Heute in den Feuilletons

"Ich werde die Brüder vermissen"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2007. In der Welt seufzt Andrzej Stasiuk: "Ich werde die Brüder vermissen", und meint damit natürlich die Kaczynskis. Die FAZ sieht die niedergeprügelten Demonstrationen in Moskau als "die letzten Zuckungen des demokratischen Projekts". In Slate fragt Anne Applebaum: Warum hat Putin das getan? Golem berichtet, dass jetzt auch die Kulturindustrie auf "Vorratsdaten" zurückgreifen können soll. In der FR erzählt die schwedische Sopranistin Anne-Sofie von Otter über ihren Vater, einen Diplomaten, der vom abtrünnigen SS-Mann Kurt Gerstein als einer der ersten über die Vergasungen in Auschwitz informiert wurde.

Welt, 27.11.2007

"Ich werde die Brüder vermissen", schreibt Andrzej Stasiuk auf der Forumsseite und meint damit natürlich die Kaczynskis. Denn sie waren so unterhaltsam: "Die Brüder an der Macht waren theatralische Wesen. Jede ihrer Gesten, jedes Wort, jeder Auftritt hatte etwas Dramatisches. Sie konnten komisch sein wie in einer Komödie, doch nie waren sie platt wie in einer Seifenoper. In ihren rundlichen Körpern und unter der Maske ihrer kindlichen Gesichter brodelten Emotionen, die die moderne, fade Politik zur Verbannung oder zu einer schamhaft verborgenen Existenz verurteilt hatte. Die Brüder haben dem tiefsten Menschentum eine Stimme gegeben. Sie waren nachtragend, rachsüchtig, rücksichtslos, voller Komplexe, bösartig und kleinlich. Und so authentisch, dass es wehtat. Dafür hat sie das einfache Volk geliebt."

Ebenfalls im Forum antwortet der Autor Rolf Schneider auf Martin Mosebachs Büchner-Rede und einen Essay des Konservativen Alexander Gauland. Mosebachs Vergleich von Saint-Just und Himmler ist für ihn schlicht eine "Fehlleistung": "Himmler war ein ungebildeter Paranoiker und Saint-Just ein eisiger Demagoge, jener plante einen Genozid, während dieser sich als Partei im Bürgerkrieg verstand. Dass die Schreckensherrschaft des Wohlfahrtsausschusses der finsterste Abschnitt der Französischen Revolution ist, unterliegt keinem Zweifel, ihre wirklichen Parallelen findet sie bei Lenin, Trotzki und Stalin, die sich auf solches Vorbild ausdrücklich beriefen."

Im Feuilleton schreibt Rainer Haubrich über die Eröffnung des Architektenwettbewerbs zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Peter Dittmar meditiert in der Leitglosse über Politiker und Popmusiker, die zeichnen und malen. Sven Felix Kellerhoff berichtet über Hans Magnus Enzensbergers Dokumentarrecherche zum Reichswehr-General von Hammerstein. Alexander Kluy resümiert ein international besetztes Symposion über Literaturkritik in München. Jeannette Neustadt besucht die neue Kunsthalle Weishaupt in Ulm. Und Hanns-Georg Rodek schreibt zum Tod des legendären Hollywood-Agenten Robert Lantz.

Besprochen werden die Ausstellung "Japan und der Westen" im Kunstmuseum Wolfsburg und Paul Dessaus "Verurteilung des Lukullus" an der Komischen Oer Berlin.

Weitere Medien, 27.11.2007

Anne Applebaum (mehr) fühlte sich an die 60er oder 80er Jahre erinnert, als sie die Bilder von den verhafteten Demonstranten in Moskau sah, schreibt sie im Slate Magazin. Warum hat Putin das getan? Laut Garri Kasparow ist Putin sehr viel unsicherer als er erscheine. "Vielleicht, aber das schließt die andere, grimmigere Erklärung nicht aus, und die lautet: Putin schlägt die Opposition zusammen, weil er es kann. Der Dollar sinkt, Bush wird bedeutungslos und Europa kann sich auf keine gemeinsame Russlandpolitik einigen. Währenddessen schwimmt Russland in Ölgeld und die Parlamentswahlen nächste Woche werden laufen wie der Kreml es will. (...) Putin und seine Entourage haben vom Westen fast alles bekommen, was sie wollten - eingeschlossen die Möglichkeit, für einen G8-Gipfel in St. Petersburg Gastgeber zu spielen. Wenn die Fotografien von diesem Wochenende aussehen, als wären sie vor 30 Jahren aufgenommen worden, warum sollte sie das kümmern?"

