Außer Atem

Berlinale 7. Tag

Von Thekla Dannenberg, Ekkehard Knörer
16.02.2005. Es zeugt sich fort in Wes Andersons "The Life Aquatic With Steve Zissou". Der Film "Lost Children" steigt in die finsterste Hölle der Gegenwart - die Welt der Kindersoldaten in Uganda. Heute Abend findet in der Berliner Böll-Stiftung eine Podiumsdiskussion zu dem Film statt. "Fateless", Lajo Koltais Verfilmung von Imre Kertesz' "Roman eines Schicksallosen", ist ein Desaster. "Yan Mo - Before the Flood" dokumentiert nüchtern den Untergang der alten Stadt Fengjie, die einem Staudamm geopfert wird. In "Tickets" begleiten Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami und Ken Loach ihre Helden auf dem Weg nach Rom.
Eine Liste aller besprochenen Berlinalefilme finden Sie hier.
Es zeugt sich fort in Wes Andersons "The Life Aquatic With Steve Zissou - Die Tiefseetaucher" (Wettbewerb)

Mächtig kommt der Jaguarhai angeschwommen, schön ist er und groß. Er dreht ein paar Runden, leuchtet und schwimmt wieder davon. Nichts ist passiert. (Natürlich gibt es gar keinen Jaguarhai, in Wirklichkeit.) Im Grunde lässt sich jeder Wes-Anderson-Film so zusammenfassen: Etwas kommt gewaltig, dreht eine Runde und verschwindet wieder. In "Die Tiefseetaucher" ist es nur eine Szene, der Höhepunkt, wenn man so will, aber im Grunde taugt fast jede Szene in den Filmen von Wes Anderson als mise-en-abyme seiner Filme. Mise-en-abyme: Der Film wird in den Film zurückgefaltet, das Bild findet sich im Bild und im Bild im Bild ist dasselbe zu sehen wie im Bild selbst.

Man kann mit dieser Struktur glücklich werden, und man kann der Meinung sein, dass es irgendwann nervt. Immer neue Anläufe, aus denen nichts wird, aus denen nichts folgt. Manchmal keine Anläufe, sondern einfach nur ein Schnappschuss, aus dem auch nichts folgt (das sind vielleicht die hübschesten Szenen): Steve Zissou (Bill Murray), den man zwei Sekunden lang sieht, wie er einen großen Fisch füttert. Das war's. Manchmal dauert es länger und scheint nichts anderes im Sinn zu haben, als eine Pointe zu zerreden, zu verfehlen oder zu versenken. Wes Anderson ist ein Meister des zerschriebenen und unterspielten Gags. Fragt sich nur, ob das nicht eine Meisterschaft in einer etwas überflüssigen Disziplin ist.

Zur Welt, wie wir sie kennen, haben die Welten, die Wes Anderson baut, besser sollte man sagen, die er bastelt, eine reichlich gestörte Beziehung. Sie sind mit sich selbst enger verwandt als mit dem, was man vorläufig mal die soziale Wirklichkeit nennen könnte. Darum geht es immer wieder um Vaterschaften, umstrittene, falsche, richtige, ungeklärte, um Väter und Söhne, ein Fortzeugen, das nichts anderes bewirkt als eben die Fortzeugung. So auch hier. Steve Zissou ist eine Art Jacques Cousteau als Knallcharge, Anführer eines multinationalen Teams von Tiefseefilmern mit roten Mützen. Sie alle haben bessere Tage gesehen. Eines Tages taucht ein junger Mann auf (Owen Wilson), der der Sohn einer ehemaligen Geliebten Zissous ist. Er nimmt ihn ins Team. Auch eine Reporterin taucht auf (Cate Blanchett), natürlich ist sie schwanger.

