Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2007. In der SZ empfiehlt  Michael Lentz jungen Lyrikern eine Schreibübung: "Man setzt sich einfach hin und schreibt sofort drei Celans. Dann liest man den selbstgeschriebenen Celan durch und versteht ihn nicht." In der taz betont Diedrich Diederichsen noch einmal, dass die Kernkompetenz der Popmusikkritik in Posen liegt. Die Welt berichtet über einen griechisch-türkischen Videokrieg auf Youtube. Die FAZ staunt über die französischen Intellekuellen im Wahlkampf.

NZZ, 09.03.2007

In der Reihe "Die Zukunft von gestern" erinnert Georg Klein an die seltsame Pflanzenart der "Triffids" (Bilder) in John Wyndhams Roman "Die Triffids" von 1951: "Dass die Pflanze auswurzeln und sich auf ihren drei Strunkstummeln torkelnd vorwärtsbewegen kann, war bekannt. Wie weit ihre Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit und vor allem ihre kollektive Intelligenz reicht, wird erst jetzt offenbar. Es ist, als hätte das skurrile Grünzeug insgeheim längst auf eine Gelegenheit zum Losschlagen gewartet. Die Blinden wie die Sehenden und damit die Menschheit samt ihrer stolzen Kultur droht dem Vernichtungswillen einer gut mannshohen Staude zu erliegen, die, wenn sie sich zum Angriff sammelt, mit drei kurzen Stielen gegen ihren Schaft trommelt."

Weitere Artikel: Manfred Schwarz besucht die Ausstellung "between" in der Düsseldorfer Kunsthalle, die auf Kunstaktionen von Heroen wie Joseph Beuys oder Gilbert & George in ihren eigenen Räumen in der gloriosen 68er-Zeit zurückblickt. Joachim Güntner resümiert die deutsche Debatten um die Familienpolitik von Ursula von der Leyen. Hans G. Kippenberg erinnert an Mircea Eliade, der vor hundert Jahren geboren wurde.

Auf der Filmseite geht's um die Komödie "Music and Lyrics" mit Hugh Grant, um Matthias Luthardts Drama "Pingpong" und um Pawel Lungins Film "Ostrow - Die Insel".

Auf der Medienseite stellt "set" die deutschsprachige Tessiner Zeitung vor, die "ausschließlich über das politische und kulturelle Leben in der italienischen Schweiz" berichtet. "Ras" berichtet von der Verleihung des European Newspaper Award. "Ras" verfolgte in Wien auch eine Diskussion von Zeitungsmachern über den Einsatz von sogenannten Leser-Reportern.

FR, 09.03.2007

Die zunehmende Auslagerung der Produktion an Drittfirmen hat die öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows zwar billiger, aber auch fragwürdiger gemacht, betont Rainer Braun. "Eine effektive Kontrolle von Inhalten und Konzepten dieser Produktionen findet nicht mehr statt. So entzieht sich der Kenntnis der Gremien, welche Summen als 'Aufwandsentschädigungen' für die Gäste gezahlt werden: Die Produktionsfirmen müssen keine Auskunft geben. Intern kann die Qualitätskontrolle von fremdproduzierten Sendungen nur bedingt funktionieren, weil einzelne Redakteure der öffentlich-rechtlichen Anstalten schon zahlenmäßig ihren Kollegen in den Auftragsfirmen unterlegen sind."

Weiteres: "Rettet die Perücken!", kann Arno Widmann nur ausrufen angesichts des Vorschlags des britischen Unterhauses, das Oberhaus wählen und nicht mehr ernennen zu lassen. Christian Schlüter kommentiert den Einstieg Michael Naumanns in das Hamburger Oberbürgermeister-Rennen. Im Interview spricht der Regisseur Christoph Quest über die Stille in Udo Zimmermanns Oper zur "Weißen Rose", die in Frankfurt erstmals aufgeführt wird.

Besprochen wird Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Nikolai Erdmanns "Selbstmörder" voller "tragisch-lächerlichem Pathos" an der Berliner Volksbühne und eine Ausstellung zum ungarischstämmigen Fotografen Brassai im Berliner Martin-Gropius-Bau.

