Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2006. Es weihnachtet unaufhaltsam: Die NZZ zeigt sich überrascht. In der FAZ stellt Martin Mosebach klar: Erlösung ist auch Erlösung vom Fest. In der Welt entlarvt Sibylle Lewitscharoff das Neue Testament als familienfeindlich. Die SZ verwahrt sich gegen die Bibel in gerechtem Bürokratenperfekt und erklärt, dass Gänseschmalz gegen das Schwären der Bärmutter hilft. In der FR erinnert sich Gerd Loschütz an Heilige Abende auf dem Hauptbahnhof. Und in der taz sagt Peter Sloterdijk die globale Selbstzerstörung an. Trotzdem ist er optimistisch.

Welt, 23.12.2006

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff lässt ihre Gedanken zu Weihnachten schweifen, durch schneebedeckte Landschaften und die Bilder der Alten Meister und stellt erschrocken fest, dass das Neue Testament eigentlich familienfeindlich ist: "Wir haben uns daran gewöhnt, Weihnachten als Fest der Familie zu feiern, und davor schwebt die Heilige Familie als schützendes Sinnbild. Nun, da sind Zweifel angebracht. Das Neue Testament enthält eine entschlossen antifamiliale Tendenz. Kinder werden weder ersehnt noch verheißen, bis auf das eine, das Jesuskind. Dieses eine Kind, mit dem die messianische Zeitwende beginnt, macht gleichsam alle weiteren Kinder überflüssig. Nicht 'werdet fruchtbar und mehret euch' wird empfohlen, nicht der fruchtbare Same eines Stammes beschworen, nein, da fleht keine wurzelverstockte Sarah, da fleht keine Rachel um ein Kind. Die Apostel, die den erwachsenen Jesus begleiten, rücken alle aus ihren Familien aus, und Jesus selbst will in einer berühmten Szene seine Mutter gleich gar nicht mehr kennen."

Der Theologe Klaus Berger beweist anhand der puren Kreatürlichkeit einer Geburt, dass das Heil, im Gegensatz zu gnostischen Überzeugungen, durchaus von dieser Welt ist. Elmar Krekeler setzt gegen die Adventsdepression auf Weihnachten. Und Tilman Krause fragt in seinem Klartext: "Schenken oder Einschenken?"

Im Feuilleton ist eine Weihnachtserzählung von Ingrid Noll zu lesen. Klaus Honnef preist die Künstelerin Cindy Sherman, deren Arbeiten demnächst in zwei Ausstellungen in Bregenz und Berlin zu sehen sein wird. Michael Pilz beobachtet mitleidslos den "Untergang" der Zeitschrift Spex. Und die Redaktion des Kunstmarkts berichtet von der steigenden Nachfrage nach zeitgenössischer Fotografie bei den jüngsten Auktionen.

TAZ, 23.12.2006

Schwarzes gibt uns der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Interview mit Jan Feddersen und Susanne Lang mit auf den Weg unter den Weihnachtsbaum: "Die Religionen sind bis auf weiteres eher Teil des Problems als der Lösung. Gäbe es den Weltgeist, würde er jetzt wohl statuieren: Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen. Tatsächlich stehen sich auf der großen Bühne zwei Komplexe gegenüber, die in sich total unausbalanciert sind: ein übererotisierter, von der Gier verwüsteter Westen, andererseits ein überthymotisierter, vom Resentiment verwüsteter Naher und Mittlerer Osten. Ohne Rebalancierung ist nach beiden Seiten die globale Selbstzerstörung programmiert." Trotzdem ist er optimistisch.

Weitere Interviews in der zu den kommenden besinnlichen Tagen gibt es mit Zweitausendeins-Gründer Lutz Kroth und Ehrensenf-Moderatorin Katrin Bauernfeind.

Auf der Kulturseite geben die Redakteure Last-Minute-Geschenktipps. Auf der Meinungsseite betrachten Renee Zucker und Barbara Dribbusch das Weihnachtsfest einmal aus allgemein menschlicher und außerdem aus wirtschaftlich-soziologischer Sicht.