NZZ, 27.11.2007

Renate Lachmann stellt den kroatischen Autor Miljenko Jergovic vor, der für seinen Roman "Ruta Tannenbaum" in diesem Jahr den Literaturpreis der bosnischen Stadt Tuzla erhalten hat. Mit ihm soll, wie Lachmann erklärt, die Versöhnung zwischen den ehemaligen jugoslawischen Ländern gefördert werden: "Jergovic zog mit der Veröffentlichung des Romans, der ein Tabuthema kroatischer Geschichte behandelt, heftige Kritik kroatischer Rezensenten auf sich. In 'Ruta Tannenbaum' stellt er Zagreb in den Mittelpunkt einer Geschichte von schleichendem, langsam anschwellendem kroatischem Antisemitismus. Es geht dabei um den Identitätsverlust einer Stadt, die nach dem Ende der k. u. k. Monarchie einen Weg beschritt, der Teilen der Bevölkerung eine Machtkarriere in sich radikalisierenden nationalistisch-patriotischen Institutionen ermöglichte."

Weiteres: Joachim Güntner berichtet von einem Symposion zu Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften, die in den vergangenen zehn Jahren 663 Professuren verloren haben: "Je länger die Misere nun schon dauert, desto nachhaltiger frisst sich der Eindruck fest, die Gedemütigten seien an der Krise selber schuld." Roland D. Gerste erzählt vom Washingtoner Ford's Theater, in dem Abraham Lincoln von einem Südstaaten-Anhänger erschossen wurde und das nun restauriert werden muss.

Besprochen werden Jaume Cabres katalanischer Roman "Die Stimmen des Flusses", Monografien zu neuer chinesischer Architektur, Linda Stifts Roman "Stierhunger", Rene Marans Klassiker "Batouala" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FR, 27.11.2007

Norman Lebrecht erzählt, warum die Sopranistin Anne-Sofie von Otter auf ihrem neuen Album Lieder aus dem KZ Theresienstadt singt. Ihr Vater hatte als Diplomat im August 1942 von dem SS-Mann Kurt Gerstein von den Ausmaßen des Holocaust erfahren. "Nachdem er sich durch Begutachtung von Gersteins Ausweispapieren von dessen Glaubwürdigkeit überzeugt hatte, verbrachte von Otter die nächsten sechs oder acht Stunden im Gang des Zuges und vernahm den detaillierten Bericht über die Funktionsweise des Völkermordes, über die Gaskammern und die Massengräber. Gerstein ließ nichts aus: weder die Namen der verantwortlichen Offiziere noch den Gesichtsausdruck einen kleinen Mädchens, das man nackt in die Todeskammer stieß. 'Ich habe heute mehr als zehntausend Menschen sterben sehen', schluchzte er."

Weiteres: Gestern hat die Ausschreibung für das Berliner Stadtschloss begonnen, mit Kuppel und Fassade, wie Christian Thomas notiert. Arno Widmann nutzt eine Times mager, um über einem schmerzhaften Traum in Venedig zu sinnieren.

Besprochen werden Katja Czellniks Inszenierung von Paul Dessaus und Bertolt Brechts Oper "Die Verurteilung des Lukullus" an der Komischen Oper Berlin, eine Ausstellung des Malers Felix Vallotton im Kunsthaus Zürich und ein Auftritt des Rappers 50 Cent in Frankfurt.

TAZ, 27.11.2007

Christian Broecking protokolliert ein Gespräch mit dem Jazztrompeter Enrico Rava. Nina Apin stellt den argentinischen Schriftsteller Fabian Casas vor. Heute abend tritt die Krautrock-Band Harmonia nach dreißig Jahren wieder auf, und zwar beim Worldtronics Festival in Berlin, verkündet Christoph Wagner.

