Heute in den Feuilletons

Entsetzliches Geschehen!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.02.2009. Die Zeit porträtiert einen jungen Pianisten, der sein Haupt auf Eiswürfeln bettet, damit sein Hirn nicht explodiert. Die NZZ feiert die subversiven Pfusch-Imitationen der "shanzhai" in China. Die FAZ erlebte zwei Minuten kompletten Wahnsinn mit Edita Gruberova. Die SZ beschreibt, wie die polnische Debatte in die Patriotismus-Falle tappt. Und sie staunt über das Selbstbewusstein der Systemlinge in den öffentlich-rechtlichen Anstalten.Die Welt findet dagegen: Roland Koch hat recht.

NZZ, 26.02.2009

Eine neue Subkultur namens "shanzhai", entstanden aus dem Raubkopie-Wesen, nimmt in China durch schamlose Parodierung die Kultur des Partei-Establishments aufs Korn, weiß Wei Zhang. Die Bewegung weckt Hoffnung auf eine neue Vielfalt der Meinungen ohne Staatskontrolle: "Die auch in China selbst verrufene Kopier- und Imitationsindustrie hat... in der shanzhai-Subkultur ein unverhofftes kreatives Nebenprodukt hervorgebracht. Deren subversive Pfusch-Imitationen verheißen eine vage Hoffnung auf eine neue Vielfalt der Meinungen ohne Kontrolle durch die Partei. Obwohl die shanzhai-Subkultur sich bisher keineswegs politisch positioniert hat, markiert sie mit ihrer Ironie, ihrem Parodismus und schwarzen Humor einen Durchbruch, indem sie das offizielle Meinungs- und Repräsentationsmonopol der Partei herausfordert."

Weiteres: Marc Zitzmann zieht eine Zwischenbilanz zur Versteigerung der Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Berge im Pariser Grand Palais: Superlative, Marketing und Solvenz trotz Krise. Besprochen werden Darren Aronofskys Drama "The Wrestler", Hermine Huntgeburth Verfilmung des Fontane-Klassikers "Effi Briest", Dubravka Ugresics Buch "Baba Jaga legt ein Ei" und Bücher von und zu Hermann Burger, unter anderem der aus dem Nachlass herausgegebene "Lachartist" (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 26.02.2009

Das anstrengende Leben eines Bloggers, der auch Journalist ist, schildert Stefan Niggemeier seinen Followern: "Ich habe heute meinen ersten Ministerpräsidenten interviewt. Und zum ersten Mal die erste Seite des FAZ-Feuilletons vollgeschrieben. Jetzt bin ich ein bisschen erschöpft." Er spricht auch die Frage an, ob es "journalistisch in Ordnung", seinen kritischen Kommentar neben das Interview zu stellen. Das wird dann auch von den Lesern diskutiert.

Via 3quarksdaily. Anthony Bourdain isst bei der Konkurrenz: in Ferran Adrias "El Bully".




Stichwörter: Anthony Bourdain

TAZ, 26.02.2009

Als echten Vorreiter einer missglückten Integration des Islams präsentiert Michael Kiefer auf der Meinungsseite Österreich, wo gerade ein erbitterter Streit um den islamischen Religionsunterricht tobt: "Ausgelöst hat ihn eine Studie des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide, die über muslimische Religionslehrer in Österreich alarmierende Fakten präsentierte. Nicht nur, dass mehr als 70 Prozent der befragten Fachkräfte über keinerlei pädagogische oder theologische Ausbildung verfügte. Ein gutes Fünftel (21,9 Prozent) lehnten die Demokratie ab, weil sie sich angeblich nicht mit dem Islam vereinbaren lasse. Fast genauso viele (18,2 Prozent) zeigten Verständnis dafür, dass 'Muslime, die vom Islam abgefallen sind, mit dem Tod bestraft würden', und fast ein Drittel sah einen Widerspruch 'zwischen Muslimsein und Europäersein'."

Im Feuilleton: Dietmar Kammerer wirft einen Blick in die neue Filmzeitschrift Cargo, das Projekt der drei Filmkritiker Bert Rebhandl, Simon Rothöhler und Ekkehard Knörer. Michael Braun informiert über eine üble Rufmordkampagne gegen den in Triest lebenden Krimiautor Veit Heinichen: In einer Briefflut an öffentliche Institutionen beschuldigt ihn ein anonymer Denunziant, pädophil zu sein. Tobias Kargoll stellt das Quartett Buraka Som Sistema aus Angola und Portugal vor, das mit seinen eklektischen Tracks den neuesten Dance-Trend aus Afrika befördert: den angolanischen Kuduro. Und Dominik Kamalzadeh feiert Mickey Rourke in Darren Aronofskys Film "The Wrestler": "Die plastische Chirurgie hinterließ in seinem Gesicht Spuren; im Nachhinein erscheinen diese Zurichtungen allerdings so, als hätte er sie für diesen Part erleiden müssen."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Installationen von Simon Starling in der Temporären Kunsthalle Berlin, die von Energiekreisläufen aller Art erzählen, und die DVD von Ashutosh Gowarikers Historienfilm "Jodhaa Akbar".

