Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.02.2004. Die SZ ist froh: Das Gegenwartstheater ist weiblich.Die taz wendet sich gegen die Diskriminierung des Kopftuchs. Die FR spekuliert: Verlässt Walser Suhrkamp wegen Habermas und Kertesz? Die NZZ besucht die florierende Kunstszene von Reykjavik. Die FAZ feiert den historischen Helmut Kohl. In der Berliner Zeitung meditiert Georg Seeßlen über die Wiederkehr des Westerns. In der Welt plädiert Hans Kollhoff gegen alle Architektur außer seiner und der alten.

SZ, 27.02.2004

Das Gegenwartstheater ist weiblich, stellt Christoph Schmidt fest, allerorten beherrschen Nora und Lulu die Bühnen, Salome, Elektra, Hedda, Stella und natürlich Olga, Mascha und Irina. Doch dahinter, meint Schmidt, steckt kaum ein neuer feministischer Schub, vielmehr die mangelnde Akzeptanz zeitgenössischen Theaters. Schließlich sorge die Rolle der Frau für hinreichend Dramatik, wenn man sich schon nicht an die großen Fragen machen wolle. "Sie sind Arbeitsbienen im Dienste einer Institution, keine sündigen Königinnen der Nacht."

Michael Hutter, Medienökonom in Witten-Herdecke (mehr), geht der Frage nach, wie lange die "bunte, demokratische und konsumfreundliche" Zukunft der Musikindustrie dauern wird. Immerhin: "Eine Zeit lang wird sich dieser Zustand halten - ein geschrumpfter Popmusikmarkt, in dem die relativen Anteile der kleinen Anbieter gestiegen sind und die Großen sich zerfleischen. Das bedeutet mehr Spielraum für Popmusiker und mehr Erfahrungsmöglichkeiten für Hörer, die nicht nur loaden, sondern auch kaufen werden, falls die legalen Angebote attraktiver sind als die illegalen und der Bedienkomfort der kommerziellen Anbieter den Piraten-Charme der Kazaas dieser Welt übersteigt. Der Anteil der Musik, die weder kommerziell gemacht noch vertrieben wird und jegliches Urheberrecht ignoriert - Bastardpop etwa -, dürfte ebenfalls steigen. Weil es so billig und simpel geworden ist wie nie, selbst Teil der Popkultur zu sein."

Weiteres: Für die Reihe "Kulturstädte" hat sich Till Briegleb in die Stadt begeben, in der man "tödlich unsouveränes Auftreten" schon mit "unbeholfener Konversation, rüpelhaften Sprüchen, penetrantem Kumpelgetue sowie allen Arten von Selbstgefälligkeit" beweist: nach Hamburg, in die Hauptstadt der Mäzene. Bernd Graff und Markus Schulte unterhalten sich mit Harvey Smith, dem Produktionsleiter des Computerspiels "Deus Ex", dessen Fortsetzung demnächst auf den Markt kommt. Kristina Maidt-Zinke berichtet vom Bremer Fernsehforum für Musik, das sich an einer Bestandsaufnahme versuchte. "pst" annonciert zwei neue Hochglanzmagazine, die Heiratswilligen bei der Etikette helfen sollen: "Stag & Groom" und "You and Your Wedding".

Besprochen werden die große Otto-Mühl-Schau in Wien, Reinhard Keisers Oper "Der lächerliche Prinz Jodelet" in Hamburg, der Musikabend "Evening Hymns" in Hannover, Konzerte der russischen Rockband DDT. Und Bücher, darunter Norman Brysons Studie über das "Stilleben", Einar Schleefs Tagebücher und Lily Bretts Roman "Von Mexiko nach Polen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 27.02.2004

Tobias Rapp porträtiert im Feuilleton den vor zwölf Jahren gestorbenen Disco-Produzenten und Cellisten Arthur Russell, dem gerade zwei Compilations gewidmet wurden. In der taz zwei resümiert Christian Semler die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht". Auf der Meinungsseite behauptet Barbara John, frühere Ausländerbeauftragte von Berlin: "Frauen mit Kopftüchern erleben fast überall Ausgrenzung und Missbilligung, und zwar unverhohlen und direkt, so als gäbe es dazu eine öffentliche Aufforderung. Viele sehen sich behandelt, als sei ein Kopftuchverbot, das sich derzeit in Baden-Württemberg, im Saarland, in Niedersachsen und in Hessen noch in der parlamentarischen Beratung befindet, außerparlamentarisch bereits umgesetzt. Betroffen sind auch Frauen mit Berufswünschen außerhalb pädagogischer Tätigkeiten." So sei eine Kopftuchträgerin als Küchenhilfe bei McDonalds abgelehnt worden.

