Heute in den Feuilletons

Kulturelle Nuklearexplosion

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.06.2009. Die Demokratiebewegung im Iran ist weiter Thema Nummer eins, auch in den Feuilletons. Navid Kermani sieht in der SZ die Fernsehdebatte zwischen Ahmadinedschad und Mussawi als Auslöser der Ereignisse, Abbas Maroufi vertritt im Tagesspiegel eine ähnliche Ansicht. Die in den USA lebende Autorin Gina B. Nahai sieht in der FAZ den point of no return für das Regime nahen.  In der Welt bekennt Said allerdings seine Skepsis über den angeblichen Reformer Mussawi. SZ und NZZ feiern außerdem Peter Sellars' bahnbrechende "Othello"-Inszenierung in Wien. 

Welt, 16.06.2009

Mit sehr heruntergeschraubten Erwartungen blickt der deutsch-iranische Dichter Said nach der Wahlfarce auf die großen Demonstrationen von Teheran: "Dass Mussawi in den westlichen Medien als Reformer verkauft wird, kann ich nicht akzeptieren. Der Mann war in den Achtzigerjahren - den schlimmsten Jahren - Ministerpräsident. Er hat von Verhaftungen, Ermordungen und Massenhinrichtungen gewusst. Mir tun die jungen Leute leid, die voller Hoffnung wieder einmal versucht haben via Stimmzettel eine Änderung im Land herbeizuführen. Die Frage ist jetzt: Wie oft kann man ein Volk täuschen?" Said fragt aber auch: "Wenn Ahmadinedschad der Sieger ist und seine Gegenkandidaten 'lächerlich' nennt - warum dann diese Verhaftungswelle?" Auch Wahied Wahdat-Hagh sagt in einem Interview auf zeit.de: "Mussawi ist kein Reformer".

Uta Baier hat die große Retrospektive zu Werner Tübke in Leipzig besucht und sich sehr über den Katalog geärgert (in dem Eduard Beaucamp den einstigen Staatskünstler zum Regimekritiker stilisiere). Am Ende sah sie aber einen Künstler gewürdigt, "der einst nah bei Picasso war und dann einen Eklektizismus pflegte, wie kein Maler vor und keiner nach ihm. Gern sagte Tübke über Tübke, dass er in der Renaissance und ihren Manierismen lebe. Seine Witwe sagt: 'Also bei Klee war für ihn Schluss.'"

Weiteres: Uwe Wittstock sieht die Buchmesse mit ihrem Gastland China auf dem besten Weg, angesichts der zahlreichen verhafteten Dichter eine "politische Zumutung" zu werden. Rüdiger Sturm spricht mit Russell Crowe über Journalisten und wie sie ihn "verherrlicht, verraten und verprügelt" haben. Gerhard Gnauck berichtet, dass Polen noch einmal die Zahl seiner Weltkriegstoten berechnet.

Besprochen werden Peter Sellars Wiener "Othello"-Inszenierung mit dem aus Kuba stammenden John Ortiz als Othello und Philip Seymour Hoffman als Jago, eine Giotto-Ausstellung in Rom sowie eine John-Lennon-Schau in New York.

NZZ, 16.06.2009

Als "psychologische Studie von politischer Wucht, denkwürdig und meisterhaft", preist Barbara Villiger Heilig Peter Sellars ins amerikanische Heute gehobene "Othello"-Inszenierung. Mit Philip Seymour Hoffman als Jago: "Der berühmteste Bösewicht der dramatischen Literatur schmiedet seinen explodierenden Hass um in perfide Intelligenz und hetzt fortan gegen Othello, den er von Desdemonas angeblicher Untreue überzeugt. Jagos persönlicher Rachefeldzug wird zum Selbstzweck und reißt alles ins Unglück: Der Krieg, äußerer Rahmen der Handlung, bricht in den Seelen aus. Sein Motor ist Jago, doch Jago nutzt nur, was er vorfindet. Die Abwehrkräfte seiner Umgebung sind schwach; sie sichern keinen Frieden. Das ist es, was Sellars aufdeckt in einer Inszenierung, die Shakespeares Drama auflädt mit dezidiert gegenwärtigen Gefühlsenergien."

