Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.02.2005. In der FR bedauert der Funeralhistoriker Philip Zitzlsperger, dass die Komplettvergrabung aus der Mode gekommen ist. In der taz erzählt Christian Petzold, wie ihm das Berlinale-Publikum einen Drehort schenkte. In der SZ fordert Petzold: "Filme sollten so ähnlich sein wie Kosslick". In der NZZ beschuldigt der Arabist Arnold Hottinger Briten, Russen, Amerikaner und Israelis für den Islamismus verantwortlich zu sein. Die FAZ beobachtet eine Polonaise befrackter Pinguine in Luzern.

FR, 15.02.2005

Der Kunsthistoriker Philip Zitzlsperger fragt sich im Forum Humanwissenschaften, warum die christliche Erdbestattung - amtsdeutsch: "Komplettvergrabung" - aus der Mode kommt. Früher hat man mit einem Grabmal in die Zukunft investiert! "Es bot den Lebenden die Gelegenheit zu monumentaler Selbstdarstellung mit Ewigkeitsanspruch. Dabei betonten sie in der Gestaltung des Grabmals die Verdienste und Tugenden des Geehrten nicht allein, um ihn unvergessen zu machen, sondern auch, um mit Hilfe seiner Tugendhaftigkeit auf den Adel seiner Familie zu verweisen - und auf diese Weise soziales Prestige für sich zu reklamieren. Das Grabmal diente den Angehörigen des Verstorbenen zur eigenen Statussicherung in einer Gesellschaft, deren konkurrierende Eliten unter höchstem Legitimationsdruck standen. Der Tod stellt sich aus dieser Perspektive als Karrierefaktor für die Hinterbliebenen dar."

Auf der Berlinale hat Daniel Kothenschulte einen neuen Favoriten entdeckt: "Paradise Now", ein Film des Palästinensers Hany Abu-Assad, erzählt von den letzten 24 Stunden im Leben eines Selbstmordattentäters. Bei Marc Rothemunds Sophie Scholl dagegen meint Kothenschulte "einen Hauch von Berechnung" zu spüren. Katrin Hildebrand resümiert die Grammy-Verleihung und attestiert "Absurdität und Klasse". Hilal Szegin weiß in Times mager, woran es der hiesigen Erzählkultur mangelt: an Moos. Außerdem blättert Michael B. Buchholz durch Zeitschriften der Psychologie und bemerkt, dass die Psychoanalyse sich anderen klinischen Sichtweisen zu öffnen beginnt.

Besprochen werden Matthias Hartmanns "ungemein kraftvolle" Inszenierung der "Todesvariationen" von Jon Fosse am Schauspielhaus Bochum und Bücher, darunter die Geschichtensammlung "Das wunderbare Jahr der Anarchie" zur Wendephase 1989/90, der von John Brockman herausgegebene Band "Die neuen Humanisten" sowie eine Biografie Friede Springers (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 15.02.2005

Im Berlinaleteil plaudert Christian Petzold mit Cristina Nord über seinen Wettbewerbsbeitrag "Gespenster" und wieso er ihn ausgerechnet im Tiergarten gedreht hat: "Als ich mit 'Wolfsburg' bei der Berlinale war, habe ich während der Premiere einen Spaziergang durch den Tiergarten gemacht. Ich bin immer so nervös bei Premieren und kann nicht im Publikum bleiben, weil mich jedes Hüsteln vollkommen fertig macht. Ich bin also in den Tiergarten rein, blieb irgendwo stehen, rauchte, drehte mich um und sah über den Baumwipfeln den Potsdamer Platz. Und plötzlich stand er da wie Angkor Wat. Er hatte gar nichts mehr von Stadt. Ich dachte: Was gibt es alles für Mythen um den Potsdamer Platz: der verkehrsreichste Platz der Welt, Weimarer Republik, Liza Minelli. Und jetzt steht Angkor Wat hier, als ob der Urwald sich den Platz schon fast wieder nehmen wollte. Wir steckten in dieser Zeit in den Vorbereitungen zu 'Gespenster', und eigentlich sollte der Film an der Woltersdorfer Schleuse spielen, in den alten UFA-Kulissen von 'Das indische Grabmal'. Aber in dem Augenblick dachte ich: Das ist doch viel interessanter hier, noch viel aufgeladener."

Außerdem vermisst Claudia Lenssen bei Catherine Breillats Talent Campus "Directing Sex" ein "Mehr an Fantasie". Harald Peters glaubt, eine der besten Berlinalen seit langem zu erleben. Harald Fricke hat Filme über Stillstand in Afrika und Bauboom in China gesehen, Dominic Johnson leidet mit Kindersoldaten, die wieder nach Hause wollen, Dietmar Kammerer studiert Nicaragua nach dem Bürgerkrieg, Cristina Nord verfolgt den letzten Tag im Leben eines palästinensischen Selbstmordattentäters und Dirk Knipphals beobachtet das Ende von Francois Mitterand. Im Berlinale Star-Album porträtiert Susanne Lang Julia "Sophie Scholl" Jentsch.

