Heute in den Feuilletons

"kalt-vergnügte Bauchfrei-Marie"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2007. Maxim Billers Roman "Esra" ist vom Bundesverfassungsgericht endgültig verboten worden, was einige verdammen, nicht wenige aber auch nachvollziehen können. Den Friedensnobelpreisträger Al Gore kürt die FAZ zum Weltinnenpolitiker neuen Typs. Die NZZ malt sich mit Freeman J. Dyson dagegen lieber aus, wie kunterbunt das schon angebrochene Jahrhundert der Biologie werden könnte. Und im Tagesspiegel bezweifelt Saul Friedländer, dass in Nazi-Deutschland viel verdrängt wurde.

FAZ, 13.10.2007

Das Feuilleton ist heute grün. Als "Weltinnenpolitiker" neuen Typs preist Nils Minkmar den Friedensnobelpreisträger Al Gore (mehr). "Dieser Friedensnobelpreis markiert den Beginn einer völlig neuen Ära politischer Führung: Bereits seit einigen Jahren hat eine Gruppe von globalen Philanthropen revolutionäre Energien freigesetzt. Die Bill-Gates-Stiftung hat mehr zur Verbesserung der Gesundheit in Afrika getan als die kombinierte europäische Entwicklungshilfe in Jahrzehnten; Bob Geldof und Bono haben die Agenda des diesjährigen G-8-Treffens dominiert und Bill Clinton entwickelt gerade eine völlig neuartige Strategie, auf wirtschaftlich intelligente Art wohltätige Zwecke zu fördern. Die supranationalen Finanz-und Medienmärkte eignen sich eben auch dazu, globale Probleme anzugehen, das hat Al Gore als Erster geahnt und ausprobiert, nun wurde er dafür belohnt."

Zweites großes Thema ist das endgültige Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" durch das Bundesverfassungsgericht. Der Kulturwissenschaftler Remigius Bunia schließt sich den Richtern an. Literatur habe mit der Wirklichkeit durchaus etwas zu tun, auch wenn die Literaturwissenschaftler das hartnäckig leugnen. "Der amerikanische Kognitionspsychologe Richard Gerrig hat 1993 ermittelt, dass kein Leser einen 'Schalter' im Kopf hat, den er umstellt, je nachdem ob er fiktionale Romane oder Zeitungsberichte liest. Beide werden auf gleiche Art und Weise verarbeitet; es kommt auf den sozialen Kontext und das Wissen um die Realität an, um das Zutreffende vom Unzutreffenden zu unterscheiden. Solche Arbeiten sind vom literaturwissenschaftlichen Establishment lange ignoriert worden."

Hubert Spiel begrüßt die "wünschenswerte Eindeutigkeit" des Urteils, das die Verfassungsrichter mit fünf zu drei Stimmen eigentlich denkbar knapp getroffen haben. Reinhard Müller geht auf die Sondervoten der drei unterlegenen Richter ein, Helmut Mayer spricht mit Billers Verleger Helge Malchow.

Weiteres: Noch ohne von dem Nobelpreis zu wissen, der gestern neben Al Gore auch dem Weltklimapanel IPCC verliehen wurde, unterhält sich Christian Schwägerl mit dessen Vorsitzenden Rajendra K. Pachauri, der Angela Merkel für ihren Vorschlag, jedem Erdenbürger in Zukunft zwei Tonnen Kohlendioxid zuzugestehen, nachhaltig lobt. Jürgen Kaube beobachtet beim diesjährigen Nobelpreis die erstmalige Anwendung einer "Präventionsmoral", die die Verhinderung zukünftiger Konflikte würdigt. Martin Otto resümiert eine Frankfurter Tagung zu Stefan George, deren Teilnehmer anscheinend noch nichts von Thomas Karlaufs Biografie wussten. Auf der Schallplatten- und Phonoseite wird Manu Katches Album "Playground" als Geniestreich gewürdigt. Außerdem vorgestellt werden die neuen Alben von Gravenhurst und Chloe.

In Bilder und Zeiten bewundert Gina Thomas Norman Fosters Verjüngungskur für den altehrwürdigen Londoner Bahnhof St. Pancras. Lisa Zeitz besucht den ehemaligen Galeristen Heiner Friedrich. Auf der letzten Seite führt Marco Schmidt ein respektvolles Gespräch mit der Bergman-Schauspielerin Liv Ullmann.

