt, wie das Petersburger Michailowski-Theater versucht, sich international zu positionieren.

Besprochen werden der neue Harry-Potter-Film (von dem Heike Kühn absolut hingerissen ist), eine Seiltanz-Show von Antoine Rigot und Warlam Schalamows Essays "Über Prosa" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 15.07.2009

Bahman Nirumand sieht echte Risse im Fundament der islamischen Herrschaft im Iran. Der Wahlbetrug und die Niederschlagung der Proteste hätten die Führungszirkel gespalten: "Um Revolutionsführer Chamenei und Staatspräsident Ahmadinedschad ist es einsam geworden. Nahezu sämtliche gestandenen Männer des islamischen Staates, Staats- und Parlamentspräsidenten, Abgeordnete und Träger von Schlüsselpositionen wie auch nahezu die gesamte Intelligenz des Landes, die jahrzehntelang den Staat gelenkt haben, stehen auf der anderen Seite. Und die Feindschaft zwischen den Fronten ist bereits so weit gediehen, dass eine Versöhnung undenkbar erscheint. Das Ausmaß des Konflikts wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass auch die geistigen Würdenträger, die Großayatollahs, zu den vereinsamten Machthabern auf Distanz gegangen sind. Entgegen dem bisherigen Brauch haben sie, bis auf einen einzigen, Ahmadinedschad nicht zu seinem angeblichen Sieg gratuliert."

Besprochen werden eine Retrospektive des Eichstätter Architekten Karljosef Schattner in der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst in München, Olivier Pys "zeitgeistige" Inszenierung des "Idomeneo" in Aix-en-Provence, die auf Italienisch herausgekommenen Tagebücher von Johannes XXIII., Benjamin Markovits' Roman "Manhattan Love Story", Navid Kermanis Koran-Heft "Sprache als Wunder" und Jürg Laederachs Band "Depeschen nach Mailland" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 15.07.2009

Cristina Nord unterhält sich mit dem Regisseur Marco Bechis über seinen Film "Birdwatchers", in dem brasilianische Indianer die Hauptrolle spielen. Er erzählt, wie er ihnen das Spielen beigebracht hat: "Wir haben Filme von Hitchcock und Sergio Leone geguckt. Dabei ist ihnen klar geworden, wie ausdrucksstark ein schweigender Clint Eastwood ist. So konnten sie begreifen, wie wichtig Pausen und Blicke sind."

Besprochen wird die neueste Harry-Potter-Episode. Reinhard Wolff berichtet, das der Fruchtkonzern Dole gegen den Dokumentarfilm "Bananas!" des schwedischen Regisseurs Fredrik Gertten vorgeht.

Und Tom.

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Aus den Blogs, 15.07.2009

(Via BoingBoing) Doogie Horner hat eine Schautafel zusammengestellt, auf die die Welt lange gewartet hat: "Things to say during sex".

Welt, 15.07.2009

Ulrich Baron erzählt, welchen Vorläufer das Solarenergie-Projekt Desertec hat: das Projekt Atlantopa des Architekten Hermann Sörgel aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. In New York hat sich Hannes Stein von Gideon Rose, Herausgeber der Zeitschrift Foreign Affairs, erklären lassen, warum Barack Obama so wenig Außenpolitik wie möglich betreiben wird. Hendrik Werner berichtet über eine Webseite, die demnächst mit Karten und Erklärungen "Deutsche Dialekte im Alpenraum" vorstellt. Manuel Brug erklärt am Beispiel von Pina Bausch, wie schwer es ist, ein choreografisches Erbe lebendig zu halten. Reinhard Wengierek porträtiert den Theaterintendanten Christoph Nix, der der Liebling der Konstanzer geworden ist. Berthold Seewald berichtet über die Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts in Jerusalem und Amman.

Besprochen wird eine Sempe-Ausstellung in der Münchner Staatsbibliothek.

Unter der Überschrift "Die Muslima und der Russlanddeutsche" denkt Thomas Schmid im Forum über den Mord im Dresdner Gerichtssaal nach.

