Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2004. "Salut, adieu Derrida", ruft Jean-Luc Nancy in der SZ. Wir bringen auch einige Links aus der internationalen Presse zum Tod des Denkers. Auch in den anderen deutschen Zeitungen beherrscht Derrida die Feuilletons. Die taz bringt Auszüge aus Peter Esterhazys viel beachteter Friedenspreisrede.

TAZ, 11.10.2004

Jacques Derrida wird in der taz mit der Schlagzeile "Jacques Derrida ist tot. Oder?" verabschiedet. Rene Aguigah erkennt, dass Derrida seine Leser wie kein anderer zeitgenössischer Autor auf den Tod vorbereitet hat. "Es gibt Leser, die bei Derrida jenen Trost suchen, den es nicht geben kann - und um den die Beerdigungsroutinen in Kirche und Massenmedien selten ringen." Rudolf Balmer registriert die Reaktionen in Frankreich: alle sind betroffen, kaum einer kennt aber Derridas Werk. Niels Werber erläutert Derridas Methode der dekonstruktiven Lektüre. Marco Stahlhut weist darauf hin, dass Derrida der Originalität wegen auch mal "forcierte Fehllektüre" betrieb.

Die taz druckt in Auszügen die lesenswerte Dankesrede des ungarischen Schriftstellers Peter Esterhazy als Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Darin spricht er auch von Vergangenheitsbewältigung, für die es im Ungarischen kein Wort gibt. "Ich komme aus einem Land, sagte oder sagt oder würde Kornel Esti sagen, wo die Überheblichkeiten einer grobschlächtigen osteuropäischen Spaßgesellschaft und der drohende, kleinliche Bärenernst entleerter Traditionen unmittelbar nebeneinander existieren."

Im Feuilleton bilanziert Gerrit Bartels eine ruhige Buchmesse, dank der Sonderbuchreihen a la Bild und SZ. Katrin Kruse besucht die Pret-a-Porter-Schauen in Paris, diesmal mit Schwarz-Weiß-Dresscode auch für die Fotografen, und registriert nur beim Auftritt Nicole Kidmans ein wenig Bewegung: "Schwarzweißer Tumult auf rotem Grund, Paparazzi de luxe." Clemens Niedenthal sieht Edgar Reitz im dritten Teil seines "Heimat"-Zyklus scheitern. Warum? "Weil er keine Gelegenheit auslassen kann, noch das kleinste nationale Symbol zu einem Teil seiner Erzählung zu machen."

In der zweiten taz erinnert Jan Feddersen an das Modell Kohl und prophezeit deshalb, dass George Bush trotz allem gewinnen wird. Matthias Urbach bangt mit seinen Kumpels um die Existenz der Kaufhäuser. Niklaus Hablützel leitet die wackere Kampfansage des amerikanischen Justizministeriums gegen den digitalen Diebstahl geistigen Eigentums weiter. "JAF" schimpft, dass Mohammad Salmawy, der Verständnis für den Holocaust bezeugt, auf der Buchmesse die Grußadresse des Schriftstellers Nagib Machfus verlesen durfte.

Und schließlich Tom.

Weitere Medien, 11.10.2004

Hier bringen wir einige internationale Links zum Tod von Jacques Derrida. Für Le Monde scheint die Meldung ungünstig gefallen zu sein, denn der Nachruf ist kurz und unter Mithilfe von AFP vefasst. Dafür aber bringt Lemonde.fr ein sehr ausführliches Gespräch mit Derrida, das Jean Birnbaum im August veröffentlichte, und in dem Derrida auch über seine Krankheit und das Sterben spricht. Auf deutsch ist das Gespräch in der Lettre erschienen, die online einen Auszug bringt.

Liberation bringt Derrida auf den Titel (hier als pdf). Hier findet sich auch das auf deutsch in der SZ veröffentlichte "Salut" Jean-Luc Nancys. Den ausführlichen Nachruf hat Robert Maggiori geschreiben.

Auch der dem Denker eher fern stehende Figaro würdigt ausführlich. Der Nachruf ist von Patrice Bollon. Die Titelseite schmückt ein schönes Foto.

In der New York Times überschreibt Jonathan Kandall seine Würdigung mit "Jacques Derrida, Abstruse Theorist, Dies at 74". Kandell verweist auf Derridas Einfluss in den Gender Studies, den die Klassizisten unter den amerikanischen Intellektuellen kaum verzeihen mögen. Eine weitere Würdigung wurde von Daniel J. Wakin verfasst.

