Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.02.2007. Die SZ bringt die Rede, die Orhan Pamuk bei seinem Berlin-Besuch hätte halten wollen: eine Hommage an seine Heimatstadt - "Jeder ist in Istanbul ein Fremder". Die FAZ lässt sich durch einige neue Großfotos von Andreas Gursky aus dem Gleichgewicht bringen. In der taz fordert der russische Regisseur Andrei Nekrasow die Freilassung des Regimekritikers Michael Trepaschkin. Der Perlentaucher dokumentiert einen Aufruf für die posthume Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Anna Politkowskaja.

TAZ, 12.02.2007

Der russische Regisseur Andrei Nekrasow schreibt einen offenen Brief an Wladimir Putin, in dem er den Präsidenten zur Freilassung des ehemaligen Agenten und jetzigen Putin-Kritikers Michael Trepaschkin auffordert. "Die Zahl der Heuchler und Zyniker in unserer Gesellschaft unter dem Deckmantel des Pseudopatriotismus scheint schon die nationale Sicherheit zu bedrohen und die Präsidialmacht zu kompromittieren. Währenddessen lebt das Gewissen Russlands in solchen Menschen wie Trepaschkin. Überraschen Sie Ihre Kritiker. Retten Sie Trepaschkin!" Klaus Helge-Donath erläutert die Verbindungen von Trepaschkin zu dem im vergangenen November ermordeten Alexander Litvinenko.

Im Vergleich mit "Requiem" schneidet Sandra Hüller in Maria Speths Familiendrama "Madonnen" nicht so gut ab, bedauert Hannah Pilarczyk im Berlinale-Teil. "Ihre Motive bleiben unklar, ihre Sätze knapp. 'Ich brauch' Geld.' 'Ich muss weg.' Leider ist die Erzählweise von 'Madonnen' nicht annähernd so ökonomisch. Immer wieder erzählt er von der Dysfunktionalität von Familienkonstellationen und findet doch keine andere Metapher dafür als den Esstisch, auf dem Pizza aus dem Karton steht."

Außerdem wirbt Brigitte Werneburg für die recht experimentelle Reihe "Forum Expanded". Besprochen werden Amir Muhammads "Village People Radio Show", Clint Eastwoods "Letters from Iwo Jima", Ulrike Ottingers "Prater", Steve Buscemis "Interview", Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" und die Retrospektive zu Okamoto Kihachi.

In der Kultur werden die Uraufführungen von Ulrike Syhas "Der Passagier" und Martin Heckmanns' Stück "Wörter und Körper" am Stuttgarter Staatstheater in einer Rezension behandelt. Im Medienteil notiert Ralf Götze die Begründungsversuche des Dortmunder Verlegers Lambert Lensing-Wolff, der kürzlich die gesamte Lokalredaktion seiner Münsterschen Zeitung gefeuert hatte.

Und Tom.

NZZ, 12.02.2007

In einem Schauplatz Marokko schreibt Beat Stauffer über die Sufistischen Bruderschaften im Maghreb, die neuerdings sowohl vom Westen als auch von der marokkanischen Regierung positiver als früher betrachtet werden, weil sie sich vom "gewaltbereiten religiösen Extremismus" abheben. Als Beispiel nennt Stauffer eine der größten Bruderschaften Marokkos, die Boutchichiya. "Sie steht für einen 'apolitischen', von mystischen Traditionen inspirierten Sufi-Islam, der sich von politischen Auseinandersetzungen fernhält, gleichzeitig aber das herrschende System unterstützt. De facto, so erklärt der marokkanische Politikwissenschafter Mohamed Darif, sei die Boutchichiya die offizielle Bruderschaft der marokkanischen Monarchie. Doch auch die anderen, weniger bekannten Bruderschaften des Landes würden in der Praxis das Regime legitimieren und erhielten als Gegenleistung erhebliche materielle Unterstützung."

