Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.11.2004. Die Ukraine bleibt Thema. In Spiegel Online erklärt Oksana Zabuzhko, wo die Grenzen in der Ukraine wirklich verlaufen: nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen einst und jetzt. In der SZ tanzt Andrej Kurkow auf dem Kreschtschatik nach den Liedern von Ruslana. In der Berliner Zeitung weiß Timothy Garton Ash, wo das Herz Europas wirklich schlägt: außerhalb. In der FR krisitisiert Richard Wagner die Multikulti-Debatte, die in politischer Routine versinkt. In der FAZ erklärt Andeas Maier auf einer ganzen Seite, warum er nicht in Potsdam in der Platte wohnen wird.

FR, 26.11.2004

In der aktuellen Multikulti-Debatte sind inzwischen die alten Fronten wieder aufgebaut, und das eigentliche Problem wird gar nicht mehr angesprochen, meint der Schriftsteller Richard Wagner: "Van Gogh hatte ausdrücklich die islamische Problematik im Blick. Das Drehbuch zu seinem Film 'Submission' stammt bekanntlich von einer jungen Frau aus Somalia, Ayaan Hirsi Ali. Sie ist liberale Abgeordnete im niederländischen Parlament und somit ein Beispiel für gelungene Integration. Hirsi Ali führt seit ihrer Flucht aus Afrika einen Kampf gegen Zwangsehen und Männergewalt in den moslemischen Gemeinschaften. Sie prangert damit ein Stück menschenverachtender Realität an. Wieso können wir uns mit dieser Frau nicht solidarisch fühlen?"

Weitere Artikel: In Times mager kommentiert Nikolaus Merck das Verbot der Dresdner "Weber"-Aufführung durch die Gerhart Hauptmann-Erbin Anja Hauptmann.

Besprochen werden eine Werkschau von Richard Prince in der Sammlung Goetz in München, ein Abend mit französischen Chansons in der Alten Oper Frankfurt, ein Konzert des Jazzpianisten Brad Mehldau in Darmstadt und weitere Kulturereignisse der Region.

Weitere Medien, 26.11.2004

Die Spaltung in der Ukraine verläuft nicht zwischen Ost und West, wie uns die Medien weismachen wollen, schreibt die ukrainische Autorin Oksana Zabuzhko (Homepage) in einem leidenschaftlichen Beitrag für Spiegel Online, sondern zwischen Vergangenheit und Gegenwart: "Anders gesagt, nach 13 Jahren Unabhängigkeit hat es die Ukraine geschafft, ihr regierendes 'Post-Sowjet'-Regime loszuwerden, dessen Establishment aus früheren kommunistischen Sekretären und KGB-Informanten besteht, die in der Zwischenzeit zu einer Bande ganz gewöhnlicher Strolche geworden sind. Am Sonntag zerfiel das Regime wie ein enger, ausgetragener Anzug und die politische ukrainische Nation trat aus diesem Anzug hervor - nackt, erfolgreich und schön, wie die Freiheit in romantischen Bildern."
Stichwörter: Ukraine, Unabhängigkeit

NZZ, 26.11.2004

Vom Schauplatz Bosnien, neun Jahre nach dem Krieg, berichtet Andreas Breitenstein, der sich einige Sorgen um die Zukunft des Kleinstaates macht. Er sieht die Bosnier immer noch als Geisel der Serben, denn solange diese nicht mit dem Kriegsverbrechertribunal von Den Haag kooperieren, gibt es so schnell auch kein dringend benötigtes Assoziierungsabkommen mit der EU. Noch nicht mal auf ethnisch neutrale Autokennzeichen hatte man sich einigen können. Den gordischen Knoten der Ethnien zerschlagen will nun jedoch "ein Kunstprojekt des Sarajewo Center for Contemporary Art, indem es die hehren Denkmäler des Landes ironisch dekonstruiert. Für Mostar hat man die Errichtung eines Monuments für Bruce Lee vorgesehen. Der fernöstliche Karate-Held ist eine nostalgische Reminiszenz an den fernen Frieden Jugoslawiens und scheinbar der einzige, mit dem sich im heutigen Bosnien jedermann identifizieren kann."

