Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.11.2005. Die NZZ macht uns mit der größten Herausforderung des Bukarester Establishments bekannt: dem Club 8. In der FAZ beschreiben junge Dramatiker die tragische Erfahrung, inszeniert zu werden. In der SZ beschreibt Thomas Ostermeier die kathartische Wirkung seines Theaters auf eine Kollegin aus der Verlagswelt. Die taz beobachtet die arabische Kunstszene in Beirut.

NZZ, 30.11.2005

Markus Bauer macht uns mit der Autorengruppe "Club 8" bekannt, die vom ostrumänischen Iasi aus das Bukarester Establishment herausfordern: "Dan Lungu hat mit Lyrik und einem ätzend-satirischen Erzählband begonnen, der die Sprache der Jugend und des Alltags gebrauchte ('Cheta la flegm' - Die Kollekte aus Spucke). Auch die zunächst durch Lyrik hervorgetretene Mariana Codrut hat in ihrem ersten Roman, 'Das Haus mit den gelben Gardinen' (1998), in einer knappen, realistischen Prosa das Leben junger Menschen beschrieben, die den Alltag im Iasi der achtziger Jahre kaum anders erleben als die ersten Jahre der postrevolutionären Epoche. Der erste im literarischen Rumänien Furore machende Konflikt mit der 'Uniunea Scriitorilor', dem zentralistischen rumänischen Schriftstellerverband, brach 1998 aus, als die Mitglieder von 'Club 8' auf die ungerechte Verteilung der staatlichen Gelder aufmerksam machten."

Weiteres: Alfred Zimmerlin meldet aufgeregt den Fund eines Beethoven-Manuskripts, das bei Sotheby's für zwei bis drei Millionen Franken versteigert werden soll. "Es handelt sich um das Autograph der unter der Opuszahl 134 veröffentlichten Bearbeitung für Klavier zu vier Händen der Großen Fuge für Streichquartett op. 133 von Ludwig van Beethoven."

Besprochen werden eine Ausstellung junger chinesischer Kunst im Salzburger Hangar-7 (besonders beeindruckt hat Samuel Herzog Shi Jinsong Chromstahlplastik "Baby Chair": Sie "stellt einen Kinderwagen dar, an dem etwa auf Griffhöhe des Babys zwei Maschinengewehre befestigt sind: Engelmacher für das kleine Engelchen also") und Bücher, darunter Richard Overys Studie "Die Diktatoren", Josep Plas Essays über Dali, Edith Steins Fragment "Was ist der Mensch?" und Norbert Scheuers Prosaband "Kall, Eifel" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 30.11.2005

Der Aufmacher ist heute der unabhängigen arabischen Kunstszene gewidmet, die derzeit offenbar eine Renaissance erlebt. Und das Festival Homeworks, das nun schon zum dritten Mal in Beirut stattfand, entwickelt sich zu ihrem wichtigsten Forum, schreibt Daniel Bax. Doch die Reichweite ist begrenzt: "Dass ein Theaterstück wie 'Who's Afraid of Representation' mit seiner provokanten und sexuell expliziten Sprache in Beirut keinerlei Proteste hervorruft, ist vermutlich nicht übergroßer Toleranz und Liberalität geschuldet. Es liegt vermutlich eher daran, dass eine konservative Öffentlichkeit davon gar nichts mitbekommt."

Weiteres: Till Briegleb fragt sich anlässlich zweier Inszenierungen am Hamburger Schauspielhaus und am Schauspiel Hannover, was den Shakespeare Fiesling Richard III eigentlich so interessant macht. Besprochen wird der chinesische Dokumentarfilm "Yan Mo - Vor der Flut" (mehr) über das Staudammprojekt am Jangtse-Fluss.

Auf der Medienseite erklärt Martin Haller, was ihm im Rahmen seiner Studie zur Zukunft der Medienmacher nämliche darüber mitgeteilt haben und warum "guter Journalismus" eine Chance habe. Und in tazzwei informiert Dorothea Hahn über die Absicht konservativer französischer Politiker, die Texte von sieben Rappern zu verbieten, weil sie angeblich mitverantwortlich für die Gewalt in der Banlieue seien.

Schließlich Tom.