Weitere Artikel: Patrick Declerck hat in Paris 15 Jahre Clochards betreut. Marc Zitzmann stellt seinen 2003 erschienenen Erfahrungsbericht "Les naufrages" vor, in dem der Autor, der Clochards für nicht mehr integrierbar hält, einen Paradigmenwechsel in der Betreuung fordert: Die Clochards "sollen als das akzeptiert werden, was sie sind: irreversibel Desozialisierte, deren Leiden es zu lindern und deren verfrühten Tod es zu verhindern gilt, ohne aber auf ihre 'Änderung', 'Besserung' oder gar 'Läuterung' zu sinnen." Hans Bernhard Schmid berichtet von einer "äußerst lebhaften, nahezu hitzigen" Podiumsdiskussion bei einem von der Universität Basel veranstalteten öffentlichen Thementag zum Komplex "Gott und Gen".

Besprochen werden ein Klavierabend mit Maurizio Pollini, der in Zürich Werke von Chopin und Liszt spielte, eine Ausstellung der Haute-Couture-Kleider von Nan Kempner im New Yorker Metropolitan Museum, Christina Paulhofers Inszenierung von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" am Theater Basel und Sebastian Baumgartens Inszenierung von Brittens Oper "Peter Grimes" in Dresden.

FAZ, 12.02.2007

Niklas Maak hat den Monumentalfotografen Andreas Gursky in seinem Düsseldorfer Atelier besucht und konnte einige neue Werke begutachten, darunter das Foto übereinander gestapelter uralter Steinquader: "Sähe man diese Steine in Form eines Dreiecks, wäre aus der Kombination von Steinstruktur und Form klar: Dies ist eine Pyramide. Aber die aus der Form geratene Pyramide hat sich im Computer so weit verfremdet, dass sie als ontologisches Rätsel in die Welt tritt. Dies Gebilde hier kommt einem bekannt vor, aber man hat es so noch nie gesehen. Die Entkoppelung von Form und Struktur, die Freude an der Verunsicherung durch Torsion und Verfremdung ist etwas, das Gursky mit den Manieristen verbindet. Man kann seinen Augen nicht trauen: Der Erfahrungsschatz des Gehirns wird ausgekuppelt wie in den großen Trompe-l'Oeils des 17. Jahrhunderts oder in der Küche des Molekularkochs Ferran Adria, der Wildschweingeschmack in Schokoladenform und Spargelsuppe in Krokettenkonsistenz serviert."

Weitere Artikel: Jochen Hieber glossiert die Meldung eines kleinen Geburtenbooms, der pünktlich neun Monate nach der Fußballweltmeisterschaft eintritt. Auf einer ganzen Seite werden vier Interviewauszüge aus Anne Siemens' demnächst erscheinenden Buch "Für die RAF war er das System, für mich der Vater" vorabgedruckt - Söhne und Töchter von RAF-Opfern reden hier über ihre Erfahrungen. Gerhard Stadelmaier zeigt sich nicht ganz überzeugt von den neuen Stücken der Jungdramatiker Ulrike Syha und Martin Heckmann in Stuttgart ("Diese Ausgedachten gehen einen nichts an. Theatermenschenbilder als Theorieabzüge. Hülsen.") Martin Wittmann beobachtete Jamie Oliver bei einer Kochshow in Frankfurt. Hans-Peter Riese schreibt zum Tod des Papierkünstlers Oskar Holweck. Henning Ritter schreibt zum Tod des Heidelberger Philosophen Rüdiger Bubner.

Auf der Berlinaleseite hörte Bert Rebhandl einem Vortrag Peter Greenaways an der Humbolt-Universität zu. Verena Lueken verfolgte ein Gespräch zwischen Tom Tykwer und Michael Ballhaus. Und Michael Althen bewunderte einen etwas wortkargen Robert de Niro, der sich in der American Academy mit Volker Schlöndorff zum Plausch traf. Außerdem lässt Althen die ersten drei Wettbewerbstage Revue passieren und staunt über die Radikalität der amerikanischen Filme.

