Heute in den Feuilletons

Die Körper der deutschen Soldaten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.08.2008. Die Welt fragt: Warum nahm Randomhouse Amerika Sherry Jones' Roman "The Jewel of Medina" aus dem Programm? Die NZZ ist nicht zufrieden mit Locarno. Die FR mahnt die Chinesen, nicht immer Harmonie mit Einverständnis zu verwechseln. Die taz beschreibt, wie die Zensur auf dem chinesischen Buchmarkt funktioniert. Die SZ schildert erotische Verwirrung zur Vichy-Zeit.

Welt, 13.08.2008

Hannes Stein erzählt den Fall von Sherry Jones' Roman "Das Juwel von Medina" (Auszug) über Aischa, die Lieblingsgattin des Propheten, den Randomhouse Amerika nach Intervention der Islamwissenschaftlerin Denise Spellberg aus dem Programm nahm. Er selbst kann keine islamfeindliche Tendenz erkennen, im Gegenteil: "Die Lektion, die wir in Sherry Jones' Roman lernen sollen, ist, dass der Prophet seiner Zeit weit voraus war, was die Frage der Frauenrechte betrifft, und dass heutige Fundamentalisten sich zu Unrecht auf ihn berufen. Die künstlerische Frechheit eines Salman Rushdie fehlt Sherry Jones vollkommen." Auch die Entjungferungsnacht wird laut Stein in "Lore"-Prosa geschildert, und ohne Erwähnung, dass Aischa in dieser Nacht neun Jahre alt war.

Weitere Artikel: Hendrik Werner empfiehlt einige aktuelle China-Krimis, unter anderem von Qiu Xiaolong. Uwe Schmitt liest ein Buch des Filmemachers Michael Moore, der Obama einige Tipps gibt, wie er die Wahlen doch noch verlieren könnte. Eckhard Fuhr gibt zu, dass sein kultureller Instinkt angesichts des kommenden E-Books von Amazon rebelliert. Reinhard Wengierek schreibt ein begeistertes Porträt des Theatermanns Tobias Wellemeyer, der dem Vierspartentheater von Magdeburg zu Ruhm und Einfluss in der Stadt verhalf und nun nach Potsdam geht. Wolf Lepenies legt ein eindringliches Plädoyer für den vor zehn Jahren verstorbenen Julien Green und seine gerade auf Deutsch erschienenen Erinnerungen vor. Martin Klein porträtiert den Schauspieler Christian Berkel, der zwar Jude ist, aber häufig Nazis spielt. Und Hanns-Georg Rodek notiert die Erregung um Eichingers Baader-Meinhof-Film, der erstens nur ausgewählten Großredakteuren vorab gezeigt wird, die sich zweitens verpflichten müssen zu schweigen.

Besprochen werden Tanzspektakel beim Festival von Avignon.

Aus den Blogs, 13.08.2008

Thomas Knüwer schildert, was er erlebte, nachdem er bei Geo ein paar harmlose Fragen zum "Saison"-Heft über Baden-Württemberg gestellt hatte: "Es ist mir ein Rätsel, wie Verlagsleute sich so verhalten können. Wie sie Fragen, egal wie kritisch sie sein mögen, als Majestätsbeleidigung betrachten können. Und das trifft nicht nur auf den Geschäftsführungsbereich zu, sondern auch auf Journalisten."

Von wem stammt der Satz "Die Welt ist eine Google?" Hierzu ein paar Erlebnisse des Bloggers und Autors Peter Glaser mit einem seriösen Journalisten der FAZ.

NZZ, 13.08.2008

Claudia Schwartz berichtet vom Filmfestival in Locarno , dessen Wettbewerb besser ausfällt, als das schwache Piazza-Programm vermuten lasse: "Die Coming-of-Age-Filme fehlen heuer, was damit zusammenhängen mag, dass die sozialen und wirtschaftlichen Probleme dieser Welt, Arbeitslosigkeit und Migration sichtlich näher an die jungen Protagonisten heranrücken. Man darf bis jetzt von einem ausgeglichenen Jahrgang sprechen, in dem deutliche Missgriffe wie der in falschen Gefühlen schwelgende polnische '33 Szenen' (mit einer gleichwohl beeindruckenden Julia Jentsch in der Hauptrolle) vorläufig ebenso die Ausnahme geblieben sind wie das Herausragende aus Mexiko ('Parque via') und den Niederlanden ('Katias Schwester')."