In der Wochenendbeilage macht sich Andrea Roedig über das Wünschen Gedanken. Judith Lueg schreibt eine kleine Kulturgeschichte des Kopftuchs. Ein Jahresrückblick prösentiert taz-relevante Eckdaten und Ereignisse. Außerdem werden Bücher besprochen, darunter Aleida Assmanns Studie "Der lange Schatten der Vergangenheit" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.

SZ, 23.12.2006

In Namen der Feuilletonredaktion wünscht Johan Schloemann allen Lesern "Frohe Weihnachten" und dass sie besonders in diesen Tagen von Missverständnissen wie der "Bibel in gerechter Sprache" verschont bleiben. Denn dort verkündige der Engel nicht mehr, wie in Martin Luthers Version, große Freude, 'die allem Volke widerfahren wird', sondern wie ein Bekanntgeber einer Gesundheitsreform eine solche, 'die das ganze Volk betreffen wird'. Der Grund dieser Freude ist nicht mehr dieser: 'Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids', vielmehr heißt es nun im Bürokratenperfekt: 'Heute ist euch der Gesalbte der Lebendigen, der Retter, geboren worden.'"

Der Heidelberger Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart erläutert die magischen und medizinischen Funktion deutscher Weihnachtsgerichte, der Gans zum Beispiel: "Humoralpathologisch wurde dem Gänsefleisch heiße und feuchte Qualität zugeschrieben. Das heißt, dass es gegen fast alle Krankheiten von kalter und trockener Qualität einsetzbar war. So dachte man. Besonders das ausgelassene, also geschmolzene Gänsefett (Gänseschmalz) wurde zu vielerlei medizinischen Zwecken gebraucht und hoch geschätzt: Anseris unguentum valet hoc super omne talentum, 'Gänseschmalz wiegt mehr als alles Geld der Welt'. So kam ihm als Heilmittel bei 'Schwären der Bärmutter', also bei Geschwüren oder anderen Beschwerden des Uterus, Bedeutung zu. Nach der Geburt hielt das gleiche Fett den Bauch glatt und bewahrte vor Brustschmerzen, das auch die tote Frucht austreiben konnte."

Weitere Themen dieser Weihnachtsausgabe: Alexander Kissler informiert über jahreszeitbedingte Apokalypsevisionen. Burkhard Müller hört hinter dem mürrischen Brummen und Grummeln der Weihnachtsverächter Frequenzen des Behagens, Töne von Menschen also, "die zu ihrem Glück gezwungen werden wollen". Für Jens Bisky ist das Weihnachtsfest "eine bedrohte, gefährdete, rasch vorübergehende Idylle, gleichsam eine Schlachtpause unterm Holunderbusch." Lothar Müller seufzt mit Hölderlin "Seliges Griechenland!" Ijoma Mangold will keine literarischen Weihnachtssatiren mehr lesen. Ursula März vermutet Böses hinter friedlichen Weihnachtsritualen: "Die immanente Erotik der Festrituale zielt letzten Endes auf Vereinigung, Umschlingung, Kopulation!"

Andrian Kreye versucht, im grassierenden Weihnachtswahn noch zu arbeiten und war mit New Yorker Boxern in einer Vorführung des neuen Rocky-Films mit Sylvester Stallone. Und Sonja Zekri prangert systematische Plünderungen antiker Ausgrabungsstätten im Irak an, verweist aber auf Schwierigkeiten, geplündertes Gut auf Kunstauktionen als solches identifizieren zu können. In der Wochenendbeilage macht sich Kurt Kister vom Weihnachtsblues getriggerte Gedanken über das Vergehen von Zeit.

Besprochen, beziehungsweise gefeiert wird Claus Guths Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Ariadne auf Naxos" in der Zürcher Oper, als deren musikalischer Leiter Christoph von Dohnanyi begeisterte. Weitere Besprechungen gelten Glen Morgans Horrorthriller "Black Christmas" und Büchern, darunter Gerd Loschütz' Roman "Die Bedrohung"(mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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FR, 23.12.2006

"Damals aber", schreibt Schriftsteller Gerd Löschütz in einer traurigen, autobiografischen Weihnachtsgeschichte, "zwischen 1960 und 63, in den Jahren nach dem Tod meiner Mutter - wünschte ich mir nichts dringlicher als den Heiligen Abend am Bahnhof verbringen zu dürfen, zum einen weil er das Nadelöhr war, durch das wir nach unserer Flucht aus der DDR die Schieferstadt betreten hatten, zum anderen weil er mit den stoppelbärtigen Männern aus dem Süden, die dort in Gruppen zusammenstanden, und den einheimischen Säufern, die auch am Nachmittag des Heiligen Abends noch in der verrauchten Kneipe herumhingen, ein unheiliger Ort zu sein schien, an dem das Gefühlige, vor dem ich Angst hatte, keine Chance hatte."