Besprochen werden eine Ausstellung mit griechischer Kunst aus Paestum im Bucerius-Kunstforum Hamburg, die von Roger Vontobel besorgte Uraufführung von Gerhild Steinbuchs Stück "Verschwinden" beim steirischen Herbst in Graz, und Bücher, darunter Heinz Schneppens Studie über "Odessa und das Vierte Reich", Charles Simic' "erfrischender" Textband "Die Wahrnehmung des Dichters", sowie Karla Schneiders Roman "Marcolini oder Wie man Günstling wird".

Welt, 13.10.2007

"Von einer totalen Niederlage für die Kunstfreiheit kaum zu unterscheiden", ist für Uwe Wittstock das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, nach dem Maxim Billers Roman "Esra" verboten bleibt. Billers Ex-Freundin hat gegen das Buch geklagt, weil sie sich in der Hauptfigurdes Romans wieder erkannt hat und in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sieht. "Verblüffend ist, mit welchem Desinteresse der Literaturbetrieb das 'Esra'-Verfahren an sich vorüberziehen ließ. Dabei ist Literaturfreiheit keine ein für allemal errungene Selbstverständlichkeit. Sie braucht, wie der Prozess gegen 'Esra' zeigt, ihre Verteidiger. Hätten sich noch zwei Verfassungsrichter überzeugen lassen - die Welt der Literatur sähe anders aus."

"Kunst, das kann man nicht leugnen, hat auch Opfer. Ich fürchte, ganz ohne Schmerzen kriegt man auch keine gute Literatur", sagt der Autor und Jurist Georg M. Oswald zu dem Urteil im Gespräch mit Elmar Krekeler. Im Übrigen hält es Oswald mit dem Minderheitenvotum des Gerichts: "Entscheidendes Kriterium für die Versagung oder Gewährung des Grundrechtsschutzes auf Kunstfreiheit sei, ob der Roman bei einer Gesamtbetrachtung ganz überwiegend das Ziel verfolge, bestimmte Personen zu beleidigen, zu verleumden oder verächtlich herabzuwürdigen. Das scheint mir das viel glücklichere Kriterium zu sein."

Weiteres: Eckhard Fuhr berichtet von der Buchmesse, die seinem Eindruck zufolge "ein bisschen müde" wirkt. Hannes Stein konstatiert ein totales Desinteresse der USA an Doris Lessing. Josef Engels unterhält sich mit dem Musiker Harry Connick über seine Geburtsstadt New Orleans. Sven Kellerhoff weist auf den arte-Themenabend zu Hollywood und Hitler hin. Berthold Seewald besucht das Wehrgeschichtliche Museum in Rastatt, das sich derzeit der Geschichte des Panzers widmet.

Für die Literarische Welt hat Maike Albath Doris Lessing in London besucht, offensichtlich jedoch bevor sie den Nobelpreis erhalten hat. "Im Schnitt schafft sie pro Jahr einen Roman. Gerade schließt sie ein neues Buch über das Leben ihrer Eltern ab. Aber Doris Lessing kann nicht mehr jeden Tag arbeiten, was sie furchtbar findet. Das Alter, eine Mühsal! 'Man wird kein bisschen weiser. Das ist ein Gerücht. Man wird wütender. Ich bin sehr leicht zu verärgern', grummelt die alte Dame." Zu lesen ist auch eine Hymne von V.S. Naipaul auf seinen karibischen Dichterkollegen Derek Walcott.

NZZ, 13.10.2007

Der Physiker Freeman J. Dyson malt sich im Aufmacher von Literatur und Kunst ohne Hemmungen das schon längst angebrochene Jahrhundert der Biologie aus. Wichtig sei es, die Biotechnologie wie einst den Computer jedermann zur Verfügung zu stellen. "Der letzte Schritt in der Domestizierung der Biotechnologie wird die Entwicklung von Biotech-Spielen sein, die ähnlich wie Computerspiele aufgebaut sind, die aber nicht nur auf dem Bildschirm, sondern mit echtem Saatgut oder Eizellen gespielt werden. Dabei würden die Kinder eine unmittelbare Beziehung zu den Organismen entwickeln, die sie heranzüchten; Sieger würde dasjenige sein, das den stachligsten Kaktus oder den putzigsten Dinosaurier präsentiert. Diese Spiele brächten Unordnung und natürlich auch ein gewisses Mass an Risiko mit sich." Weitere Vorhersagen in Dysons Buch bisher nur auf Englisch erschienenem Buch "A Many-Colored Glass", das Uwe Justus Wenzel vorstellt.