Die Londoner Times liefert unter der Überschrift "Is Derrida dead?" eine kurzen hämischen Nachruf. Dafür würdigen im Guardian Derek Attridge and Thomas Baldwin den Philosophen ausführlich.

SZ, 11.10.2004

Die erste Seite des Feuilletons hat die SZ freigeräumt, um Jacques Derrida (mehr hier) zu verabschieden. Von allen Widmungen und Diagnosen zitieren wir den kurzen, persönlichen Nachruf von Jean-Luc Nancy, Philosophieprofessor aus Strassburg. "Wie immer ist die Zeit der Trauer nicht die der Analyse oder der Diskussion. Man kann es nicht verhindern - es ist die Zeit der parfümierten Hommagen. Es kann und es muss Dir gegenüber die Zeit des Salut geben: Salut, adieu! Du verlässt uns, und lässt uns vor dem Dunkel zurück, in das Du verschwindest. Aber: Salut dem Dunkel! Salut dieser Auslöschung der Figuren und Schemata. Salut auch den Blinden, die wir geworden sind und denen Du dich mit Vorliebe gewidmet hast: Salut dieser Vision, die sich nicht an Formen klammerte, auf Ideen, sondern sich bewegen ließ von den Kräften." Auf den hinteren Seiten formiert sich zudem eine Ehrenwache aus sechs kürzeren Abschiedsgrüßen, unter anderem von Rene Major, Anselm Haverkamp, Jean Bollack oder Michel Deguy.

Thomas Steinfeld ist sich sicher, dass Jacques Derria und seine "Schule der literarisch inspirierten Melancholie" weiterleben wird. Manfred Frank, Philosophiedozent in Tübingen, dankt Derrida für die Einsicht, "dass keine Unterscheidung, auch die feinste, genau genug schneidet". Der Münchner Literaturwissenschaftler Hendrik Birus bedankt sich für den freundlichen Austausch, den er mit dem späten Derrida pflegte, wenn der auch etwas holprig begann. Als Birus eine Reaktion zu seinem Vortrag erwartete, stand Derrida "statt dessen einige Minuten kaffeetrinkend und pfeiferauchend neben mir und murmelte schließlich nur: 'Ich kann nichts dazu sagen, das ist mir noch zu nahe.'" Und Hans-Jörg Rheinberger, Leiter des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, erinnert sich an seine Derrida-Lektüre und an ein Diktum, das ihm im Gedächtnis geblieben ist. "Damit sich etwas oder jemand ereignet, ist es nötig, dass dieses Etwas oder dieser Jemand absolut unantizipierbar sei. Ein Ereignis ist nur als Unmögliches möglich, jenseits des ich kann."

Im restlichen Feuilleton berichtet Arno Orzessek von einer Berliner Tagung, die sich der delikaten Beziehung von Kunst und Ökonomie widmete. Dabei wurde unter anderem Hans Magnus Enzensberger als "Marke HME" entlarvt: "Das Geheimnis seiner Intelligenz ist die geistige Untreue." "rub" meldet, dass der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Klaus Reichert die übermäßige Größe der geplanten Kommission zur Rechtschreibreform kritisiert.

Als Zäsur empfindet "Imue" die Frankfurter Rede des ungarischen Schriftstellers Peter Esterhazy zur Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Neu war, wie Esterhazy auf Auschwitz zu sprechen kam. Nachzulesen ist das im großzügigen Auszug, den die SZ auf der Literaturseite druckt. "Wenn ich, sagen wir einmal, davon, wie die Welt 1945 aussah und was damals Deutschland bedeutete, ein Bild haben möchte, wenn ich wissen möchte, wie sich damals die Mischung aus Chaos, Hoffnungslosigkeit und Leichengestank ausnahm, wie das freudlos kalte Entsetzen des Überlebens aussah, ein Bild, aus dem die Natur des Krieges zu entziffern wäre, das Gefühl, fremd und schuldig zu sein, -- dann würde ich mich für einen Autor entscheiden, der sicher keinen Friedenspreis bekommen könnte: für Louis-Ferdinand Celine (mehr). Was für ein beschissener Mensch, was für ein großer Schriftsteller!"

