Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.01.2004. In der FAZ fragen die Neurologen Karl Clausberg und Cornelius Weiller: Ist das 'Ich' ein umnachteter Triebtäter? Für die taz schreibt Uri Avnery einen Leitfaden zum Antisemitismus. Hans Christoph Buch schreibt in der Welt über den korruptesten Staat Afrikas. Die NZZ sucht den Moralisten im Zyniker. In der FR denkt Manfred Schneider über die Benutzer-Oberfläche der Politiker nach. Die SZ warnt vor dem Startup China.

Welt, 31.01.2004

Die literarische Welt macht mit einer Reportage von Hans Christoph Buch auf. Es geht um Kamerun, und gleich am Anfang redet ein junger Trappist Tacheles: "'Kamerun ist das korrupteste Land Afrikas, und die katholische Kirche ist hier zu Lande die einzige echte Opposition', sagt Pater Jean-Pierre Mukengeshayi, der mir im Büro der Erzdiözese von Douala gegenübersitzt. 'Alle Oppositionsparteien wurden von der Regierung gekauft oder manipuliert, und die Wiederwahl des seit über 20 Jahren allein regierenden Staatschefs Biya, der mehr Zeit in seinem Feriendomizil am Genfer See verbringt als in Kamerun, gilt jetzt schon als sicher. Genauso sicher ist die Fälschung der 2004 stattfindenden Präsidentschaftswahl!'"

FAZ, 31.01.2004

In der nicht enden wollenden Hirn-Serie fragen heute die beiden Neurologen Karl Clausberg und Cornelius Weiller (mehr hier), was vom Bewusstsein bleibt, wenn es nur eine nachgechalteten Begleiterscheinung neuronaler oder hormoneller Verhaltensweisen bleibt. "Das justitiable Leitbild des bewusst eigenverantwortlichen Menschen war bis jetzt aus guten Gründen unberührt geblieben. Sollen wir nun durch Hirnforschungsergebnisse, genauer gesagt: auf Grund pointierter Interpretationen, überredet werden, andere Bilder zu benutzen oder alte zu retuschieren? Bilder von mikroskopischen Zell-Republiken und Neuronen-Imperien der Hirnzentren, wie sie schon von Virchow und Flechsig bemüht wurden? Als zeitgenössisches Gegenbild auf der Makroebene dazugehören würde dann zum Beispiel auch die Vorstellung vom 'Ich' als verantwortungslosem Tagträumer oder umnachtetem Triebtäter."

Weitere Artikel: Michael Jeismann stellt im Rückblick auf die Wehrmachtsausstellung fest: "Für das politische Gegenwartsbewusstsein der Bundesrepublik war die Katalysatorfunktion der Wehrmachtsausstellung vermutlich noch wichtiger als die nähere Klärung des Kriegs- und Terrorprozesses im Osten." Jürgen Kaube braucht keine Nationale Akadamie, deren Schaffung der Wissenschaft empfohlen hat: "Anstatt zu verbessern, was man hat, und zu pflegen, was überliefert wurde, weil es so schlecht nicht ist, weckt man kostspielige Erwartungen, von denen man wissen könnte, dass man sich ihre Erfüllung einst wird zurechtlügen müssen."

Nach einem Blick in amerikanische Zeitschriften ernüchtert, erinnert Heinrich Wefing all diejenigen Visumspflichtigen, die über die neuen Einreisebestimmungen der USA stöhnen, an die dreihundert Mexikaner, die 2001 an der Grenze ums Leben kamen, oder auch an die dreißigtausend Sex-Sklavinnen, die in den USA gehalten werden. Timo John betrachtet das neue Pharmakologische Forschungszentrum on Boehringer. Klaus Lüderssen gratuliert dem Strafrechtler Günter Stratenwerth zum Achtzigsten. Tobias Döring schreibt den Nachruf auf die neuseeländische Schriftstellerin Janet Frame (mehr hier).

