Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.05.2004. Die Folterbilder und das Video von der Abschlachtung Nick Bergs bewegen die Feuilletons. "Ich bin dafür, dass man sie zeigt", sagt Klaus Theweleit in der SZ. In der Welt analysiert der Kunsthistoriker Klaus Honnef die Folterbilder. Diese Bilder dokumentieren nicht nur ein Verbrechen, sie sind selbst eines, meint auch die FR. Die taz sieht im Video von der Ermordung Nick Bergs die apokalyptische Vision der Snuff Pornos realisiert.

Welt, 13.05.2004

Der Foto- und Kunsthistoriker Klaus Honnef analysiert die Folterbilder für die Kulturseiten der Welt: "Es ist weniger ihre Echtheit, die ihnen die ungeheuere Eindrucksmacht verleiht, sondern die Art der Inszenierung des Entsetzlichen. Dadurch erscheint die Tat doppelt verwerflich. Die Autoren der Bilder haben ihre unbekleideten Opfer augenscheinlich für die Optik der Kamera zugerichtet, und es ist wohl unzweifelhaft, dass die grausamen Bilder von vorneherein zur Veröffentlichung bestimmt waren."

Der Militärhistoriker Martin van Creveld gibt auf der Debattenseite zu bedenken, dass die Brutalisierung des Krieges auch auf eine Rückkehr des Söldnertums zurückzuführen sei: "Erinnern Sie sich, was Sie in der Schule darüber gelernt haben, wie Söldnerheere - Habsburger, schwedische und französische - ein Drittel der deutschen Bevölkerung im Dreißigjährigen Krieg ermordeten? Wenn Sie geglaubt haben, diese finsteren Zeiten seien vorbei, müssen Sie umdenken. 300 Jahre lang haben die westlichen Regierungen versucht, das Söldnertum abzuschaffen, um die Disziplin der Truppe zu verbessern und sie besser kontrollieren zu können. Nun kommen sie wieder; es sieht nicht so aus, als würden wir sie auf absehbare Zeit loswerden."

FR, 13.05.2004

"Die Aufnahmen dokumentieren nicht nur Verbrechen, sie sind selbst welche", kommentiert Veronika Rall die Bilder irakischer Folteropfer in den Medien. "Nicht nur waren die Fotografen Teil der Inszenierung, sie haben sich selbst an den Folterungen beteiligt. Die Fotografien sind nicht nur Komplizen (wie das lächelnde Einverständnis der Täter und Täterinnen suggeriert), sondern integraler Bestandteil der Qual, die den Abgebildeten zugefügt wird. Diese Qual ist den Aufnahmen selbst als sadistische Lust eingeschrieben, daran kann keine Bildunterschrift und keine Kontextualisierung der Bilder rütteln. Es sind Täterbilder, die man nicht mit der üblichen Elendsfotografie vergleichen kann."

Weitere Artikel: Im Feuilletonaufmacher befasst sich Thomas Medicus mit der Ausstellung "Der Weltkrieg 1914 - 1918" im Deutschen Historischen Museum in Berlin: "Die Präsentation der Ausstellung ist viel zu kalt, um dem Besucher das Grauen dieses Weltkrieges vorzuführen und so an seine Emotionen zu rühren... Ihr gelingt nicht, was sie hätte erreichen müssen." Martin Zingg gratuliert Adolph Muschg zum siebzigsten Geburtstag, Peter Michalzik widmet die heutige Kolumne Times Mager etwas umständlichen Überlegungen zum Fall des Frankfurter Kulturdezernten Hans-Bernhard Nordhoff. Außerdem werden Bücher besprochen, darunter Wolf Wondratscheks Erzählung "Mara" und Helmut Böttigers Geschichte der Gegenwartsliteratur "Nach den Utopien" (mehr in unserer Bücheschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 13.05.2004

Im Interview spricht der Architekt Jacques Herzog über die Zukunft des Wohnens und die Postmoderne: "Es ist alles austauschbar und beliebig. Sehen Sie, die Moderne wollte neue Standards etablieren, die schließlich zu einer neuen Tradition hätten führen können. Da dies nicht gelang, sind wir heute ohne Tradition - ohne verbindliche Regeln und ohne ideologischen Mahnfinger. Das ist der Grund, weshalb es heute so viel Hässliches gibt in den Städten, aber zugleich bietet es eine bisher nie dagewesene Chance für Außergewöhnliches und Neues. China ist heute der Ort, wo Hässliches und Außergewöhnliches in extremster Form und Geschwindigkeit entstehen."