Hier Tom.
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FR, 26.02.2009

Sylvia Staude unterhält sich mit Autorin Maria Schenkel, deren neuer Krimi gerade erscheint (und den Staude in einem weiteren Artikel preist): "Ein typischer Krimileser ist, glaube ich, ein sehr ordentlicher Mensch. Der will am Anfang das Chaos, und dann will er jemanden, der sagt (verstellt ihre Stimme): 'Ich räume auf! Ich räume auf!' Vielleicht ist das eine Erinnerung an die Studentenzeit, wenn die Mutter zum Aufräumen kam und hinterher alles in Ordnung war. So ein Leser ist bei mir natürlich enttäuscht, denn da ist hinterher nichts aufgeräumt, es ist eigentlich noch schlimmer, als es vorher war."

Weiteres: Judith von Sternburg kämpft in Times mager gegen Computer. Auf der Medienseite kolpotiert Daniel Bouhs den Namen Peter Hahne als Wunschnachfolger der CDU für ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender.

Besprochen werden Stephen Daldrys Verfilmung des "Vorlesers" (für den Kate Winslet nach Daniel Kothenschultes Meinung völlig zu Recht den Oscar bekam), Peter Konwitschnys "grandiose" Inszenierung des "König Lear" mit Udo Samel im Schauspielhaus Graz, Darren Aronofskys Passionsspiel "The Wrestler", Thomas Wendrichs Heimatfilm "Maria am Wasser" und Irmtrud Wojaks Biografie des Nazi-Anklägers Fritz Bauer.

Welt, 26.02.2009

"Im Streit um die Vertragsverlängerung des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender stehen sich nicht machtgeile Politiker und um ihre Unabhängigkeit tapfer kämpfende Journalisten gegenüber. Das ist ein Märchen, das auf den Medienseiten der Zeitungen erzählt wird", meint Eckhard Fuhr zum Streit um den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Er stimmt der Kritik Roland Kochs an den schlechten ZDF-Quoten zu und schließt: "Die Pose des der "Obrigkeit" die Stirn bietenden Journalisten ist in der Bundesrepublik des Jahres 2009 billig. Unbillig ist dagegen die Art und Weise, wie Journalisten, solche mit Bildschirmprominenz zumal, öffentlich-rechtliche Verfahrensherrschaft beanspruchen."

Weitere Artikel: Polen-Korrespondent Gerhard Gnauck hat ein Buch über Marcel Reich-Ranickis polnischen Jahre geschrieben. Daraus wird ein Kapitel über Andrzej Wirth abgedruckt, der als IM auf MRR angesetzt war, ihm aber offensichtlich nicht schadete. Besprochen werden eine neue CD von U2 und Filme, darunter die Schlink-Verfilmung "Der Vorleser".

FAZ, 26.02.2009

Eine denkwürdige Aufführung der "Lucrezia Borgia" erlebte Holger Noltze in der Bayerischen Staatsoper: "Bodenlos ist das Spiel von Schein und Wahrheit, das Loy hier inszeniert: Lucrezia Borgia tritt zum Showdown, als sie aus Rache eine ganze Gesandtschaft vergiftet und aus Versehen auch ihren eigenen Sohn, in schwarzem Samt auf, blass geschminkt, mit langen weißen Haaren, eine Todeshexe. Als Gennaro, der Sohn, stirbt, ist das ein Moment der wahren Erkenntnis und der größten erreichbaren Nähe. Sie nimmt da die falschen Haare herunter und schminkt sich ab. Zur Cabaletta zieht sie dann die Perücke noch mal über, der Chor tritt auf und hört, nicht ohne Entsetzen, der Bravour-Nummer zu. Jetzt aber wird die Ausführung äußerster Kunstfertigkeit zu einem raren Ausdruck von Wahrhaftigkeit, gesungen als Wahnsinnsszene. 'Entsetzliches Geschehen!', raunt noch der Chor am Ende dieser Scena ultima, dann senkt sich der Vorhang, und als er sich wieder hebt, steht Edita Gruberova sehr allein auf der Bühne, ohne angemalte Behauptung von Jugendlichkeit, und im Nationaltheater bricht für zwei Minuten der komplette Wahnsinn aus."