Einen Plot gibt es dabei nur mal eben so, als lässig zusammengestrickte Konzession an gewisse Erwartungshaltungen. Ein bisschen "Moby Dick", ein bisschen Piraterie, der Jaguarhai. Dazu immer wieder Popmusik, ein Highlight dabei die portugiesisch zerspielte und zersungene Version von David Bowies "Space Oddity", in deren Hintergrund der Piratenüberfall beginnt. Die Piraten kommen gewaltig, es wird geschossen, dann sind sie wieder weg. Das wiederholt sich mit Variationen. Alle sehen sehr lächerlich aus. Es ist schön, Jeff Goldblum mal wieder zu sehen. Und der Originaltitel, der ist toll: "The Life Aquatic with Steve Zissou". Sonst aber: ein Bild im Bild im Bild. Irgendwann ist der Film aus, der Sohn auf den Schultern des Mannes, der nicht sein Vater ist. Es zeugt sich fort.

Ekkehard Knörer

"The Life Aquatic With Steve Zissou - Die Tiefseetaucher". Regie: Wes Anderson. Mit Owen Wilson, Bill Murray, Anjelica Huston, Cate Blanchett, Willem Dafoe. USA 2004, 118 Minuten. (Wettbewerb)


Erzählt von Kindersoldaten in Uganda: Der Dokumentarfilm "Lost Children" von Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz (Panorama)

Eigentlich möchte man aus diesem Film schon schreiend rausrennen, bevor er richtig angefangen hat. "Lost Children" erzählt von Kindersoldaten im Norden Ugandas. Hier wütet die Lord's Resistance Army, eine der brutalsten Guerillatruppen der Welt, die einen Staat der zehn Gebote errichten will. Immer wieder fällt sie marodierend über die Dörfer her, massakriert die Einwohner und verschleppt Tausende Kinder im Jahr, um aus ihnen billige, gefügige und völlig enthemmte Monstren zu machen.

Die beiden Filmemacher Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz haben ehemalige Kindersoldaten im Aufnahmelager Pajule beobachtet. Hier kümmern sich Sozialarbeiter der Caritas um die Kinder, die mit ihren acht Jahren töten und Macheten schwingen können, sich aber nicht einmal selbst richtig anziehen. Nach und nach erzählen sie von ihren grausamen Erlebnissen, von dem Terror, dem sie unterworfen waren, von dem Terror, den sie selbst verübt haben. Sie haben Frauen und Kinder zerhackt, sie sind vergewaltigt worden, sie mussten mit ansehen, wie flüchtigen Kindern die Köpfe abgehackt werden und sie haben deren Gehirn gegessen. Von den mehr als 800 Kindern, die in Pajule betreut werden, haben wahrscheinlich nur zwanzig Prozent nicht getötet, erzählt die Sozialarbeiterin Grace, die mit ihren eigenen 23 Jahren unfassbar nervenstark mit diesen verlorenen Seelen umgeht.

Der Film zeigt Kinder, die man so erbarmungswürdig noch nicht gesehen hat, und er zeigt Kinder, vor denen es einen entsetzlich graust. Selbst die eigenen Eltern wollen ihre aus dem Busch zurückkehrten Kinder nicht mehr haben. Sie wüssten gar nicht, was sie mit ihnen machen sollen. Die Rituale der Acholi sehen vor, sie auf ein rohes Ei treten zu lassen. In einigen Fällen lesen die Stammesältesten in den Eingeweiden einer Ziege, um zu sehen, wieviel Leben und wieviel Tod in den Kindern steckt. Aber jeder weiß, dass dies nicht viel nützt. Wenn die Kinder nicht erneut entführt werden, kehren sie, unfähig ein normales Leben zu führen, von allein in den Busch zurück.

Lassen einen die Filmemacher mit diesem Horror allein? Sie wollen es nicht. Sie betonen eine internationale Verantwortung für diesen Bürgerkrieg, sie zeigen die bewundernswerten ugandischen Sozialarbeiter. Und doch kommt man so elend aus diesem Film, weil er mit viel Mitgefühl auf die Kinder blickt, ohne zu verschleiern, dass diese die neuen Warlords werden.
(Fotos von: David Baltzer/Zenith)

Thekla Dannenberg

"Lost Children". Regie: Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz. Dokumentarfilm. Deutschland 2004, 97 Minuten (Panorama)Heute abend um 19 Uhr diskutieren die Regisseure mit den Grünen-Politikerinnen Claudia Roth sowie mit Vertretern von Human Rights Watch und der GTZ in der Heinrich-Böll-Stiftung, Hackesche Höfe.


