Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2007. "Stoppt Putin!" ruft Elena Tregubova in einem Offenen Brief in der SZ den G8-Chefs zu. Die Welt steht verzückt vor Damien Hirsts mit 8601 Diamanten bestücktem Schädel. In der NZZ weist Fassbinder-Nachlassverwalterin Juliane Lorenz alle Vorwürfe zurück. Die Zeit hört eine afrikanische Oper, die Flugzeuge zum Absturz bringt. Die taz stellt Luk Percevals Filmprojekt "Düsseldorf, mon amour" vor.

Welt, 06.06.2007

Geblendet von der Schönheit des Todes geht Thomas Kielinger durch die neueste Damien-Hirst Schau in Londons White Cube. "Wir starren. Der Mund bleibt offen. Wir sind verzückt. Vor uns leuchtet das strahlendste und zugleich teuerste Objekt, das die moderne Kunst je erschaffen hat: ein mit 8601 Diamanten übersäter Schädel, der Platinabguss eines solchen, Dernier Cri von Damien Hirst, dem einstigen jungen Wilden der YBA (Young British Artists). Kein Wilder mehr, vielmehr gemildert vom Millionen-Gewicht seines Reichtums, hat Hirst mit diesem 1106.18-Karat-Schädel das Nonplusultra des Manierismus erklommen."

Weiteres: Auf eine entsetzliche Begleiterscheinung des G8-Gipfels macht Matthias Heine aufmerksam: die Rückkehr der Clowns und anderer Manifestationen linksspießiger Kleinkunst. Tom Mustroph kündigt an, dass die Berliner Schaubühne ihre erste Inszenierung mit Avataren aus Second Life plant. Gerhard Charles Rump weiß zu berichten, dass nach neuesten Vermutungen rund hundert falsche "Brillo"-Boxen von Andy Warhol auf dem Markt sind. Rump weist darauf hin, dass überteuerte Werke zeitgenössischer Maler nichts Neues sind, sondern Tradition: Man wollte sich schließlich nicht von irgendjemandem porträtieren lassen. Berthold Seewald berichtet, dass Forscher Kaiser Hadrians Regeln für sportliche Wettkämpfe entdeckt haben. Und Uwe Wittstock besucht eine Ausstellung über Gefängnisstrafen im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt.

NZZ, 06.06.2007

Joachim Güntner hat mit der derzeit heftig attackierten Fassbinder-Nachlassverwalterin Juliane Lorenz gesprochen, um die gegen sie erhobenen Vorwürfe zu diskutieren: "Geht man im Gespräch mit Juliane Lorenz die gegen sie gerichteten Angriffe durch, bleibt fast nichts, was Bestand hätte. Dass die Foundation gar keine richtige Stiftung sei, sondern eine GmbH, habe sie aus Geldgier so eingefädelt? Unsinn, die Stadt München habe damals keine Künstler-Stiftung erlaubt. Sie habe Peer Raben nicht zur Premiere der Neuedition von 'Berlin Alexanderplatz' eingeladen? Natürlich sei der damals schon Todkranke eingeladen worden, im Übrigen sei er einer der wichtigsten Menschen für sie gewesen. Im Ausland lasse sie sich als 'Frau Fassbinder' ansprechen? Replik: 'So ein Quatsch.'"

Für die Reihe "Die Zukunft von gestern" hat der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider sich noch einmal Anthony Burgess' Roman "A Clockwork Orange" angesehen und erkennt die darin ausgeführte "Indifferenz der Gegensätze" als Signatur unserer Gegenwart.