In den Überresten von Bilder und Zeiten erinnert Thomas Trösch an den Schriftsteller Karl Emil Franzos, Werner Spies würdigt ausführlichst die Industrie-Bilder von Hilla und Bernd Becher (mehr hier).

Auf der Medienseite annonciert Frank Kaspar das neue "mare Radio", das von diesem Wochenende an beim Nordwestradio zu hören ist. Jörg Thomann stellt Heinrich Breloers neues Filmprojekt vor: eine Dokumentation über Albert Speer.

Besprochen werden die Meeresdokumentation der BBC "Deep Blue" von Alastair Fothergill und Andy Byatt, eine Ausstellung zu dem tschechischen Fotokünstler Jaroslav Rössler in Frankfurt, die Thomas-Jones-Schau in der National Gallery London. Auf der Musikseite geht es um Richard Wagner auf Musikautomaten, Richard Wagner mit Kristen Flagstad und Lauritz Melchior und Rockmusik aus dem Baltikum.

Bücher werden auch besprochen, darunter Stewart O'Nans Horror-Roman "Halloween", Jacques Roubauds "55.555 Bälle", Christine Angots Roman "Warum Brasilien?" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Wulf Segebrecht Doris Runges Gedicht "den metaphysikern" vor.

TAZ, 31.01.2004

Der israelische Publizist Uri Avnery hat einen Leitfaden zusammengestellt, in dem er Antworten auf die einschlägigen Fragen vor allem zur Gegenwart des Antisemitismus gibt. So etwa zur Kritik an Israel: "Jemand, der Israel wegen gewisser Akte kritisiert, kann deswegen nicht des Antisemitismus verklagt werden. Aber jemand, der Israel hasst, weil es ein jüdischer Staat ist, ist ein Antisemit.Es ist nicht immer einfach, zwischen diesen beiden Arten zu unterscheiden, weil schlaue Antisemiten vorgeben, bona fide Kritik an Israels Aktionen zu üben. Aber jede Kritik an Israel als Antisemitismus hinzustellen, ist falsch und kontraproduktiv. Es schadet dem Kampf gegen Antisemitismus. Viele Personen mit hohem sittlichen Ernst - die positive Auslese der Menschheit - kritisieren unser Verhalten in den besetzten Gebieten."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Jochen Schmidt (mehr) erinnert sich - gerne! - an seine Kindheit und Jugend im Plattenbau in Berlin-Buch. Zum Thema Kunstpädagogik macht sich Dirk Knipphals so seine Gedanken, anlässlich eines Kongresses in Leipzig. Heiko Behr stellt den HipHopper Scott Herren vor. Dorothee Wenner interviewt - zum Berlinale-Schwerpunkt Südafrika - die Leiterinnen des Molweni-Filmfestivals in Kapstadt. Besprochen werden Bücher, darunter Adam Thirlwells Debütroman "Strategie" und zwei Ratgeber zum Selberdenken (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.)

Vom Abschluss des Prozesses gegen den Kannibalen von Rotenburg berichtet in der tazzwei Heide Platen, nüchtern und im Referat der Fakten, zu denen etwa das psychologische Gutachten gehört: "Der Sexualwissenschaftler Baier stellte fest: 'Für das, was er ist, gibt es keine Klassifikation.' Eigentlich sei Meiwes, in der Kindheit von der Mutter dominiert, fast asexuell. Es habe ihn nur nach dem 'Fetisch' Männerfleisch verlangt. Es gehe um Angst vor Verlassenwerden, um Geborgenheit durch das Einverleiben eines anderen Menschen, darum, mit dem Opfer 'zu verschmelzen'."

Das tazmag ist heute von Kopf bis Fuß auf Reisen eingestellt. Unter anderem berichtet Thomas Winkler aus dem Krüger-Nationalpark, wo die Makulele auf wiedergewonnenem Land eine Erfolgsgeschichte schreiben. Interviewt wird die Gründerin des "Freundeskreises Alleinreisender e.V." - und gibt praktische Hinweise: "Bei meiner Arbeit hat mich vor allem die Allgemeine Hotel- und Gaststätten-Zeitung unterstützt. Nur der Einzelzimmerzuschlag ist schwer wegzukriegen. Aber wenn man im Hotel als Einzelreisender ein Doppelzimmer bekommt, dann kann man handeln. Aber das wissen die meisten gar nicht."