FAZ, 09.03.2007

Jürg Altwegg berichtet aus Frankreich von den Sympathien der ehemals linken Intellektuellen für den rechten Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy - gibt allerdings zu bedenken, dass im Moment vielleicht zu viele Rechnungen ohne den Außenseiter Francois Bayrou gemacht werden: "An die zwanzig Prozent sprechen sich derzeit in den Umfragen für ihn aus. Von den Angriffen der zusehends nervösen Favoriten kann er nur profitieren. Denkbar ist, dass auch Alain Finkielkraut, den die Gerüchte um seine angebliche Annäherung an Sarkozy geärgert haben, ein Votum für Bayrou abgeben könnte. Dessen höchste Hürde bleibt der erste Durchgang. In einer Stichwahl würde François Bayrou allen Umfragen zufolge sowohl gegen Royal wie gegen Sarkozy gewinnen."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus freut sich, dass in Florian Henckel von Donnersmarcks "Leben der Anderen" jede Menge Schiller spukt. Für nichts anderes als einen weiteren verfehlten und praxisfernen Vorschlag im Rahmen der "Dauermasterplanreformitis" hält Jürgen Kaube die Pläne des "Aktionsrats Bildung". Anlässlich der Bekanntgabe des Aufschubs der präsidentiellen Entscheidung über die mögliche Begnadigung Christian Klars möchte Christian Geyer klarstellen, dass in seinen Ohren das ominöse Grußwort bizarr und sehr wohl nach RAF klingt. Jörg Bremer berichtet von einem Vortrag des Theologen Christoph Markschies, in dem auch dieser die Sache mit dem Familiengrab Jesu für "Unsinn" erklärte. Auf der Medien-Seite berichtet Beate Tröger, wie in Sofia bulgarische Ultranationalisten eine Zeitungsredaktion stürmten.

Auf der letzten Seite spricht der Schauspieler Martin Sheen über "Bobby", den Film seines Sohnes Emilio Estevez, in dem er selbst mitspielt - und darüber, wie sich die Zeiten seit Bobby Kennedy geändert haben: "Wir haben uns von einer Beschützernation in ein Volk von Paranoiden verwandelt: Seit Jahren sind wir mit Angst gefüttert worden - Angst, die von der Bush-Regierung geschürt wird, damit sie an der Macht bleiben kann." Martin Wittman porträtiert der Deutschen einstigen Lieblingshund, den Dackel, der nun noch schneller auszusterben droht als seine Herrchen.

Besprochen werden die Brüsseler Ausstellung "Blicke auf Europa", Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Nikolaj Erdmans Komödie "Selbstmörder" an der Berliner Volksbühne, Alain Gsponers Film "Das wahre Leben", ein Frankfurter Konzert der texanischen Band "Trail of Dead" und eine Ausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv, die sich der Modezeitschrift "Die neue Linie" widmet

Auf der Sachbuch-Seite gibt es Rezensionen unter anderem zu Alain Badious philosophischem Werk "Das Jahrhundert" und einem Band über Siegfried Kracauers Theorie der Oberfläche. Außerdem werden Bruce Wagners Roman "Der Goldblütenpalast" und Yasutaka Tsutsuis Thriller "Mein Blut ist das Blut eines anderen" besprochen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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TAZ, 09.03.2007

Diedrich Diederichsen nutzt die Rezension der neuen Platte von Air, um den Totengräbern seiner Profession zu widersprechen und nebenbei auf die große Bedeutung des Gehabes hinzuweisen. "Die Popmusikkritik hat es ohnehin - anders als andere Kritikgenres - weniger mit Objekten als mit Posen zu tun, mit lebenden Bildern. Eine Band wie Air war deswegen immer so wichtig, weil sie das quasi-magische Geschäft der Konstruktion solcher Posen, die trotz aller Transparenz (oder gerade wegen ihr) Wirkung entfachten, so virtuos beherrschte."

Weitere Artikel: Harald Fricke war auf der Pressekonferenz zur Biennale in Venedig und stöhnt über die anvisierten Rekordzahlen bei Ländern und Künstlern. Auf der Medienseite berichtet Dominik Schottner über Marcus Schmidt, Redakteur der Jungen Freiheit, und seine Schwierigkeiten, Mitglied der Bundespressekonferenz zu werden. Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Version von Nikolaj Erdmans Satire "Der Selbstmörder" an der Berliner Volksbühne sowie neue Alben der Bands Pole und Tussle.

In der zweiten taz warnt David Fischer-Kerli vor der Diskriminierung der Raucher. "Angesichts der herrschenden Meinung in der Tabakfrage liegt die Denunzierung von Rauchern als 'sozialschädigende Abweichler' nicht besonders fern." Christian Füller kommentiert die Schulprivatisierungs- und Hauptschulabschaffungspläne der "ominösen 'Aktion Bildungsrat'".

Und Tom.