Besprochen werden die Jubiläumsausstellung des Deutschen Werkbunds in München, Berliner Inszenierungen von Mozarts "Clemenza di Tito" und Andreas Zemlinskys "Die Traumgörge", ein Zürcher Konzert der Kremerata Baltica unter Leitung von Gidon Kremer und Bücher, darunter Kinder- und Jugendbücher sowie Wilfried Meichtrys Doppelbiografie über Iris und Peter von Roten (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 06.06.2007

Petra Reski hat in Malis Hauptstadt Bamako die Vorbereitungen für die erste afrikanische Oper der Musikgeschichte, die Sahel-Oper "Bintou Were", begleitet, die jetzt auch in Europa zu sehen sein wird. Komponiert hat sie der guinea-bissauische Musiker Ze Manel, das Libretto kommt von dem senegalesischen Musiker Wasis Diop und dem tschadischen Dichter Koulsy Lamko. Den Tenorpart übernimmt Dramane Zie: "Er ist 79 Jahre alt und eigentlich Zeremonienmeister des liturgischen Gesangs für malische Großwildjäger. Sein Instrument heißt Bolon und sieht aus wie ein Kürbis, in dem eine mit Saiten bespannte Gartenschaufel steckt. Dramane singt, wenn die Jäger auf die Jagd gehen, wenn sie zurückkehren und wenn sie beerdigt werden, er singt, wenn sich die Geister versammeln, er singt gebeugt und krächzend, die Saiten des Bolon zupfend, eines Basses, der so dunkel und eindringlich klingt, dass man meint, nicht mit den Ohren, sondern mit dem Bauch zu hören. Mit seiner Musik beschwört Dramane die Himmelsmächte, manche in der Truppe sagen auch: Er kann Flugzeuge zum Absturz bringen."

Den Gipfel vor Augen lässt die Zeit heute Vertreter der nicht eingeladenen "schweigenden Weltmehrheit" zu Wort kommen: Zum Beispiel den marokkanischen Schriftsteller und Maler Mahi Binebine: "Ihr rührt die Werbetrommel für Demokratie und Menschenrechte - und unterstützt aus purem Eigennutz Regime, die die elementarsten Freiheitsrechte mit Füßen treten. Ihr führt in Krisenregionen humanitäre Interventionen durch - und gleichzeitig verkauft ihr heimlich Waffen, und zwar schweres Kriegsgerät, wie Ruanda gezeigt hat. Damit nicht genug. Ihr macht vom Vetorecht in den Vereinten Nationen Gebrauch wie einst vom göttlichen Recht der Monarchien oder dem Ius primae Noctis der Feudalherren. All das bringt uns, die afrikanischen, arabischen und muslimischen Demokraten, die wir eure Freiheit so lieben, in eine sehr schlechte Lage, wenn wir ebendiese Freiheit verteidigen wollen."

Zudem fordert der chilenische Schriftsteller Jorge Edwards von den G8-Staaten Hilfe für die Entwicklungsländer bei der Bildung und der sozialen Absicherung. Antara Dev Sen, Autorin und Gründerin der Literaturzeitschrift The Little Magazine, findet es unfair, dass die armen Länder in Sachen Energieverbrauch jetzt für die Sünden der reichen büßen sollten.

Weitere Artikel: Die Redaktion versammelt Stellungnahmen zum Krach um Rainer Werner Fassbinders Erbe. Juliane Lorenz, Vorsitzende der Fassbinder Foundation gibt etwa zu Protokoll: "Die in dem Artikel gegen die RWFF und mich aufgestellten Behauptungen sind unwahr." Ulrich Stock trifft die Pariser Bildhauerin Dominique Gonzalez-Foerster, die für die Skulpturenschau in Münster die Werke ihrer Vorgänger in Miniatur reproduziert. Hans-Joachim Müller stellt die Künstlerin Isa Genzken vor, die den deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig bestückt. Tobias Timm erzählt die Geschichte der Erbin Gisela Bermann Fischer, die nicht ihr von den Nazis geraubtes Pissarro-Gemälde "Le Quais Malaquais" zurück bekam, sondern nur die Forderung eines Kunsträubers, "Finderlohn" zu zahlen.

