Heute in den Feuilletons

"Zeigen, was fehlt"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2007. Die NZZ vernahm bei der Laudatio Wolfgang Frühwalds auf Saul Friedländer billiges Klatschen im Publikum. Die anderen Zeitungen fragen sich, ob Friedländer nun auf Martin Walsers Friedenspreisrede antwortete oder nicht. Der Tagesspiegel porträtiert den ägyptischen Fernsehprediger Amr Khaled. Die SZ beschreibt, wie die Griechen maximalen Druck auf London ausüben, um den Parthenonfries wieder ganz zu haben. In der Welt fürchtet Richard Dawkins den Einfluss der Religion auf die amerikanische Politik.

NZZ, 15.10.2007

Joachim Güntner berichtet von der Verleihung des Friedenspreises an den Historiker Saul Friedländer. Die von einigen erwartete Replik auf Martin Walsers Paulskirchenrede kam nicht von Friedländer, sondern von dessen Laudator Wolfgang Frühwald. "Nachdem er die existenzielle Bedeutung des Zivilisationsbruchs gekennzeichnet hatte, fügte Frühwald an: 'Wer dies - wie die stereotype Formel lautet - nicht mehr hören kann, der hat es noch nie wirklich gehört.' Der Szenenapplaus, der sich sofort erhob, verriet, dass das Publikum verstanden hatte, wer der spezielle Adressat dieser Worte war. Es war freilich ein recht billiges Klatschen, vielleicht ja eines aus schlechtem Gewissen, denn gar viele, die hier applaudierten, hatten 1998 auch brav Martin Walser ihren Beifall entboten."

Kersten Knipp bilanziert den Auftritt des Gastlands Katalonien bei der Frankfurter Buchmesse: "Katalonien, das ist zu großen Teilen Barcelona, und Barcelona, das ist Großstadt, Hektik, Moderne, darin Berlin, Paris, London vergleichbar. Entsprechend die Literatur: Ortsnamen, Straßen, Protagonisten mögen katalanische Namen haben, die Themen sind oft global: Aufbruch, Hoffnung, Niederlage, Verzweiflung; Selbstbehauptung in schwierigem Umfeld, Arbeit am Sinn und an der Liebe. Darum dürfte es schwierig sein, aus dieser Literatur etwas spezifisch Katalanisches herauszulesen; gut möglich sogar, dass man solches gar nicht heraus-, sondern einfach nur hineinliest. So standen die Autoren in einem merkwürdigen Nichtverhältnis zu den vielen offiziellen Verlautbarungen, den Stellungnahmen des für den Messeauftritt verantwortlichen Instituts Ramon Llull."

Weiteres: Abgedruckt ist ein Vortrag des NZZ-Korrespondenten Victor Kocher, in dem dieser für eine nachhaltige Entspannungs- und Entwicklungspolitik im Nahen Osten plädiert. Besprochen werden Stefan Jägers Film über das Sterben "Hello Goodbye", Bernhard Langs Musiktheaterstück "Der Alte vom Berge" am Theater Basel und Lukas Bärfuss' Stück "Die Probe" in Bern.

Tagesspiegel, 15.10.2007

Andrea Nüsse porträtiert den weithin beliebten, Boss-Anzüge tragenden, in seiner ägyptischen Heimat aber mit Auftrittsverbot belegten Fernsehprediger Amr Khaled (hier seine Website mit Redetexten): "Er scheint es zu verstehen, Islam und Moderne zu verbinden, den Islam positiv zu besetzen. Vielleicht, weil er kein Islamgelehrter ist, sondern ein gelernter Buchhalter mit schauspielerischem Talent und einer Mission. Das ägyptische Regime fürchtet seine Popularität. Seit 2002 darf Amr Khaled in seiner Heimat nicht mehr öffentlich auftreten. Angeblich soll sich die Schwiegertochter von Präsident Hosni Mubarak verschleiert haben, nachdem sie Amr Khaled predigen hörte. Dafür hat der Westen Amr Khaled als Gegengift gegen die extremen Islam- Interpretationen von Hetzpredigern entdeckt. Das britische Außenministerium etwa organisiert Veranstaltungen im Wembley-Stadion mit dem exzentrischen Redner. Adressat: die eigene muslimische Bevölkerung. Das Magazin 'Time' zählte Khaled zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt, auf Platz 62 zwischen Garry Kasparow und Al Gore."
Stichwörter: Al Gore, Islam, Hosni Mubarak