Außerdem besprochen werden Stephen Frears' Colette-Verfilmung "Cheri" (die Susanne Ostwald als "opulentes Sittengemälde von opak schimmernder Schönheit" empfunden hat), die laut Hubertus Adam recht "unverbindliche und markenfreundliche" Ikea-Schau in Münchens Neuer Sammlung, Dag Solstads Roman "Armand V.", Vladimir Zarevs Roman "Familienbrand" und Kerstin Ekmans Studie "Der Wald" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 16.06.2009

Nicht uninteressant fand Stephan Hilpold Peter Sellars Inszenierung des "Othello" in Wien mit Philip Seymour Hoffman als Jago: Sellars "konzentriert sich ganz auf den um kein Komma gekürzten und dementsprechend viereinhalb Stunden langen elisabethanischen Text. Während im Hintergrund Frank Günthers Übersetzung flimmert, setzt Jago Baustein um Baustein seiner Intrige zusammen. Wie der plumpe Koloss des Philip Seymour Hoffman das macht, ist interessant anzuschauen. Diesem Jago geht die Wendigkeit des Bösewichts ab. Wie ein untersetzter Truckerfahrer aus dem Mittleren Westen, der irgendwann erfährt, dass sich seine Ehefrau während seiner Touren anderweitig vergnügt, brummt er den Zorn in sich hinein. (...) Im deutschsprachigen Raum gibt es von Ulrich Wildgruber bis Thomas Thieme eine ungeschriebene Aufführungstradition, dass Typen wie Philip Seymour Hoffman den Othello spielen. Im Theater Akzent ist es genau umgekehrt, der Othello ist hier ein wendiger General, der vor jeder Kamera eloquent von der Operation Wüstensturm erzählen könnte."

Weitere Artikel: Das niemand mehr die SPD wählen will, scheint Manfred Schneider nur eine vorübergehende Modeerscheinung zu sein: "Eine Partei ist eben keine Marke, sondern sie verkörpert und organisiert einen politischen Willen, der nicht alle fünf Jahre seine Grundsätze austauscht, weil die Leute jetzt enge Hemden und morgen kurze Röcke tragen." Jutta Stössinger besucht die letzte Nachfahrin der Dichterin Karoline von Günderrode. Mely Kiyak schickt ihre dritte Post aus Istanbul. In Times Mager meldet Christian Schlüter die Insolvenz des Verlags Tigerpress, der die Fix-und-Foxi-Comics herausgab.

Besprochen werden das Kunstprojekt "Colossal" an verschiedenen Orten im Osnabrücker Land zum Varusschlacht-Jubiläum und Hansjörg Küsters kleine Geschichte der Landschaft "Schöne Aussichten" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Weitere Medien, 16.06.2009

Der Guardian startet eine Reihe mit "Stories from a new Europe". Die erste Geschichte kommt von dem Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer. Er erzählt von Piet, dem Dobermann-Rottweiler, der plötzlich anfängt zu humpeln. (Aus dem Erzählband "Die Nacht, die Lichter", mehr zu der Geschichte auf Deutsch in der Zeit)
Stichwörter: Guardian, Clemens Meyer

Berliner Zeitung, 16.06.2009

Der Journalist und Blogger Peter Glaser meditiert über Lesen und Schreiben im Zeitalter des Internets: "Was herkömmlich in den Rubriken von Zeitungen und Zeitschriften und den Programmschemata von Radio- und Fernsehsendern vorgeordnet wurde, wird nun entbündelt. Textatome fliegen uns um die Ohren, als hätte eine kulturelle Nuklearexplosion stattgefunden."
Stichwörter: Peter Glaser, Lesen, Zeitungen

TAZ, 16.06.2009

Die Krise wirkt sich auch auf das New Yorker Jazzfestival Vision aus, erzählt Christian Bröcking. Aber es gibt auch Hoffnung: "Die Faschisten sitzen in ihren Limousinen und warten nur darauf, dass der Schrecken bald vorbei ist, sagt der afroamerikanische Dichter und Aktivist Amiri Baraka: Wer sich jetzt nicht organisiert, wird später zur Kasse gezerrt. Baraka zählt zu denen, die noch in Ideologien reden, und zu jenen, die nicht interessiert, von welcher Marke dein MP3-Player ist, sondern welche Inhalte du darauf speicherst. Doch es gibt auch andere Stimmen bei den Podiumsdiskussionen während des New Yorker Vision Festivals, jüngere Wissenschaftler und Journalisten etwa, die auf den Obama-Faktor hoffen und dass auch für die experimentellen Künste bald bessere Zeiten anbrechen mögen."

