Heute in den Feuilletons

Verzweiflungsgymnastiker

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2008. Knut in allen Ehren. Aber die Zoos schaden den Eisbären eher, meint Cord Riechelmann in der Welt. Die NZZ kritisiert die spanische Rechte, die das Franco-Regime stets noch als gemütlich in Erinnerung hat. In der SZ belegt der Holocaust-Historiker Rafael Medoff, dass die Amerikaner aus politischen Gründen auf eine Bombardierung von Auschwitz verzichteten. Die taz berichtet über eine Fatwa der rumänisch-orthodoxen Kirche gegen Salman Rushdies "Statanische Verse". Und Don Alphonso stochert grausam in der FAZ-Bildungssalatbeilage. Jürgen Goschs "Onkel Wanja"-Inszenierung stößt weithin auf Begeisterung.

Welt, 14.01.2008

Der Zoologe Cord Riechelmann stellt nach der Knutomanie des letzten Jahres nüchtern fest, dass Zoos der Artenvielfalt eher schaden als nützen: "Mit der Gleichschaltung der Umgebung im Zoo werden aber nicht nur Tiere verblödet, es wird der allgemeine Mechanismus der Evolution, die tägliche Auseinandersetzung mit veränderten Räumen, klimatischen Bedingungen und Freunden wie Feinden außer Kraft gesetzt, der erst die Artenvielfalt hervorgebracht hat. Damit wird die Gefangenschaftszucht zur Gefahr für die Artenvielfalt."

Weitere Artikel: Manuel Brug annonciert in der Leitglosse Schwierigkeiten für die Intendanz Gerard Mortiers an der New York City Opera. Brug begibt sich auch auf einen Rundgang durch drei Ausstellungen barocker Kunst in New York (mehr hier und hier). Peter Dittmar kommentiert Heidelberger Archivfunde, die belegen, dass Mona Lisa tatsächlich Lisa Gherardini sei, die zweite Frau des Florentiner Seidenhändlers Francesco di Bartolomeo di Zanobi del Giocondo. Hendrik Werner berichtet über die von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ins Leben gerufene kooperative Suchmaschine Wikia Search.

Besprochen werden "Onkal Wanja" in Jürgen Goschs Inszenierung am Deutschen Theater (die nach dem Bericht eines begeisterten Matthias Heine so traurig endet, "dass sich der Herzmuskel zusammenzieht"), die "Meistersinger" in Wien unter Christian Thielemann und neue DVDs, darunter eine Bunuel-Box.

Auf der Forumsseite unterhält sich Andrea Seibel mit dem US-Ökonomen Robert Reich über sein Buch "Superkapitalismus - Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt".

NZZ, 14.01.2008

In einem hintergründigen Artikel schildert Markus Jakob, wie schwer es Spaniens Rechter noch immer fällt, sich von der franquistischen Vergangenheit des Landes zu distanzieren: "Warum er, fragte neulich in aller Unschuld der ehemalige Innenminister Mayor Oreja, eine Epoche verurteilen sollte, die so viele spanische Familien als 'normal und natürlich' empfunden, ja als 'außerordentlich gemütlich' geschätzt hätten? Eine außerordentlich mörderische Gemütlichkeit: Mindestens 200.000 Opfer, ein Drittel davon in Friedenszeiten, gehen laut Schätzungen der Historiker auf das Konto des Regimes. Drei Jahrzehnte nach dessen Ende erinnert oft nicht einmal eine Gedenktafel an die Orte des Grauens."

Als "kunstvolles Kummerkonzert" hat Dirk Pilz Jürgen Goschs Inszenierung von "Onkel Wanja" im Deutschen Theater in Berlin erlebt: "Dreieinhalb eindringliche Stunden Theater, die eine Lehrstunde für das große Abc des Scheiterns sein wollen. Die Figuren: Verzweiflungsgymnastiker. Die Szenen: Exerzitien der Trostlosigkeit."

Weiteres: Mit leichtem Unbehagen sieht Martin Meyer dem neuen indischen Billigwagen Tata entgegen. Klaus Bartels sinniert über das Elektron und die E-Mail. Und Vergnüglich, aber etwas konventionell fand Barbara Villiger-Heilig Niklaus Helblings Inszenierung der "Miss Sara Sara" als Wasserschlacht im Schauspielhaus Zürich.

FR, 14.01.2008

Der Jurist Horst Meier weiß nicht, warum man jetzt noch einmal die Debatte über eine Verschärfung des Jugendstrafrechts führen muss: "Wie abwegig sie ist, hat Joachim Walter, Leiter des Jugendgefängnisses im baden-württembergischen Adelsheim, so resümiert: 'Alles, was da jetzt gefordert wird, ist in der Fachwelt zig Mal diskutiert und von Kriminologen und Jugenstrafrechtlern längst einmütig abgelehnt worden'."