Im Aufmacher schildert Emanuel Eckardt Daniel Barenboims viertägige Reise nach Ramallah und Jerusalem. In der Leitglosse erklärt Achatz von Müller, wie er sich in den "Bildern von Abu Ghraib selbst begegnet". Und der Medienwissenschaftler Joseph Vogl interpretiert die Bilder im Interview. Michael Naumann wirft der Frankfurter Rundschau, die jetzt zu 90 Prozent einem Unternehmen der SPD gehört, vor, ihre Unabhängigkeit verkauft zu haben und warnt vor einer "Berlusconisierung" Deutschlands. Thomas Assheuer wehrt den Machtanspruch der Ökonomie über die Geisteswissenschaften ab: "Frühere Generationen hatten durchaus ein Gespür für die Binsenweisheit, dass die Wirtschaft ihre kulturellen Voraussetzungen nicht selbst erzeugen kann. So wusste der Philosoph Adam Smith sehr genau, dass die Wirtschaft auf einem Fundament ruht, das nicht ökonomischer, sondern kultureller Natur ist. Wer Wissenschaft allein ökonomisch bilanziert, wer die Spannung zwischen dem kulturellen und instrumentellen Wissen auflöst, der hat am Ende gar nichts mehr zu rechnen." Barbara Lehmann liefert eine kurze Momentaufnahme aus Tschetschenien kurz vor dem Attentat auf Kadirow. Irene Dische liefert eine zweite Geschichte in der Serie "True Romance".

Besprochen werden Ausstellungen von Vanessa Beecroft in der Kunsthalle Bielefeld und Teresa Margolles im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, Michel Gondrys Film "Vergiss mein nicht" mit Jim Carrey und Kate Winslet, Michael Frayns "Demokratie" im Berliner Renaissance-Theater, Luigi Nonos Oper "Al gran sole" in Hannover und Wolfgang Petersens Film "Troja", den Jens Jessen in wohlgesetzten Hexametern kommentiert (leider nicht auf griechisch):
"Zorn, der entsetzliche, männerverdummende Zorn ist die Quelle,
Meinte der Dichter Homer, aus der Krieg und Verbrechen entspringen.
Zorn ist das Stichwort, das schon zu Beginn seiner Ilias genannt wird,
Zorn des Achill auf den Fürst Agamemnon. Voraus noch der Zorn, der
Fürst Agamemnon zum Krieg gegen Troja trieb. Wieder voraus die
Dumme Geschichte mit Paris und Helena. Zorn über Zorn! Ein
wahrer Salat von beleidigten, wütenden, grollenden Kriegern.
Kluger Homer! ..."

Den Aufmacher des Literaturteils schreibt der Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer zum 200. Geburtstag Eduard Mörikes. Im Politikteil liefert Jürgen Habermas ein Plädoyer gegen die "Küchenkungelei" bei der Wahl des Bundespräsidenten und objektive philosophische Gründe für Gesine Schwan als neue Bundespräsidentin. Und im Dossier beschreibt Michael Schwelien die Sehnsucht der Muslime nach Andalusien.
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NZZ, 13.05.2004

Andrea Köhler denkt über die Folterbilder nach und sieht in der Soldatin Lynndie England "die Verkörperung der Unmenschlichkeit, die offenbar so leicht abrufbar ist, wo ein Kommandant und ein Befehlsempfänger zusammentreffen".

Weitere Artikel: Roman Bucheli gratuliert Adolf Muschg zum Siebzigsten. "fs" meldet, dass Georges Delmon zum Basler Theater geht. gsz berichtet über eine Preisverleihung an Daniel Barenboim in der Knesset, bei der der Dirigent die israelische Regierung scharf kritisierte. Besprochen werden die neue CD " Flor de Amor" der kubanischen Sängerin Omara Portuondo, und das Comeback des Rocksängers Morrissey, der einst bei den Smiths mit seinen Zweitonmelodien bezauberte, einige Bücher zum Skulpturalen in der Architektur und der Roman " Die Kinder der Massai" Javier Salinas.