FR, 15.10.2007

Peter Michalzik drückt Karin Beier, der neuen Intendantin des Kölner Schauspiels die Daumen. Sie habe durchaus das Zeug, die Kölner von ihrer Rolle als "Lachnummer" der Nation in Sachen Kunst und Kultur zu befreien. "Am ersten Tag also Beiers Inszenierung von Hebbels 'Nibelungen', die sie schon einmal, ganz anders, in Worms inszeniert hatte. Am zweiten Tag zwei Aufführungen, die zwei Dinge unmissverständlich deutlich machen: Köln hat, nach vielen vielen Jahren der Abstinenz, wieder ein ernstzunehmendes Theater. Und zweitens wird Beier, wenn sie so weiterzumachen gedenkt, und es sieht alles danach aus, in Köln viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Ihr Spielplan ist durchaus gewagt. Es gibt keinen Abiturklassiker, kein Weihnachtskinderstück, keinen Liederabend - keine Auffangbecken für Stücke also, die nicht von selbst laufen." Beiers "Nibelungen" hält Andreas Wilink passenderweise für "bildmächtig, energievoll, phantasiebegabt, vielleicht etwas flach, aber sehr fix und gewitzt".

Weiteres: Sebastian Moll stellt Renzo Pianos energiesparendes Hochhaus für die New York Times vor. Beeindruckt resümiert Harry Nutt die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Saul Friedländer in der Frankfurter Paulskirche, bei der Friedländer aus den unveröffentlichten Briefen seiner Eltern vortrug. In einer Times mager vergibt Arno Widmann schlechte Noten an die jüngste Ausgabe des SZ-Magazins: "Von Witz kann man eben doch nur reden, wenn es mit einem Schlag hell wird."

Besprochen wird die von Ingo Berk besorgte Uraufführung von Anja Hillings Stück "Schwarzes Tier Traurigkeit" am Schauspiel Hannover.
Anzeige

TAZ, 15.10.2007

Islam und Demokratie passen auch in Deutschland zusammen, stellt die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün auf der Meinungsseite fest. Dazu brauche man aber andere Gesprächpartner. "Der Islam ist hierzulande nicht auf der Höhe der Zeit. Wir benötigen einen Islam, der auf die hiesigen Lebensbedingungen Antworten gibt, eigenständig organisiert und an den europäischen und deutschen Gesetzen gemessen wird - das sind die gleichen Anforderungen, die auch an alle anderen Religionen zu stellen sind. Stattdessen aber zeigt sich hier meist ein islamisches Gesicht, das von Verbänden und Funktionären bestimmt ist, die konservative, manchmal auch fundamentalistische Positionen vertreten und vom Ausland abhängig sind."

Im Feuilleton hat sich Wiebke Porombka beim ersten Buchmessebesuch berauscht. Die eben zu Ende gegangene Londoner Kunstmesse Frieze ist etabliert und selbst durch Immobilienkrisen nicht zu erschüttern, notiert Saskia Draxler. In der zweiten taz porträtiert Antje Bauer ein armenisches Ehepaar, dass in dieser Touristensaison an der türkischen Mittelmeerküste gearbeitet hat. Daniel Bax freut sich, dass das vom WDR ausgerichtete und im Vorfeld attackierte Kölner Kulturfest zum Ende des Ramadan ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen ist.

Besprochen wird Srdan Golubovics Film "Klopka-Die Falle".

Und Tom.

Welt, 15.10.2007

Im Interview mit Rainer Haubrich weist der Berliner Kulturstaatssekretär Andre Schmitz alle Sehnsüchte von Architekten nach moderner Bebauung des Berliner Schlossplatzes zurück: "Der Deutsche Bundestag hat klare Vorgaben dazu gemacht. Mit zwei Beschlüssen ist festgeschrieben, dass das geplante Humboldt-Forum in der Kubatur des früheren Schlosses zu errichten ist und an drei Seiten die alten Fassaden zu rekonstruieren sind. Auf der Ostseite kann dagegen eine moderne Gestaltung erfolgen. Das ist der Rahmen, der gesetzt ist."