FR, 30.11.2005

In der Serie "Mein Europa", die ausloten will, inwiefern sich subjektive mit realen Grenzen Europas decken, beschreibt Hans-Klaus Jungheinrich seine "europäische Kartografie" eines Musikkritikers. "Nach und nach gab es viele solcher 'Zuhause' für mich, die Städte und Stätten, wo ich, ein- oder mehrmals im Jahr, für jeweils einige Tage zu Musikfesten oder Opernaufführungen bin... Ich ertappe mich dabei, dass ich, wenn ich in Paris bin, fast immer dieselben Schneisen vom Bahnhof zum Opernhaus einschlage, als nähre sich meine Lust mehr am Vertrauten als am Unbekannten."

Weiteres: In Times mager denkt die "gelernte Protestantin" Ina Hartwig über den "Feuilletonkatholizismus" und die "mehr oder weniger offen praktizierte Sexualität katholischer Geistlicher" nach. Johannes Wendland porträtiert den "aktuellen Liebling" des Kunstmarkts Matthias Weischer, dessen Bilder derzeit im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen sind.

Besprochen werden Claus Peymanns "stilsichere" Inszenierung von Brechts "Mutter Courage" am Berliner Ensemble, ein Frankfurter Konzert von Billy Idol und Bücher, darunter ein Band zur Lyrik Michael Hamburgers, ein Gedichtband von Yisang und eine Studie über amerikanische Folterforschung und -praxis des Historikers Alfred McCoy (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Welt, 30.11.2005

Der New Yorker Regisseur Amos Kollek gratuliert Woody Allen zum Siebzigsten. Tanja Dückers besucht Lion und Marta Feuchtwangers prunkvolle "Villa Aurora" in Los Angeles, die heute als Begegnungsstätte dient. Ulrike Münter berichtet, dass die Künstlerkolonie Suojiacun bei Peking, in der "mehr als hundert chinesische und ausländische Künstler, Galeristen und ein chinesischer Akademieprofessor leben" abgerissen werden soll. Michael Pilz greift die "Poschardt-Diederichsen-Debatte" über die Frage, ob man FDP wählen kann, auf. Manuel Brug annonciert die Eröffnung des Disco-Clubs "Goya", der ausschließlich seinen Aktionären vorbehalten ist, im ehemaligen Metropoltheater in Berlin. Uta Baier meldet, dass sich die "Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog" gestern in Berlin vorstellte.

SZ, 30.11.2005

Christopher Schmidt beschreibt die "Eiszeit" an den Berliner Theatern im klammen Winter 2005. Vom Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier hat er sich etwa erzählen lassen, wie das Theater noch das Leben verändern kann: "Ostermeier sagt, er werde jetzt oft gefragt, warum er keine Reform mache, was übersetzt bedeute: 'Schmeiß doch einfach ein paar Leute raus!' Dann erzählt er von einer Zuschauerin, die sich nach einem Besuch seiner 'Nora' entschlossen habe, ihren Mann zu verlassen. Und als es ernst wurde, sei sie noch einmal in die Vorstellung gegangen, um sich für die Anwaltstermine zu stählen. Verlagslektorin sei sie gewesen, heute schreibt sie Telenovelas."

Willi Winkler beobachtete in Düsseldorf den "Schaukampf der Kulturen", den die Toten Hosen, die Biermösl Blosn und Gerhard Polt mit einer gemeinsamen Tournee inszenieren. Ihnen allen sei zu danken, "weil sie die Gräben zwischen Nord und Süd, zwischen rheinischem und dem bayrischen Katholizismus nicht zuschütten, sondern mit Fleiß betonen. Deutschland ist nämlich weder schön noch interessant, sondern nur gut, wenn es so weit wie möglich auseinander fällt. Wer dabei war, wird die Frohe Botschaft noch an Kind und Kegel weitergeben: dass an diesem adventlichen Abend in Düsseldorf die endgültige Teilung Deutschlands in Frieden und musikalischer Freiheit vollendet wurde."

Weiteres: Der emeritierte Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen denkt aus gegebenem Anlass darüber nach, was eine Regierungserklärung vermag und was sie "gut" macht: "dass die Arbeit an der Klärung des Konzepts und an der Sprache sich auszahlt". Peter Rumpf stellt den österreichischen Architekten Heinz Tesar vor, unter dessen Ägide das Berliner Bode-Museum restauriert wurde. Alexander Menden informiert über einen Streit in London, der sich um ein Wandgemälde dreht, das an den Brasilianer erinnern soll, der von der Polizei irrtümlich für einen Terroristen gehalten und erschossen wurde. Cornelius Wüllenkemper resümiert einen Vortrag über das Verhältnis Staat und Religion, den der kanadische Philosoph Charles Taylor in Berlin hielt.

