Heute in den Feuilletons

Humorfrei und stahlgrau

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2009. Viel Wagner, viel Krebs, viel Zeige deine Wunde, viel bitter Erfahrenes: Christoph Schlingensiefs "Mea Culpa"-Abend hat die Kritik aufgewühlt, oder naja, zumindest beeindruckt. Immateriblog polemisiert gegen die taz-Attacke auf "Open Access". Im Perlentaucher antwortet Götz Aly auf die Kritiker seines 68er-Buchs. Gawker schimpft auf die amerikanischen Zeitungen, die von Google ein besseres Ranking in den Suchergebnissen wollen.

Perlentaucher, 23.03.2009

Kaum ein Buch hat im letzten Jahr solche Empörung ausgelöst wie Götz Alys Begräbnisschrift auf die 68er-Bewegung "Unser Kampf". Im Perlentaucher antwortet Aly seinen Kritikern: "In Grüppchen untergehakt rückten die Kampfgefährtinnen und Kampfgefährten zu meinen etwa 40 Lesungen an. Humorfrei und stahlgrau nahmen sie Platz und legten los: 'Renegat! Konvertit! Geschäftemacher! Nein, lesen werden wir das Machwerk nicht!' Hocherregte schleuderten mir die Anwürfe 'Verräter' und 'Denunziant' an den Kopf und beteuerten zugleich den 'ausschließlich aufklärerischen Charakter unserer Bewegung' und ihre eigene Unschuld."
Stichwörter: Götz Aly

FR, 23.03.2009

Eine karthatische Erfahrung scheint Peter Michalzik mit Christoph Schlingensiefs "Mea Culpa" in Wien erlebt zu haben: "Schlingensief stellt sein Innerstes so deutlich aus, dass es wie eine Passionsfrucht inmitten der meist finsteren Bühne schwebt, tropfend vom roten Saft des bitter Erfahrenen, zu praller Reife gebracht von der dunklen Sonne des Durchlebten. Entweder leiden wir an diesem Abend mit, oder wir erleben nichts. Schlingensief macht es uns nicht schwer. Denn alles und jedes, was unsere Welt um den Krebs und die Todeserfahrung herum gebaut hat, alles was sie tut, um die mysteriöse Krankheit und den Tod zu bewältigen und zu verdrängen, wird von Schlingensief zunächst durch den Kakao gezogen, einschließlich seiner selbst und seiner Aufführung. So befreit er uns, um uns mit ins dunkle Nichts zu nehmen."

Auf der Medienseite berichtet Daniel Bouhs über eine von Attac-Aktivisten lancierte Fälschung der Zeit, die mehr Demokratie fordert - die Macher des Originals zeigten sich beeindruckt von der "Qualität" des Plagiats. Ebenfalls persifliert wurde der Online-Auftritt der Zeit.

Besprochen werden Armin Petras letzte Inszenierung "Opening Night" am Schauspiel Frankfurt, Simone Blattners Othello-Inszenierung ebenfalls am Frankfurter Schauspiel, Peter Eötvös' Oper "Angels in America" an der Oper Frankfurt und eine Neuübersetzung von Herman Melvilles "Billy Budd" und anderen Erzählungen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 23.03.2009

Ulrich Weinzierl hat sich in Wien Christoph Schlingensiefs ReadyMadeOper "Mea Culpa" angesehen und schreibt gerührt, aber auch beeindruckt: Joseph Beuys "ist wohl der ästhetische Pate des Abends. Denn der entspricht bis ins Detail den Anforderungen der von Beuys propagierten 'sozialen Skulptur' - eine multimediale Assemblage aus tönenden, bewegten, dreidimensionalen Bildern in einer vollgerümpelten rotierenden Kulissenstadt. Der bedenkenlos plündernde Gesamtkunstwerker Schlingensief inszeniert nicht Bühnenfiguren, sondern uns, die Zuschauer und deren Gefühle."

Der britische Dramatiker Mark Ravenhill erklärt im Interview, warum die Hauptfiguren seines neuen Stücks "Drüben" Franz und Karl heißen: "Ich wollte ihnen etwas mythische Tiefe geben. Zwei deutsche Brüder mussten einfach so heißen."

