Heute in den Feuilletons

Der arme alte Joyce

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.01.2008. Die FR erliegt der Erotisierung des Amtskörpers und hat nur noch Sarkozy, Sarkozy und Sarkozy im Sinn. Hauptsache, man hat etwas zu lachen, meint Heinz Bude in der SZ. Die Berliner Zeitung berichtet über Journalisten, die fürchten, dass die Information außer Kontrolle gerät und die Kontrolle der Information in Pakistan. FAZ und SZ schildern die Empörung in Polen nach Jan Tomasz Gross' Recherchen über polnischen Antisemitismus nach 1945.

Berliner Zeitung, 16.01.2008

Schon wieder diskutierten Journalisten mit Bloggern und waren sich nicht einig über die respektive Qualität. Diesmal fand die Diskussion in der Ebertstiftung (Livestream) statt, berichtet ein im Internet namenloser Autor: "So malte der Intendant der Deutschen Welle, Erik Bettermann, das Szenario an die Wand, dass die Information durch Blogs 'außer Kontrolle' geraten könnte. Gleichzeitig sagte er, dass seine Journalisten gerade Weblogs aus Krisengebieten wie Burma nutzen würden, um sich über die dortige Lage zu informieren." Journalisten, die fürchten, dass Information "außer Kontrolle" gerät!

Wille Germund schildert, wie die Presse in Pakistan gegängelt wird. Journalisten werden auch gehindert, sich in den Grenzgebieten umzusehen. "Journalistenvisen werden nur noch für die drei großen Städte Lahore, Islamabad und Karachi ausgestellt. Für Reisen nach Quetta und Peshawar sind Sondergenehmigungen nötig. Und die werden nicht bewilligt."

TAZ, 16.01.2008

Ronald Düker erzählt einige hübsche Geschichten über den heute 80 werdenden Vidal Sassoon, würdigt aber natürlich auch das Wichtigste, Sassons Schnittechnik, die auf einer "Kartographie des Kopfes" basiert: "Swing - das war in Bezug auf die Frisur ganz buchstäblich zu verstehen. Denn so lautete ja der von Sassoon propagierte Paradigmenwechsel: Die Haare sollen so geschnitten sein, dass sie durch einfaches Schütteln des Kopfes von selbst zurück in die erwünschte Form fallen. Wo das gelingt, emanzipiert sich die Kundin aber auch vom Friseur, auf den sie bislang angewiesen war." (Hier sieht man Sasoon bei der Vermessung von Nancy Kwans Kopf.)

Besprochen werden David Böschs Inszenierung von Dirk Lauckes Theaterstück "alter ford escort dunkelblau" im Hamburger Thalia Theater sowie zwei neue Fotobände von Uta Grosenick und Thomas Seelig beziehungsweise Renate Buschmann und Stephan von Wiese über die Fotografie der Gegenwart und die rheinische Kunstszene.

In tazzwei informiert Daniel Müller über das US-Projekt Reputation Defender, das den ramponierten Ruf von Menschen im Internet und die bedrohte Privatsphäre wiederherstellen will. Auf der Meinungsseite plädiert der Psychologe Haci-Halil Uslucan im Interview für eine stärkere Förderung der gewaltfreien Erziehung in Migrantenfamilien.

Schließlich Tom.

Perlentaucher, 16.01.2008

Felix Philipp Ingold legt im Perlentaucher eine einigermaßen unheimliche Bestandsaufnahme der putinistischen Medienpolitik vor. Neuester Coup: "Präsident Putin hat unlängst die Schaffung einer Superagentur zur Medien- und Internetüberwachung angeregt und bereits auch ein diesbezügliches Dekret unterzeichnet. Demnach sollen die bisherigen Behörden für Kommunikationsüberwachung beziehungsweise für Kulturerhaltung in einen 'Föderationsdienst zur Überwachung der Sphäre der Massenkommunikation, der Informationsmittel und des Kulturerbe-Schutzes' übergeführt werden. Dieser neue Staatsdienst könnte durchaus, zumindest teilweise, die Funktion einer Zensurbehörde erfüllen, da sich seine Zuständigkeit unter anerem auf die Vergabe von Betreiberlizenzen wie auch auf die inhaltliche Kontrolle von gedruckten und elektronischen Medien erstrecken soll."
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FR, 16.01.2008