Weiteres: Peter Hagmann ist erfreut, bei den Salzburger Festspielen "musikalisch überaus sinnfällige Programme und hochkarätige Interpretationen" gesehen zu haben. Klaus Bartels sinniert über den Zusammenhang von Diskus und Diskette. Ein Gedicht von Miquel Bauça (1940-2005) fragt "Wo befindet sich der Ort, den du meinst?".

Besprochen werden eine Ausstelllung im Stadtmuseum Düsseldorf, das Lehar-Festival im Kurtheater von Bad Ischl und Bücher, darunter Robert Muchembleds "Geschichte der abendländischen Sexualität", Christian Zehnders Erzählung "Gustavs Traum", das Debüt von Angelika Rainer "Luciferin" sowie Boris Saidmans Roman "Hemingway und die toten Vögel" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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FR, 13.08.2008

Neben botanischen Metaphern bemühen chinesische Herrscher gern das Ideal der konfuzianischen Harmonie. Dabei verwechseln sie meist jedoch Harmonie und Anpassung, erklärt Heiner Roetz, Professor für chinesische Philosophie an der Bochumer Ruhr-Universität: "Ähnlich warnt später der Kanzler Yan Ying davor, Harmonie mit Einverständnis zu verwechseln. Sie besteht, wie bei einem Gericht, gerade in der Komposition von Unterschiedlichem: Ist der Herrscher 'fad', muss der Untergebene 'salzig' sein. Harmonie, 'he', wird an diesen Stellen gegen 'tong', das identisch-Machen, Aufliniebringen und das Paktieren mit seinesgleichen gesetzt - bemüht man selbst ein biologistisches Bild: gegen die politische Inzucht. Kurz: Harmonie ist nur dort, wo auch Spielraum für Differenz und Kritik ist. Man muss die antiken Harmonievorstellungen nicht zu sehr idealisieren, doch ist ihre Pointe zweifellos nicht die der harmonischen Gesellschaft von heute. Und es ist in der antiken Vorstellung auch nicht die Parteiführung, die dem Volk die Harmonie verkündet - es ist der Kritiker, der dem Herrscher in den Arm fällt."

Weiteres: Julia Kospach hat keinen Rechercheeinsatz gescheut und sich in der Manufaktur "Blühendes Konfekt" des Wieners Michael Diewald verkosten lassen. Hier wird Konfekt aus Wildblumen herstellt: "Zitronen-Agastachen-Schokotaler mit kandiertem Ringelblütenblatt und violettem Malvenblütenzucker zum Beispiel oder Konfekt aus Fichtenblütenzucker mit Orangenkaramell in weißer Schokolade oder Marzipan mit Preiselbeeren und wilden Thymianblüten." Christian Schlüter hat sich die Dependance des Goethe Instituts im Second Life angesehen: "Die meiste Zeit herrscht auf dem virtuellen Goethe-Areal tote Hose." Klaus von Seckendorff porträtiert die Bassistin und Sängerin Esperanza Spalding. Angesichts Dieter Wedels Ankündigung, in Worms Feuchtwangers "Jud Süß" aufzuführen, bemisst Peter Michalzik in Times mager den kulturellen Wert von Fettnäpfen. Besprochen wird Pierre Temkines Beckett-Deutung "Warten auf Godot".

Auf der Medienseite berichtet Inge Günther, wie die Hamas im Gazastreifen mit unliebsamen Journalisten umspringt.