Besprechungen widmen sich der Schau "Leben im Hochhaus" im Bauhaus-Archiv Berlin, Katja Czellniks Version der "Verurteilung des Lukullus" von Bertolt Brecht und Paul Dessau an der Komischen Oper Berlin, Leander Haußmanns Filmkomödie "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken".

In tazzwei meldet Cigdem Akyol, dass der "Zentralrat der Exmuslime" für das nächste Jahr eine kritische Islamkonferenz einberufen will. Und auf der Medienseite stellt Niklas Hoffmann das politische Blog Huffington Post vor, das meistverlinkte Blog der Welt.

Und Tom.

FAZ, 27.11.2007

Kerstin Holm teilt wohl die Ansicht derjenigen, die die niedergeprügelten Demonstrationen in Moskau für "die letzten Zuckungen des demokratischen Projekts" halten. An ihrer misslichen Lage sei aber auch die Opposition selbst nicht ganz unschuldig: "Die russischen Demokraten konnten sich bis heute von dem Vorwurf, elitär zu sein, nicht freimachen. Dass Russlands Freiheitsliebende, deren Protestmärsche heute wenig mehr als persönlichen Mut und Ehrgefühl unter Beweis stellen, an der jetzigen Misere eine Hauptschuld tragen, glaubt der Schriftsteller Wladimir Sorokin. Die zum Narzissmus neigende Intelligenz habe die politische Schwarzbrotarbeit den Bürokraten überlassen, befindet Sorokin, der die chronische Zerstrittenheit der Demokraten als Schande bezeichnet."

Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, erklärt in einem diplomatisch sehr verklausulierten Text die Bedeutung der Berlinka-Sammlung, die derzeit in Polen ist und, darum geht es doch wohl, zurück nach Deutschland soll: "Es ist nicht mehr und nicht weniger als das geistige Tagebuch der Deutschen. Darin liegt die maßgebliche Bedeutung der Berlinka. Was das Literaturarchiv in Marbach heute für Autographen und Nachlässe ist, war vor allem die Berliner Staatsbibliothek für die Zeit vor 1945."

Weitere Artikel: Regina Mönch zitiert aus (frühen) Texten des Rappers Muhabbet - und versteht jene nicht, die zu der darin dokumentierten Schwulen- und Frauenfeindlichkeit nur mit den Achseln zucken. In der Glosse fragt sich Andreas Kilb, wie sich die "eins zu eins"-Umsetzung des Stadtschlossplans mit mitgeplanten Risikovorsorgeeinsparungsmaßnahmen vertragen soll. Oliver Jungen informiert über Primär- und Sekundärprävention, kurzum: die Schwierigkeiten im Umgang mit HIV in unseren Breiten. Denis Scheck war bei einer Tagung amerikanischer Literaturübersetzer (unter Beteiligung von "Paradiesvögeln") im texanischen Dallas. Vor einer geplanten Verwaltungsreform, die für die sächsische Denkmallandschaft nichts Gutes bedeutet, warnt Arnold Bartetzky. Edo Reents berichtet, wie man in Rostock Walter Kempowskis gedenkt. Joachim Müller-Jung porträtiert den Stammzellforscher Shinya Yamanako. Auf der "Forschung und Lehre"-Seite beobachtet Jürgen Kaube wie sich an deutschen Universitäten gerade eine "Lehrsklavenhaltergesellschaft" entwickelt.

Besprochen werden die CDs "American Dreams / European Visionaries / Visionaries & Dreams" des Vienna Art Orchestra, Christina Paulhofers Baseler Version von Shakespeares "Antonius und Cleopatra", Katja Czellniks Inszenierung von Paul Dessaus "Lukullus" an der Komischen Oper in Berlin, die Inszenierung von Xavier Durringers und Neco Celiks gemeinsam erarbeitetem Stück "Ausgegrenzt", eine Mascha-Kaleko-Ausstellung im Literaturhaus Berlin und Bücher, darunter Christine Langers Gedichte "Lichtrisse" (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 27.11.2007

