Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2004. In der Welt erinnert der Historiker Christian Gerlach an die Kriegsverbrechen einiger Widerständler des 20. Juli. Die taz singt eine Hymne auf Fritzi Haberland. Die NZZ bedauert das Ende der neuen israelischen Geschichtsschreibung. Die FAZ stellt den Bill-Clinton-Roman "The X President" von Philip Baruth vor. In der kaum noch im Netz befindlichen SZ erinnert sich Lars Gustafsson an eine Begegnung mit Tolkien.

Welt, 03.03.2004

Der Historiker Christian Gerlach erinnert daran, dass einige Männer des 20. Juli an größten Gewalttaten beteiligt waren.
Zu dieser Gruppe zählt Gerlach etwa den Generalquartiermeister des Heeres Eduard Wagner, General Georg Thomas, den im März 1945 hingerichteten Chef des Reichskriminalpolizeiamtes Arthur Nebe und Henning von Tresckow. Dieser "zeichnete Ende Juni 1944 einen Befehl zur Massenentführung 10- bis 14-jähriger Kinder als Arbeitskräfte. Sein Mitstreiter von Gersdorff verteidigte noch 1959 die Tötung Hunderter sowjetischer Juden, da unter ihnen viele Agenten und Kriminelle gewesen seien. Derselbe Mann übte 1941 und 1942 schriftlich Kritik an der Judenvernichtung ... Diese Männer waren bereit, zu Mitteln der Massengewalt zu greifen, wenn sich dies gegen den Gegner im angeblichen Überlebenskampf mit der UdSSR richtete, begehrten gegen NS-spezifische Verbrechen aber eher auf." Für Gerlach zeigt ihre Mitwirkung an Kriegsverbrechen "die Integrationskraft der NS-Ideen und den breiten Konsens über deutsche Interessen in einer extrem gewalttätigen Gesellschaft. Erst eine Gesellschaftsgeschichte, die rückhaltlos diese 'extrem gewalttätige Gesellschaft' in allen Widersprüchen abzubilden versucht, könnte zeigen, welche Bevölkerungsgruppen warum Massengewalt hervorbrachten."

FR, 03.03.2004

Stephan Hilpold hat sich mit Roger M. Buergel, dem Leiter der Documenta 12, unterhalten und versucht herauszubekommen, was dieser vorhat. "Das Genre der Großausstellung wartet darauf, desavouiert zu werden", zitiert er Buergel. K. Erik Franzen liefert einen kleinen Lagebericht über den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union im Dreiländereck bei Hof. In Times Mager sorgt sich Rudolf Walther um die "radikal-unfreundliche Übernahme der Deutschland AG - des Exportweltmeisters und Fußball-Ex-Weltmeisters Bundesrepublik - durch die virtuellen Nachkommen Wilhelm Tells". Und Thomas Winkler porträtiert die Berliner Band Kat Cosm.

Besprochen werden eine Ausstellung zum 150. Geburtstag Ferdinand Hodlers in der Galerie der Stadt Stuttgart, die Ausstellung "10 + 5 = Gott - die Macht der Zeichen" im Jüdischen Museum Berlin, die Aufführung von Igor Bauersimas "Berenice de Moliere" in Wien und Bücher, darunter Dostojewskis "Brüder Karamasow" (Yaak Karsunke verschwendet kein Wort an die Neuübersetzung durch Svetlana Geier, doch hält er den Roman ohnehin für "misslungen": zu viele "überflüssige Nebenhandlungen") und Anna Sebastians phantastischer "Monster"-Roman (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 03.03.2004

Katrin Bettina Müller singt ein Loblied auf die Schauspielerin Fritzi Haberland, die gerade als Lulu im Hamburger Thalia Theater zu sehen ist und ab morgen auch in Lars Büchels Film "Erbsen auf halb 6". "Schon wie sie die Konturen ihres Körpers in den Raum stellt, mit hartem Strich, der nichts verdeckt: Das ist untrüglich. Das kantige Kinn, der breite Mund, dessen Winkel Spottlust bis in die hinteren Sitzreihen blitzen lassen, die Bereitschaft zur Clownerie: Immer denkt man, typisch Fritzi Haberlandt, als wäre sie immer sie selbst. Dabei verändern sich von Stück zu Stück und Film zu Film nicht nur die Rollen, sondern auch, wie sie sie anpackt."

Abgedruckt ist die gekürzte Fassung eines Essays des Historikers Michael Wildt, der die Reden Martin Hohmanns auf ihre Rechtsstaatlichkeit überprüft. Hohmann war im November 2003 wegen seiner antisemitischen Äußerungen aus der CDU ausgeschlossen worden. Der vollständige Essay erscheint in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36. Christian Semler schreibt den Nachruf auf Paul M. Sweezy, Marxist und Mitbegründer der Monthly Review.