Weitere Artikel: Oliver Ristau berichtet vom Comicfestival München. Julia Grosse beschreibt in einer Post aus London den britischen Künstler als "Vollmarktungsprofi". Ekkehard Knörer kommentiert den Streik der Studenten gegen die Bologna-Uni: Er "kommt beängstigend spät". (Mehr zum Streik auf den Tagesthemenseiten hier und hier) Robin Thiesmeyer berichtet über die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Ernst August von Hannover, der 2000 in Kenia einen Discobesitzer geohrfeigt hat.

Besprochen werden das Stück "Das abenteuerliche Herz: Drogen und Rausch" mit Martin Wuttke als Ernst Jünger im Foyer des BE und ein Buch mit vorletzten Gesprächen mit Niklas Luhmann (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

Aus den Blogs, 16.06.2009

Leider haben die Verlagsportale mit ihren immer gleichen unverlinkten dpa-Inhalten noch nicht kapiert, wie das Internet funktioniert - nämlich durch Hyperlinks, schreibt Ulrike Langer für Carta: "Auf die Idee, schon das bloße Verlinken und Zitieren (nicht zu verwechseln mit dem widerrechtlichem Kopieren) mit einer Strafgebühr, genannt 'Leistungsschutzabgabe', zu belegen, kommt nur jemand, der die Ethik des Verlinkens weder versteht noch beherzigt... Die Verlage verwandeln ihre Portale mit einer solchen Abgabe endgültig in abgeschottete Inseln, denn wer will schon dafür bezahlen, verlinken zu dürfen?"

3Quarksdaily liefert eine Fülle von Informationen und Links zu den Ereignissen in Teheran, unter anderem auch zu den Twitterfeeds IranElections09, Change_for_Iran und vielen mehr. Via Achse des Guten: Der Boston Globe bringt eine grandiose Bilderstrecke von den Demonstrationen im Iran (die Seite braucht allerdings eine Weile, um sich aufzubauen).
Stichwörter: Boston, Internet, Iran

SZ, 16.06.2009

Während die aktuellen Medien melden, dass es gestern Nacht sieben Tote gegeben hat, analysiert Navid Kermani die Ereignisse im Iran. Er sieht starke Indizien für einen Wahlbetrug und glaubt nicht, dass der Iran zum status quo ante zurückkehren kann. Die Stimmung gegen Achmadinedschad habe sich in der Fernsehdebatte mit Mussawi kristallisiert: "Als er plötzlich ein DIN A4 großes Dokument mit dem Photo von Mussawis Frau Zahra Rahnaward in die Höhe hielt und behauptete, sie habe ihre Diplome erschlichen, war klar, dass die Stimmung im Land kippen würde. Denn Millionen Iraner und insbesondere die jungen Menschen kennen diese Situation: von einem Sittenwächter, einem Schuldirektor, einem Angehörigen der Freiwilligenmiliz in den Universitäten oder direkt von einem Geheimdienstbeamten in die Enge getrieben zu werden. Das Bild von Ahmadinedschad, der einen angeblichen Beweis in die Höhe hielt, weckte traumatische Erinnerungen."