Großer Bahnhof für einen kleinwüchsigen Mann: Gleich drei Texte beschäftigen sich mit Nicolas Sarkozy und Carla Bruni. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken nimmt sich Sarkozys riskante "medial inszenierte Erotisierung seines Amtskörpers" vor und verteilt schlechte Stilnoten, auch wegen Nichteinhaltung der Schamfrist: "Das ist weniger ein Benimmproblem - obwohl es das auch ist - als ein Problem der Regie. So etwas ist schlicht und einfach ein ganz schlechter Plot, der dringend hätte überarbeitet werden müssen. Und so sind die fast identischen Ringe, die Sarkozy seiner zweiten und jetzt seiner dritten Frau geschenkt hat - mit Diamanten besetzte Herzen, hätte auch origineller ausfallen können - nichts als Anzeichen für die jenseits aller modernen Psychologie beliebige Austauschbarkeit der Charaktere, die in diesem Melodram zu Abziehbildern werden."

Für Ina Hartwig will Sarkozy durch seine neue Affäre vor allem eins vergessen machen: Dass Cecilia ihn verlassen hat. Und Christian Schlüter sieht in Sarkozys öffentlicher Inszenierung der Affäre die "Rache eines Emporkömmlings am Establishment, indem er sich eine seiner schillernden Ikonen, eine Künstlerin zumal, einverleibt".

Weitere Artikel: Abschreckend findet Daniel Kothenschulte das dominierende "Rubljovka-Design des sichtbar Teuren" auf der Internationalen Möbelmesse in Köln. In Times mager macht Hans-Jürgen Linke seinem Unmut über die unsinnig-unkorrekte Einrichtung des "Unworts des Jahres" Luft. Sylvia Staude weist auf den Start von Peter Heuschs auf drei Jahre angelegte Lesung von Laurence Sternes "Tristram Shandy" im Frankfurter Literaturhaus hin. Auf der Medienseite empfiehlt Judith von Sternburg die neue "Tatort"-Hörspielreihe.

NZZ, 16.01.2008

Marc Zitzmann schreibt über Nicolas Sarkozy, ohne den Namen Carla Bruni auch nur zu erwähnen. Stattdessen sucht er in mehr oder weniger neuen Publikation nach Antwort auf die Frage, was der Sarkozysmus sei. Besprochen werden Puccinis selten aufgeführter "Trittico" in der Oper Frankfurt (für Peter Hagmann ein "herrliches, dabei alles andere als unschuldiges Vergnügen"), das "erfrischende" Regiedebüt "Der Freund" des Zürcher Drehbuchautors Micha Lewinsky und Bücher, darunter Jörg Friedrichs Korea-Buch "Yalu", Wolfgang Sofskys Streitschrift "Verteidigung des Privaten", Andrei Bitows neu übersetztes "Puschkinhaus" und Elizabeth Georges neuer Wurf "Am Ende war die Tat" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 16.01.2008

Oksana Sabuschko, Autorin der "Feldstudien über ukrainischen Sex" und eines großartigen Essays über die Ukraine und Europa erzählt (leider nicht online) im Interview mit Werner Bloch, warum sie gern über Sex schreibt und wer auf diesem Feld ihre Lieblingsautoren sind: "Der arme alte Joyce. Er brauchte 600 Seiten Bewusstseinsstrom. Kundera legt einfach einen Menschen ins Bett, und man kann eine Person von allen Oberflächlichkeiten häuten wie eine Zwiebel. Ich liebe das. Kundera geht mir allerdings auf die Nerven, weil er so ein Macho ist. Ich wollte ihm etwas Weibliches entgegensetzen."