Besprochen werden Luc Bondys "König-Lear"-Inszenierung an der Wiener Burg und Jan Bosses Beckett-Aufführung "Endspiel" sowie Neues aus der Rubrik Diskothek.
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FR, 06.06.2007

Sylvia Staude resümiert eine Frankfurter Tagung des Deutschen Museumsbunds zum Thema "Was macht ein Museum erfolgreich?". In Times mager sinniert Christian Schlüter über Heiligendamm und den Begriff des Gipfels als "reine Idee". Besprochen wird Steven Soderberghs Sequel "Ocean?s Thirteen" und Mira Nairs Film "The Namesake - Zwei Welten, eine Reise".
Stichwörter: Sequel, Steven Soderbergh

TAZ, 06.06.2007

Hans-Christoph Zimmermann stellt das Filmprojekt "Düsseldorf, mon amour" des Regisseurs Luk Perceval vor, dessen erste Aufgabe an die Schauspieler lautete: "Gehe in die Stadt und lerne einen Japaner kennen. Sein Motiv, so Perceval im Gespräch, sei das Unbehagen gewesen, dass das Theater oft nur aufgrund von Dramentexten oder Infos aus Zeitung und Fernsehen Kommentare über die Menschen und das Leben abgibt: 'Wir urteilen über das Leben, aber wir nehmen nicht am Leben teil.' Man muss da gar nicht erst Thomas Manns fast gleich lautende Sentenz bemühen, um hierin ein altes Künstlertrauma zu erkennen. Vom Pygmalionmythos bis zu heutigen Gruppen wie Rimini Protokoll hat die Kunst immer wieder sisyphoshaft die Nähe zum Leben gesucht, sei es, dass sie es selbst zu schaffen oder dass sie es authentisch abzubilden versucht."

Ekkehard Knörer begeistert sich für den - ja, was? - Dokumentarfilm? Filmessay? "Schindlers Häuser" von Heinz Emigholz, der 100 Minuten lang nahezu stumm Arbeiten von Rudolph M. Schindler, Architekt der klassischen Moderne, zeigt. "Er fügt einen partiellen Zusammenhang an den anderen, erschafft Blick für Blick und Einstellung für Einstellung den vom Architekten geschaffenen Raum neu. Deshalb ist 'Schindlers Häuser' ein Meisterwerk nicht verfilmter, sondern filmischer Architektur."

Weiteres: Gabriele Lesser kommentiert den - zwischenzeitlich wieder gestoppten - Vorstoß des polnischen Bildungsministers Roman Giertych, der im Sinne des "Patriotismus Morgen"-Programms an polnischen Schulen Werke der Weltliteratur wie Goethe, Kafka, Dostojewski, Joseph Conrad und Witold Gombrowicz "in die Tonne" warf. Henrike Thomsen begutachtet die 4. Skulptur Projekte in Münster, die selbstbewusst gegen Kassel, Basel und Venedig anträten. In tazzwei ärgert sich Hilal Sezgin, dass Necla Kelek für ihre Kritik an der Kölner Moschee den "Aufmacher-Platz" der FAZ "zur Verfügung gestellt" bekam und der "pseudo-kritische" Perlentaucher sie dann auch noch zitiert hat.

Und Tom.

SZ, 06.06.2007

"Stoppt Putin!" ruft die nach dem Mord an ihrer Kollegin Anna Politkowskaja nach England geflohene Journalistin Elena Tregubova den G-8-Chefs in einem offenen Brief zu. "Täuschen Sie sich nicht: Russland besteht nicht nur aus Putin und seinem Tschekisten-Klan. Das freiheitsliebende Russland stöhnt und windet sich vor Scham über Putin, über das Klima des Hasses, die Paranoia, die Spionage, die Angst. Unter Putin ist Russland erneut ein Faktor der Destabilisierung geworden. Sind Öl und Gas es wirklich wert, dem Kreml die Vernichtung der Opposition zu erlauben, hinzunehmen, dass dieses amoralische und kriegslüsterne Regime die Welt erneut an den Rand des Untergangs bringt?"