"Es war kein sehr gutes Filmjahr", erkennt Christopher Keil auf der Medienseite, nachdem er Udo Jürgens beim Deutschen Fernsehpreis hat singen hören. Silja Schriever porträtiert die Internet-Scouts von Netzpiloten.de, die mal 17 Millionen Nutzer hatten und jetzt froh sind, dass es sie überhaupt noch gibt.

Besprochen werden die Ausstellung zu Edward Hopper im Kölner Museum Ludwig, Tina Laniks Münchner Inszenierung von Christian Dietrich Grabbes "Herzog Theodor von Gothland" und Sherry Hormanns Fußballerfilm "Männer wie wir".
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FR, 11.10.2004

Das Feuilleton ist heute fast vollständig dem verstorbenen Jacques Derrida (mehr zu seinen deutschen Veröffentlichungen) gewidmet. Christina Schlüter resümiert Leben und vor allem die hohen Wellen, die sein Denken geschlagen hat. "Im Ergebnis verschwendeten solche Zankereien wertvolle intellektuelle Ressourcen. Ganze Generationen von epigonalen Verteidigern wurde so ins Brot gesetzt - Derrida wusste sich zu wehren und gab so immer wieder neuen Anlass für allfällige Invektiven. Aus dem Blick geriet dabei allerdings sein fortgesetztes Schaffen, vor allem aber auch sein politisches Engagement, seine Rolle als Mahner und Kämpfer für die Menschenrechte." Der Philosoph Axel Honneth beleuchtet im Weiteren das Verhältnis zu Walter Benjamin, sein Kollege Christoph Menke betont Derridas Bedeutung als Metaphysiker. Harry Nutt kommentiert den Kult, der um Derrida entstand, und Christine Pries stellt die Bescheidenheit des "letzten Franzosen" heraus.

Jürgen Habermas hofft in seinem Abschiedsgruß, dass Derrida in Deutschland noch mehr "klärende Wirkung" entfaltet. Persönlich erinnert er sich wohlwollend an den französischen Kollegen. "Er war anders, als man erwartete - eine ungemein liebenswürdige, fast elegante, gewiss verletzbare und sensible, aber gewandte und, sobald er Vertrauen gefasst hatte, sympathisch offene, eine freundliche und zur Freundschaft bereite Person. Ich bin froh, dass Derrida wieder Vertrauen gefasst hat, als wir uns hier in der Nähe Chicagos, in Evanston, von wo aus ich ihm diesen letzten Gruß zuschicke, vor sechs Jahren wiedersahen."

Der ungarische Schriftsteller Peter Esterhazy ist kein Friedensstifter, weiß Christoph Schröder nach der selbstironischen Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche, aber gerade deshalb vielleicht ein guter Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Alexander Kluy berichtet vom Deutschen Soziologentag in München, bei dem über die Ungleichheit in Deutschland diskutiert wurde. In Times mager macht Gunnar Lützow einige spitze Bemerkungen zu den Öffentlichkeitskampagnen der Reformantreiber hierzulande. Auf der Medienseite plaudert Jan Freitag mit der Schauspielerin Katja Flint über ihre Schönheit und natürlich ihr Alter. Besprochen wird einzig und allein die Ausstellung "New Identities" mit zeitgenössischer Kunst aus Südafrika im Museum Bochum.

Das andere Thema des Tages ist die unsichere Zukunft des Warenhauses und damit der Innenstadt überhaupt. Sven Astheimer erfährt vom früheren Karstadt-Chef Walter Deuss in einem Exklusiv-Interview, dass er im nächsten Leben nichts anders machen würde. "Wir hatten ja ein erfolgreiches System für die Weiterentwicklung des Warenhauses gefunden." Frank Thomas-Wenzel glaubt an eine "Renaissance des Urbanen". Anita Strecker stellt die Frankfurter Einkaufsmeile vor, die Zeil. B. Honnigfort erzählt, wie es Chemnitz gerade noch geschafft hat, sein Zentrum vor Tod durch Austrocknung zu bewahren.

