Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.04.2007. Barry Koskys Berliner Inszenierung der "Iphigenie auf Tauris" findet zurecht auch in Abu Ghraib statt, meint die SZ. Während die Welt bis nach Manaus reiste, um Christoph Schlingensiefs "Holländer-"Inzenierung zu sehen - und doch wieder nur auf Schlingensief stieß. In der Welt erklärt im übrigen Emel Abidin-Algan, wie sie lernte, das Kopftuch abzulegen. Die NZZ sagt den wichtigsten Tag in der schottischen Geschichte seit 300 Jahren an: die Loslösung von England. Die FAZ beobachtet unterdes Fortschritte in der britischen (oder englischen?) Klassengesellschaft.

NZZ, 24.04.2007

Georges Waser stellt das "bedeutendste politische Ereignis der letzten dreihundert Jahre" in der schottischen Geschichte in Aussicht: Am 3. Mai wählen die Schotten, und falls die nationalistische Partei SNP gewinnt, könnte dies der erste Schritt zu einer Auflösung der Union mit England sein, die vor genau 300 Jahren, am 7. Mai 1707 geschlossen wurde: "Das Motto jener, die sich den Bruch mit der Union herbeiwünschen und von einem Aufschwung nach dem Beispiel Irlands träumen, heißt 'going it alone'. Aber wie realistisch ist dieser Traum vom Alleingang? (...) Zweifellos würde die SNP... mit dem Hinweis auf die in der Nordsee vorhandenen Öl- und Gasreserven für den Austritt aus der Union mit England plädieren. Doch trotz einem von der britischen Regierung lange geheim gehaltenen Bericht, der den Schluss zulässt, dass die Schotten bisher die Benachteiligten waren, ist es immer noch ungewiss, wie viel Anrecht auf diese Reserven ihnen die vollständige Autonomie bringen würde."

Besprochen werden Gioachino Rossinis Oper "Italiana in Algeri" in Zürich und Bücher, darunter Friederike Kretzens Roman "Weißes Album" und Wolfgang Matz' Essay "1857", der in ungewöhnlicher Konstellation Flaubert, Baudelaire und Stifter zu ästhetischen Zeitgenossen erklärt.
Stichwörter: Algerien, England, Irland, Oper, Zürich

FR, 24.04.2007

In der Fondazione Prada in Mailand bestaunt Sandra Danicke "On Otto", ein Filmprojekt des Frankfurter Künstlers Tobias Rehberger, für das sich immerhin Kim Basinger oder Willem Dafoe eineinhalb Stunden lang in ein einsames Kino setzten und Zuschauer mimten. "'On Otto' ist ein Film, der rückwärts entstand. Sämtliche Produktionsschritte liefen in umgekehrter Reihenfolge ab: Nachdem Rehberger seinen Filmtitel nebst Plakat entworfen hatte, entwickelten ausgewählte Experten einen passenden Vor- und Abspann. Es folgten: Sound, Musik, Schnitt, Kamera, Schauspieler, Kostüme, Kulissen, Storyboard, Drehbuch. Einzige Vorgabe für alle Beteiligten: Jeder sollte auf das bis dahin vorhandene Material reagieren."

Weiteres: Christian Thomas sieht nach der Finanzierungszusage Berlins die Wiederauferstehung des Berliner Stadtschlosses in "nicht allzu großer Neobarock-Ferne". Christian Schlüter erfährt aus einem jetzt vom Papst abgesegneten Bericht des Vatikans, dass ungetaufte Kinder nicht mehr in die Vorhölle müssen. Ina Hartwig trifft Norbert Wehr, seit dreißig Jahren Herausgeber der Literaturzeitschrift Schreibheft. Nicht ohne Häme verabschiedet Hans-Jürgen Linke die unermüdliche französische Sozialistin Arlette Laguiller in den Ruhestand.

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung von Christoph Willibald Glucks "Iphigenie auf Tauris" an der Komischen Oper Berlin und die Ausstellung "Gewahrsam - Räume der Überwachung" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt sowie Jean-Philippe Toussaints Roman "Fliehen".

TAZ, 24.04.2007

Einige Jazz-Musiker New Yorks fordern mehr öffentliche Unterstützung a la Europa, berichtet Christian Broecking. Die Literaturwissenschaftlerin Ethel Matala de Maza animiert ein Werbespot für Biolimonade mit der Opernsängerin Anna Netrebko dazu, über Diven und ihre Tiere zu sinnieren. Alexander Cammann blättert in Zeitschriften und erfährt aus dem Playboy, was ein Cicisbeo ist. Kirsten Riesselmann besucht den Auftritt der Band Juli in Second Life. In der zweiten taz beklagt Ralph Bollmann die Rückswärtsgewandtheit des RAF-Diskurses.