Auf der Medienseite empfiehlt Thomas Thiel die heute Abend auf Sat 1 laufende Dokumentation "So macht Kommunismus Spaß", in der sich Bettina Röhl mit dem Leben ihrer Mutter Ulrike Meinhof auseinandersetzt. Für die letzte Seite besucht Kerstin Holm die boomende Ölstadt Chanty-Mansijsk mitten in Sibirien: "Im blauglasierten Öl-und-Gas-Museum, das seine Existenz auch den großzügigen Spenden des Yukos-Konzerns verdankt, gedenkt man dessen im Straflager schmachtenden Ex-Chefs Chodorkowskij voll Dankbarkeit. Chodorkowskij habe hier nur Gutes getan, sagt Frau Lytina mit Wärme, er unterstützte die Lehrer an Dorfschulen. Auch im unlängst eröffneten Kunstmuseum prangt der vom Staat zerschlagene Yukos-Konzern auf der Gedenktafel für besonders verdienstvolle Förderer." Jörg Thomann stellt die gut aussehende Suchmaschine Ms Dewey vor. Und Martin Kämpchen schreibt über den Fall eines Serienmörders, der in Indien Aufsehen erregte.

Besprochen werden des weiteren Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" in Sebastian Baumgartens Dresdner Inszenierung und zwei neue Produktionen des Balletts Karlsruhe, darunter die selten getanzten "Sylphides" Michel Fokines.
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FR, 12.02.2007

Petra Kohse bedauert, dass Thomas Lawinky in der zusammen mit Armin Petras verfassten Aufarbeitung seiner Stasi-Vergangenheit "Mala Zementbaum" am Berliner Maxim Gorki Theater nicht sich selbst spielt, sondern einen Stasi-Offizier. "Da er ein schwacher Bühnencharakter ist und Gunnar Teuber ein starker, hängt die Inszenierung vom ersten Satz an schief im Raum. Lawinky plustert sich auf und Teuber versucht, sich zu deckeln zu einer Art tumbem Tor. Es wird unter der Bühne herumgefilmt, eine Käfigmaus wird freigelassen, Iringo Reti zeigt viel hübsches Bein und Robert Kuchenbuch spielt einen somnambulen Demagogen. Im Spiel mit ihm, dem auch von der Rolle her überlegenen 'Mann', wird Lawinky sicherer und besser. Er braucht jemanden, zu dem er sich verhalten kann. Da ahnt man, was das Wagnis einer Besetzung in eigener Rolle hätte bewirken können."

Weiteres: Auf der Berlinale zeigt sich Daniel Kothenschulte enttäuscht von Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" und Steven Soderberghs "The Good German", die sich beide mit der Nazizeit beschäftigen. Mangelnde PR-Arbeit und zu wenige literarische Übersetzer aus dem Arabischen macht Holger Ehling als Grund dafür aus, dass arabische Literatur in Deutschland nicht durchstartet. Tilmann P. Gangloff porträtiert den Comic- und Sammelbildchen-Verlag Panini. Und Ina Hartwig wird bei einer Hauslesung des Peter-Suhrkamp Archivs auf die schlagfertige Übersetzerin Eva Rechel-Mertens aufmerksam gemacht.

Perlentaucher, 12.02.2007

Gerd Koenen und Norbert Schreiber rufen zur posthumen Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Anna Politkowsjaka auf (die FAZ berichtete bereits am Samstag über diese Initiative): "Die Verleihung des Friedenspreises wäre ein sichtbares Zeichen, dass das Werk und das Vorbild, das von einer Person wie ihr ausgeht, durch einen noch so kalt und 'profesionell' exekutierten Auftragsmord nicht einfach zum Verschwinden gebracht werden können, sondern dass ihre Stimme über ihren Tod hinaus gehört werden wird. Diese Preisverleihung wäre keineswegs ein Zeichen feindseliger Kritik 'an Russland', sondern im Gegenteil ein Zeichen hoffnungsvoller Erwartung an dieses Land, seine Menschen und seine Kultur."

Welt, 12.02.2007

Uwe Schmitt erzählt, wie die demokratischen Präsidentschaftskandidaten Hollywood "heimsuchen, umschmeicheln und melken". In der Randglosse blickt Peter Dittmar sorgenvoll düster in die Zukunft der einstigen Sammlung Grothe, die von den Wella-Erben Sylvia und Ulrich Ströher aufgekauft wurde. Paul Badde berichtet, dass im Petersdom ein verstecktes Quartier von Michelangelo entdeckt worden ist.

Auf der Berlinale-Seite schreibt Hanns-Georg Rodek über Robert de Niros "Der gute Hirte", Thomas Abeltshauser unterhält sich mit Cate Blanchett.