Weitere Artikel: Aufmacher ist Peter Zanders Besprechung der Verfilmung von Khaled Hosseinis Bestseller "Drachenläufer". Zander unterhält sich auch mit dem Regisseur des Films, Marc Forster. Hendrik Werner kommentiert den Umstand, dass nun auch Aldi Nord und Süd und McDonalds Hörbücher anbieten. Dankwart Guratzsch freut sich, dass nun immer mehr Dorfkirchen in Brandenburg von Bürgern renoviert werden. Besprochen wird eine Ausstellung des Fotografen Chargesheimer in Köln.

Die Magazinseite bringt eine Reportage Thomas Kielingers über die inzwischen über 200.000 Polen in London.

SZ, 16.01.2008

In einem differenzierten und mit einer Menge Zahlen unterfütterten Beitrag liefert der Soziologe Heinz Bude eine scharfe Kritik am Pisa-Konsortium, dessen Behauptung, jeder, gleich welcher Herkunft, könne mit der entsprechenden Ausbildung den sozialen Aufstieg schaffen, von den "ausbildungsmüden Jugendlichen" längst unterlaufen wird: "Das Spiel läuft immer auf zwei Bühnen: Auf der Vorderbühne, im Verhalten zum offiziellen Personal der Institution, wenn sie angesprochen, einbezogen und aufgefordert werden, dominiert Abwehr und Obstruktion; auf der Hinterbühne blühen Beweglichkeit, Schnelligkeit und Wendigkeit. Auf den ersten Blick geht die meiste Zeit mit Rumhängen, Blödeln und Quatschen rum. Aber darin steckt eine doppelte Botschaft: Man vereitelt nach vorne mit allen Mitteln, was gefordert ist, und beweist sich nach hinten als Virtuose im Austricksen des Systems. Hauptsache, man hat etwas zu lachen. Das Lachen ist in der Gegenkultur der Ausbildungsmüden eine komplexe Äußerung mit einem spezifischen sozialen Sinn."

Weitere Artikel: Gustav Seibt verortet den Brand von Moskau als "Urkatastrophe des 19. Jahrhunderts" und beklagt die moralische Verkitschung dieses "Elementarereignisses" in Tolstois derzeit als TV-Adaption laufenden Roman "Krieg und Frieden". Thomas Urban stellt "Angst", das neue Buch des aus Warschau stammenden und seit 40 Jahren in den USA lebenden Soziologen jüdischer Abstammung Jan Thomasz Gross vor: Gross untersucht den Antisemitismus im Nachkriegspoen und hat damit eine "wahre Presseschlacht" ausgelöst . Ingo Peitz berichtet über die Fortsetzung von Eldar Rjazanows Satirehit "Die Ironie des Schicksals" aus dem Jahr 1975, die in Russland jetzt zeitgleich in 1100 Kinos anlief und sich an die Spitze der Liste der erfolgreichsten je in Russland gezeigten Kinofilme setzte. Günter Kowa würdigt schließlich in einem Nachruf den Germanisten Claus Victor Bock, Mitbegründer der Amsterdam deutschsprachigen Exilzeitschrift Castrum Peregrini und Miglied des George-Kreises.