Besprochen werden Ulrich Seidls Theaterstück "Vater unser" an der Berliner Volksbühne, Norah Jones' CD "Feels Like Home" (passt perfekt zum Milchkaffee, findet Daniel Bax)

Schließlich Tom.

FR, 27.02.2004

Ina Hartwig überlegt, warum Martin Walser den Suhrkamp Verlag verlässt, und glaubt, dass es nicht an der Verlegerin, sondern an zwei Männern liegt, deren Erfolge Walsers Eitelkeit verletzt hätten. Der eine sei Jürgen Habermas: "Heute ist klar: In der Paulskirche hat Martin Walser einen Gewissens-Wettkampf geführt, und zwar gegen Jürgen Habermas, von dem er jetzt klagt, er sei der 'heimliche Verleger' im Hause Suhrkamp." Und der andere Imre Kertesz: "Ausgerechnet Imre Kertesz ist zu so etwas wie einem deutschen Nationalredner geworden. Nicht Grass, nicht Walser. Sondern der ungarische Generationsgenosse und Kollege, der Auschwitz-Überlebende Kertesz."

Weitere Artikel: Jens Emil Sennewald porträtiert die europäische Kulturhauptstadt Lille. In Times Mager spottet Jürgen Roth über "Boulevardseuche und Celebritypest".

Besprochen werden Mel Gibsons Film "Passion", ein Konzert von Randy Newman im Congress Centrum in Frankfurt, Ulrich Seidls "Vater unser" an der Berliner Volksbühne, Rainer Borgemeisters Dissertation über den Künstler Marcel Broodthaers und eine politische Biografie des Dichters Johannes R. Becher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 27.02.2004

Hans Kolhoff verteidigt die geplante Rekonstruktion der Leipziger Paulinerkirche: "Die 'Rekonstruktionsmanie' die die Kritiker derzeit in Deutschland 'grassieren' sehen, kommt ja nicht von ungefähr. Die Physiognomien unserer vom Kriege lädierten Städte wurden ein halbes Jahrhundert lang mit avancierten planerischen Methoden und fortschrittlichster Technik einem Zerrbild, einer Karikatur von 'Stadt' zugeführt, die sich von Flensburg bis Lörrach gleicht. Unter unseren Augen hauchen diese Wunderwerke einer europäischen Stadtkultur im Urban Entertainmentcenter einer Geiz-Ist-Geil-Gesellschaft ihr Leben aus. Das haben inzwischen alle erkannt, mit Ausnahme der Architekten und einiger Hardliner unter den Intellektuellen, die mit ihrer Wahrhaftigkeit immer noch die Welt beglücken wollen."
Stichwörter: Deutschland, Flensburg

Berliner Zeitung, 27.02.2004

Georg Seeßlen denkt darüber nach, warum der Western alle sieben Jahre eine Renaissance erlebt: "... im Western sehnen wir uns weniger nach Bildern von reitenden Männern mit großen Hüten, die aufeinander schießen, als vielmehr nach dem verlorenen Vertrauen in eine Welt, die geheimnisvoll, aber auch durch und durch real ist. Im Western sehen wir, dass es seine Zeit braucht, bis man zu den Bergen kommt, die so nah scheinen, und dass das Land nicht bloß das materielle Äquivalent zu einem Kaufvertrag ist. Western erzeugen Vertrauen darin, dass die Grotesken wie die Tragödien in einem Sinn-Kosmos stattfinden: Einer, der hier ist, kann nicht woanders sein; einer, der tot ist, steht nicht mehr auf."
Stichwörter: Georg Seeßlen, Western

NZZ, 27.02.2004

Aldo Keel erzählt anlässlich zweier Ausstellungen in Reykjavik von Island und seiner florierenden Kunstszene, die aufgrund der späten zivilisatorischen Erschließung einige Eigenheiten aufweise, wie Keel erklärt: Eine Abgrenzung von "Hochkultur" und "Volkskultur" habe in Island keine Relevanz und die Menschen seien "in hohem Grade einander ähnlich". Dies habe Konsequenzen für Kultur und Politik: "Zwar gehört Island inzwischen zur Liga der vollständig zivilisierten Länder. Dennoch wird der unkonventionelle Auftritt, auch in der Politik, heute noch geschätzt. So eilte kürzlich der konservative Premier David Oddsson, gefolgt vom Pulk der Medienleute, vom Parlament direkt zu seiner Bank, um sein Konto aus Protest gegen die fetten Bezüge der Manager aufzulösen. Allerdings sind die Zeiten passe, als eine gute Geschichte mehr galt als eine dicke Brieftasche."

Weiteres: Joachim Güntner berichtet vom Fund eines Autographs von Albrecht Dürer in einer Lutherbibel, und Urs Schoettli staunt über die Würde des Hadsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka..