TAZ, 13.08.2008

Auf den Kulturseiten beschreibt Jutta Lietsch den chinesischen Buchmarkt, der sich in den letzten zwanzig Jahren zwar liberalisiert hat, heikle Themen aber nach wie vor behindert oder zensiert: "Offiziell ist die Allgemeine Verwaltung von Presse und Publikationen (GAPP), die dem Staatsrat untersteht, für die Zensur verantwortlich. Aber, so sagt Jo Lusby 'die Zensoren können ja nicht mehrere hunderttausend Skripte pro Jahr lesen". Stattdessen stürzen scheinbar wahllose Verbote auf Verlage ein, nachdem ihre Bücher publiziert sind. Die Verlage müssen sie dann mühsam und teuer aus den Regalen räumen lassen und empfindliche Strafen bezahlen. Zuweilen verlieren sie auch ihre Lizenz. So funktioniert die Kontrolle vor allem als 'Schere im Kopf' der Herausgeber und Autoren. Zu den heiklen Themen gehören etwa kritische Schriften über wichtige Politiker, unheilvolle Kampagnen der Kommunistischen Partei oder die 'drei Ts' - Tienanmen, Tibet und Taiwan."

Weitere Artikel: In einer Glosse bespöttelt Brigitte Werneburg die Logomanie auf den neuen Merchandisingprodukten der Staatlichen Museen Berlin. Dietmar Kammerer warnt davor, den gerade anlaufenden 3-D-computeranimierten Spielfilm "Star Wars: The Clone Wars" mit der TV-Zeichentrickfilmserie "Star Wars: Clone Wars" - also ohne Artikel - zu verwechseln.

Unter der schönen Überschrift "Traumanstalt für Schlafgestörte" beschäftigt sich Ilija Trojanow mit der Einrichtung sogenannter Sommerakademien. Dass diese "bevorzugt in Klöstern stattfinden, ist kein Zufall. Nirgendwo sonst könnte deutlich werden, wie die Kunst, spätestens seit dem 20. Jahrhundert ein Religionsersatz, eigene Rituale und Regeln entwickelt hat, welche eigenen Formen von Lebenshilfe, Trost und Erhöhung sie zu bieten vermag."

Und hier Tom.

Berliner Zeitung, 13.08.2008

Die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer hält im Interview mit Michaela Schlagenwerth nichts von den Reformansätzen feministischer Organsiationen, die sich auf eine moderne Koran-Interpretation berufen und etwa Mohammeds Verhältnis zu Frauen positiver bewerten als konservative Gelehrte: "Als Historikerin stehe ich dem skeptisch gegenüber. Es werden dabei heutige Anliegen und Sichtweisen auf den Propheten rückprojiziert. Muslime, die auf diese Weise einen reformierten, offenen, lebendigen Islam für die Gegenwart begründen wollen, tun damit im Prinzip das Gleiche wie ihre Gegner, die engherzige, buchstabengetreue und oft auch autoritäre Varianten des Islam propagieren. Beide Seiten versuchen so, ihre eigenen Ansichten zu legitimieren."
Stichwörter: Islam, Gudrun Krämer

FAZ, 13.08.2008

Der Jurist Oliver Tolmein analysiert ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Transsexuellen das Recht einräumt, eine Ehe - mindestens als der Ehe gleichgestellte Partnerschaft - auch nach einem Geschlechtswechsel weiterzuführen. Mark Siemons stellt fest, dass die Chinesen bei den Olympischen Spielen die Niederlagen ihrer Athleten metaphysisch interessanter finden als ihre zahlreichen Siege. In der Glosse schreibt Gerhard Stadelmaier über einen polnischen Pianisten, der einmal ganz gegen seine Gewohnheit eine Zugabe gab, um sie, aus Protest gegen schwäbische Pannenautos, gleich wieder abzubrechen. Frank-Rutger Hausmann erinnert an den Autor und vor allem den Valery-Übersetzer Georg Schneider. Den französischen Diplomaten Stephane Hessel porträtiert Jürg Altwegg. Roger Aeschbacher stellt den jungen französischen Comicautor Bastien Vives und sein erfolgreiches Debütalbum "Le gout du chlore" vor. Andrea Jeska erzählt von der achthundert Jahre alten Eiche im Dörfchen Behlendorf bei Lübeck. Über die "Deutsprachige Gemeinschaft" Belgiens (DG) informiert Andreas Rossmann. Jürgen Kesten gratuliert der Sopranistin Kathleen Battle zum Sechzigsten.