Schließlich Tom.
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NZZ, 03.03.2004

Christoph Schmidt bedauert das Ende der neuen israelischen Geschichtsschreibung, die er mehr und mehr in "eigentümliche Rückzugsgefechte" verwickelt sieht. Nach Arafats Ablehnung des Friedensangebotes von Camp David 2001 habe sich etwa der israelische Historiker Benni Morris vom Positivisten, der der Mythenbildung auf beiden Seiten "mit einem detaillierten Tatsachenbericht begegnete", zum apokalyptischen Propheten einer "Zukunft mit nuklearer Bedrohung seitens arabischer Staaten" gewandelt: "Als würde Morris den Palästinensern die Zerstörung seiner Hypothese nie verzeihen wollen, ergießt er sich neuerdings in Angriffen und Beschuldigungen gegen die arabische Politik, wobei er zunehmend nicht nur den Transfer der arabischen Bevölkerung damals als politische Notwendigkeit bezeichnet, sondern an der in Israel verbliebenen arabischen Minderheit eine gefährliche Tendenz der 'Palästinensierung' wahrnehmen will, die, wenn die außenpolitische Lage für Israel zu bedrohlich werde, zu Maßnahmen zwinge."

Weiteres: Joachim Güntner meldet, dass der Rowohlt Verlag einen Handel mit dem Suhrkamp Verlag ausschließt, bei dem die Werke Martin Walsers gegen die Imre Kertesz' getauscht würden, und Andrea Köhler wagt einen Blick auf das neue Time Warner Center in New York ("zwei Ausrufezeichen aus Stahl und Glas", der Artikel steht leider nur in der Druckausgabe).

Besprochen werden die Ausstellung "Pintura" im Museum Serralves in Porto und Bücher, darunter drei Streifzüge durch Russland und seine Literatur (unter anderem des Mexikaners Sergio Pitol, der in Georgien auf einen "Haufen wollüstiger Wilder" traf), der Sammelband "Für Nächte am offenen Fenster" mit den besten Kolumnen Max Goldts aus den Jahren 1988 bis 2002 und Peter Stadlers (mehr hier) Rückblick "Epochen der Schweizergeschichte" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 03.03.2004

Die SZ ist wieder nicht im Netz. Oder vielmehr nur als E-Paper (Registrierung erforderlich). Leider kann man auf die Artikel dort nicht verlinken!

Der schwedische Dichter Lars Gustafsson (mehr hier) erinnert sich, wie er einmal den großen Märchenerzähler J.R.R. Tolkien in Oxford besuchte. "Tolkien empfing mich freundlich, fast eifrig und setzte sich mit mir sogleich in ein mit Manuskripten, Studien und Bildermappen voll gestopftes Arbeitszimmer. Er ließ mich kaum Luft holen, bevor er zu erzählen begann. Als litte er unter einem lang aufgestauten Bedürfnis zu berichten, womit er sich eigentlich beschäftigte: 'Es fing mit Sprache an. Die Sprache ist immer das Wichtigste in meinem Leben gewesen. Während des Ersten Weltkriegs lag ich eine Weile im Krankenhaus und vertrieb mir die Zeit mit der Lektüre der Kalevala. Da kam mir die Idee, so etwas zu versuchen, wissen Sie, ein eigenes Epos zu schreiben.'"

Petra Steinberger verkündet frohe Botschaft: Immer weniger Designer muten Frauen zu, sich in falsche Konfektionsgrößen zu zwängen. "Amerikanische Körper expandieren, und zwar nicht nur horizontal, sondern auch vertikal. Jahrzehntelang lebten amerikanische (und andere) Frauen in der Wahnvorstellung, die weibliche Durchschnittsgröße sei eine 8, also die deutsche 36. Jetzt stellt sich heraus, dass die 14, unsere 42, eher der Realität entspricht."

Weiteres: Tilmann Buddensieg berichtet vom Drehbeginn zu Heinrich Breloers Albert-Speer-Film und schwärmt schon einmal von Götz Weidners spektakulärer Rekonstruktionsleistung. Patrick Illinger berichtet, dass die religiösen Dogmatiker in den USA nicht mehr von Gott und Schöpfung sprechen, sondern von 'Intelligent Design' (mehr zum Beispiel hier). Alexander Kissler versichert, dass nicht jeder amerikanischer Priester "mit Geldscheinen, Bonbonpapier oder Nacktfotos" raschelt, wenn sich ihm Jungen nähern. Pädophil veranlagt sind laut einer neuen Studie "nur" vier Prozent. "dice" meldet, dass die Stadt Paris den italienischen Ex-Terroristen Cesare Battisti unter ihren Schutz gestellt hat, um eine Auslieferung an Italien zu verhindern. Thomas Meyer reicht den Abschied auf den Fischer-Lektor Hellmut Freund nach.