Ein Desaster: Lajo Koltais "Fateless" (Wettbewerb)

Bisher war der Wettbewerb, so weit ich ihn mitbekommen habe, mit ganz wenigen Ausnahmen eine Tortur für die Geschmacksnerven. Auf einen Film wie "Fateless" konnte man dennoch nicht recht gefasst sein. Immerhin hatte Imre Kertesz das Drehbuch dazu geschrieben. Auf der Pressekonferenz, auf der er anwesend war, erfuhr man auch warum: Ein bereits existierendes Drehbuch steuerte mit viel Brimborium und Effekthascherei zielsicher in Richtung Boulevard. Kertesz wollte nicht mehr und nicht weniger, als das Schlimmste verhindern. Es ist ihm nicht gelungen - wenngleich sein Drehbuch tatsächlich kaum die Schuld trifft.

Man sollte vielleicht wissen, dass Kertesz Romanvorlage die Geschichte eines Jungen erzählt, der ins Konzentrationslager von Buchenwald deportiert wird. Er überlebt. Was die Erzählung von seiner Deportation, von seinem Leben im Lager, von seinem Überleben gelingen lässt, ist die Ich-Erzählperspektive. Der Blick bleibt ganz und gar auf den des naiven Jungen eingeengt, der in keinem Augenblick begreift, was ihm wirklich widerfährt. Das Unfassbare wird von einem beschrieben, der es nicht fassen kann und durch seine Ahnungslosigkeit geschützt bleibt. Von einem, der davon sprechen kann, dass es im Konzentrationslager auch Momente des Glücks gegeben hat. Keinem als einem, der es erlebt hat, steht ein solcher Satz zu.

Diese Beschränkung auf ein Ich, das erzählt, und in seinem Erzählen die Welt rein subjektiv schildert, ist in der Literatur möglich, im Film ist sie es nicht, schon gar nicht einfach so. Der Zug des Bildes ins Objektive zerstört die Grundvoraussetzung des Gelingens von Kertesz' Roman. Nur unter größten Anstrengungen, nur mit dem subtilsten Feingefühl wäre eine ähnliche Beschränkung, eine der Sprache der Vorlage ähnliche Einfachheit auch, vielleicht zu erzeugen. Ein gelegentliches Ich als Stimme aus dem Off, der fortwährende Blick ins Gesicht der Figur, die als objektives Bild an die Stelle des bloßen Ich der Sprache tritt, ist nicht im mindesten ein Äquivalent dafür. Auch einem kompetenten, klugen Regisseur hätte die Umsetzung schwerlich gelingen können.

Lajos Koltai freilich ist alles andere als ein kluger Regisseur. Vielmehr gehört er für das, was er mit "Fateless" angerichtet hat, verprügelt. Bisher hat Koltai nur als Kameramann gearbeitet, immer wieder für Istvan Szabo. Sein Film ist tatsächlich der Film eines Kameramannes. Er hat die Kamera seinem jungen Kollegen Gyula Pados ("Kontroll") überlassen, ihn aber dazu gedrängt, möglichst schöne Bilder zu filmen. "Fateless" ist ein Holocaust-Film der schönen, und zwar kitschig schönen Bilder. In Grau und Sepia, aber das gibt dem Ganzen erst recht etwas Altmeisterliches. Untermalt werden die Tableaus aus Buchenwald mit der schwelgerisch elegischen Musik von Ennio Morricone, der immer schon alles vertont hat, was ihm vor die Feder kam, vom Softporno zum Holocaust. Klingt alles ähnlich. Dank Lajos Koltai sieht es jetzt auch ähnlich aus.

Die vom Regisseur auf der Pressekonferenz gewählte Ausflucht, es handle sich bei dem, was man sieht, eben um den Blick des Jungen, ist hanebüchen. Die Bilder, die man zu sehen bekommt, sind als schwelgerische, von elegischer Musik unterlegte Bilder objektive Bilder. Man muss kein Medienwissenschaftler sein, um das nicht nur zu sehen, sondern auch sehr unmittelbar zu spüren. In einer der sadistischen Quälereien im Lager müssen die Gefangenen in Wind und Regen auf dem Hof stehen, bis sie umfallen. Wer umfällt, stirbt. Wie hübsch das anzusehen ist in "Fateless". Und wie pittoresk der Schnee flockt, wie eindrucksvoll die nackten Leichen ins Bild gesetzt sind. Wie heimelig es im Lager zugeht. Noch die Maden im Knie des Helden sind ästhetisch ansprechend fotografiert. Das durchgehende Stilmittel der sanften Schwarzblende, das die schönen Bilder des Grauens zäsuriert, ist von einer Eleganz, die einem kalte Schauer über den Rücken jagt.