Hingewiesen sei auch auf die "Planen-Bauen-Wohnen"-Seite der NZZ. Roman Hollenstein begeht hier Norman Fosters Swiss-Re-Tower in London. Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter stellen einen Wiener Dachaufbau der Architekten Delugan & Meissl vor. Peter Omachen würdigt die jungen Schweizer Architekten Pascale Guignard und Stefan Saner, denen das Architekturforum Zürich eine Ausstellung widmet. Und Roman Hollenstein besichtigt zwei Typenhäuser im Parc de la Villette in Paris (mehr hier und hier).

TAZ, 13.05.2004

"Wie beim Snuff Porno, der den realen Mord eines Opfers zeigt und zu hohen Preisen illegal gehandelt wird, musste Nicholas Berg nur sterben, damit sein Tod gefilmt werden konnte." schreibt Bernd Pickert auf Seite eins, auf der plakative Leere statt eines Fotos zu sehen ist. "Der Schock, der den Betrachtenden ergreift, ist das Motiv für die Tat. Die Kamera, die die Bilder aufnimmt, gehört zum Tatwerkzeug wie das Messer, das den Kopf abschneidet. Wer die Bilder zeigt, wird zwangsläufig zum Instrument der Täter."

Weitere Artikel: Cristina Nord schreibt einen Filmfestivalbericht aus Cannes und hat den Eindruck, "dass die Filmbilder der kommenden zehn Tage das Bild aus dem Irak nicht zur Seite schieben werden - zu viel Wucht hat dieser Einbruch der Wirklichkeit in die Parallelwelt des Filmfestivals." Rolf Lautenschläger beobachtet den Versuch von Kulturstaatsministerin Christina Weiss, mit den Kritikern ihrer Hauptstadtkulturfond-Politik in einen Dialog zu treten.

Besprochen werden Peter Konwitschnys Inszenierung von Luigi Nonos Arbeiteroper "Al gran sole carico damore" in Hannover, Wolfgang Petersen Sandalenfilm "Troja", Unni Straumes Film "Musik für Hochzeiten und Begräbnisse", Yukihiko Tsutsumis Film "2LDK - 2 Zimmer, Küche, Bad".

Und nicht zu vergessen - TOM.

FAZ, 13.05.2004

Andreas Kilb liefert einen schönen Stimmungsbericht aus dem wolkenverhangenen Cannes (hier die schmucklosen Internetseiten des Festivals) und hat auch schon den Eröffnungsfilm "La Mala Educacion" gesehen, in dem Pedro Almodovar mit Motiven wie Homosexualität, Travestie, korrupten Pfarrern und Eifersucht zu seinen Ursprüngen in den achtziger Jahren zurückkehrt: "Aber wenn man an die Filme von damals zurückdenkt, sieht man zugleich, wie weit Almodovar inzwischen gekommen ist. Denn das eigentlich Großartige an 'La Mala Educacion' ist nicht die Erzählung, sondern ihre Montage. Der Film ist wie ein Kaleidoskop gebaut, in dem das erzählende Auge frei zwischen den Zeiten und Räumen hin und her zu springen scheint, mit einer Leichtigkeit, die es sonst nur in Träumen gibt. Jede dieser Erzählungen funktioniert auch ganz für sich, und doch ergeben sie zusammen ein neues Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile, ein Wunderwerk der filmischen Konstruktion."

Weitere Artikel: Michael Siebler weist auf einer ganzen gelehrten und farbig illustrierten Seite nach, dass der trojanische Krieg seit zweieinhalbtausend Jahren zu den beliebtesten Themen der Kunst gehöre. Arnold Bartetzky inspiziert den Kaufhof-Neubau (Bild) am historischen Marktplatz von Halle. In der Leitglosse beklagt Edo Reents, dass heutzutage aber auch wirklich jeder zum Popstar ausgerufen werde ("Achilles ist der älteste Popstar aller Zeiten, eben erst gekürt von Wolfgang Petersen") Gemeldet wird, dass Georges Delnon vom Staatstheater Mainz zum Intendanten des Basler Theaters gekürt wurde. Michael Stolleis gratuliert dem Staatsrechtler Peter Häberle zum Siebzigsten. Pia Reinacher gratuliert Adolf Muschg zum Ebensovielten.

Auf der Kinoseite resümiert Bert Rebhandl einen umfassenden Überblick über das neuere iranische Kino, den es im Rahmen des Festivals Entfernte Nähe im Berliner Haus der Kulturen zu sehen gab. Michael Althen zitiert aus einem Godard-Interview aus der Zeitschrift Les Inrockuptibles, in dem Godard auf alle Autorenfilmer schimpft, die nicht Godard heißen. Und der Regisseur Christian Petzold erinnert an Peter Lorre, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde.