Weitere Artikel: Uwe Wittstock kommentiert die Friedenspreisrede (Auszug) Saul Friedländers als indirekte Antwort auf Martin Walsers Rede an gleicher Stelle vor neun Jahren, in der der Autor eine Ritualisierung des Gedenkens beklagte. In der Leitglosse empfiehlt Hendrik Werner allen, die streikbedingt auf den Zug warten, Andrea Köhlers Essayband "Lange Weile - Über das Warten". Johanna Schmeller besucht die Münchner Studienstiftung Maximilianeum in München, die seit 150 Jahren besteht. Johannes Wetzel besucht das neue Pariser Immigrationsmuseum und zeichnet sehr kontroverse Debatten zum Thema unter der Regierung Sarkozy nach.

Besprochen werden zwei Paula Modersohn-Becker-Ausstellungen zum 100. Todestag der Malerin (hier und hier), eine "Elvis lebt"-Revue mit Harald Schmidt am Schauspiel Stuttgart, Verdis "Nabucco" in Bremen, David Böschs Inszenierung von Büchners "Woyzeck" in Essen und eine Ausstellung mit Zeichnungen Jörg Immendorffs in Düsseldorf.

Auf der Forumsseite kommentiert der "Skeptical Environmentalist" Björn Lomborg den Friedensnobelpreis für Al Gore, den er als notorischen Übertreiber ansieht: "Gore erklärte der Welt in seinem Oscar-prämierten Film..., sie solle sich für den Verlauf dieses Jahrhunderts auf einen Anstieg des Meeresspiegels um sechs Meter einstellen. Er ignoriert die Befunde des mit ihm ausgezeichneten IPCC, das davon ausgeht, dass der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert nur um 15 bis 60 Zentimeter ansteigen wird, wobei am ehesten ein Anstieg von etwa 30 Zentimetern zu erwarten sei."

Und für die Welt online interviewt Alan Posener den Gott-Kritiker Richard Dawkins, der den bleibenden Einfluss der Religion auf die amerikanische Politik fürchtete: "Nehmen wir den jetzigen Kandidaten Mitt Romney. Er ist Mormone, und der Mormonismus ist einfach verrückt. Romney lässt sich seine Meinung vielleicht nicht von Salt Lake City diktieren, aber um sich zu einer Religion zu bekennen, die ein offensichtlicher Scharlatan begründete, muss man so naiv sein, dass man nicht den Finger am atomaren Abzug haben sollte."

FAZ, 15.10.2007

Tobias Rüther fasst die Buchmesse zusammen und irgendwie scheint sie ausgerechnet Klaus Wowereit dominiert zu haben. Patrick Bahners will in seinem Kommentar zur Friedenspreisrede von Saul Friedländer dem Grußwort Gottfried Honnefelders nicht zustimmen, in dem dieser die Erinnerung an den Holocaust zur Voraussetzung für den Frieden erklärte - dies sei eine unzulässige "Universalisierung". In der Glosse zeigt sich M.H. sehr angetan von Harald Schmidts auf Stuttgarts Theaterbühne gezeigtem "mörderischem Molotowcocktail" aus "Kabarett und Kantinentratsch". Joseph Hanimann hat sich in Paris das neue Forum für Architektur und Denkmalpflege angesehen. Ellen Kohlhaas berichtet vom Weimarer Kunstfest "Pelerinages". Der neuseeländische Schriftsteller Lloyd Jones gilt als Favorit für den übermorgen vergebenen Man-Booker-Preis - Gina Thomas porträtiert ihn. Kerstin Holm war in der Republik Tatarstan, in der gerade die Gebildeten im Moment eifrig zum Islam konvertieren. Dieter Bartetzko schreibt zum Tod des Architekten Kisho Kurokawa.

In der FAS findet sich ein Interview, das Johanna Adorjan mit dem Friedenspreisträger Saul Friedländer geführt hat.