Weitere Artikel: Die Münchner Kunsthistorikerin Karin Hellwig präsentiert die Höhepunkte aus der dreißigjährigen Korrespondenz der beiden Kollegen Carl Justi und Wilhelm Bode. Modernisierungstendenzen beim Flamenco erkennt Kersten Knipp. Oskär Bätschmann hält die digitale Reproduktion von Paolo Veroneses "Hochzeit zu Kana", die jetzt am ursprünglichen Ort im venezianischen Benediktinerklosters S. Giorgio Maggiore installiert wurde, nach wie vor für einen Ersatz und beendet damit alle Originalitätsdiskussionen.

Im Feuilleton hält Joachim Güntner die Kunstfreiheit mit dem Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" für nicht gefährdet: "Man verschone uns also mit Gefasel von der Art, im Karlsruher Urteil zeigten sich 'totalitäre' Tendenzen." Marc Zitzmann kommentiert die Eröffnung des Pariser Immigrationsmuseums, dessen Macher und Nicolas Sarkozy zwei gegensätzliche Auffassungen über Einwanderung zu haben scheinen. In der Kolumne von der Frankfurter Buchmesse begegnet der unbekannte Redakteur auf Schritt und Tritt Religion, Wahn und Astrologie. Lilo Weber meldet, dass der Literaturnobelpreis für Doris Lessing bei allen britischen Zeitungen außer dem Independent Titelthema war. Daghild Bartels verzeichnet eine Reihe von Neueröffnungen von Galerien in Berlin. Georges Waser resümiert die fünfte Ausgabe der Kunstmesse Frieze in London.

Besprochen werden eine Ausstellung über die zeitgenössische Architektur Australiens im Deutschen Architekturzentrum in Berlin, ein "pänomenale" Aufführung von Mahlers dritter Sinfonie durch das Lucerne Festival Orchestra unter Pierre Boulez in der New Yorker Carnegie Hall, und Bücher, darunter Owen Gingerichs bisher nur auf Englisch erschienenes Plädoyer für die Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft "God's Universe".
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FR, 13.10.2007

Peter Michalzik kommentiert das "Esra"-Urteil des Bundesverfassungsgerichts: "So wird ein Stück jener Freiheit, die sich der Geist sucht, dem Schutz jenes Teils des Menschen geopfert, an dem er bloßgestellt werden kann. Gerichte tendieren seit jeher dazu - es ist verständlich, kunstfreundlich ist es nicht. Man hat sogar den Eindruck, dass es gegen die besondere Qualität der Kunst weitgehend immun ist. Das Urteil wird in jedem Fall Teil einer Umwertung des Intimen von einem Ort, wo das Bekenntnis zu Hause ist, zu einem Bereich, der sich dadurch definiert, dass er von Übergriffen bedroht ist: von Wahrhaftigkeit zum Schutz des 'Menschenwürdekerns'. Es ist Teil und Reflex einer Entwicklung, in der das Private - durch seine endlose mediale Vervielfältigung - als immer stärker bedroht erscheint."

Weitere Artikel: Matthias Arning porträtiert den Historiker Saul Friedländer, dem am Sonntag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird. Harry Nutt weiß Neues von Grass, nämlich dass seine Todesanzeige einstens nicht in der FAZ, sondern eben in der FR veröffentlicht wird. Der Stroemfeld-Verleger KD Wolff schreibt über Kafka-Ausgaben von einst (beim Verlag Kurt Wolff) und jetzt (bei Stroemfeld). In ihrer Kolumne stellt Marcia Pally das evangelikale Microsoft-Kinderkirchencomputerspiel "Halo 3" vor. Christian Thomas hat einen kurzen Nachruf auf den Architekten Kisho Kurokawa verfasst.

Besprochen werden "White Bicyles", die Autobiografie des Musik-Produzenten- und Entdeckergenies Joe Boyd, und der erste von Margarethe von Trotta inszenierte Tatort.