Und Tom.
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NZZ, 31.01.2004

Joachim Güntner hat im Fall der angezweifelten "Manieren"-Autorschaft ein klares Dementi von Asfa-Wossen Asserate eingeholt: "Es ist absurd zu glauben, dass der Herausgeber Hans Magnus Enzensberger und der Schriftsteller Martin Mosebach dieses Buch geschrieben haben." Allerdings, weiß und beweist Güntner, lässt sich ein Gerücht ja nicht so schnell aufhalten. Derselbe Autor bilanziert auch die überarbeitete Wehrmachtsausstellung, die in Hamburg letzte Station macht.

Weiteres: Uwe Justus Wenzel leuchtet aus gegebenem Anlass den Raum kannibalistischer Phantasien und Phantasmen aus und lässt auch den Blick in die einschlägige Literatur nicht fehlen (Johannes, Seneca, Shakespeare). Thomas Veser betrachtet fasziniert die traditionellen Holzkirchen in den Karpaten.

In Literatur und Kunst macht sich Wolfgang Lange Gedanken über den Zynismus und hält fest: "Der Zynismus ist nicht mit dem Klischee zu verwechseln, das von ihm in der Öffentlichkeit umläuft. Die Eloge, die Cioran Diogenes, dem 'Himmelshund', gewidmet hat, weist in eine andere Richtung. Nicht so sehr der blanke Hochmut oder die Lust an der Entwertung aller Werte sind es, die den Zyniker ausmachen und umtreiben, als vielmehr 'der physische Horror vor der Lächerlichkeit des Menschseins'. Zyniker sind Moralisten mit einem Hang zur Farce, Komödianten mit melancholischen Neigungen. Nicht eine Erleuchtung ist es oder eine Idee, die sie motiviert, sondern der blanke Ekel."

Außerdem: Maria Zinfert erkundet das Werk des französischen Arztes, Archäologen und Autors Victor Segalen. Besprochen werden Werner Hofmanns monumentale Goya-Monografie, zwei Biografien von Franklin Delano Roosevelt, neue Darstellungen der russischen Geschichte, neue Studien zu dem italienischen Aufklärer Pietro Verri und vieles mehr (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 31.01.2004

Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider macht sich, angeregt durch das Lifting des Silvio Berlusconi, tiefsinnige Gedanken zur Benutzer-Oberfläche des Politischen: "Aber ersichtlich fürchtet ein Politiker heute nicht mehr das Gelächter. Für die Mächtigen der vergangenen Jahrhunderte galt jenes Risiko, dass ein einziger Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen führte. Alle repräsentative Pose und Starrheit galt der Abwehr dieses Lächerlichen. Das Lächerliche aber ist nicht mehr zu fürchten. Die hohe Sorge der Berlusconis gilt dem Schwund der Oberfläche, die sie sind. In der visuellen Welt von heute führt der fatale Schritt von der Flachheit zur Tiefe."

Außerdem: Die Prinzipien, die die Intendantenwahl bestimmen, und einige Jung-Intendanten stellt Peter Michalzik vor: "In Wahrheit werden Intendanten schon lange nicht mehr nach ästhetischen Kriterien berufen. Einziges Kriterium ist der Erfolg. Und Erfolg setzt sich aus zwei Dingen zusammen: der Auslastungszahl und - weniger wichtig - der Reputation bei der Kritik." Und das, meint Michalzik, ist auch gut so. Hans-Jürgen Linke erläutert das Woher und das Wohin des europäischen Jazz. Inge Günther berichtet, wie die israelische Autorin Zeruya Shalev einen Selbstmord-Anschlag überlebte. Renee Zucker, noch immer in Indien unterwegs, berichtet von Menschen, von denen unsereiner nur in der Zeitung liest. Unter der launigen Überschrift "Kaine großen Enderungen geplant" findet sich eine Meldung zu neuen orthografischen Vorstellungen, die die alten sind.