Besprochen werden das irische Fimmusical "Once" von John Carney, die Ausstellung "Disegno!" im Berliner Kupferstichkabinett, Joshua Sobols Inszenierung seines Stücks "Ghetto" in Klagenfurt, Dirk Lauckes "alter ford escort dunkelblau" im Hamburger Thalia Theater, eine Schau wertvoller asiatischer Handschriften in der Schatzkammer der Bayerischen Staatsbibliothek und Bücher, darunter eine Biografie von Daniel Schreiber über Susan Sontag. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Die Medienseite startet eine Serie über die Zukunft der Qualitätszeitungen und hat damit die Autoren Leif Kramp und Stephan Weichert des "Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik" in Berlin beauftragt. Sie stellen heute unter anderem neue Modelle vor: "Paul Steiger, einst Chefredakteur des Wall Street Journal, hat vergangene Woche die Leitung eines unabhängigen Redaktionsbüros mit dem Namen Pro Publica übernommen. Das gemeinnützige Projekt wird von der Sandler Stiftung und einigen anderen Spendern mit zehn Millionen Dollar jährlich gefördert; es reiht sich damit ein in die Tradition der tatkräftigen Förderung journalistischer Prinzipien, die von Organisationen wie dem Center for Investigative Reporting bereits seit 30 Jahren hochgehalten wird. Diese beschränken sich nicht auf Studien oder Pressemitteilungen, sondern arbeiten selbst journalistisch." Online steht der Artikel noch nicht. Dafür findet man ein Interview mit John Lloyd von der Financial Times zu ähnlichen Fragen..

FAZ, 16.01.2008

Auf heftige Ablehnung stößt der Soziologe Jan T. Gross in Polen mit seinem jüngsten Buch Angst ("Fear"), in dem er, so Karol Sauerland, "über die antisemitischen Stimmungen unmittelbar nach dem Holocaust, die pogromartigen Ereignisse in verschiedenen polnischen Ortschaften und den Pogrom in Kielce am 4. Juli 1946" schreibt. Nichts davon, erklärt Sauerland, war gänzlich unbekannt, trotzdem ist die Aufregung groß: "Es kam, wie es kommen musste: Das neue Buch von Jan Tomasz Gross ... löst allgemeine Empörung aus. Selbst in seriösen Zeitungen konnte man schon vor dem Erscheinen des Buches am vergangenen Freitag lesen, es enthalte viele falsche Darstellungen, es sei das Machwerk eines Soziologen, der sich als Historiker ausgebe, es sei gegen Polen insgesamt gerichtet. Und der polnisch-jüdischen Versöhnung werde es nicht dienen."

Weitere Artikel: In der Türkei werden jugendliche Straftäter in sogenannten Erziehungsheimen untergebracht. Nach einer gravierenden Reform dieser Heime zeitigt das auch Erfolge, wie Rainer Hermann weiß. Reiner Burger sieht es in der Glosse noch so weit kommen, dass an der Dresdner Waldschlösschenbrücke UN-Blauhelme aufziehen müssen. Nina Rehfeld hat den Campus des St. Johns College in Santa Fe besucht - die kulturgeschichtlich orientierte Universität fällt dadurch aus dem Rahmen, dass sie auf Prüfungen und auch Noten verzichtet. Den Sex- und Korruptionsskandal, der gerade die Politszene Griechenlands erschüttert, rollt Dirk Schümer für uns auf. Außerdem informiert er auch über Studentenproteste gegen einen geplanten Auftritt des Papstes an der römischen Universität "La Sapienzia".

Staunend stellt Jürg Altwegg fest, dass Nicolas Sarkozy jetzt den linken Soziologen Edgar Morin als Gewährsmann entdeckt hat. "Jvo" berichtet, wie es kam, dass Frank Vorpahl in Australien bisher unbekannte Georg-Forster-Zeichnungen entdeckte. Marks Siemons porträtiert den chinesischen Künstler Liu Wei, der in diesem Jahr den Hauptpreis der "China Contemporary Art Awards" erhalten hat. Michael Althen gratuliert dem Regisseur John Carpenter zum Sechzigsten, Lorenz Jäger schreibt zum Tod des Germanisten Claus Victor Bock.

Auf der Medienseite stellt Jörg Thomann die noch junge Zeitschrift Landlust vor, die mit sensationellen Auflagensteigerungen beeindruckt.

Besprochen werden Nicolas Joels Zürcher Inszenierung von Jules Massenets Oper "Le Cid", Sebastian Schugs Theaterversion von Francois Ozons Film "5 x 2", Marc Forsters Film "Drachenläufer" und Bücher, darunter Daniel Schreibers Susan-Sontag-Biografie (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).