Weiteres: Holger Liebs porträtiert die Künstlerin Isa Genzken, die in diesem Jahr bei der Biennale in Venedig den Deutsche Pavillon bestückt. Petra Steinberger berichtet über eine 10-Milliarden-Dollar-Stiftung, mit welcher der Herrscher von Dubai, Scheich Mohammed Bin Sahid Al Maktoum, Bildung und Wissen im Nahen Osten fördern will. Fritz Göttler fasst die Streitigkeiten um das Erbe von Rainer Werner Fassbinder zusammen. Jörg Häntzschel weiß zu berichten, dass im amerikanischen Fernsehen laut Gerichtsurteil nun "beiläufig" geflucht werden darf. Zum 70. Geburtstag gratuliert wird dem Historiker Alexander Demand und dem Regisseur Claus Peymann. sus informiert über Neues aus der Welt des Films; demnach hat sich Quentin Tarantino mit abfälligen Bemerkungen über das italienische Kino schwer unbeliebt gemacht.

Besprochen werden eine Inszenierung von Alexander von Zemlinskys Oper "Der Traumgörge" an der Deutschen Oper Berlin, die Filme "Ocean?s Thirteen" von Steven Soderbergh, "The Namesake - Zwei Welten, eine Reise" von Mira Nair sowie "Ganges - Fluss zum Himmel" von Gayle Ferraro und Bücher, darunter die Studie "Wenn die Flüsse versiegen" von Fred Pierce und der Roman "Der Tod des Teemeisters" von Yasushi Inoue (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 06.06.2007

Ein Ruck soll durchs Land gehen, wünscht sich Edo Reents, und zwar dadurch, dass wir alle uns ab sofort Walter Kempowski zum Vorbild nehmen: "Eines steht jedenfalls fest: In unseren mal abstoßend rührseligen, mal panisch verbissenen Zeiten haben wir ihn bitter nötig - als lebenden Vorwurf gewissermaßen, der uns unablässig sagt, dass wir uns doch einfach zusammenreißen und unsere Arbeit tun sollen, wie sein Vater ihm in seinen Romanen manchmal erscheint: mit Monokel und skeptischem, aber irgendwie auch gütigem Ausdruck. Was wir brauchen, ist eine Entideologisierung, eine Entpathetisierung unseres Denkens, Redens und Schreibens, und zwar in jeder Hinsicht."

Weitere Artikel: Ein ganz schön schräges Geburtstagsständchen bekommt zum morgigen Siebzigsten Großregisseur Claus Peymann von Großkritiker Gerhard Stadelmaier - in Form einer Glosse nämlich, die so endet: "Er will die Welt verändern. Sagt er. Wobei er aber, was er zu sagen hat, weniger auf der Bühne, mehr in Interviews sagt. Folglich ist sein Mundwerk womöglich doch sein größtes Werk. Morgen feiert er seinen siebzigsten Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!" Beim Blick in die Sachbuchprogramme der Verlage sieht Christian Geyer vor allem die Philosophie groß im Kommen. Von Plänen Singapurs für eine große Nationalgalerie berichtet Christoph Hein. Michael Hanfeld fragt sich, was Popgrößen wie Herbert Grönemeyer mit G 8 im Sinn haben. Patrick Bahners war bei einer öffentlichen Sitzung der Träger des deutschen Ordens Pour le merite für Wissenschaften und Künste zugegen; abgedruckt wird eine kurze Gedenkrede, die Dietrich Fischer-Dieskau bei dieser Gelegenheit auf Elisabeth Schwarzkopf hielt. Uwe Walter gratuliert dem Althistoriker Alexander Demandt zum Siebzigsten.

Auf der letzten Seite porträtiert ein jedenfalls im Netz anonymer Autor Anno August Jagdfeld, der als Immobilienmakler für die Wiederherstellung der klassischen Gebäudekulisse von Heiligendamm verantwortlich ist. Bernard Andreae erinnert an den Kunsthistoriker Cesare Brandi.

Besprochen werden Steven Soderberghs jüngster Streich "Ocean's 13", Trevor Nunns Inszenierung von Tschechows "Möwe" in Stratford, die Inszenierung von Riccardo Zandonais "Francesca da Rimini" an der Zürcher Oper und Bücher, nämlich J.M. Coetzees Essay "Was ist ein Klassiker?" und Tom Standages Führer durch die Welt der Rauschgetränke (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).