Besprochen werden Mel Gibsons Jesus-Film "The Passion of the Christ" ("Weil man die Augen wenigstens schließen kann, sind die Geräusche das Unerträglichste an diesem Film.", meint Andrea Köhler), eine Ausstellung in Frankfurt, die die Wettbewerbsbeiträge zum Bau der Europäischen Zentralbank zeigt, und ein Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich unter der Leitung von Armin Jordan.

Auf der Medienseite bemerkt "ras", dass sich nun auch in Zürich das journalistische Personalkarussel immer schneller dreht. Doch "je schneller sich ein Karussell dreht, desto mehr gewinnt man den Eindruck, es stehe still. Rasender Stillstand heißt das entsprechende zeitdiagnostische Stichwort". Besprochen werden das Buch des Werbepapstes Jean Etienne Aebi "Einfall oder Abfall. Was Werbung warum erfolgreicher macht" und James T. Hamiltons Blick auf die Ökonomie der US-Medien "All the News That's Fit to Sell".

FAZ, 27.02.2004

Die FAZ beginnt heute im politischen Teil auf einer Doppelseite mit einem fünfteiligen Vorabdruck der Memoiren Helmut Kohls. Die heutige Folge setzt mit dem Jahr 1976 ein, als Kohl Strauß nach dessen Kreuther Rebellion ins Abseits stellte. Kohls erster Satz: "Wir waren inhaltlich, organisatorisch und materiell gut gerüstet. Seit einem Jahr war die Partei schuldenfrei, und unsere Gönner und Unterstützer aus Wirtschaft, Handel, Industrie und Handwerk ließen sich nicht lange um Spenden bitten." Na, dann konnte es ja losgehen!

Auf Seite 1 des Feuilletons wird ein für die Bild-Zeitung aufgenommenes Foto veröffentlicht, das Kohl an dem Platz zeigt, an dem er die Memoiren dem Bild-Redakteur Kai Diekmann diktierte. Es handelt sich um einen bis auf ein trübes Oberlicht fensterlosen Raum im Keller seines Hauses in Oggersheim. Frank Schirrmacher feiert dieses Foto als historisch.

Weitere Artikel: Mark Siemons sieht im Fall eines Testingenieurs von Mercedes, der in einem Mercedes-Coupe mit 500 PS einen Kleinwagen von der Autobahn drängte und somit, ohne es zu merken, zwei Menschen ums Leben brachte, das Bild eines neuen Klassengegensatzes. (Einen Reportage über den Fall gibt es in der Zeit.) Dirk Schümer schreibt in der Leitglosse über die fraktionsübergreifende Liebe zum Fußball in Italien. Kerstin Holm staunt in der Serie über die Lage des Christentums im Abendland über die "erstaunlich rasante Rechristianisierung" Russlands. Jürg Altwegg meldet, dass Alain Robbe-Grillet gern in die Academie francaise aufgenommen werden möchte. Jörg Bremer schildert ablehnende israelischen Reaktionen auf Mel Gibsons "Passion"-Film (mehr hier). Jordan Mejias widerlegt Präsident Bush, der in einem Verfassungszusatz die gemischtgeschlechtliche Ehe festschreiben will und behauptet, diese beruhe auf einer Jahrtausende alten Praxis des Menschengeschlechts.

Auf der Medienseite stellt Kerstin Holm das liberal-orthodoxe Radio Sofia vor, den letzten russischen Sender, der es noch wagt, Putin zu kritisieren.

Auf der letzten Seite erinnert Paul Ingendaay an einen Vagabunden, der vor genau dreißig Jahren zu den letzten in Spanien mit der Garotte Hingerichteten gehörte - es hat sich nach Recherchen eines spanischen Autors jetzt herausgestellt, dass es sich hierbei um einen DDR-Flüchtling handelte. Andreas Rossmann schreibt über das kümmerliche Ende eines von der RWE eingerichteten Themenparks namens "Meteorit" in Essen und merkt an, dass das Geld besser für ein sinnvolles Kultursponsoring ausgegeben worden wäre. Und Dietmar Dath porträtiert die junge amerikanische Schauspielerin Katie Holmes.

Besprochen werden eine Ausstellung zur "Geschichte und Ideen" des Blauen Reiters im Münchner Lenbachhaus, ein Auftritt der Hardrock-Gruppe "Jet", der Film "21 Gramm" von Alejandro Gonzalez Inarritu, ein Tanzfestival im Stockholmer Dansens Hus, Ulrich Seidls Film "Vater unser", ein Konzert des Jazztrompeters Till Brönner in Frankfurt, eine Ausstellung mit Zeichnungen des florentinischen Barocks in London und eine Ausstellung über Brigitte Reimann in Neubrandenburg.