Tagesspiegel, 11.10.2004

Im Tagesspiegel erinnert sich Hanns Zischler, wie Derrida ihn zuhören lehrte: "Frühe Bilder. Der da spricht, spricht anders als die andern. Seine Rede ist schmiegsam, still, wie Rauch, unvermutet innehaltend, behende vorwärts drängend, tastend, stockend, suchend, sie sinkt zum Murmeln herab, wie Wasser kreiselnd und sich selbst verschlingend, schwebt durch den Raum und sickert in unsere Ohren. Die Fundamente der autoritativen Rede sind unversehens geschleift, wie weggeweht, der mündliche Vortrag signalisiert mit seinen unerwarteten kleinen Akuten und Akzenten eine Wende, er will anders, diskret vernommen werden, das Zuhören wird zur unvergesslichen Zumutung."
Stichwörter: Derrida, Wasser, Hanns Zischler

NZZ, 11.10.2004

In der NZZ verabschiedet Uwe Justus Wenzel den großen Derrida und legt Wert auf die Feststellung, dass Derridas Denken zu keinem System geführt hat: "Nicht einmal eine These ist herausgesprungen, auf die Derrida das Recht geistiger Urheberschaft geltend gemacht hätte. Das gilt auch für die 'derridistische' Behauptung, wonach - in Umkehrung der seit Platon geltenden Hierarchie - der Schrift ein Vorrang vor dem gesprochenen Wort zukomme. Schenkt man Derrida Glauben, so gibt es gar keine Philosophie von Derrida, es gibt nicht einmal eine Botschaft und auch keine Methode."

Angela Schader nimmt von der Frankfurter Buchmesse ein recht fragmentarisches Bild des arabischen Auftritts mit: "Der Bereicherung durch das Gehörte steht eine Präsentation gegenüber, die in vieler Hinsicht zu wünschen übrig ließ. Die im Pavillon präsentierten arabischen Bücher etwa waren dem deutschen Publikum durch keinerlei Information erschlossen, die von der Arabischen Liga organisierten Ausstellungen und Darbietungen projizierten mehrheitlich ein reichlich folkloristisch koloriertes Bild der arabischen Welt."

"So amüsant wie mit Peter Esterhazy war es noch nie", feixt Joachim Güntner nach der Verleihung des Friedenspreises an den ungarischen Schriftsteller (Auszüge aus den gehaltenen Reden finden Sie auf den Seiten des Börsenvereins). Barbara Villiger Heilig kann der Schnitzler-Inszenierung "Das weite Land" in der Zürcher Schiffbau-Box rein gar nichts abgewinnen ("intellektualistische Seifenoper").

FAZ, 11.10.2004

Henning Ritter erinnert in seinem Nachruf auf Jacques Derrida an das wunderschöne Begriffsarsenal des Denkers: "die Spur, der Aufschub, die 'differance', das Supplement - Leitbegriffe des ganzen weiteren Werks von Derrida, ihm so eigen, dass sie zu Kennmarken seiner Philosophie geworden sind".

Jürgen Kaube zieht ein ausführliches, aber nicht gerade begeistertes Resümee des Deutschen Soziologentags, der nach Jahren von Ersatzmodellen endlich die Klassengesellschaft wiederentdeckte: "Mitunter grimmig zufrieden stellen manche Soziologen fest, dass das Zeitalter anhaltender Prosperität auch in diesem Land an seine Grenzen gekommen ist." Endlich mal eine Prognose, die eintrifft!

Weitere Artikel: "Miga" beklagt die durch weitere Sparmaßnahmen verschärfte Lage der Kirchenmusik in der Erzdiözese Aachen. Felicitas von Lovenberg erlebte die Buchmesse als den "ruhigsten Branchentreff seit Jahren". Gina Thomas schreibt zum Tod des britischen Historikers Michael Grant. Gerhard Rohde begutachtet den Saisonbeginn an der Pariser Oper in der ersten Saison unter Gerard Mortier. Gustav Falke verfolgte eine anthropologische Tagung über den Iran in Frankfurt.

Auf der Medienseite berichtet Nils Minkmar von der Verleihung der deutschen Fernsehpreise. Für die letzten Seite schreibt Florian Borchmeyer eine Reportage von der Loveparade in San Francisco. Jürgen Kaube gratuliert dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte zum zehnten Geburtstag. Und Dirk Schümer porträtiert die niederländische Politikerin somalischen Ursprungs Ayaan Hirsi Ali, die unerschrocken die Unterdrückung der Frauen durch den Islam anprangert.

Besprechungen gelten Richard Kwietniowskis Film "Owning Mahowny", der Uraufführung von Teresa Walsers "Wandernutten" in Stuttgart, einer Ausstellung von Neo Rauch in der Wiener Albertina und Büchern, darunter Otfried Höffes Band über "Wirtschaftsbürger, Staatsbürger, Weltbürger" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).