Weiteres: In Times mager schildert Elke Buhr die Folgen eines schmerzenden Kompromisses. Besprochen werden Jürgen Goschs "Onkel Wanja"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin und Tilman Spreckelsens Streifzug durch die Artuswelt "Gralswunder und Drachentraum" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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nachtkritik, 12.01.2008

Über Längen und Dichten in Jürgen Goschs "Onkel Wanja"-Inszenierung am DT, schreibt Petra Kohse: "Man blickt ins Erdloch und fühlt sich selbst wie in einem, oder wie mit nassem Sand behäuft, immer tiefer sinkend, sich wegwünschend und doch gespannt verharrend, in welche Tiefe es führen wird, das mal mähliche, mal eruptive Sinken. Grashof hat große Momente des Unappetitlichen, Matthes exerziert Verlorenheit, Constanze Becker straßenrealistisches Erlöschen. Die gelungen umgangssprachliche deutsche Fassung von Angela Schanelec hat Gosch als Modell- und Ernstfall zugleich inszeniert, als Kopf- und Knasttheater, mit Einsprengseln von Schießbude und Ohnsorg zwar, aber ohne auch nur das Jota eines Erlösungsangebots."

TAZ, 14.01.2008

In Rumänien erscheinen erstmals Salman Rushdies "Satanische Verse", und prompt verurteilt die rumänisch-orthodoxe Kirche die Übersetzung, berichtet William Totok: "Das Verhalten der rumänisch-orthodoxen Kirche kam nicht überraschend. Seit der Wende von 1989 versucht sie sich als spirituelle Macht in Rumänien zu etablieren und ihre religiöse Vorherrschaft auszubauen. Dabei beruft sie sich auf die Popularität und das Vertrauen innerhalb der mehrheitlich orthodoxen Bevölkerung. Gleichzeitig erhebt die Kirche, die in kommunistischer Zeit durch ihre Staatstreue in Misskredit geraten war, den Anspruch, als einzige Institution die nationalen Traditionen und Werte ihren Zwecken entsprechend verwalten zu dürfen."

Weiteres: Im Aufmacher betrachtet Frank Schäfer das sich etablierende Genre der Musikcomics und dabei besonders die neuen Bände von Mawil, Ai Yazawa und Alex Robinson. Julian Weber berichtet vom Hamburger Kongress für musikalische Zukunftsfragen "Operation Ton". Besprochen wird ein "anregend scharfsinniger" Sammelband "Das Populäre der Gesellschaft".

In der tazzwei berichtet Reiner Wandler von den neuen und nicht besonders erfolgversprechenden Bemühungen Spaniens um einen Text für die Nationalhymne. Und Jan Feddersen wünschte sich, die SPD würde Günter Grass stoppen.

Und noch Tom.

Aus den Blogs, 14.01.2008

Don Alphonso antwortet auf den Beitrag der FAZ über eine Berliner Diskussion, die fragte, ob Qualität auch im Netz oder doch nur in Instituten wie der FAZ möglich sei, mit einem grausamen Stochern in der FAZ-üblichen Bildungssalatbeilage des Artikels: "Mrs. und Lady Astor sind zwei völlig unterschiedliche historische Personen." Don Alphonso verweist auch auf einen Artikel in Strappatos Gesundheitsblog, der zeigt, wie Qualität durch PR auch bei etablierten Medien wie stern.de und dem Stern untergraben werden kann. Auch Thomas Knüwer antwortet auf den Artikel in der FAZ. Viele Links und Informationen schließlich bei Burkhard Schröder in Telepolis.

In der SZ ist das Feuilleton gleich das zweite Buch, noch vor der Wirtschaft. Aber wie sieht's online aus?, fragt Neosushi: "Gibt es das Feuilleton in der Online-Ausgabe? Nein. Dort gibt es nur Kultur. Und die ist in der Reihenfolge nicht nur hinter die Politik, sondern auch hinter Wirtschaft und Finanzen gerutscht. Das gleiche trostlose Bild bietet sich bei der Welt, die in ihrer Printausgabe das Feuilleton so pflegt. Im Zuge der Online-Offensive musste das Wort weichen. Auch hier wieder: Kultur."