Weiteres: Joachim Güntner weiß, was Türken unter deutscher Leitkultur verstehen: "Popmusik hören, ausgefallene Kleidung tragen, sich weniger um die Familie kümmern." "Hg" ist skeptisch, ob er die sehnlichst erwarteten Kommentarbände zu Rudolf Borchardts Briefen zu Lebzeiten noch in Händen halten wird, und Paul Jandl widmet sich der Wiener Theater-Finanzkrise.

Besprochen werden das Berliner "Simple-Life"-Festival, eine St. Galler Aufführung von Philipp Eglis "Schlafende Hunde wecken", Lehars "Graf von Luxemburg" in Luzern und ein Konzert von Maxim Vengerov und Lilya Zilberstein in der Zürcher Tonhalle.

Auf der Filmseite geht's um die (anti)-Weihnachtsstreifen "Bad Santa" und "The Polar Express", den Film "Travellers and Magicians" des buthanstämmigen Filmemachers Khyentse Norbu, den Abenteuerfilm "National Treasure" mit Nicolas Cage und den Dokumentarfilm "Salvador Allende" von Patricio Guzman. Schließlich werden ein Buch zur (schweizer) Filmtechnik be- und ein gar güldener schwedischer Filmherbst versprochen.

Auf der Medienseite resümiert Heribert Seifert die neue deutsche Debatte um den Mord an Theo van Gogh, Leitkultur und Multikulti: "Nach ein paar Wochen intensiver Berichterstattung sind Zweifel erlaubt, ob die vordergründige Aufregung und Skandalisierung in reflektierte Analyse übergeführt wird." Bedächtige Stimmen hat Seifert "eher in Medien mit kleinerem Publikum" gefunden, in der taz in der Emma oder oder im Internet-Forum Sicherheit heute. Dramatisch wurde es in der Welt, wo Springer-Chef Mathias Döpfner höchstselbst Alarm schlug: "Es herrscht eine Art Kreuzzug, eine besonders perfide, auf Zivilisten konzentrierte, gegen unsere freien, offenen, westlichen Gesellschaften gerichtete System-Attacke fanatisierter Muslime" (nachzulesen hier).
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FAZ, 26.11.2004

Der Schriftsteller Andreas Maier verteidigt sich auf einer ganzen Seite gegen den Vorwurf, er wollte sein Literaturstipendium in Potsdam nur in einem Schloss verbringen. Eine zentrale Rolle in dieser Geschichte spielt Frau Spatz, "so etwas wie die Sekretärin der Kulturdezernentin" von Potsdam. Nachdem eine Zeitung gemeldet hatte "Stipendiat Maier fordert Schloss statt Platte" führt der verwirrte Autor folgendes Telefongespräch: "Sagen Sie mal, Frau Spatz, haben Sie heute eigentlich die Bildzeitung in der Hand gehabt? Sie, sinngemäß: O je, o je, Herr Maier, das ist aber ein dummes Missverständnis, also das ist ja alles nur so gekommen, weil die Jury in ihrem Brief . . . aber Sie kommen doch, oder? Ich sage: Frau Spatz, ich habe bis heute von der Stadt Potsdam keinen Pressespiegel erhalten, nichts. Sie haben doch wohl ein Presseamt? Ich weiß ja gar nicht, was da über mich geschrieben wird. Sie (sinngemäß): O je, Herr Maier, o je . . ." (Mehr zum Hintergrund der Geschichte hier.)

Weitere Artikel: Hans-Joachim Müller berichtet über den "zerwürfnislosen Abschied" der Klee-Stiftung vom Kunstmuseum Bern: die Stiftung lässt sich zwecks "kulturellen Megabetriebs" ein eigenes Museum bauen. Kerstin Holm beschreibt die zwiespältigen Reaktion der Russen auf die Proteste der Ukrainer. Oliver Jungen war bei einem Symposion des Instituts für Diaspora und Genozidforschung in Bochum. Bernd Hinrichs berichtet, dass die Verlage Carlsen und Egmont Ehapa Konkurrenz bekommen: der amerikanische Verlag Tokyopop hat einen Ableger in Deutschland gegründet und will hier den Markt für Mangas aufrollen.

Auf der Medienseite wertet Nina Rehfeld den Abgang der amerikanischen Nachrichtenmoderatoren Tom Brokaw und Dan Rather als Zeichen für den Bedeutungsverlust von Nachrichtensendungen. Hauptinformationsquellen seien heute das Internet und Nachrichtenshows, die mehr auf Meinung als auf Information setzen. Stefan Niggemeier berichtet über eine Betriebsversammlung bei Viva, wo man fürchtet, demnächst per SMS über seine Entlassung informiert zu werden.