Die Schallplattenseite arbeitet sich heute an der "Hölle der Romantik" ab. Reinhard J. Brembeck erklärt, warum wir am liebsten "alte, kratzige Aufnahmen" hören und warum sich das "bald ändern" könnte. Im Interview erläutert der Dirigent und Spezialist für Alte Musik Philippe Herreweghe, warum er "Bach-müde" ist und sich nun eher einem "religiösen" Bruckner verbunden fühlt. Vorgestellt werden zwei neue Einspielungen von Mahlers 6. und 7. Symphonie und drei CDs mit Aufnahmen von Bruckner, Mahler und Hugo Wolf unter Leitung von Kent Nagano.

Besprochen werden Joss Whedons "großartiger" Weltraumabenteuerfilm "Serenity", und Bücher, darunter Martin Mosebachs Künstler-Essays "Du sollst dir ein Bild machen" und der Roman "Die geheimen Stunden der Nacht" von Hanns-Josef Ortheil (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 30.11.2005

Die Münchner Kammerspiele haben einigen jungen Dramatikern angeboten, ihre Stücke aufzuführen. Wie Bernd Noack erfahren hat, geht damit nicht immer ein Traum in Erfüllung: "Anja Hilling sitzt auf der Bühne im Werkraum der Münchner Kammerspiele und sagt: 'Ich hätte im Stuhl versinken können.' Kopfschüttelnd hat sie gerade über die Uraufführung ihres letzten Stücks 'Monsun' in Köln gesprochen und dass sie da so gut wie nichts mehr von ihrem Text wiedererkannt habe. Dafür sei sie dann auch noch verrissen worden. Schuld an dem Misserfolg aber sei allein die Inszenierung gewesen, in der all die Zwischen- und Untertöne der Dialoge weggebügelt wurden. Das Vertrauen der Jung-Dramatikerin ins Theater scheint schwer erschüttert zu sein."

Weitere Artikel: Die Archäologin Margarete van Ess erklärt im Interview, warum Deutschland dem Kunstschmuggel - vor allem auch aus dem Irak - Vorschub leistet: Kleinere Objekte "fallen einfach durch die weiten Maschen der deutschen Gesetzgebung. Inzwischen wird die Lage peinlich, denn Deutschland droht den Anschluss an die internationale Bewusstseinsnorm zu verlieren." Katja Gelinsky berichtet von einer Debatte in den USA über die "life tenure", die lebenslange Amtszeit der Verfassungsrichter. J.A. meldet, dass französischen Rapper vorgeworfen wird, sie förderten "nihilistische Gewaltbereitschaft", Premierminister Villepin hat sich bereits schützend vor sie gestellt. Henning Ritter stellt sein Lieblingsmärchen, "Herr Korbes" von den Brüdern Grimm vor. Ellen Kohlhaas gratuliert dem Pianisten Radu Lupu zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld über die schlechten Aussichten für Springer, mit Pro7/Sat.1 fusionieren zu können - zumal jetzt ein gemeinsamer Plan von Pro 7, Sat.1 und RTL aufgetaucht sei, eine gemeinsame Gebühr für Digitalfernsehen zu erheben. Nina Rehfeld stellt den amerikanischen TV-Satiriker Stephen Colbert vor.

Auf der letzten Seite porträtiert Jürg Altwegg den Waadtländer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz, der als erster Schweizer in die französische Klassikerbibliothek Pleiade aufgenommen wird. Svenja Flaßpöhler hat die Schweizer Sterbehelferin Elsbeth Voerkel von der Organisation "Exit" besucht. Und Lorenz Jäger berichtet über eine Klage gegen den Staat Massachusetts, der in der "gesetzlich vorgeschriebenen Unterrichtseinheit 'Völkermord'" auch das Massaker an den Armeniern einschließt.

Besprochen werden die Ausstellung "Ägypten, Griechenland, Rom" im Frankfurter Städel, eine Ausstellung mit Roman Vishniacs Straßenfotos aus dem Berlin der dreißiger Jahre im Jüdischen Museum Berlin, eine Ausstellung und Tagung über Literatur und Politik im Literaturhaus Wien, eine Aufführung von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" in Düsseldorf, Russell Maliphants Choreografien beim Festival de Danse in Cannes und Patrice Lecontes Film "Das zweite Leben des Monsieur Manesquier".