Wir leben in einem Minsky-Moment, meint Alexander Armbruster. Der 1996 verstorbene Ökonom Hyman Minsky habe 1986 erklärt, was sich derzeit an den Kapitalmärkten abspielt - und warum das unvermeidbar ist: "'Instabilität entsteht im System selbst', postulierte Minsky und fügte hinzu: 'Unsere Wirtschaft ist nicht instabil aufgrund von Öl, Kriegen oder monetären Überraschungen, sondern aufgrund ihrer eigenen Natur.'"

Weitere Artikel: Der Sterne-Koch Marc Veyrat wirft das Handtuch, erzählt Jürg Altwegg in einer traurigen kleinen Geschichte. Stefanie Peter berichtet über die Veranstaltung "Wechselstrom - Frauen im mittel- und osteuropäischen Literaturbetrieb" in Berlin. Andreas Rossmann schreibt zum Tod des Kirchenbaumeisters Hans Schilling. Thomas Scheen hat Scherereien mit dem Verkehrsamt in Südafrika.

Auf der Filmseite lässt Eric Pfeil anlässlich des Berlinbesuchs von Franco Nero und Bud Spencer - beide haben einen kurzen Auftritt in der deutschen Filmkomödie "Mord ist mein Geschäft, Liebling" - die Geschichte des italienischen Genrefilms Revue passieren. Hans-Jörg Rother entdeckt einen neuen poetischen Realismus bei der 40. Ungarischen Filmwoche in Budapest. Auf der Medienseite berichtet Thomas Holl, Kurt Beck habe indirekt Angela Merkel beschuldigt, die Vertragsverlängerung des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender verhindern zu wollen: "Es ist nicht aus der Luft gegriffen, dass die Quellen für ein solches Verhalten nicht in erster Linie in der Hessischen Staatskanzlei zu suchen sind, sondern in Berlin", zitiert er den rheinland-pfälzischen Ministerpräsident und Vorsitzenden des ZDF-Verwaltungsrats.

Besprochen werden Darren Aronofskys Film "The Wrestler", Peter Konwitschny Inszenierung des "Lear" im Schauspiel Graz ("Gegenwartsbetrugskitsch", meint Gerhard Stadelmaier), eine Retrospektive des in Frankfurt lebenden Künstlers Thomas Bayrle im Museum für zeitgenössischen Kunst in Barcelona und Bücher, darunter Marcia Pallys Buch über den amerikanischen Evangelikalismus "Die hintergründige Religion" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 26.02.2009

In einem interessanten Hintergrundartikel schildert Thomas Urban eine antideutsche Versteifung in der polnischen Debatte, wo man sich immer dann mit deutschlandkritischen Tönen hervortun muss, wenn man als "patriotisch" gelten will: "In diese Patriotismus-Falle sind offenbar auch zwei der wichtigsten Blätter geraten: die linksliberale Gazeta Wyborcza und die katholische Tygodnik Powszechny. Beide leisteten in den neunziger Jahren einen wichtigen Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung und schreckten dabei auch nicht vor dem bis dahin tabuisierten Thema Vertreibung zurück. Heute aber scheint dieses Thema auch für sie wieder tabu zu sein."

Weitere Artikel: Ira Mazzoni begutachtet das unter der Leitung von David Chipperfield restaurierte Neue Museum in Berlin und ist zufrieden: "Chipperfield verweigert dem Publikum die ersehnte Hochglanzrestaurierung. Dafür bietet das handwerklich sorgsam reparierte Haus jetzt mehr substanzielle Vergangenheit als seine nach anderen Maßstäben inszenierten Nachbarn." Max Fellmann beobachtet, dass die Finanzkrise längst auch unsere Alltagssprache prägt. Hans-Peter Kunisch schreibt über den Erfolg von Nour-Eddine Lakhmariss' Film "Casanegra" in Marokko. Gottfried Knapp schreibt zur Verabschiedung Reinhold Baumstarks als Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlung.

Besprochen werden Stephen Daldrys "Vorleser"-Verfilmung, die Hitchcock-Ausstellung in Berlin, die Annie Leibovitz-Ausstellung in Berlin und Bücher, darunter Gefängnisbriefe Antonio Gramscis.