Außerdem: Hannes Stein schickt einen Brief aus Brooklyn. Besprochen werden ein Buch zum Schul-Amoklauf in Littleton ("Ich bin voller Hass - und das liebe ich"), eine Ausstellung des britischen Fotografen Paul Graham im Essener Museum Folkswang (laut Christiane Hoffmans der "exakte Gegenpol" zu gefeierten deutschen Fotografen wie Gursky, Ruff und Struth), das Theaterstück "Dritte Generation" an der Berliner Schaubühne (für Reinhard Wengierek eine Art Anleitung zu einer radikalen Gruppentherapie für Israelis und Palästinenser), Simone Veils Erinnerungen "Dennoch Leben" und einige DVDs.
Anzeige

NZZ, 23.03.2009

Georges Waser seufzt über den britischen Adel, dem ein wenig die Noblesse abhanden zu kommen scheint: "Wann immer einer in der britischen Presse seither negative Schlagzeilen machte: Fast unweigerlich war er ein Lord oder ein Sir. Angefangen mit Lord Black, dem früheren Eigentümer des Daily Telegraph, der wegen Betrugs in einem amerikanischen Gefängnis sitzt. Auch von Sir Victor Blank, dem Vorsitzenden der Lloyds Banking Group, und von Sir Fred Goodwin hat auf der Insel längst jeder gehört. Sir Fred, der laut Medien gegenwärtig 'meistgehasste Mann in Großbritannien', ruinierte die Royal Bank of Scotland und belohnte sich dafür mit einer Millionen-Pension. Was freilich ihn - im Volksmund zu 'Fred the Shred' geworden - sowie Sir Victor und Lord Black von (dem falschen Lord) Teksnes unterscheidet, ist die Legitimität des Titels."

Viel Wagner und einiges an Optimismus hat Paul Jandl in Schlingensiefs Readymade-Oper "Mea culpa" am Burgtheater gesehen und verzeiht dem Künstler sein doch eher uneinheitliches Stückwerk: "Alles und nichts lässt sich gegen Schlingensiefs dadaistisches Theater der Selbstentäußerung sagen. Es ist rührend pathetisch und anstrengend komisch zugleich. Zwischen Gurnemanz und Firlefanz setzt der Regisseur seine Bilder auf die Bühne."

Weiteres: Der norwegische Architekt und Bühnenbildner Serge von Arx singt ein Hohelied auf die Architektur Norwegens, die abseits der internationalen Szene versucht, eine Einheit mit der Natur zu bilden. Franz Haas berichtet vom Finanzskandal um Giuliano Soria, dem Patron des wichtigsten italienischen Literaturpreises Premio Grinzane Cavour.

Besprochen werden eine Retrospektive des amerikanischen Künstlers Mike Kelley in der Münchner Sammlung Goetz, eine Ausstellung zur zeitgenössischen Architektur Finnlands im Kunsthaus MeranoArte, die Uraufführung des Stücks "Mondscheiner" des Schweizers Andri Beyeler in Basel und neue DVDs.

Aus den Blogs, 23.03.2009

Gawker kommentiert ein Geheimtreffen von amerikanischen Zeitungshierarchen mit Google, wo man sich über schlechtes Ranking in den Suchergebnissen beschwerte: "If the mass media are going to be so obvious in their self-serving flackery, people just might get the idea they're more interested in self preservation than in their supposed civic contribution: standing up for the little guy. Imagine that."

Carta kommentiert ein Urteil des Oberlandesgerichtes Stuttgart (OLG) gegen die Website Hartplatzhelden, das es Eltern ihrer kickenden Sprosse verwehrt, diese zu filmen und die Videos ins Netz zu stellen: "Bei einem Amateurvideo vom Fußballplatz handelt es sich um eine 'Nachahmung', nicht um ein eigenständiges Werk. Damit wird ganz normalen Bürgern das Recht abgesprochen, mit einer ganz normalen Videokamera auf einem ganz normalen Fußballplatz ganz normale Bilder zu drehen und zu veröffentlichen."