Weiteres: Christiane Kreiner befragt Robert Walsers Biografen und Mikrogramm-Mitentzifferer Bernhard Echte zu Walsers Leben und Werk, und für Karin Ceballos Betancur ist Weihnachten auch nicht mehr, was es früher mal war.

Besprochen werden die Uraufführung von John Adams "A Flowering Tree" durch Sir Simon Rattles Berliner Philharmoniker und die Ausstellung "Goldrausch" im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel.

NZZ, 23.12.2006

In Vorfreude auf die Ankunft besingt die NZZ einige fremdartig aussehende Objekte. Stefan Michalzik etwa stellt eine Theaterrauminstallation des niederländischen Künstlers Joep van Lieshout für eine Frankfurter Nebenspielstätte vor. Neben einigen funktionalen Möbeln, in denen die Stücke der kommenden Spielzeit inszeniert werden, findet sich dort "eine überdimensionale Gebärmutter mit krakenartig gewundenen Seitenarmen und einem Vaginaltrichter, durch den man hindurchschlüpfen kann. Eine seitlich offene Sitzkoje, höhlenartig und kuschelig, bietet zwei bis drei Personen Platz."

Und Michael Marek begeht die ebenfalls recht bizarr anmutende Kirche Santo Volto von Mario Botta in Turin.

Weitere Artikel: Mona Naggar besucht die syrische Stadt Aleppo, die eine gemischte Bilanz ihres Jahrs als "islamische Kulturhauptstadt" ziehe. Paul Jandl berichtet, dass der Wiener jüdische Sportklub Hakoah sechzig Jahre nach dem Krieg wieder seinen traditionellen Sportplatz im Prater beziehen kann.

Auch Literatur und Kunst befasst sich, ausgehend von der big surprise der Mariae Verkündigung (darüber Martin Meyer im Editorial), mit dem Erlebnis des Neuen in Geschichte und Gegenwart. Der Soziologe Gerhard Schulze schreibt über "die Kunst, sich auch in der Moderne überraschen zu lassen". Seine Diagnose: "Jahr für Jahr verwandelt sich die Welt ein Stückchen mehr in eine gigantische Wunscherfüllungsmaschine, getrieben von einer Unzufriedenheit, die durch keine Ankunft zu beschwichtigen ist." Und die Therapie? Am Ende doch Weihnachten feiern: "Es gab Zeiten, in denen materielle Überraschungen fast Selbstläufer waren. Das Geschenk als solches sorgte schon für die Freude. In der gereiften Moderne geht die Verantwortung für das Überraschtwerden mehr und mehr vom Geschenk zum Beschenkten über - er selbst ist es, der das Geschenk erst herstellt, indem er die Welt so betrachtet, dass sie ihm im Hier und Jetzt begegnet."

Weitere Artikel: Alexandra Stäheli fragt unter dem Titel "Hat Gruseln eine Religion?", warum "man im Kino Popcorn isst". Auch Andrea Kühler extemporiert über das Erlebnis der Überraschung. Der Dramaturg Hermann Beil appliziert die Fragestellung der Beilage aufs Theater. Uwe Justus Wenzel wundert sich philosophisch. Der Theologe Peter Bühler bringt theologische Aspekte ein ("Hat es Sinn, in einer Beilage zum Thema 'Überraschungen' von Weihnachten zu sprechen?") Und Jens Malte Fischer belegt anhand des endgültigen Überraschungscoups im "Don Carlos", mit welcher musikalischer Delikatesse Giuseppe Verdi seinen Deus ex machina zaubert. Die Beilage wird abgeschlossen durch eine Erzählung Franz Schuhs: "Bei der Psychologin".