Zynismus ist nicht angebracht. "Fateless" ist ein Desaster, das man im besten Fall durch Dummheit entschuldigen kann. Imre Kertesz, der den Film verteidigt, ist der Vorwurf zu machen, dass er von der Ästhetik des Kinos nichts versteht. Nun gut, er ist Literat und hat vom Film wohl ohnehin keine hohe Meinung. Auch er hat leider das Schlimmste nicht verhindert. Lajos Koltai gehört das Handwerk gelegt. Ein Festivalleiter aber, der einen solchen, den Holocaust aufs unwürdigste verharmlosenden Film in seinen Wettbewerb einlädt, ist durch nichts zu entschuldigen. Der Regisseur Christian Petzold hat in einem gestern erschienen Interview an Dieter Kosslick dessen umfassende Gleich-Gültigkeit gerühmt. Es gibt aber Fälle, in denen interesseloses Geltenlassen in Verachtung für die Mindest-Maßstäbe der Kunst wie der Moral umschlägt. "Fateless" ist ein solcher Fall.

Ekkehard Knörer

"Fateless". Regie: Lajos Koltai. Mit Marcel Nagy, Miklos B. Szekely, Zoltan Bezeredy, Peter Vall u.a., Ungarn, Deutschland, Großbritannien 2004, 130 Minuten. (Wettbewerb)Mehr über die ungarischen Reaktionen auf den Film hier.


Li Yi-Fan, Yan Yu: "Yan Mo - Before the Flood" (Forum)

Es ist das größte Staudamm-Projekt der Welt, ein ganzes Tal des Jangtse-Flusses soll dafür geflutet werden. Ökologen und Geologen warnen seit Jahren von den möglichen Folgen, allein es hilft nichts. Bis zum Jahr 2009 soll der Staudamm fertig werden. Li Yi-Fans und Yan Yus Film "Before the Flood" befasst sich mit diesem monströsen Projekt, jedoch in weiser Beschränkung auf eine einzige Frage: Was bedeutet es für die Bewohner der alten, am Jangtse gelegenen Stadt Fengjie, die bereits 2002 umsiedeln müssen in ein neues, aus dem Boden gestampftes Fengjie?

Berühmt ist das alte Fenjie, das es nicht mehr geben, das vom Erdboden getilgt wird, nicht zuletzt, weil hier Li Bai (701-762) lebte, einer der berühmtesten Dichter Chinas. Seiner Poesie wegen ist Fengjie Legende. "Before the Flood" kann nichts anderes konstatieren als die Abwesenheit aller Poesie. An ausgewählten Beispielen lässt er sich ein auf die Details der Umsiedlungsverfahren. Ein alter Mann, der als Besitzer einer Herberge arbeitet, wird diese verlieren und nicht adäquat ersetzt bekommen. Lange Minuten sehen wir die von der Bevölkerung nur widerwillig akzeptierte Lotterie, in der im neuen Fengjie Grund und Boden, Wohnungen und Häuser durch das Los zugewiesen werden.

Existenzen stehen auf dem Spiel, die großen Schicksale und das riesige Projekt lösen sich jedoch auf in Gezänk und Streiterei um Kleinigkeiten. Der Größenwahn der Regierung fährt unter die Bewohner von Fengjie nicht wie der Zorn Gottes unter die Städte Sodom und Gomorrha. Die vielen Statuten, die den Anschein eines Rechts, das hier geschieht, erwecken sollen, verwickeln die Menschen, die immer noch auch ganz andere, alltägliche Sorgen haben, in ermüdende Kleinkriege.