Berliner Zeitung, 15.07.2009

Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erklärt in einem Gespräch mit einem leider nicht genannten Interviewer, warum es in seinen Bücher so drastisch zugeht. Er antwortet dabei auf eine Bemerkung John Updikes, dass der chinesische Roman kein "viktorianisches Zeitalter hatte, das ihn Anstand gelehrt hätte": "Meine Bücher spielen alle vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte der letzten hundert Jahre, und die bestanden eben vor allem aus Krieg und Elend. Das ist auch meine persönliche Lebenserfahrung. Ich bin 1955 in einem armen Bauerndorf geboren und in der Zeit des Klassenkampfes aufgewachsen. Wegen der Kulturrevolution konnte ich nur fünf Jahre lang die Schule besuchen, danach musste ich in die Welt der Erwachsenen hinein. Die Menschen haben sich damals pausenlos gegenseitig niedergemacht, mal mit Worten, mal mit körperlicher Gewalt. Wie sollte John Updike mit seinem gepflegten amerikanischen Mittelstandshintergrund das verstehen? Chinas Wahrheit ist eben nicht so elegant."

SZ, 15.07.2009

Vor zehn Jahren erfand der damals 18-jährige Shawn Fanning die Musik-Tauschbörse Napster (und landete ein Jahr später auf dem Cover des Time Magazines). Man könnte sagen, damit ging der Ärger um die Verwertungsrechte der Kulturindustrie los. Man könnte auch sagen, damit ging eine faszinierende Revolution los, legt der Redaktionsleiter von jetzt.de, Dirk von Gehlen, uns nahe: "Hier liegt der revolutionäre Gedanke, die digitale Kopie erschafft etwas, das es vorher nicht gab: identische Originale. Deshalb traf und trifft der Vorwurf des Diebstahls die Tauschbörsen-Nutzer nur eingeschränkt. Sie haben nicht das Gefühl, etwas wegzunehmen oder zu stehlen. Wenn sie einen Song von einem fremden Rechner nehmen, also kopieren, verschwindet dieser ja dort nicht, er ist an beiden Orten vorhanden. Dieser Aspekt und die Faszination der schieren Masse [an 1999 sonst nirgends digital angebotener Musik, Anm. PT] haben mindestens so viel für die Popularität von Napster getan, wie die Tatsache, dass die Songs kostenfrei zur Verfügung stehen."

"Geben wir also Open Access eine Chance", ruft Johan Schloemann etwas zögernd, nachdem er die Vor- und Nachteile der Bewegung abgewogen hat. Zwei Argumente, die von den Open-Access-Gegnern des Heidelberger Appells in den Ring geworfen wurden, kann er jedenfalls nicht nachvollziehen: Die Behauptung, im Netz gebe es keine Kontrolle der wissenschaftlichen Leistung, und die Behauptung, Open Access zwinge Wissenschaftlern die Freiheit ab, im Verlag ihrer Wahl publizieren zu dürfen. "Laut Directory for Open Access Journals (DOAJ) existieren heute weltweit schon 3.800 Open-Access-Fachzeitschriften, das sind rund 15 Prozent aller 25.000 Zeitschriften mit Peer Review, also mit geregelter Kollegenkontrolle. (...) Man wird fortan auf das Wohl der privaten Verlage genauer achten müssen, denn sie bleiben Garanten von Qualität und Vielfalt. Aber das Schreckgespenst einer staatlich monopolisierten Publikationskultur ist völlig übertrieben. Ein Zwang, alles auf den Online-Portalen der Wissenschaftseinrichtungen zu publizieren, lässt sich überhaupt nicht durchsetzen. Da ist schon der Wunsch der Wissenschaftler vor, eine möglichst diversifizierte Publikationsliste vorweisen zu können."