Auf der letzten Seite stellt Jürgen Kaube die vier Wissenschaftler vor, die gerade in Rom mit dem Balzan-Preis ausgezeichnet wurden: die kalifornische Orientalistin Nikki R. Keddie, den belgischen Mathematiker Pierre Deligne, den britischen Archäologen Andrew Colin Refrew und den Sozialmediziner Michael Marmot. Kaube beschreibt die ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Temperamente der vier. Nur mit einem Typus haben sie gar nichts gemein: dem des Wissenschaftsmanagers, der "mit engen Zeithorizonten, also projektförmig, arbeiten und dadurch im Prinzip jederzeit evaluiert werden" kann. Dieter Bartetzko mokiert sich über die griechischen Anwälte, die in den USA gegen Oliver Stones Film "Alexander der Große" klagen, weil dort zart angedeutet wird, Alexander hätte auch Männer geliebt. Christian Schwägerl kritisiert Biobauern, die sich gegen die Gentechnik wenden, obwohl das Saatgut, das sie einkaufen, mit viel brachialeren Methoden zwangsmutiert worden sei.

Besprochen werden die erste australische Produktion von Wagners "Ring des Nibelungen" ("Er sollte großartig aussehen, überwältigend klingen und ungeheuer unterhaltsam sein. So war es dann auch", schreibt Shirley Apthorp über die Aufführung in Adelaide), eine Ausstellung zu Peter Rühmkorf im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, ein "Othello" am Deutschen Theater Berlin, der Film "Suite Havanna" von Fernando Perez und Bücher, darunter ein philosophischer Inselroman von Abu Bakr Ibn Tufail (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Der FAZ präsentiert heute eine Literaturbeilage. Im Aufmacher bespricht Elke Heidenreich Hörbücher von und mit Gottfried Benn. (Wir werten die Beilage in den nächsten Tagen aus.)

TAZ, 26.11.2004

Ulrich Gutmeir plädiert sehr für die neue Platte der Band Family 5, "Wege zum Ruhm" (ein witziger Titel wenn man bedenkt, dass diese Band des ehemaligen Fehlfarben Sängers Peter Hein schon seit zwanzig Jahren ein bescheidenes Dasein fristet): "Hein trifft wie gehabt manchmal den falschen Ton, hat aber wie kein anderer Sänger deutscher Zunge ein Gefühl für Satzmelodien und Rhythmen. Hein rappt über die Liebe, über Geldprobleme - 'totales Deckelverbot' -, und formuliert rührende Aufrufe zur Revolution, in denen er sich selbst zitiert: 'Keine Atempause, umgeschichtet wird die Macht'."

In tazzwei interviewt Peter Unfried die Kabarettistin Maren Kroymann, die Harald Schmidt gar nicht so toll findet: "Schmidt ist vor allem ein Männeridol. So wie dreizehnjährige Mädchen für Britney Spears schwärmen, finden Männer, speziell die Männer vom Feuilleton, Harald Schmidt toll. Sie sind irrational verliebt in ihn. Frauen werden von Schmidt häufig scheiße behandelt."

Weitere Artikel: Michael Bartsch kommentiert die Absetzung der Dresdner "Weber". Besprochen werden die Compilation "Protestsongs.de" (mehr hier), die einen "bunten Strauß deutscher Politsongs der letzten 60 Jahre" präsentiert und eine neue Platte von U2.

Auf der Medienseite kommentiert Hannah Pilarczyk die Absetzung der "Sarah Kuttner Show" bei Viva.

Schließlich Tom.