Im Feuilleton erfährt Oliver Pfohlmann in der neuen Ausgabe der Zeitschrift "Lose Blätter", wie Schriftsteller heute auf ihre Debüts blicken. Der Soziologe Dirk Baecker preist in seiner Monatskolumne das Tanzstück "Revolver" von VA Wölfls Ensemble Neuer Tanz, das gesellschaftliche Verhältnisse präziser als die Wissenschaft schildert. In der zweiten taz unterhält sich Peter Unfried mit dem Psychologen Hans-Georg Huber über das Phänomen Chef, das "auch ein Mensch" ist. Robin Alexander zerlegt Joschka Fischer sowie dessen Angebot zur Verantwortlichkeit in der Visa-Affäre. Außerdem lesen wir Jenny Zylkas Bekenntnis zum Stapfen.

Auf der Medienseite berichtet Steffen Grimberg, dass sich die rot-grüne Koalition weitestgehend auf eine Neufassung des besonderen Kartellrechts für die Presse geeinigt und damit das Zusammengehen von Berliner Zeitung und Tagesspiegel ermöglicht hat. Besprochen werden zwei neue Bücher mit Anekdoten um Peter Hacks sowie seinen Briefwechsel mit Heinar Kipphardt.

Und Tom.

SZ, 15.02.2005

Im Berlinaleteil singt "Gespenster"-Regisseur Christian Petzold eine Hymne auf den Festivalchef. "Dieter Kosslick vermittelt eine Haltung, die mir gefällt. Er zuckt so mit den Schultern und sagt: das ist alles gleich-gültig, all die verschiedenen Arten von Kino stehen jetzt hier nebeneinander, und ich werde keine Sachen besonders in den Vordergrund ziehen. Jack Palance ist ein Bösewicht, aber er ist auch gleichzeitig ungeheuer interessant. Ich finde, Filme sollten so ähnlich sein wie Kosslick, und sagen: uns ist alles vollkommen egal - egal nicht im Sinn einer Wurstigkeit, sondern eines Gleich-Geltens - und wir genügen uns selber." Susan Vahabzadeh meldet in ihrer Zwischenbilanz: noch kein Bär in Sicht. Sie kürt aber schon mal "Paradise Now" des Palästinensers Hany Abu-Assad zum wichtigsten Film der ersten Hälfte.

Holger Liebs hat an den 120 Bildern von Gerhard Richter, die im Düsseldorfer K20 ausgestellt sind, studieren können, was vom Bild im Übergang zur Malerei übrig bleibt. Obwohl ihn stellenweise die drangvolle Enge stört, gefällt Liebs das Konzept der Kuratoren. "Die Ausstellung folgt keinem Zeitpfeil: Da gibt es die fotorealistisch verunklärten Landschaften, in die die Farben immer tiefer einzusinken scheinen, die mal schematisch geordneten, mal zum all-over verdichteten Farbtafelbilder, die grauen Bilder und die Fotobilder, die hintereinander gestaffelten Glasscheiben, die Abstrakta und die neuen, großformatigen Erdalkali- oder Uran-Molekülgitter - und all dies korrespondierend gehängt, als wollten die Bilder sich gegenseitig kommentieren."

Der Volkswirtschaftler Gert G. Wagner plädiert für mehr Nüchternheit in der Arbeitslosendiskussion und verteidigt im Leitartikel Hartz IV und Agenda 2010. "Sie vergrößert nicht die Spaltung der Gesellschaft, vielmehr besteht durch sie wenigstens die Chance, dass der Spaltpilz der Langzeitarbeitslosigkeit Kraft verliert." Evelyn Roll lässt sich in der "Zwischenzeit" von Michael Crichton verblüffen, der statt einer Lesung einen wissenschaftlichen Vortrag gegen die Erderwärmungshysterie hielt. Wolfgang Schreiber erfährt von Katharina Wagner, die in München Albert Lortzings "Waffenschmied" auf die Bühne bringt, dass nicht jede Oper politisch sein und interpretiert werden muss. "Aber wenn das Stück das politische Potenzial hat - gerne!". Oliver Fuchs ätzt, dass bei der Grammy-Verleihung "Tote, Untote und Scheintote" dominierten. Reinhard J. Brembeck versichert, dass der Grammy für den deutschen Klassikmarkt recht unbedeutend ist. Und auf der Medienseite berichtet Michael Kläsgen über den Streit zwischen Harald Schmidt und Thomas Schmidt. Letzterer möchte auch an der neuen Late-Night-Show mitverdienen.