Weitere Artikel: Andrian Kreye erzählt von dem schwierigen Versuch, einen Buchtitel, der das Wort "schwul" beinhaltet, ins Arabische zu übersetzen. Fritz Göttler umkurvt schnell und elegant Hotelfilme, die das Münchner Filmmuseum zu einer Retrospektive (pdf, ab Seite 78) zusammengestellt hat, wie zum Beispiel das "Grand Hotel": "Nein, vom Individuum ist nicht viel geblieben in diesem Film von 1932, die ganze verrückte Instabilität der modernen Gesellschaft ist offenkundig geworden." Alexander Kissler war bei einer Tagung über Calvin in München. Petra Steinberger erzählt, wie Bürger, Architekten und Stadtplaner Holmbladsgade, ein ärmliches Viertel in Kopenhagen, sanierten und dafür einen Preis gewannen. Kathrin Lauer ahnt, warum der Schriftsteller György Konrad und andere ungarische Intellektuelle aus dem liberalen ungarischen Bund Freier Demokraten ausgetreten sind: Weil der neue Vorsitzende der Partei, "der 36-jährige Musikhistoriker und Volkswirt Attila Retkes zu seinem Einstand in Bausch und Bogen Politik und Programm der SZDSZ der vergangenen 20 Jahre verurteilt - angefangen von ihrem faktischen Dauerbündnis mit den Sozialisten, bis hin zur Gegnerschaft zum Nationalismus." (Mehr dazu hier)

Besprochen werden einige CDs und Bücher, darunter Jon Hendersons faszinierende - aber leider bisher nur auf Englisch erschienene - Biografie des Arbeitersohns, Wimbledon-Gewinners und Polohemdenherstellers Fred Perry (mehr hier).

FAZ, 15.07.2009

Der Romancier Thomas von Steinaecker ruft seinen Kollegen angesichts der Finanzkrise und ihrer Komplexitäten zu: Kehret um! Lasst den Realismus hinter euch: "Der Roman, also jene Gattung, die lange Zeit als Chronik einer kapitalistischen Welt fungierte, hat in den vergangenen Jahrzehnten eine dem ökonomischen Bereich genau entgegengesetzte Entwicklung vollzogen: Sein bevorzugter Stil ist der des vermeintlichen Realismus; vermeintlich deshalb, weil sich seine Stoffe, sein Vokabular und seine Struktur auf die Erfassung der Oberfläche eines unmittelbaren Umfelds konzentrieren. Aber nicht nur dessen phantastische Grundierung gerät dabei aus dem Blick, sondern auch der Sinn für Zusammenhänge." Als positive Gegenbeispiele nennt Steinaecker William Gaddis und Ernst-Wilhelm Händler.

Auf der Geisteswissenschaften-Seite sieht der in Leipzig lehrende Soziologe Georg Vobruba die Bologna-Reform als Versuch eines massiven Umerziehungsprogramms: "Wenn man in Studierenden transitorische Intellektuelle sieht, kann man die spezifische Umsetzung des Bologna-Prozesses als Versuch begreifen, mit den Studierenden in miniaturisiert Lenin'scher Manier umzugehen: sie mit 'eiserner Faust' anpacken, sie zu mehr Disziplin anhalten und auf fremdgesetzte Ziele einstellen."

Weitere Artikel: Mark Siemons berichtet von einer Konferenz internationaler Think Tanks ausgerechnet in Peking. In Deutschland, teilt Marta Kijowska mit, stößt die Wiederauflage von Kazimierz Moczarskis Erinnerungsbuch "Gespräche mit dem Henker" (mehr hier) auf gar kein Interesse - während der einst verfemte Autor in Polen heute mit einer viel beachteten Biografie gewürdigt wird. Das Schleswig Holstein Musikfestival hat Christian Wildhagen besucht. In der Glosse überbringt Paul Ingendaay die Botschaft, dass die spanischen Katholiken so gut wie gar nicht mehr zur Beichte gehen. Patrick Bahners meldet erfreut, dass es in Köln jetzt eine Marcel-Proust-Promenade gibt.

Besprochen werden das Albumsvorstellungskonzert von Lars Rudolph und seiner Begleitband Marihilff in der Berliner Volksbühne, die Ausstellung "Sigmar Polke - Editionen" im Kölner Museum Ludwig, David Yates' jüngster Teil der Potter-Verfilmungen "Harry Potter und der Halbblutprinz", und Bücher, darunter Sebastian Horsleys autobiografisch tuender Entwicklungsroman "Dandy in der Unterwelt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).