SZ, 26.11.2004

Weiterhin das Thema im SZ-Feuilleton sind die Proteste in der Ukraine. Der in Petersburg geborene, aber in Kiew aufgewachsene Schriftsteller Andrej Kurkow berichtet: "Um sich aufzuwärmen, marschierten die Teilnehmer an den Protestaktionen in Kolonnen durch die Straßen der Innenstadt und versuchten auf dem Kreschtschatik zu den Liedern der Eurovisionssiegerin Ruslana zu tanzen. Unterdessen wurden vor dem Verwaltungssitz des Präsidenten Soldaten der russischen Sondereinheit in ukrainischen Uniformen abgesetzt. Protestierenden Bürgern, die zum Verwaltungssitz drängten, erklärte die ukrainische Miliz sehr liebenswürdig: Wir können Sie durchlassen, wir sind nicht einmal bewaffnet, haben nur Gummiknüppel und Apparate, um Elektroschocks auszuteilen; aber die Russen dort haben den Befehl, scharf zu schießen. Die Geschichte wird die Rolle Russlands und seines Präsidenten Putin in dieser Situation eines Tages bewerten, ich aber schäme mich derzeit einfach wegen meiner russischen Herkunft. Ich schäme mich, dass mein 78-jähriger Vater und pensionierter Offizier Janukowitsch gewählt und mich am Telefon angeschrien hat: 'Du bist doch Russe! Wie kannst du diese Nationalisten wählen.'"

Weiteres: Michael Knoche, der beherzte Direktor der Anna-Amalia-Bibliothek bringt uns auf den neuesten Stand in Sachen Schadensbilanz: Eine Frage ist jetzt, ob Bücher restauriert werden sollen oder Ersatzexemplare antiquarisch gekauft werden sollen. Christine Dössel berichtet von den Schwierigkeiten, mit denen die Künstlersozialkasse zu kämpfen hat. Theresa Brehm himmelt ausgiebig den DJ Ricardo Villalobos an, dessen Autoren-Techno sie auf dem neuen Album "The au harem d'Archimede" noch göttlicher findet als auf dem vorigen. Tobias Timm berichtet von einer Architektenkonferenz in Tel Aviv, die sich mit dem Städtebau in Zeichen des Nahost-Konflikts befasste. Im Interview mit Julia Encke bestreitet Migjen Kelmendi, Herausgeber der kosovarischen Wochenzeitschrift Java, dass die Übergriffe der Albaner auf Serben im März organisiert waren, wundert sich aber auch, woher so plötzlich all die Busse und Waffen kamen. Susan Vahabzadeh meldet, dass immerhin Gore Vidal Oliver Stones Film "Alexander" etwas abgewinnen kann.

Auf der Medienseite beglückwünscht Kathrin Schuster die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall lancierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft für ihre erfolgreiche PR-Strategie.

Besprochen werden eine Ausstellung des Schweizer Fotografen Robert Frank, dessen berühmte Serie "The Americans" in der Londoner Tate Modern natürlich auch zu sehen ist, Joe Roth' "rumpelig-lustvolle" Weihnachtskomödie "Christmas with the Kranks" und Bücher, darunter Marion Titzes Roman "Niemandskind" und Edith Whartons Antwort auf Dracula "Prüfstein" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 26.11.2004

In Berlin startet heute ein Kongress mit dem Titel "Europa eine Seele geben" (mehr hier als pdf), an dem auch Timothy Garton Ash teilnimmt. Im Interview mit Christian Esch sagt er über die Seele des Kontinents: "Es gibt einen Europäismus des Verstandes, aber viel weniger einen Europäismus des Herzens. Außer in der Ukraine natürlich, wo wirklich alle begeisterte Europäer sind. Die begeisterten Europäer findet man fast immer außerhalb der Grenzen der Europäischen Union. In Ost- und Mitteleuropa, auf dem Balkan, in der Ukraine und natürlich in der Türkei."

Tagesspiegel, 26.11.2004

Frank Heibert unterhält sich mit der Krimiautorin Sara Paretsky, die sich nicht gerade erfreut über die Erfolge der religiösen Rechten in den USA zeigt: "Meine ziemlich simple Theorie lautet: Das Herz dieser Religiosität schlägt im ländlichen Süden, dort, wo die Sklaverei ebenso ungerührt betrieben wurde wie in den Sechzigerjahren das Lynchen von Bürgerrechtlern. Der Rassenhass ist heutzutage weitgehend erodiert, aber die Intensität der Hassgefühle gegen das, was als bedrohlich empfunden wird, ist umgeleitet auf alles 'Liberale', also Feministen, Homosexuelle, Pazifisten oder einfach Intellektuelle. Hass ist die Ölquelle, die das Feuer am Brennen hält. Der Sieg der Republikaner wird das Feuer weiter anfachen."