Tagesspiegel, 13.10.2007

Im Gespräch mit Gerrit Bartels will Holocaust-Forscher und Autor Saul Friedländer von Unwissen und auch Verdrängung bei den Deutschen nichts wissen. "Die Leute wussten viel mehr, als sie nach dem Krieg zugegeben haben. Das ist ja klar. Mir scheint aber, dass sie das während des Krieges verstanden, was mit den Juden passierte. Die Soldaten machten sich in ihren Briefen nach Hause richtiggehend Späße: Die Juden würden zu Wurst verarbeitet, die an die sowjetischen Kriegsgefangenen verteilt würde, sie würden in Auschwitz den 'Heldentod' sterben, haben welche geschrieben, und das scheinen mir keine besonders schockierten jungen Männer gewesen zu sein. Ältere Leute waren ängstlicher, die sagten, Gott würde sich rächen, oder die Juden würden sich rächen. Es gibt ja die These von der Verdrängung. Aber diese Verdrängung scheint mir nicht besonders ausgeprägt zu sein."
Stichwörter: Auschwitz

TAZ, 13.10.2007

Auf den Tagesthemenseiten weist Nikolai Fichtner auf den zweiten Friedensnobelpreisträger hin, den IPCC. "Tatsächlich ehrt das Nobelpreiskomitee mit dem UN-Klimarat vor allem einen Prozess, den man als Sieg der Erkenntnis bezeichnen könnte - einer auf kleinstem gemeinsamem Nenner. Der IPCC ist eine einzigartige Verbindung von Wissenschaft und Politik: Hunderte Wissenschaftler aus aller Welt tragen die Erkenntnisse der Klimaforschung in einem einzigen Dokument zusammen. Die Vertreter der Mitgliedstaaten müssen das Papier Wort für Wort absegnen - und sich in den folgenden Klimaverhandlungen an ihm messen lassen."

Das Feuilleton: Christian Rath liefert die Fakten zum Veröffentlichungsverbot für Max Billers Roman "Esra". Auf der Meinungsseite findet Daniel Bax die Entscheidung zwar bedauerlich - will aber den Autor auch nicht von aller Schuld freisprechen. Der Soziologe Joachim Fischer setzt sich mit Jörg Magenaus Buch über die taz auseinander - und geht dabei vor allem der Frage nach den bürgerlichen Zügen der Zeitung nach. In seiner "Buchmessern"-Kolumne berichtet Dirk Knipphals von der Begegnung mit einem Veteranen, der gerade seine fünfzigste Buchmesse erlebt. Arno Frank schreibt über eine aufregende Pop-Woche mit Madonna-Gerüchten und einer erst einmal nur im Netz veröffentlichen "Radiohead"-Platte. Im Interview mit der zweiten taz erklärt Ali Kizilkaya, der Vorsitzende des Islamrats, warum er sich nicht zu einer "deutschen Werteordnung" bekennen will: "Zudem konnte uns niemand die Frage beantworten, was unter dem Begriff 'deutsche Werteordnung' zu verstehen ist und warum man zusätzlich zu den Verfassungswerten weitere Kriterien benötigt." Veit Medick informiert über ein im Rahmen einer Ausstellung auf der Buchmesse gezeigtes hoch umstrittenes Foto, das ergoogelte Konzentrationslageraufnahmen auf den von Israel errichteten Sperrzaun projiziert.

Im Dossier des taz mag stellt Jan Feddersen - in doch deutlichem Widerspruch zu Andreas Fanizadehs gestrigem Kultur-Aufmacher - in Sachen RAF fest: "Noch immer wird gern die Mär verbreitet, auch von Karl-Heinz Dellwo, einem einstigen RAF-Mann, die Bundesrepublik sei ja durchsetzt gewesen von Nazis. Glauben kann man ihr nicht mehr schenken." Jasna Zajcek erzählt die "Undercover-Reisegeschichte" einer Autofahrt von Berlin nach Amman während des Ramadan 2006. Gekürzt aus der Lettre nachgedruckt werden Überlegungen des Soziologen Dirk Baecker zu Universitäts(re)formen, die den intimen und produktiven Umgang mit Nichtwissen ermöglichen könnten.