Die Filmemacher blicken auf das, was sie da erleben - und sie kamen, wie sie sagen, in die Stadt mit der Legende Li Bai im Kopf - mit protokollarischer Nüchternheit. Sie konzentrieren sich auf wenige Personen. Den Herbergsvater, daneben vor allem um eine anglikanische Kirche und deren Führungsgremien, die in erster Linie in Streitereien um Geldfragen, dann um den Abrissauftrag verstrickt sind. Während man argumentiert, klickt und klackt, vom Film beinahe beiläufig ins Bild gesetzt, der Rechenschieber. Die große Flut und das Klicken des Rechenschiebers: So ließe sich der Film resümieren. Ein großes Drama macht er daraus nicht. Es ist traurig genug, wie es ist. Der Untergang einer Stadt ist eine hässliche Angelegenheit, so alltäglich wie endgültig.

Ekkehard Knörer

"Yan Mo - Before the Flood". Regie: Yan Yu, Li Yifan. Dokumentarfilm. China 2005, 150 Minuten. (Forum)


Der gute Schotte in uns allen: "Tickets", ein Film von Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami und Ken Loach (Wettbewerb)

Zu den überflüssigsten Dingen im großen, weiten Reich der Kinematografie gehören in aller Regel die sogenannten Omnibus-Filme, für die sich - weil Geld da ist, oder eine Freundschaft oder ein gemeinsames Interesse - mehrere Regisseure zusammentun, um halbe Sachen zu machen. Fast immer sind es Nebenprojekte, Resteverwertungen, lehrreich im Kontrast im besten, belanglos im Regelfall. "Tickets" nun, für den sich die weiß Gott unterschiedlichen Regisseure Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami und Ken Loach zusammengetan haben, ist keine Ausnahme von der Regel: Er tut keinem weh. Aber gebraucht hat es ihn auch nicht.

Was ihn zusammenhält, sind die Tickets des Titels. Eisenbahntickets, das ganze spielt in einem Zug, im selben Zug, der nach Rom unterwegs ist. Wir wissen ja, alle Wege führen nach Rom, auch die von Filmemachern, die durch sonst nichts auf einen Nenner zu bringen sind. Der Einfachheit halber also der Reihe nach: Ermanno Olmi setzt im ersten Teil eine Männerfantasie ins Bild, die weder durch die nicht unbeträchtliche Eleganz, mit der Vergangenheit und Gegenwart, Wirklichkeit und Fantasie verknüpft werden, zu retten ist. Ja, sie ist nicht einmal durch die wunderbare Valeria Bruni-Tedeschi zu retten, die hier diese Fantasie verkörpert. Wie ein Zug frischer Luft dann der Übergang zur Kiarostami-Sektion. Vom schwülen Olmi-Licht ins klare Licht des Kiarostami-Films, dies ist fast ein großer Moment. Es bleibt leider der einzige.

Es überrascht ein wenig, wie flott sich der Asket Kiarostami mit seiner Kamera durch den Zug bewegt. Er erzählt von einer herrschsüchtigen älteren Frau und ihrem Zivi; das ist gelegentlich ganz lustig und immerhin nie peinlich. Im Werk des Regisseurs bleibt es freilich eine Bagatelle, dazu eine beträchtliche Abweichung vom Weg ins zunehmend Radikale, den er zuletzt eingeschlagen hatte. Es schließt sich, alles andere als nahtlos, eine Ken-Loach-Episode an, die nur Ken Loach so erzählen kann. Drei schottische Fußballfans auf dem Weg zum Champions-League-Spiel stoßen auf eine albanische Familie und es kommt zu einer Aushandlung zwischen Rassismus und Mitmenschlichkeit. Loach, der an das Gute im Menschen zu glauben nie aufhören wird, inszeniert das mit Humor und mit großer Lust am Schottischen. Das ist nett, aber auch ein wenig penetrant, ein kleines italienisches Märchen vom guten Schotten in uns allen.

Ekkehard Knörer

"Tickets". Regie: Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami, Ken Loach. Mit Carlo Delle Piane, Valeria Bruni Tedeschi, Silvana De Santis, Filippo Trojano, William Ruane, Klajdi Qorraj u.a., Italien, Großbritannien 2004, 115 Minuten. (Wettbewerb)