Besprochen werden CDs von International Pony und DJ Koze und ein "Nabucco" in Hamburg.

SZ, 31.01.2004

Kai Strittmatter warnt vor dem neusten Hype: China! "China ist heute, was das Internet damals war: Aphrodisiakum der Profitsuchenden dieser Welt. Sitzen an der Spitze unseres Startups China nicht lauter geniale Lenker, denen einfach alles gelingen will?" Nun ist die Export-Wirtschaft Chinas tatsächlich ein Hoffnungsträger - eine halbe Wahrheit, die man für die ganze nimmt, warnt Strittmatter, ist jedoch schnell ganz falsch: "Wie oft hört man die Manager der großen Konzerne schon reden von Chinas Arbeitslosigkeit, die parallel zum Boom anwächst, von der Korruption? Sie reden ja kaum einmal vom heikelsten Defekt der chinesischen Wirtschaft: der Tatsache, dass sein Banken- und Finanzwesen nach westlichen Maßstäben längst bankrott wäre."

Weitere Artikel: Der Physiker Harald Fritzsch (mehr) treibt die nächste Elite-Sau durchs Dorf: Er schlägt vor, die Forschungseinrichtungen Max-Planck-Institute mit Lehranforderungen zu verbinden und an Universitäten zu integrieren. (Er forscht im übrigen am Max-Planck-Institut und lehrt an der Universität, beides in München.) Der Musiker ("Public Image Ltd.") und Kleinlabel-Chef Jah Wobble plaudert aus dem Nähkästchen seiner krisenfesten Musik-Unternehmungen. Zur Wahl in Kärnten preist der Publizist Richard Swartz (mehr) Wolfgang Schüssel als den "am meisten unterschätzten Politiker in Europa". Gemeldet wird, dass der Wissenschaftsrat wider Erwarten nun doch die Einrichtung einer Nationalen Akademie empfiehlt. Kurz und bündig kommentiert: Neueste Rechtschreibreformreformen.

Außerdem: Abgedruckt findet sich die Dankesrede des Lyrikers Lutz Seiler zur Entgegennahme des Bremer Literaturpreises. Die Moskauer Inszenierung von Wladimir Sorokins "Hochzeitsreise" war dort schon kein Skandal: in Berlin und München, wo sie nun gezeigt wird, wird sie nur langweilen, prophezeit Sonja Zekri. In Rom wurde nach 89 Jahren Ottorino Respighis Oper "Marie Victoire" uraufgeführt. Mariss Jansons wagte sich mit seinen br-Symphonikern an Beethovens Schicksalssymphonie. Holger Liebs hat die Frankfurter Ausstellung des XXL-Malers Julian Schnabel besucht. Dem Film "Die Geistervilla" (mehr) bescheinigt Doris Kuhn einen müden Plot. Einen kurzen Kommentar gibt es zur Trennung von Disney und den "Findet-Nemo"-Animateuren von Pixar. Besprochen werden u.a. eine Francis-Durbrige-Hör-CD und ein Buch zum Klimawandel (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr.)

In der SZ am Wochenende: Tom Schimmeck hat die Mutter des RAF-Terroristen Johannes Thimme besucht, die zwanzig Jahre nach dessen Tod ein Buch über ihren Sohn geschrieben hat. Eckhart Nickel preist Herges Tim zu dessen 75. Geburtstag als leuchtendes Reporter-Vorbild - in Sachen Kleidung. Sonst vorwiegend Fußball: Philipp Selldorf präsentiert den FC Bayern als Schöpfung des Gottes Uli Hoeneß. Der Schriftsteller Egyd Gstättner berichtet von einer Reise in die EM-Stadt Porto. Als Mitglied einer Tipp-Gemeinschaft der besonderen Art outet sich Lothar Müller. Im Interview unterhält sich Karl Bruckmeier mit dem Musiker Kevin Coyne über Fußball.