Besprochen werden Ausstellungen gefälschter Bilder in Kiel und Münster, die Stan-Douglas-Retrospektive in Stuttgart, ein Auftritt des Jazz-Saxophonisten Lee Konitz in Mannheim und Bücher, darunter Fred Sellins Reportagenband "Notaufnahme" und Silke Scheuermanns Gedichtband "Über Nacht ist es Winter" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 15.10.2007

Auf der Athener Akropolis hat der Umzug der Skulpturen in das neue Museum begonnen, berichtet Christiane Schlötzer. Hier wäre auch noch Platz für den lange vermissten Parthenon-Fries. "Dramatisch ist die Präsentation der Leerstellen. Die Londoner Stücke werden durch Kopien ersetzt, die hinter einem grauen Gazeschleier ins Nebulöse rücken. 'Zeigen, was fehlt', nennt das Dimitrios Pandermalis, Gründungsdirektor des Neubaus, der so 'maximalen Druck' auf London ausüben möchte. Der Kulturminister sieht im neuen Museum selbst 'die stärkste Aufwertung für unseren Wunsch nach Wiederherstellung der Einheit des Parthenon-Frieses'. Schließlich hätten die Briten ihre Weigerung, die Reliefs - nicht einmal per Leihgabe - zu vereinen, stets damit begründet, in London seien sie viel besser zu bewahren, da Athen nicht mal über ein Museum mit neuester Technik verfüge."

Juristen kommen mit der Kunst einfach nicht zurecht, meint Ijoma Mangold in seinem Kommentar zum Verbot von Maxim Billers Roman "Esra". "Das Bundesverfassungsgericht wollte es sich nicht einfach machen. Es wollte auch der Kunst Gerechtigkeit widerfahren lassen. Also hat es eine Kategorie entwickelt, an der sich der Kunstcharakter eines Werkes bemessen lassen soll: Es spricht von 'Fiktionalisierung'. Diese Kategorie ist ausgesprochen naiv und unterkomplex. Sie ist ungefähr so sinnvoll, als würde man in der bildenden Kunst festschreiben, nur das sei ein Bild, was in einen rechteckigen Rahmen gefasst ist."

Weiteres: Franziska Augstein gefielen bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Saul Friedländer sowohl Wolfgang Frühwalds Laudatio als auch Dankesrede. Volker Breidecker erklärt, warum die Buchmesse eine protestantische Angelegenheit ist. In den Pariser Theatern kommt eine neue Generation ans Ruder, bemerkt Thomas Hahn mit Beispielen vom Theatre de l'Odeon, dem Theatre de la Ville und dem aus Gennevilliers. Marcus Rothe spricht mit Ang Lee über dessen Film "Gefahr und Begierde". Die Schweizer "Aktion Kinder des Holocaust" verklagt den Rudolf Steiner Verlag wegen der antisemitischen Inhalte der immer noch erhältlichen Schriften des Namenspatrons, berichtet Alexander Kissler. Judith Raupp erinnert an Thomas Sankara, den ehemaligen Präsidenten von Burkina Faso, der vor zwanzig Jahren ermordet wurde und durch seine Nonchalance gegenüber den Kolonialherren zum Idol wurde.

Rupert Murdoch steigt mit dem am Montag anlaufenden Fox Business Network ins Wirtschaftsfernsehen ein, berichtet Nikolaus Piper, der dies als einen weiteren Schritt in Murdochs Plan betrachtet, zum global führenden Anbieter für Wirtschaftsinformationen aufzusteigen.

Besprochen werden Harald Schmidts "raffiniertes" Potpourri "Elvis lebt und Schmidt kann es beweisen" bei den RAF-Wochen am Stuttgarter Staatsschauspiel, ein Klavierabend mit Helene Grimaud im Münchner Herkulessaal, Pascale Ferrans Film "Lady Chatterley", DVD-Neuerscheinungen wie Josef von Sternbergs "Jet Pilot" und Bücher, darunter ein Sammelband mit den Gedichten von Salvador Espriu sowie der von Mike Schmeitzner herausgegebene Aufsatzband zur "Totalitarismuskritik von links" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).