Welt, 09.03.2007

Von einem griechisch-türkischen Videokrieg auf YouTube weiß Boris Kalnoky zu berichten. Nachdem ein griechischer User in einem Clip den großen Atatürk als "Vater der schwulen Türken" bezeichnet hatte, ließ ein Istanbuler Gericht den Zugriff sperren. Allerdings wurden erst noch 129 antigriechische Videos gepostet (hier die Trefferliste für gay und Atatürk) "Jetzt tobt die Debatte in der türkischen Blogosphäre. War es richtig, You Tube zu sperren? Zunächst einmal herrschte allgemeines Schulterklopfen über den eigenen Erfolg. 'Danke an alle, die YouTube eine Lehre erteilt haben', schreibt Lalpay als Leserkommentar auf der Internetseite des TV-Senders KanalTürk. Andrerseits möchten viele YouTube auch nicht missen. Eine Gruppe von Stundenten hatte dem Gericht geschrieben und gebeten, die Entscheidung zurückzunehmen: Letztlich bestrafe man nicht die Urheber des Videos, sondern die Bürger der Türkei, die YouTube benützen wollen... Einige Außenseiter meinen, dass man mit solchen Videos leben muss. 'Was für ein schönes Vaterland. Die Welt verunglimpft uns, und indem wir es nicht sehen, ist das Problem gelöst? Wir sind ein Witz', schreibt Bulba."

In einem Interview auf der Magazinseite spricht Volker Schlöndorff über seinen Film "Strajk". Nicht verstehen kann er die Kritik, als Deutscher polnische Geschichte zu erzählen: "Es müsste eigentlich zu Europa dazugehören, dass man sich seine Geschichte auch mal gegenseitig erzählen kann. Andrzej Wajda hat ja auch mit 'Danton' die Französische Revolution erzählt."

In der Randspalte widmet sich Dankwart Guratzsch der Konkurrenz von Mannheim und Köthen um den Titel "Hauptstadt der deutschen Sprache". Ernst Cramer, Vorstand der Axel-Springer-Stiftung, erinnert sich an seine Schulzeit in Ostpreußen. Der Volkswirtschaftler Gert C. Wagner erklärt, warum er lieber "World of Warcraft" spielt, als sich im "Second Life" zu tummeln. Josef Engels stellt Santo Cilauro und seine Koautoren vor, die mit ihren Reiseführern über fiktive Staaten große Erfolge erzielen. Manuel Brug würdigt das Gastspiel der Berliner Philharmoniker beim kanarischen Musikfestival.

Besprochen werden die Maria-Schell-Ausstellung im Deutschen Filmmuseum Frankfurt und Dimiter Gotscheffs Aufführung von Nikolaj Erdmanns "Selbstmörder" an der Berliner Volksbühne.

SZ, 09.03.2007

Burkhard Müller fragt sich, wozu die Grünen noch notwendig sind, nachdem ihre Themen von allen großen Parteien übernommen wurden. Gustav Seibt erwartet, dass Reisende sich in Zukunft wegen ihrer Energiebilanz verantworten müssen. "csc" meldet, dass in der Türkei innerhalb von zwei Jahren eine Campusuniversität für 500 Studenten entstehen soll, in der auf Deutsch unterrichtet wird. Klaus Raab beobachtet den Bildhauer Jazek Nowak, wie der mit Kettensäge und Axt an einem Holzmodell für ein Bronzedenkmal von Papst Johannes Paull II. werkelt.

Im Literaturteil sind einige Auszüge aus der demnächst erscheinenden Anthologie "Das erste Buch" zu lesen, in der Autoren auf ihr Debüt zurückblicken. Der Lyriker Michael Lentz gibt sich selbstkritisch. "Ich stellte fest, dass Celan zu schreiben gar nicht so schwer ist. Man setzt sich einfach hin und schreibt sofort drei Celans, da wird gar nicht lange gefackelt. Dann liest man den selbstgeschriebenen Celan durch und versteht ihn nicht. Das habe ich dann für große, für bedeutende Poesie gehalten. Die Bestätigung für diese Annahme kam, wenn Freunde ebenfalls kein Wort verstanden haben."

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs "allzu lustige" Inszenierung von Nikolaj Erdmans Komödie "Der Selbstmörder" an der Berliner Volksbühne, eine Ausstellung mit den "schönsten Diptychen der 'Flämischen Primitiven'" im Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen, eine Schau von indianischen Totems aus Turnschuhen des kanadischen Künstlers Brian Jungen in der Münchner Villa Stuck, ein Konzert der Rockband "Arctic Monkeys" in Berlin, die neue Dauerausstellung im neu eröffneten Martin Luther-Haus in Eisleben, Daniel Finkernagels und Alexander Lückeins Film über den Geiger Gidon Kremer "Back to Bach" auf DVD.