Der Urheberrechts- und Open Access-Experte Matthias Spielkamp findet in seinem Immateriblog einen taz-Artikel des Autors Rudolf Walther gegen Open Access (und das Internet an und für sich) wohl nicht ganz zutreffend: "wirklich zum Kochen bringt mich Walthers Gegeifere über die ach so bescheuerte Utopie von der 'Wisdom of the crowds', vom 'Wissen der vielen'. Hätte er sie sich zunutze gemacht, nur einen Bruchteil der zahlreichen, ausgezeichneten Argumente, Analsyen, Artikel gelesen, die kostenlos und frei zugänglich im Netz stehen, statt auf zwei (ich muss es so sagen:) Spinner zu vertrauen, die einen Zeitschriftenartikel veröffentlicht haben, dann hätte er wohl nicht diesen unsäglichen Stuss geschrieben."

TAZ, 23.03.2009

Irgendwie umarmt fühlte sich Eva Behrendt von Christoph Schlingensiefs "Mea Culpa": "Getreu dem Beuys-Motto 'Zeige deine Wunde' spricht Schlingensief auch an diesem Abend seine persönlichen Themen an, wenn auch meistens durch andere Figuren. Mira Partecke verzweifelt hysterisch als Kundry daran, dass sie immer missverstanden wird, sich aber nicht ändern kann, und erschießt sich. Fritzi Haberlandt beschwert sich über den manisch Verrisse sammelnden Freund."

Weiteres: Elisabeth Raether besichtigt eine Ausstellung des Modemachers Martin Margiela im Münchner Haus der Kunst: "Margiela vernäht die Schnittkanten nicht, er lässt den Stoff ausfransen, er zerknittert, zerreißt, zerlöchert, verkokelt ihn." Christian Semler berichtet von einer Potsdamer Konferenz, auf der Historikern und Medienwissenschaftler über die heutige Zeitgeschichtsschreibung diskutierten.

Auf der Meinungsseite beschäftigt sich Eberhard Seidel mit der Studie zum Rechtsradikalismus, nach der dreimal so viele Jugendliche wie bisher angenommen rechtsradikal organisiert sein sollen. Die Tagesthemenseite diskutiert zehn Jahre nach Beginn des Kosovo-Krieges noch einmal Für und Wider.

Und Tom.

FAZ, 23.03.2009

In der FAS ärgert sich der Schriftsteller Maxim Biller mächtig über das neue deutsche Duckmäusertum, das 1989 aus der DDR importiert worden sei: "Der Einzelne, der in Deutschland nie besonders viel zählte, aber in der coolen BRD noch am meisten, was die zu jenem einmaligen deutschen Staat in der langen Geschichte der deutschen Staaten machte, zählt fast nichts mehr. ... Und wer mir das nicht glaubt, soll einfach mal wieder aufmerksamer ins Zeugnis seines Kindes schauen. Dort steht in der Rubrik Betragen, was dort lange nicht mehr stand: Ob sein Kind gut oder schlecht in der Gemeinschaft funktioniert, ob es sich anständig anpasst, ob sein Verhalten gut für den Rest der Truppe ist, und nicht, ob es klug oder witzig oder eine Nervensäge oder was auch immer ist. 'Du glaubst wohl, du bist was Besseres!' Dieses protestantische, preußische, sozialistische Unterdrückungsmotto ist das neue, alte Leitmotiv der ganzdeutschen Pädagogen geworden. Wo kommt es her? Wieso haben 'wir' Westdeutschen es vor '89 nie gehört? Und was für Erwachsene werden aus Kindern gemacht, die sich das ständig anhören müssen? Solche, denen man sagen kann, was sie tun sollen - und sie tun es."