Besprochen werden Jochen Heckmanns Inszenierung des Tanzstücks "Giselle" des schwedischen Choreographen Mats Eks, und Bücher, darunter Hans Joas' und Wolfgang Knöbls Auseinandersetzung mit der neueren Sozialtheorie, eine Auswahl an Interviews und Vorträgen des Verhaltensforschers Konrad Lorenz zum Anhören, sowie Sibylle Bergs "nicht zu überbietender" Roman "Ende gut" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Anzeige

NZZ, 15.02.2005

Der Arabist Arnold Hottinger erklärt uns, dass der islamische Fundamentalismus überhaupt nichts mit dem Islam zu tun haben, weder mit dem wahabitischen noch mit dem salafitischen. Schuld sind ganz andere! "Die islamistische Ideologie erwuchs aus volkstümlicher Reaktion auf kolonialistischen Druck und späteres kommunistisches (in Afghanistan) sowie zionistisches und amerikanisches Machtstreben (in Palästina, in Libanon und neuerdings im Irak), und sie entwickelte sich nach dem weitgehenden Versagen des Nationalismus in fast allen Teilen des gesamten islamischen Raumes zur heute führenden Protest- und Widerstandsideologie."

Besprochen werden die Retrospektive zu Jake und Dinos Chapman im Kunsthaus Bregenz, Leos Janaceks Oper "Die Sache Makropulos" in Hannover und Bücher, darunter Per Olov Enquists Roman "Das Buch von Blanche und Marie", Fuad Kanaans "eigenwilliger" Roman "An den Flüssen Babylons", ein Band über den böhmischen Barockbaumeister Johann Blasius Santini (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 15.02.2005

"Blankes Staunen" hat der ukrainische Theaterregisseur Andriy Zholdak mit seiner Inszenierung der "Traumspiele" nach Strindberg in Luzern ausgelöst, erzählt Martin Halter. "Die Schuhe in der Hand, die Teller vorm Gesicht, prozessieren Zofen und Diener über Hühnerleitern und Tische, eine Polonaise befrackter Pinguine mit verrenkten Hälsen, Papp-Prothesen und den Schreckensmündern von Munchs 'Schrei'. Die Servierbrigade trägt einen gebratenen Schwan auf, dessen Fleisch die Hausherrin ganz wild und wollüstig macht, und zückt ihre Tranchiermesser. Am Ende holt der Schweizer Postbote das Riesenpaket, das er zu Beginn des Abends auf die Bühne wuchtete, wieder ab. Ein Mann im weißen Sommeranzug - einst Hund, jetzt August Strindberg - liest Adressen von Adligen aus ganz Europa vor." Die Schweizer quittierten es mit "freundlich irritiertem Beifall".

Weitere Artikel: Michael Jeismann empört sich angesichts der Visa-Affäre des Auswärtigen Amts über "die Wiederkehr deutscher Weltfremdheit in großsprecherischer Absicht und mit kriminellen Folgen - und immer dem besten Gewissen." Ridley Scott hat in Berlin einen Werbespot für Prada gedreht, Ingeborg Harms war beim Premierencocktail. Joseph Hanimann berichtet über das Scheitern der Unesco-Verhandlungen in Paris: offenbar konnte man sich nicht darüber verständigen, was die Kultur eigentlich ist, die man vor dem Markt schützen will. Falk Jaeger beschreibt die "mustergültige Sanierung" des Biblischen Hauses in Görlitz.

Auf den Berlinaleseiten stellen Bert Rebhandl chinesische Filme und Verena Lueken politische Filme vor. Michael Althen bespricht Guediguians Mitterand-Film, Hans-Jörg Rother die Thomas-Heise-Dokumentation "Mein Bruder". Auf der Medienseite informiert Michael Hanfeld, was Burda mit den Zeitschriften des Verlags Milchstraß vorhat ("Titel bleiben, Jobs nicht", heißt es in der Unterzeile). Melanie Mühl empfiehlt einen Dokumentarfilm über Amerikas Kriege, der heute abend auf Arte läuft. Auf der letzten Seite stellt Edo Reents den Grammy vor. Karl-Siegbert Rehberg beschreibt die Instrumentalisierung der Zerstörung Dresdens in der DDR. Und Oliver Tolmein informiert über die Anhörung zur Spätabtreibung, die heute in Berlin stattfindet.

Besprochen werden Händels "Giulio Cesare in Egitto" an der Hamburgischen Staatsoper, eine Ausstellung des Malers Jean Fautrier in der Fondation Gianadda in Martigny, Jon Fosses "Todesvariationen" und Lessings "Philotas" am Schauspielhaus Bochum und ein Video-Walk der Künstlerin Janet Cardiff in Berlin.