Hier die Fernsehdebatte mit englischem Voice-over:



Weitere Artikel: Christopher Schmidt feiert Peter Sellars' Inszenierung des "Othello" bei den Wiener Festwochen als epochal ("Sellars erzählt von einem gespaltenen Amerika, einem Land, das sich nach Heilung sehnt, vielleicht durch einen schwarzen Mann") Till Briegleb stellt das niederländische Designertrio Demakersvan vor. Holger Liebs besucht das vom Milliardär Francois Pinault in Venedig für seine Sammlung geschaffene Museum und ist nicht ganz überzeugt. Thomas Steinfeld deutet die Einstellung der amerikanischen JazzTimes, einer Zeitschrift, die einst 100.000 Exemplare verkaufte, als weiteres Symptom für den unausweichlichen Niedergang des Genres. Sebastian Schoepp unterhält sich mit dem nicaraguanischen Schriftsteller Sergio Ramirez über den einstigen Ko-Revolutionär Ortega, der auf dem besten Wege ist, zum üblichen lateinamerikanischen Caudillo zu werden. Franziska Augstein wundert sich über die Konjunktur des Themas "Heroismus", das durch verschiedene Kolloquien und Veröffentlichungen geistert, und verbindet es mit einer Meditation über Stefan Zweig.

Esprochen werden Pina Bauschs neue Produktion in Wuppertal, die Ausstellung "Indianer Kanadas - Schätze des Canadian Museum of Civilisation" in Hannover und Bücher, darunter Nora Bossongs Roman "Webers Protokoll" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 16.06.2009

Auch der im Berliner Exil lebender Autor Abbas Maroufi sieht das TV-Duell als Auslöser für die iranische Demokratiebewegung: "Die Regierung war felsenfest davon überzeugt, dass keiner der Kandidaten Ahmadinedschads Polemik gewachsen sei. Der Amtsinhaber würde seine Gegner an den Pranger stellen, sie verhören, verleumden und für sich Pluspunkte sammeln. Aber das Gegenteil geschah: Ahmadinedschad brach unter der massiven Kritik regelrecht zusammen, Mussawi stellte ihn öffentlich bloß und rügte sein unbotmäßiges Auftreten in der Weltgemeinschaft."
Stichwörter: Demokratiebewegung

FAZ, 16.06.2009

Die aus dem Iran stammende, in Kalifornien lebende und lehrende Schriftstellerin und Politikwissenschaftlerin Gina B. Nahai sieht das Ende der Mullah-Herrschaft nahen: "Gewiss, die Mullahs haben nie wirklich freie oder demokratische Wahlen in Iran zugelassen, aber sie haben auch noch nie derart offensichtlich Wahlergebnisse manipuliert wie dieses Mal. Dass sie den Willen der Bevölkerung missachten und auf diese Weise den letzten Rest ihrer Legitimität verspielen, ist für sie und Ahmadineschad die viel schlechtere Variante als eine klare Niederlage. ... Ich bin überzeugt, dass es so etwas gibt wie einen point of no return, einen Moment, von dem an Umkehr nicht mehr möglich ist. Die Hardliner in Iran haben diese Linie überschritten."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko schreibt über das Herculaneum, das sich nach jüngeren Ausgrabungen als "Schatz- und Wunderkammer antiker Hochkunst" erweist, und über das "Faszinosum" eines dort gefundenen Dreifußes. In der Glosse scherzt Jürgen Kaube über die mit amerikanischen Milliarden-Papieren in einem italienischen Zug aufgegriffenen Japaner. Tos. informiert über die Eröffung eines Goethe-Instituts in der angolanischen Hauptstadt Luanda. Wiebke Hüster stellt Merce Cunninghams "Living Legacy Plan" vor, mit dem der neunzigjährige Choreograf das Fortleben seines Werks sichern will. Jürg Altwegg berichtet, dass und warum Matthias Hartmann, der scheidende Intendant des Züricher Schauspielhauses, im Zorn zurückblickt. Knapp schreibt Martin Kämpchen zum Tod der indischen Autorin Kamala Das. Einen kurzen Nachruf auf den französischen Designer Pierre Paulin hat Niklas Maak verfasst. Auf der Medienseite informiert Swantje Karich über Netz-Nachrichten aus dem Iran.

Besprochen werden Peter Sellars "Othello"-Inszenierung bei den Wiener Festwochen ("naiver als die Weltpolizei erlaubt", meint Gerhard Stadelmaier), eine große Werner-Tübke-Ausstellung in Leipzig, eine CD-Einspielung des Pianisten Markus Becker, die in mehr als einer Hinsicht eine Entdeckung ist, und Magdalena Tullis Roman "Getriebe" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).