Auf der Medienseite konstatiert Kurt Kister, dass die Hierarchen der ÖRA wie der gerade angegriffene ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender gegenüber Politikern wie Roland Koch immer stärkeres Selbstbewusstsein gewinnen: "Die Systemlinge sind dabei, das System zu gefährden. Brender zum Beispiel hat Räte-Politiker gebeten, ihre Anliegen schriftlich vorzutragen. Die mögen das nicht, denn Drahtzieher wollen keine Spuren hinterlassen. Das ist es, was Roland Koch an Brender nicht leiden kann." Und dann fällt bei Kister ein Satz, der erklären könnte, warum die werten Kollegen aus der Printpresse sich so sehr für den Casus interessieren: "Es ist nicht nur höchste Zeit, das Finanzierungssystem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Moderne anzupassen. Gleiches gilt auch für seine Gremien und Führungsstrukturen." In einem kleinen Interview verteidigt sich Brender zudem gegen die gestern in der FAZ von Roland Koch erhobenen Vorwürfe.

Zeit, 26.02.2009

Als eines der seltsamsten Talente preist Claus Spahn den erst 16-jährigen Pianisten Kit Armstrong und hofft inständig, dass er nicht in falsche Hände gerät (derzeit kümmert sich Alfred Brendel um ihn). Besonders angetan hat es Spahn Armstrong "exzentrischer Gleichmut": "Bis ins Teenageralter bettete Kit sein Haupt nicht wie andere Menschen auf einem weichen Kissen, sondern auf geschmolzenen Eiswürfeln. Ihre Freunde, sagt Frau Armstrong, hätten die Sache immer damit erklärt, dass das Gehirn des Jungen ein kleines Atomkraftwerk sei, das ständig gekühlt werden müsse."

Hier Kit Armstrong als 10-Jähriger mit eigener Komposition:



Der New Yorker Theatermann Tuvia Tenenbom hat sich - als deutscher Journalist Tobias getarnt- in das palästinensische Flüchtlingslager al-Wadaht in Jordanien aufgemacht, wo ihn Ali Mohammed Ali in freundlichstem Einvernehmen empfangen hat: "'Die Juden', setzt er an, ' sind Verbrecher. Die Juden sind Hunde.' Aber ich will nicht über die Juden hören, ich bin hier, weil mich die Palästinenser interessieren. 'An welches Tier', versuche ich mein Glück, 'erinnern Sie die Palästinenser?' - 'Löwen!' - Alle stimmen zu, aus jedem Blick spricht Einverständnis. Ich sehe mir die vielen hier versammelten Löwen an: Niemand kann sich rühren in diesem kleinen, vier mal vier Meter großen Raum, in dem es außer Gebetsteppichen an den Wänden und drei Plastikstühlen keine Möbel gibt."

Weitere Artikel: Ganz entzückt zeigt sich Katja Nicodemus von Mickey Rourke, der ihr bei der Oscar-Verleihung ebenso gut gefiel wie als abgehalfterter Wrestler - und das "nicht nur, weil seine von Koks und Boxhieben zerstörte Knorpelnase zwischen all den glatten Botoxstirnen und Schlauchbootlippen aussah wie der Felsen von Alcatraz." Heinrich Wefing würdigt schon mal David Chipperfields Sanierung des Neuen Museums Berlin, von der sich am übernächsten Wochenende auch die Öffentlichkeit ein Bild machen kann. Jens Jessen nimmt Abschied vom Saab, dem Lieblingsauto der Intellektuellen ("Das vierblättrige unter den Automobilen, nutzlos, aber selten"). Nicht besonders vielversprechend findet Mely Kiyak das Konzept für die neue Istanbuler Künstlerakademie Tarabya: "Das klingt verteufelt nach dem Modell Künstler-Erholungsheim, wie es die Villa Massimo in Rom darstellt."

Besprochen werden eine Ausstellung über den "Schatten" im Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid, Hubsi Kramars Amstetten-Farce "Pension F.", ein Stück über Kairos Muezzine im Berliner Theater HAU, Stephen Daldrys Verfilmung des "Vorlesers" und das neue Album von U2 "No Line on the Horizon".

Im Aufmacher des Literaturteils preist Evelyn Finger Juli Zehs Zukunftsvision "Corpus Delicti". Im Dossier porträtiert Andrea Böhm die Ermittler und Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag als die "Großwildjäger". Im Wirtschaftsteil erklärt der ehemalige Aktienanalyst Henry Blodget, dass man nicht nur zu viel, sondern auch zu wenig spekulieren kann. (Der Artikel erschien im Dezemberheft von The Atlantic)