Besprochen werden die Uraufführung von Peter Eötvös' Oper "Love and other Demons" (nach Gabriel Garcia Marquez) in Glyndebourne, die Den Haager Piktogramm-Ausstellung "Neurath: A Safe Place", die Düsseldorfer Glas-Ausstellung "Zerbrechliche Schönheit", das von Valerio Olgiati entworfene neue Nationalparkzentrum im Schweizerischen Zernez (Bilder, teils live), Frank Gehrys Pavillon für die Londoner Serpentine Gallery, der Adam-Sandler-Film "Leg dich nicht mit Zohan an" und Bücher, darunter Peter Blickles Studie "Das alte Europa" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 13.08.2008

Ein Buch des Publizisten Patrick Buisson hat in Frankreich einen "erotischen Schock" ausgelöst, berichtet Cornelius Wüllenkemper. "1940-1945 - Die erotischen Jahre" erzählt "von der Faszination, die die deutschen Soldaten in Frankreich auslösten. Der Begriff der französischen Männlichkeit sei gar auf der Flucht vor den deutschen Invasoren verlorengegangen. Die zahlenmäßig führende Militärmacht Europas hatte angesichts der kämpferischen Überlegenheit der deutschen Einheiten innerhalb weniger Wochen kapituliert, und geschätzte acht Millionen Franzosen flohen von Panik getrieben in Richtung Süden. Für Buisson wirkte die militärische Übermacht der Deutschen wie ein 'erotischer Schock' auf die Franzosen: 'Die nordische Körperkultur hob die französischen Moralvorstellungen gehörig aus den Angeln. Die Deutschen zeigten sich ständig mit bloßem Oberkörper, beim Waschen am Dorfbrunnen oder beim Reinigen ihrer Waffen. Die Körper der deutschen Soldaten stifteten heillose Verwirrung in Frankreich - schließlich waren sie gepflegt, groß und gut gebaut.'"

Martin Krumbholz hält ein Plädoyer für die Theaterpause und argumentiert mit Roland Barthes: "Die Unterbrechung ist erotisch, wie die Psychoanalyse richtig gesagt hat: die Haut, die zwischen zwei Kleidungsstücken glänzt (der Hose und der Bluse), zwischen zwei Säumen (das halb offene Hemd, der Handschuh und der Ärmel); das Glänzen selbst verführt, oder besser noch: die Inszenierung eines Auf- und Abblendens."

Weitere Artikel: Tobias Kniebe erzählt aufgeregt das mutmaßliche Drehbuch von Quentin Tarantinos neuem Film "Inglorious Bastards" nach: Brad Pitt spielt den Anführer einer Gruppe von Juden, die in Nazideutschland soviele Deutsche wie möglich töten will (mehr dazu im New York Magazine). Richard Swartz beschreibt den ersten Teil seiner albanischen Reise. Amerikas Museen haben sich auf eine Selbstverpflichtungserklärung zur Deklaration von Raubkunst geeinigt, berichtet Kia Vahland. Dawid Danilo Bartelt beschreibt, wie die lateinamerikanische Linke seit 2005 nach neuen Wegen zur Lösung der "indigenen Frage" sucht.

Besprochen werden eine Ausstellung von Karikaturen aus der Türkei im Museum der Weltkulturen Frankfurt, einige CDs, Vanessa Redgraves Bühnen-Solo "The Year of Magical Thinking" nach dem gleichnamigen Buch von Joan Didion in Salzburg ("Vanessa Redgrave nimmt vor einem grauen Bühnenprospekt auf einem Gartenstuhl Platz und ist von Anfang an: Königin. Eine Königin des Schmerzes", schreibt die tief beeindruckte Christine Dössel) und Bücher, darunter Adrian Tomines Comic "Halbe Wahrheiten" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).