Auf der Medienseite greift Michael Hanfeld die Stasi-Vorwürfe gegen den Verlagsleiter von Conde Nast Deutschland, Bernd Runge auf. Jordan Mejias schildert, wie konservative amerikanische Medien die Folterbilder zu banalisieren versuchen. Josef Oehrlein berichtet über die Ausweisung des brasilianischen New York Times-Korrespondenten, weil er dem Präsidenten Lula in einem Artikel Alkoholismus unterstellte.

Auf der letzten Seite berichtet Mark Siemons über die Eröffnung einer kleinen deutschen Bibliothek durch das Goethe-Institut in Nordkorea. Und Jürgen Kaube porträtiert den Rechtsprofessor Hein Kötz, der heute emeritiert wird.

Besprochen werden eine große Schau über den Ersten Weltkrieg im Deutschen Historischen Museum ("ein gleichmäßig mildes Licht des Erinnerns liegt über all dem", schreibt Henning Ritter in seinem Rundgang), eine neue Installation des Künstlers Jeppe Hein, die das gesamte Aachener Forum Ludwig einnimmt ("auf präzise verschraubten Stahlschienen gleiten weiße Kugeln von Raum zu Raum", beschreibt Catrin Lorch), Antonin Dvoraks heroische Oper "Vanda" in Prag und eine Bonner Ausstellung über die Fotografenfamilie Schafgans, deren Urvater Johannes 1854 ein bis heute von der Familie fortgeführtes Fotoatelier gründete (mehr hier).

SZ, 13.05.2004

"Ich bin dafür, dass man sie zeigt," sagt Klaus Theweleit (mehr hier) in einem Gespräch mit Sonja Zekri über die Folterfotos und das Video, auf dem der Amerikaner Nick Berg ermordet wird. "Wenn man sie in einem Kontext nach dem Motto 'Oh, wie entsetzlich' sieht, dann bleiben sie belanglos. Wenn man sich aber klarmacht, dass das ein Strang unserer Zivilisation ist, dass unsere Gesellschaft dieses ökonomisch-militärische Gewaltpotenzial hat, dass es global angewandt wird, dann können sie eine politische Diskussion in Gang setzen."

"Noch keine Kriegsausstellung war so klug, so zärtlich gegen ihre Objekte wie diese sentimental journey durch den Ersten Weltkrieg", schreibt außerdem Ulrich Raulff über die Ausstellung 'Der Weltkrieg 1914 - 1918' im Deutschen Historischen Museum in Berlin. "Etwas so Grobes wie politische Korrektheit ist ihr nicht vorzuhalten; sie erstrebt sensible Korrektheit. Sie bietet alles, was das avancierte Geschichtsgefühl unserer Tage verlangt."

Weitere Artikel: "Die Aufregung über Wolffsohns Sätze scheint bisher eher geeignet, das Problem wegzureden", kommentiert Jens Bisky Reaktionen auf ein Fernseh-Interview des Historikers Michael Wolfsohn, in dem er Folter unter bestimmten Umständen gerechtfertigt hat. Tobias Kniebe berichtet vom Filmfest in Cannes. Hanns Schifferle hat auf dem "Crossing-Europe-Festival" in Linz verstörende Filme gesehen. Christian Jostmann gratuliert dem Politologen Hans-Peter Schwarz zum siebzigsten Geburtstag. Thomas Steinfeld gratuliert dem Schriftsteller Adolf Muschg, der ebenfalls siebzig wird. Wolfgang U. Eckert schreibt zum hundertsten Todestag von Etienne-Jules Marey, dem Begründer der Bewegungsphysiologie.

Besprochen werden der neue Tanzabend von Pina Bausch in Wuppertal, Michel Khleifis und Eyal Sivans Dokumentarfilm "Route 181", Michael Tollins Film "Radio", Salvatore Sciarrinos "Infinito Nero" unter der Leitung von Joachim Schlömer im Forum Neues Musiktheater der Staatsoper Stuttgart, die Austellung "Mörike und die Künste" im Schiller-Museum Marbach und Bücher, darunter Friedrich Wilhelm Grafs Untersuchung "Die Wiederkehr der Götter" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).