Besprochen werden Martin Heckmanns in Stuttgart uraufgeführtes Stück "Wörter und Körper" (das Matthias Heine "reichen Gewinn" gebracht hat), Sebastian Burgers Aufführung von Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" in Dresden und das Stück "Mala Zementbaum", das die Geschichte des bekennenden EX-IMs und jetzigen Skandal-Schauspieler Thomas Lawinky erzählt (und das Brigitte Preissler ziemlich "zusammengewurschtelt" fand).

SZ, 12.02.2007

Marcus Jauer kann es nicht fassen, dass der ARD-Spielfilm "Eine einzige Tablette" über den Contergan-Skandal nicht gezeigt werden darf. Das Landgericht Hamburg "gab der Chemiefirma Grünenthal und dem Anwalt Schulte-Hillen in fast allen Punkten recht. Der Film bleibt im Archiv, weil auch der echte Anwalt einen Citroen fuhr, eine Narbe am Kopf hat, auch in seiner Familie Schmuckstücke vererbt wurden. An diesen Details hat er sich wiedererkannt, offenbar wollte er sich in diesem Film aber nicht wieder erkennen. Dabei ist und bleibt er eine handelnde Person der Zeitgeschichte, und es fragt sich, ob ihm ein Film lieber gewesen wäre, in dem alles 'frei erfunden' ist."

Abgedruckt wird die Rede Orhan Pamuks, die er bei seinem abgesagten Berlin-Besuch hätte halten wollen. Es geht um die Seele Istanbuls. "Jeder ist in Istanbul ein Fremder und darum allein. Die Türken oder vielmehr die Osmanen (dem osmanischen Heer, das Istanbul eroberte, gehörten auch Christen an) waren in Istanbul Fremde, weil sie eine fertig ausgeprägte Stadt vorfanden. Die osmanische Elite, die dann fünfhundert Jahre lang über Istanbul herrschen sollte, war ebenfalls fremd, weil sie einer gänzlich anderen Kultur entstammte. Und auch heute sind angesichts des raschen Bevölkerungswachstums neunzig Prozent der Menschen in dieser Stadt eigentlich Fremde. So werde ich denn auch seit meiner Kindheit von jedem, den ich im Dolmus oder auf der Straße treffe, gleich nach der Klage über das Wetter gefragt, woher ich denn sei. Wenn einer wie ich dann beinahe verlegen sagt, er sei Istanbuler, wird gleich argwöhnisch nachgefragt, wo denn dann sein Vater herstamme oder seine Mutter."

Weitere Artikel: Svante Weyler besucht die Zentralafrikanische Republik, das fünftärmste Land der Welt, und zollt den Reformbemühungen Respekt. Willi Winkler beschreibt Springfield in Illinois, wo Barack Obama sich um die Präsidentschaft bewarb, als historischen Ort für die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Jörg Königsdorf begeistert sich für das Projekt Nordrhein-Westfalens, jedem Schüler die Möglichkeit zu geben, ein Instrument zu lernen. Jens-Christian Rabe resümiert eine Tagung zu Europas kosmopolitische Tradition in München.

Auf der Medienseite schildert Julia Buettner die Anstrengungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, das schlechte Image der Immigranten zu korrigieren. Dirk von Gehlen schickt Impressionen von seiner Hospitanz in der auf Internet getrimmten Redaktion des Guardian.

Vom Berlinale-Wochenende gibt es Rezensionen zu Julie Delpys "Deux Jours a Paris, Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher" und Wang Quan'ans "Tuyas Hochzeit".

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Armin Petras' und Thomas Lawinkys auf Lawinkys Stasi-Vergangenheit aufbauendem Theaterstück "Mala Zementbaum" in Berlin, die Uraufführungen von Ulrike Syhas "Der Passagier" und Martin Heckmanns "Wörter und Körper" am Stuttgarter Staatstheater, Sebastian Baumgartens Inszenierung von Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" an der Dresdner Semperoper, eine Schau mit Fotografien von Gabriele Münter über "Die Jahre mit Kandinsky" im Lenbachhaus München, und natürlich Bücher, darunter Alexis de Tocquevilles "Kleine politische Schriften", Hubert Fichtes "Hörwerke 1966-86" sowie Charles Lewinskys kluger Roman "Johannistag" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).