Katja Tichomirowa berichtet von der Affäre, die die russische Kunstszene aushalten muss: Kulturminister Alexander Sokolow hat Anstoß am Bild zweier knutschender Milizionäre genommen und als "Pornografie" deklariert. Das Bild durfte Russland für die Ausstellung "Soz-art. Politische Kunst in Russland" in der Pariser Maison Rouge nicht verlassen. Der Direktor der Galerie hat ihn daraufhin wegen Verleumdung verklagt. "Der eigentliche Leidtragende des Spektakels aber ist der Kurator für zeitgenössische Kunst der Tretjakow- Galerie, Andrej Jerofejew, der die Ausstellung betreute. Ihm stellte schon die orthodoxe Kirche nach, nun sind es rechtsradikale Gruppen. In seinen Ausstellungen randalierten religiöse und nationalistische Fanatiker, er erhält Drohbriefe und wird mit Klagen überzogen. Die vorläufig letzte gegen ihn anhängige Klage wurde von der 'Volksunion' und der 'Bewegung gegen illegale Migration' angestrengt. Der Vorwurf lautet, seine Ausstellung schade den Interessen Russlands."

Weitere Medien, 27.11.2007

Der Mediendienst golem berichtet, dass der Bundesrat auch der Kulturindustrie Zugriff auf die auf Vorrat gespeicherten Daten einräumen will. "Während der Bundestag den Zugriff auf gespeicherte Daten grundsätzlich auf die Erteilung von Auskünften für hoheitliche Zwecke beschränken will, drängen die Länder darauf, die Daten auch Rechteinhabern zur Verfügung zu stellen. Diese sollen einen zivilrechtlichen Auskunftsanspruch gegenüber Internet-Providern erhalten, also ohne Einschaltung der Staatsanwaltschaft die Daten von Internetnutzern bei deren Providern abfragen können."

SZ, 27.11.2007

Ob die Elbufer in Hamburg durch eine bewohnte Brücke verbunden werden sollen, wird derzeit virtuell vorab von Bürgern diskutiert. Die elektronische Partizipation funktioniert bestens, meint Till Briegleb. "Das Niveau der Debatten ist teilweise besser als auf mancher Diskussion der Architektengremien - und Nimbys haben hier kaum Chancen. Ähnlich wie bei Wikipedia und anderen diskursiven Internetmedien setzt sich auch bei 'belebte-brücke.de' die Ernsthaftigkeit durch. Pöbeleien und offensichtliche Kampagnen werden einfach nicht kommentiert und sinken dadurch 'wie ein Stein zum Grund des Sees, wo keiner sie mehr sieht', wie Rolf Lührs, Leiter des Forums es ausdrückt. Denn umso intensiver ein Beitrag diskutiert wird, umso weiter steht er oben. Und auch die Angst, dass sich ein Altbaugeschmack gegen Teheranis Hightech-Design massiert, erfüllt sich nicht. Die meisten Beiträge meiden ästhetische Argumente. Pro und Contra sind bei diesem Projekt nahezu ausgeglichen."

Weitere Artikel: Günter Kowa erfährt von Grabungen in Mansfeld, dass Martin Luther nicht nur aus besserem Hause stammte als er später zugeben wollte, sondern auch Singvögel aß. Bissig kommentiert Thomas Steinfeld die Entscheidung des ORF, wegen der eigenen Chancenlosigkeit nicht mehr beim Eurovision Song Contest mitzumachen. Gemälde von Heinrich Bürkel und Jan Brueghel, die bei Hampel in München versteigert werden sollten, sind offenbar bei Kriegsende aus deutschen Museen verschwunden, wie Stefan Koldehoff notiert. Alexander Kissler meldet, dass der Band der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe mit den umstrittenen rassistisch zu verstehenden Äußerungen vorerst nicht mehr ausgeliefert wird. Die Retro-Funk-Welle, auf der die Dap Kings derzeit schwimmen, wurde von der Münchner Band Poets of Rhythm ausgelöst, betont Jonathan Fischer.

Besprochen werden die Uraufführung von Rene Polleschs "Die Welt zu Gast bei reichen Eltern" am Hamburger Thalia Theater, Osvaldo Golijovs Oper "Ainadamar" über Federico Garcia Lorca in Darmstadt, Cesar Bresgens Kinderoper "Der Mann im Mond" am Münchener Gärtnerplatztheater und Bücher, darunter Sigrid Damms und Wolfgang Frühwalds erzählerische Goethe-Annäherungen sowie Pieter Hugos Fotoband über die Hyänenmänner Nigerias "The Hyena & Other Men" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).