SZ, 14.01.2008

Rafael Medoff, Leiter des David S. Wyman Institute for Holocaust Studies, liefert zu George W. Bushs Äußerung, dass die USA Auschwitz hätten bombardieren sollen, historische Hintergründe: "Die Roosevelt-Regierung wusste um den Massenmord, der in Auschwitz praktiziert wurde. Man besaß sogar Planskizzen des Lagers, die zwei aus dem Lager Entkommene geliefert hatten. Aber als jüdische Organisationen das War Department aufforderten, die Bombardierung des Lagers oder der Gleise, die zum Lager führten, anzuordnen, wurde dies verweigert. Amerikanische Regierungsverantwortliche beriefen sich darauf, solche Angriffe wären 'undurchführbar', weil sie eine 'beträchtliche Abzweigung' von Flugzeugen erfordern würden, die für die Kriegsführung benötigt würden."

Weitere Artikel: In der Rubrik "Nachrichten aus dem Netz" stellt Susan Vahabzadeh kurz das produzentenfreie Videoblog-Projekt FunnyOrDie vor. Von Durs Grünbeins "Berliner Lektion" war Ijoma Mangold erst gar nicht begeistert, aber am Ende dann sehr. Aus der neuen europäischen Kulturhauptstadt Liverpool berichtet Willi Winkler. Über einen nicht ganz neuen, aber ziemlich überzeugenden Beweis, dass Leonardos Mona Lisa ein Porträt der Florentiner Seidenhändlersgattin Lisa del Giocondo ist, informiert Stefan Koldehoff. Till Briegleb hat Günter Grass beim Wahlkampf für die Hamburger SPD und den OB-Kandidaten Michael Naumann erlebt. Johannes Willms weiß, was sich Nicholas Sarkozy beim marxistischen Soziologen Edgar Morin ausleiht. In seiner DVD-Kolumne empfiehlt Fritz Göttler unter anderem eine Edition von Peter Lorres "Der Verlorene", seinem einzigen Film als Regisseur.

Besprochen werden Jürgen Goschs "Onkel Wanja"-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin, Rosamund Gilmores Münchner Inszenierung von Philipp Glass' Oper "La belle et la bete", drei Premieren zum Jahresstart an den Hamburger Staatstheatern, die Pariser Ausstellung "L'Enfer de la Bibliotheque", die Ausstellung "Politik, Pop & Afri-Cola. 68er Plakate" im Essener Folkwang-Museum, und Bücher, darunter Eberhard Werner Happels neu herausgegebener Barockroman "Der insulanische Mandorell" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 14.01.2008

Jürg Altwegg hat die Ausgaben der französischen Zeitschriften Simone de Beauvoir studiert und stellt fest: "Viele Autorinnen weisen darauf hin, wie wenig zum hundertsten Geburtstag der Beauvoir veranstaltet wird und wie sehr 'la Grande Sartreuse' auf das Klischee der griesgrämigen, lebensfeindlichen alten Tante eines anachronistischen Feminismus reduziert wird."

Weitere Artikel: Aus Spanien informiert Paul Ingendaay von Resozialisierungsmaßnahmen für jugendliche Straftäter, die sich als durchaus erfolgreich erweisen. In der Glosse sieht Lorenz Jäger im Fernsehen überall Figuren namens Bloch und nimmt sie "als Phantome der Ermordeten und Verjagten, die nun umgehen". Bei seiner "Berliner Lektion" sprach der Dichter Durs Grünbein über seine Kindheit in Dresden - Andreas Kilb berichtet. Jürgen Kesting war dabei, als der Mailänder Musikverlag Ricordi in der Scala sein zweihundertjähriges Jubiläum feierte. Dirk Schümer hat Eataly, den Turiner Lebensmittel- und Delikatessladen für "Regionalgenüsse" besucht, dessen Ruhm weit über die Region hinausreicht. Ellen Kohlhaas schreibt zum Tod des Pianisten Detlef Klaus, Paul Ingendaay würdigt den verstorbenen spanischen Dichter Angel Gonzalez. Außerdem porträtiert Ingendaay auch den zweiundfünfzigjährigen Arbeitslosen Paulino Cubero, der den allerdings bereits heftig umstrittenen Siegertext für die bislang sprachlose spanische Nationalhymne verfasst hat.

Besprochen werden eine "Onkel Wanja"-Inszenierung von Jürgen Gosch am Deutschen Theater Berlin (Irene Bazinger sieht sie "bis zum tranigen Ende immer tiefer in Kitsch und Klischees versinken"), die Ausstellung "Uncertain States of America" im Prager Rudolfinum, Lucy Walkers Film "Blindsight" und Bücher, darunter Bände von Peter Utz und Umberto Eco über das literarische Übersetzen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).