Besprochen werden unter anderem Peter Merseburgers Rudolf-Augstein-Biografie, ein Buch über den Industriefilm und Brigitte Kronauers Roman "Errötende Mörder" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

nachtkritik, 13.10.2007

Ralph Gambihler hat Volker Löschs "ebenso wuchtige wie plakative" Woyzeck-Inszenierung in Dresden gesehen. Woyzeck wäre heute, hat Gambhihler dabei erfahren, ein Neonazi: "Woyzecks scheiternde Liebe ist aller Zärtlichkeit enthoben. Sie erinnert eher an einen Kampfplatz. Die eindrucksvoll agierende Minna Wündrich betritt mit ihrer nervösen und kalt-vergnügten Bauchfrei-Marie kaum das Tränental der Schuldgefühle. Das wäre Schwäche, und schwach darf hier keiner sein. Und allein auch nicht. Allein mit seiner Not aber ist der von dunklen Ahnungen bedrängte Soldat und Barbier Franz Woyzeck. Er muss als Sündenbock herhalten, und Viktor Tremel entwickelt seine Figur überzeugend vom geprügelten Hund zur Mordmaschine. Vom rechten Mob, in den sich Marie rasch einreiht, wird Woyzeck zum Spaß gequält. Es gibt da eine unschöne Szene. Der Tambourmajor (famos: Kai Roloff), dessen Rolle deutlich herausgehoben ist, macht in ihr den Einpeitscher und Bösewicht. Er penetriert den um seine Hoffnungen beraubten mit dem Revolver. Marie lacht dazu über ihre Restgefühle hinweg."
Stichwörter: Dresden, Volker Lösch

SZ, 13.10.2007

Für hoch problematisch hält Heribert Prantl das endgültige Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" durch das Bundesverfassungsgericht. "Früher war Kunstgeschichte Zensurgeschichte. Diese Art der Zensur ist tot. Sie ist in neuer Form wieder auferstanden." Auch die zum Urteil befragten Autoren, von Juli Zeh bis Thomas Glavinic, äußern sich - mit der Ausnahme Bodo Kirchhoffs - ablehnend.

Weitere Artikel: Gerhard Matzig glossiert die Liste der einflussreichsten Kunstpersönlichkeiten, in deren Nationalbilanz Deutschland auf Platz drei landet. Gottfried Knapp schreibt kurz zum Tod des Architekten Kisho Kurokawa. Reinhard J. Brembeck erinnert an den "unbelehrbaren Komponisten" Hans Pfitzner. Alex Rühle fragt nach den Gründen für den aktuellen Boom der Väterliteratur. Fritz Göttler gratuliert Roger Moore, Ralf Dombrowski dem Saxophonisten Lee Konitz zum Achtzigsten. Für die Literaturseite war Christian Mayer mit dem gerade mit der Literaturbetriebssatire "Das bin doch ich" erfolgreichen Autor Thomas Glavinic auf der Buchmesse unterwegs. Martin Vialon kommentiert einen erstmals publizierten Brief des Romanisten Erich Auerbach an seinen Kollegen Victor Klemperer aus dem Jahr 1949.

Besprochen werden Roger Ciceros neue CD "beziehungsweise", Srdan Golubovics Film "Klopka - Die Falle" und die Berliner Uraufführung von Martin Heckmanns' neuem Stück "Ein Teil der Gans".

Jörg Häntzschel und und Stefan Kornelius bewundern auf der dritten Seite das Comeback des einstigen Wahlverlieres und frischgebackenen Friedensnobelpreisträgers Al Gore. "'Eine unbequeme Wahrheit' ist der dritterfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Doch für Gore war er nur eine weitere Stufe in seiner hochprofessionellen Mobilisierungskampagne. Es folgte das Buch zum Film, der Auftritt bei der Oscar-Verleihung im Februar 2007, wo er für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, schließlich das weltumspannende Live-Earth-Konzert im Juli."

Im Aufmacher der SZ am Wochenende bietet Hans Leyendecker eine Übersicht über die Verschwörungstheorien zum Tod des vor zwanzig Jahren in einer Genfer Badewanne - und zwar, da ist Leyendecker sicher, durch Selbstmord - geendeten Uwe Barschel. Anne Haeming hat sich in Bruchsal umgesehen, der Stadt, in der Christian Klar einsitzt, und muss feststelllen: "Bruchsal ist exakt so, wie die RAF Deutschland nie haben wollte." Miriam Stein denkt über Tabubrüche in der Modewelt nach. Auf der Historienseite geht es um die Geburt Neuseelands aus dem Geiste seines Rugby-Nationalteams. Im Interview spricht der Schauspieler Kevin Kline über "Theater", aber auch über Hollywood, wo es schon mal heiße: "Diese Figur ist für ein so großes Budget einfach zu komplex."