Eine einsame Besprechung widmet sich Holly Zausners Film-Installation "Unseen" im Berliner Bode-Museum.

Und Tom.
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Welt, 24.04.2007

Auf der Forumsseite ist die Dankrede Emel Abidin-Algans für den protestantischen Preis "Das unerschrockene Wort" abedruckt. Abidin-Algan wurde dadurch bekannt, dass sie als Tochter eines Milli-Görus-Führers das Kopftuch ablegte. Sie schildert in ihrer Rede, wie sie lernte, "den Koran im historischen Kontext" zu verstehen: "Heute würden wir die Propheten als PR-Sprecher Gottes bezeichnen, die für ihre Zeit recht gute Arbeit geleistet haben, denn es war ihnen gelungen, mit der besten Kommunikationskompetenz festgefahrene gesellschaftliche Missstände kraftvoll in Angriff zu nehmen und zu beseitigen. Sie waren aufrichtig und authentisch und hatten Botschaften aus erster Hand direkt vom Chef. Ohne das Vertrauen der Menschen hätten sie keinen Erfolg gehabt. Der Islam des Propheten Muhamed war von praktischer Alltagstauglichkeit geprägt, also diesseitsorientiert, ohne sich viel mit religiösen Symbolen aufzuhalten."

Fürs Feuilleton reiste Manuel Brug bis nach Manaus, um sich Christoph Schlingensiefs "Holländer"-Inszenierung anzuschauen - und stieß doch wieder nur auf Schlingensief: "Schlingensief hat bei dieser emphatischen Handlungsoper natürlich wieder seine Unfähigkeit in Sachen Personenregie zur Schau gestellt. Er hat das wettgemacht und überkleistert, durch seinen nie versiegenden, immer neu am konkreten Objekt variierten Assoziationsstrom. Dieser Gedankenfluss ist mindestens so breit wie der ewig mäandernde Amazonas. Und der 'Holländer' mutierte zum Brasilianer im Videomahlstrom."

Weitere Artikel: Michael Pilz kommentiert Vorgänge um Dieter Bohlen. Gernot Facius schreibt zum Tod des ZDF-Intendanten Karl Holzamer. Rüdiger Sturm berichtet über die Gründung eines Hollywood-Drebuchautorenverbands unter dem Namen "Writers Co-OP", der Autoren nie dagewesene Rechte sichert.

Besprochen werden eine neue CD von Patti Smith, eine Ausstellung über das Verhältnis des Menschen zum Pferd in Mannheim, Rossinis "Ialienerin in Algier" in Zürich und Glucks "Iphigenie auf Tauris" an der Komischen Oper Berlin.

FAZ, 24.04.2007

Auf der letzten Seite fragt Gina Thomas, veranlasst durch Spekulationen um die Trennung von Kate Middleton und Prinz William, nach der Bedeutung der Klassenunterschiede in der britischen Gesellschaft von heute. Es hat sich, wie sie feststellt, doch einiges verändert: "Eine neue Klasse der Superreichen verdrängt das alte Establishment zusehends. ... Während sich vor vierzig Jahren nur dreißig Prozent der Briten der Mittelschicht zuordneten, ist die Zahl einer Umfrage zufolge auf 43 Prozent gestiegen. Und der Anteil wäre noch höher, wenn nicht viele der Befragten sich mit klassischem Understatement als Mitglieder der Arbeiterklasse ausgegeben hätten, obwohl sie über ein Jahreseinkommen von mehr als hunderttausend Pfund verfügen."

Weitere Artikel: Edo Reents hält nach dem Besuch einer Tutzinger Tagung zum Thema die Zeit für die Wiederkehr Thomas Manns als "Praeceptor Germaniae" gekommen, seiner "denkerischen Strategien" in politischen Dingen wegen. Den nun wieder ins Visier der Ermittler geratenen Ex-Terroristen Stefan Wisniewski porträtiert in der Glosse Lorenz Jäger. Nicht im Gericht, sondern in virtuellen Welten war diesmal Klaus Ungerer unterwegs - wo er freilich das Justiz-Computerspiel "Phoenix Wright, Ace Attorney" getestet hat. Swantje Karich war zu Besuch beim Tag der offenen Tür des in Finanznöte geratenen Schlosses Salem. Über den Streit um den Documenta-Pavillon informiert Niklas Maak.