Harald Eggebrecht feiert einen imposanten Beethoven-Zyklus des Leipziger Gewandhaus-Quartetts, Reinhard J. Brembeck erklärt, wie der Pianist Olli Mustonen "Bach durch Schostakowitsch" rettet. Besprechungen widmen sich Aufnahme von Schumann-Sinfonien mit Daniel Barenboim und der Berliner Staatskapelle, Rameaus "Platee" auf DVD und eine CD der Pianistin Helene Grimaud.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung Frankfurter Städel, die Hans Holbeins "Madonna des Bürgermeisters Meyer" feiert, Rene Polleschs Stück "svetlana in a favela" am Theater Luzern und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Marx und Engels von 1858 bis 1859 und Vera Bohles Bericht "Mein Leben als Minenräumerin" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 03.03.2004

Dietmar Dath kommt nach einigem Schimpfen über die "Pop-Rechte" in Amerika etwa nach der Hälfte eines epischen Zweispalters zum Thema und stellt den Roman "The X President" (Auszug) von Philip Baruth vor, in dem ein Bill Clinton, der stets das Gute will, das Böse tut. Und das geht so: "Der 'BC des Romans stempelt ... im Kampf um die Wiederwahl 1996 die Zigarettenindustrie zum nationalen Sündenbock Nummer eins und handelt zugleich mit ihr einen Kompromiss aus, wonach sie zwar im Inland die Lungen junger Menschen nicht länger vergiften darf, dafür aber das volle, auch militärische Gewicht staatlicher Unterstützung bei der Erschließung asiatischer und osteuropäischer Märkte erhält. Kurzfristiges Ergebnis: Clintons Wiederwahl. Langfristiges: der Niedergang Amerikas, Prozesse geschädigter Nationen vor internationalen Gerichtshöfen und schließlich, wie peinlich, der dritte Weltkrieg - 'The Cigarette Wars'."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg meldet, dass ausgerechnet ein Jesus verehrender Moslem, nämlich der Produzent und Berlusconi-Kumpel Tarek Ben Ammar, Mel Gibsons "Passion"-Film nach Frankreich bringt (vergleiche hierzu einen Artikel aus dem gestrigen Figaro, auch Le Monde berichtet.). Hannes Hintermeier berichtet in der Leitglosse über eine ähnliche Unverschämtheit, nämlich einen Grünen-Politiker, der den Christopher Street Day in den Wallfahrtsort Altötting exportieren will, und das ist, "als würde ein Altöttinger Bauunternehmer eine Genehmigung für eine Marienkapelle in Mekka beantragen". Günter Paul begleitet die europäische Kometensonde Rosetta mit guten Wünschen zum Kern des Kometen Tschurjumow-Gerasimenko, wo sie in zehn Jahren ankommen wird. Jürg Altwegg berichtet über das Engagement der französischen Kulturlinken für den Krimischriftsteller Cesare Battisti, der als Terrorist der roten Brigaden vor Jahrzehnten zwei Menschen umbrachte und nun von der französischen Regierung an Italien ausgeliefert werden soll - anders als bei alten Nazis plädiert man hier für Straferlass. Jordan Mejias schreibt zum Tod des Sozialhistorikers Daniel J. Boorstin. Renate Schostak schildert den Kampf zweier Münchner Kneipenwirtinnen um den Nachlass Karl Valentins, der wegen eines schmählichen jahrzehntelangen Versagens der Münchner in Köln aufbewahrt wird. Andreas Rosenfelder resümiert eine Tagung in Königswinter zum 20. Juli 1944.

Auf der Medienseite bereitet uns Michael Hanfeld auf die Digitalisierung des Kabel- und des Satellitenfernsehens vor, die zu Hunderten von neuen Kanälen führen wird.

Auf der letzten Seite wird ein weiteres Kapitel der Kohl-Memoiren abgedruckt. Dirk Schümer porträtiert den Schlagersänger und Berlusconi- sowie Mafia-Kumpel Tony Renis, der das Schlagerfestival von San Remo leitet (vergleiche hierzu unsere Post aus Neapel).

Besprochen werden Enjott Schneiders Oper "Bahnwärter Thiel" nach Gerhart Hauptmann in Görlitz, eine Ausstellung über 25 Jahre Videoästhetik im Kunstforum NRW, der Film "Kroko" von Sylke Enders, das Preisträgerkonzert der Deutschen Stiftung Musikleben in Hamburg, Fotografien von Carlos Saura in Berlin und Martin Sperrs Drama "Jagdszenen in Niederbayern" in Bonn.