FAZ, 23.12.2006

Martin Mosebach lässt in der Business-Lounge eines Flughafens ein weltanschauliches Gespräch über das Weihnachtsfest stattfinden. Auch ein Priester ist zugegen, der folgendes sagt: "Dies ganze Konzept einer durch Feste artikulierten Religiosität ist heidnisches Erbe. Die frühen Christen haben nicht Weihnachten gefeiert, sie haben zunächst gar kein Fest gefeiert. Die Vorstellung, von Fest zu Fest durch die Geschichte zu wandern, hat nach dem Auftreten Jesu gar keinen Sinn mehr. Erlösung ist auch Erlösung vom Fest als religiösem Dienst." Aber selbstverständlich nicht von der Weihnachtsausgabe dieser Zeitung.

Weitere Artikel: Patrick Bahners kann der Initiative einiger polnischer Parlamentsabgeordnete, die Jesus zum König von Polen ernennen wollen, geschichtsphilosophische Tiefe abringen. Bekannt gegeben wird der Titel des kommenden und letzten Harry Potter: "Das Buch wird 'Harry Potter and the Deathly Hallows' heißen, also 'Harry Potter und die todbringenden Heiligen'." Restaurantkritiker Jürgen Dollase kostet zu Weihnachten Heinz Winklers (mehr hier) "Reh im Brotteig mit Portwein-Wacholder-Sauce, Apfelcrêpe, Rotkraut und Wirsing". Christoph Schmälzle verfolgte ein Symposion von Museumsdirektoren im Vatikan. Uwe Walter gratuliert dem Althistoriker Jochen Martin zum Siebzigsten. Rose-Maria Gopp gratuliert Louise Bourgeois zum 95.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um eine neue CD des Soul-Veteranen Solomon Burke, um eine CD des Folksängers und Austeigers Jimmy Buffett, um eine DVD von Gaetano Donizettis "Liebestrank" mit Anna Netrebko und Rolando Villazon (von Eleonore Büning heftig als Weihnachtsgeschenk für scheue Liebste empfohlen) und um Werke Tschaikowskys, Mozarts und Mendelssohns in Einspielungen der Geigerin Julia Fischer.

Auf der Medienseite erzählt Schriftsteller Thomas Hürlimann eine weitere Weihnachtsgeschichte, in der sein Vater, ein hoher Schweizer Politiker, aus politischem Egoismus zum Wohltäter einer betagten Tante wird.

Besprochen werden Kleists "Homburg" in Frankfurt, die Ausstellung "Das Göttliche Erbe Kambodschas" in Bonn, eine Präsentation des Nachlasses von George-Jünger Friedrich Gundolf in Marbach, ein Auftritt der Band Lostprophets in Frankfurt.

In Bilder und Zeiten rätselt Sandra Kegel, warum ausgerechnet Madonna nach der Adoption eines "kleinen Schwarzen" so heftig kritisiert wird, während alle anderen Prominenten unverdrossen weiter Kinder aus allen Weltregionen sammeln. Gemeldet wird, dass der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint ein nur 16-seitiges Buch mit dem Titel "La Melancolie de Zidane" über die bekannte Szene aus dem Endspiel der WM veröffentlicht hat. Melanie Mühl empfiehlt als eines der schrecklichsten denkbaren Weihnachtsgeschenke das Barbie-Pferd Tawny (Bild), das ein batteriebetriebenes Wiehern von sich gibt und komisch durch die festtägliche Wohnung torkelt. Andreas Platthaus unterhält sich mit dem Zeichner Tomi Ungerer. In ihrer Kolumne erinnert sich die New Yorker Autorin Nicole Krauss an ihre Kindheit auf Long Island. Und Andreas Kilb führt ein Gespräch mit Denzel Washington über seinen neuen Film "Deja vu".

Besprochen werden Bücher von Patricia Highsmith und Isabel Bolton.

In der Frankfurter Anthologie stellt ein in der Internetausgabe nicht benannter Autor ein Gedicht des Barockdichters Knorr von Rosenroth vor - "Adams Apfelbiss:

Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschöpften Lichte,
Schick uns diese Morgenzeit
Deine Strahlen zu Gesichte
Und vertreib durch deine Macht
Unsre Nacht. (...)"