Aus dem heutigen Feuilleton: Christian Geyer kann das Plädoyer der Eltern von Winnenden, die mediale Berichterstattung über vergleichbare Fälle in Zukunft entschieden zu drosseln, nur unterstützen. In der Glosse spottet Dirk Schümer über Silvio Berlusconi, der die italienische Nation gerade ungefragt wissen ließ, dass ihn sein Job und die Politik im Grunde ankotzen. Die lit.cologne war ein Riesenerfolg, meldet ein begeisterter Oliver Jungen. Gina Thomas berichtet von einem Dokumentenfund, der Einblick in Charles Darwins Finanzverhältnisse während seiner Studienzeit erlaubt. Beate Tröger porträtiert die Leonce-und-Lena-Preis-Trägerin Ulrike Almut Sandig. Aktuelles zum Kölner Archiveinsturz ist von Andreas Rossmann zu erfahren - so referiert er einen Protestbrief gegen allgemeine Kölner Schlamperei, als deren Folge die unterzeichnenden Künstlerinnen und Künstler das Unglück betrachten. Zum Geburtstag gratuliert wird dem unsichtbaren Schriftsteller Patrick Süskind (60), dem emeritierten Politiker Jens Reich (70), dem Schauspieler Mario Girotti alias Terence Hill (70), dem Karikaturisten Edward Sorel (80) und dem Historiker Gerhard A. Ritter (80).

Auf der Medienseite stößt sich Thomas Thiel in seinem Kurzkommentar zur von Attac gefälschten Zeit vor allem an Giovanni di Lorenzos Erklärung, warum ausgerechnet seine Zeitung zum "Opfer" der Aktion wurde - die da nämlich lautet: "Schließlich gibt es keine größere überregionale Qualitätszeitung."

Besprochen werden die Frankfurter Aufführung von Peter Eötvös' Oper "Angels in America" nach dem Stück von Tony Kushner ("fabelhaft dicht", befindet Gerhard R. Koch), Christoph Schlingensiefs ReadyMadeOper "Mea Culpa" in Wien ("Schlingensief und seinen Jüngern tut das gut, also kann es nicht völlig schlecht sein", erklärt Martin Lhotzky), Armin Petras' Frankfurter Theaterversion von John Cassavetes' Film "Opening Night", die Ausstellung "Wunschbilder. Sehnsucht und Wirklichkeit, Malerei des 18. Jahrhunderts" in der Dresdener Gemäldegalerie, die Ausstellung "Amerikanische Künstler aus dem Russischen Reich" in St. Petersburg und Bücher, darunter Kurt Drawerts Roman "Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 23.03.2009

Recht beeindruckt zeigt sich Christine Dössel von Schlingensiefs Abend "Mea Culpa" am Burgtheater, in dem er mit viel Wagner-Musik seine Krebserkrankung künstlerisch bewältigt: "Es ist ein grundehrlicher, zutiefst existenzieller Abend, und weil man das bis in die letzte Faser spürt, berührt er einen sehr. Wer jetzt wieder ächzt, hier sei ein unbotmäßiger Narzisst am Werk, der sein Leben ausschlachtet und zur Kunst stilisiert, sperrt sich gegen die Teilhabe, die Schlingensief uns gewährt."

Weitere Artikel: Für die Nachrichten aus dem Netz sichtet Klaus Raab bedeutende Dokumente der Hiphop-Geschichte auf dem schwedischen Archiv visarkiv.se. Gerhard Matzig liest schon mal das deutsche Architektenmanifest "Vernunft für die Welt", welches sich mit Blick auf das Klima für ein umweltschonendes Bauen einsetzt - es wird am Freitag an Bundesminister Wolfgang Tiefensee übergeben. Der emeritierte Pädagoge Freerk Huisken erklärt das Schulmassaker von Winnenden als Folge eines "Kult des Selbstbewusstseins".

Auf der Literaturseite wird die Dankesrede Orhan Pamuks für den Erhalt der Ehrendoktorwürde in Rouen abgedruckt - in der er natürlich über Flaubert spricht.

Besprochen werden Peter Eötvös' Oper "Angels in America" in Frankfurt, das Stück "Lass mich dein Leben leben" des jungen Berliner Autors Jörg Albrecht an den Münchner Kammerspielen, neue DVDs, die Ausstellung "Urlaub und Freizeit in der DDR" in Eisenhüttenstadt und Guy Ritchies Film "RocknRolla".