Von einem neuen literaturwissenschaftlichen Promotionskolleg (Website) in Göttingen, das Theorie und Praxis vermitteln will, berichtet Tilmann Lahme. Aus England meldet Gina Thomas, dass ein Graffito des Künstlers Banksy von der Stadtreinigung beseitigt wurde. Auf der letzten Seite porträtiert Jürg Altweg den mit seinem jüngsten Roman "Un roman russe" außerordentlich erfolgreichen französischen Autor Emmanuel Carrere. Dem "Update" von Heinrich Wefing ist zu entnehmen, dass es noch nichts Neues in Sachen Berliner Museumsinsel und David Chipperfield gibt. Auf der Medienseite stellt Oliver Jungen das christlich-konservative Online-Lexikonprojekt "Conservapedia" vor.

Besprochen werden Christoph Schlingensiefs Inszenierung des "Fliegenden Holländers" im brasilianischen Manaus, ("Am Ende waren alle glücklich", stellt Josef Oehrlein fest), das neue Album von "Modest Mouse" mit dem Titel "We Were Dead Before the Ship Even Sank", die Ausstellung "Tierschau" im Wallraf-Richartz-Museum in Köln, die skandalumwitterte (nackte Rentner auf der Bühne!) Inszenierung Barry Koskys von Christoph Willibald Glucks "Iphigenie auf Auris" an der Komischen Oper Berlin und ein Buch, Andre Müllers Roman "Anne Willing" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 24.04.2007

Jörg Königsdorf feiert Barrie Kosky für dessen stringente Inszenierung von Christoph Willibald Glucks "Iphigenie auf Tauris" an der Komischen Oper Berlin. "Der Verweis auf die Folterkeller von Abu Ghraib, den Barrie Kosky gleich zu Beginn seiner Inszenierung einstreut, ist darum auch alles andere als wohlfeil: Der gemarterte Männerkörper, der zum anmutigen Dreiachteltakt des Beginns wie ein Uhrenpendel von der Decke schwingt, verwandelt nicht nur das kurze Idyll in eine gespenstische Szene, sondern birgt zugleich die vergangenen 15 Jahre von Iphigenies Schlächterdiensten wie auch die Gegenwärtigkeit des nächsten, unmittelbar bevorstehenden Opfers in sich."

Die Galeristin Dagrun Hintze berichtet von den unerwartet uneuphorischen Erfahrungen im leeren New-Contemporary-Bereich auf der Art Cologne. "Heute kommt keiner mehr, es sind nämlich alle in Düsseldorf. Womöglich ist das die Messe, auf der man in diesem Jahr hätte sein müssen, die Gerüchte vermelden Prominenz, Champagner und Hot Dogs am laufenden Meter, eine cool in Trapezen gerasterte Standarchitektur mit Spiegelwand drumherum. Die Gäste, heißt es, seien viel eleganter als in Köln, dafür sähen sie aber auch alle gleich aus. Um jetzt nicht plötzlich ganz schlechte Laune zu bekommen, trinkt man warmen Prosecco mit den reizenden Standnachbarn aus Warschau und wird so hysterisch und albern, dass man einen Fechtkampf mit Baguettestangen austrägt."

Weiteres: Die derzeit bei RAF-Fragen zu beobachtende Rückverwandlung des Politischen ins Persönliche und Private bildet für Thomas Steinfeld die letzte Phase des deutschen Terrorismus. Berlin beteiligt sich nun doch am Humboldt-Forum im neu zu erbauenden Stadtschloss, weiß Lothar Müller, und erwartet den Startschuss zum Architekturwettbewerb noch in diesem Sommer. Klaus Raab erläutert den Unterschied zwischen dem echten Visual-Kei-Look aus Japan und Tokio Hotel. Andrian Kreye erklärt Second Life für so überschätzt wie veraltet und raunt von parallelem Denken. Wolfgang Schreiber lotet in einer Zwischenzeit die Relevanz der SMS in Politik und Kritik aus.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Berliner Klassizismus in der Alten Nationalgalerie, ein Bach-Gershwin Abend im Ballettheater München, Torsten C. Fischers Verfilmung von Dieter Wellershofs Roman "Der Liebeswunsch", und Bücher, darunter ein Band über den byzantinischen Philosophen Georgios Gemistos Plethon, Ulf Erdmann Zieglers Erstling "Hamburger Hochbahn" (Leseprobe hier) sowie einige neue Kinder- und Jugendbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).