Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.11.2003. Cheese! Laut SZ ist seit heute die Transplantation von Gesichtern möglich. Die NZZ bringt eine Blütenlese der lateinamerikanischen Literatenfehde. Die taz erklärt, was Storymanagement ist. Die FAZ und die FR versuchen Europas Angst vor Israel zu ergründen.

SZ, 19.11.2003

Schön gruselig, was Alex Rühle aus London berichtet: Dort werden heute zwei Ärzteteams erklären, dass ihnen die Transplantation von Gesichtern möglich ist. "Haut, Fettgewebe, Blutgefäße, Augenbrauen, Nase, Ohren und Lippen werden am Stück vom toten Schädel gelöst. Dann wird diese Hülle mit den fazialen Nervenenden des neuen Trägers verknüpft. Die Blutgefäße sollen mit winzig kleinen Stichen vernäht werden."

Mit Entsetzen verfolgt Kurt Sontheimer das Schicksal seiner früheren Wirkstätte: dem Geschwister-Scholl-Institut. Dem politikwissenschaftlichen Fachbereich der Münchner Universität droht der Wegfall von vier der acht Lehrstühle, was dem GSI ein "kümmerliches Dahinvegetieren am Rande des Englischen Gartens" bescheiden dürfte.

Alexander Kissler bereitet darauf vor, dass das Europäische Parlament heute über eine finanzielle Förderung der in Deutschland verbotenen Embryonenforschung abstimmen wird. In der Randglosse kolportiert "pst" eine Meldung der New York Times, wonach in den USA Frauen über 70 - Witwen! - den größten Teil des amerikanischen Privatvermögens kontrollieren. Reinhard J Brembeck gratuliert dem grandiosen Bariton Gerard Souzay (mehr hier) zum 85. Geburtstag. Derselbe Autor widmet sich der Konjunktur traumatischer Liebesgeschichten auf dem Klassikmarkt. Dirk Peitz jubelt Justin Timberlake zu, der zwar wie Michael Jackson klingt, singt und tanzt, aber viel, viel lässiger ist. Jens Bisky macht uns mit Projekten zu schrumpfenden Städten bekannt. An die "Grenzen der Interaktivität" hat sich Arno Orzessek auf einer Gießener Tagung führen lassen. Ralf Berhorst berichtet von einer Berliner Tagung, die sich mit Wissensportalen wie vascoda.de oder Kalliope beschäftigte.

Auf der Medienseite berichtet Stefan Klein, dass Rupert Murdoch angedroht hat, Tony Blair im nächsten Wahlkampf die Gunst zu entziehen und wieder auf Tory-Linie umzuschwenken.

Besprochen werden, der zeichentrickfilm "Findet Nemo", in dem laut Fritz Göttler ein lässiges Doktorfisch-Girlie das Kurzzeitgedächtnis in einem charmanten Vorteil verwandelt, Clint Eastwoods erster Filmscore "Mystic River" und Bücher, darunter Klaus Modicks Roman "Der kretische Gast" und Franzobels Vergnügungsgedichte "Luna park" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 19.11.2003

Ist der europäische Antisemitismus ein Beweis dafür, dass wir die Araber einfach mehr lieben? Natan Sznaider, Soziologieprofessor am Academic College in Tel Aviv, glaubt das nicht: "Es lebe das christliche Europa, das freudestrahlend dabeisteht, wenn Islamisten Juden in Europa in die Luft jagen, denn dann kann man endlich diese lästigen Kopftuchträger aus dem Land jagen und die Juden am besten nach Israel. Dann wird Europa endlich frei sein, wie man sich das ja schon so oft und früher erträumt hat. Die Juden sind euer Unglück, und die Muslime gleich dazu."

Weitere Artikel: Frank Keil berichtet über wachsende Kritik an der Entscheidung des Vorstands des Hamburger Literaturhauses Rainer Moritz, die Programmleiterin Ursula Keller zu entlassen. Tim Gorbauch schreibt über neue französische Chansons von Benjamin Biolay, Carla Bruni und Stephan Eicher. Silke Hohmann schreibt den Nachruf auf den "letzten Surrealisten" Gordon Onslow Ford. In Times Mager diagnostiziert Christian Schlüter ein "Wahrhaftigkeitsproblem" bei den Sozialdemokraten.

Besprochen werden die Uraufführung von Franzobels "Mozarts Vision" in Wien, die große Werkschau des Architekten Rem Koolhaas in der Neuen Nationalgalerie Berlin und Bücher, darunter Annett Gröschners semi-dokumentarische Textkomposition über das Kraftwerk in Rheinsberg "Kontrakt 903. Erinnerung an eine strahlende Zukunft" und Karlheinz Stierles Petrarca-Biografie (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 19.11.2003

Alexandra Stäheli hat sich an Richard Curtis Weihnachtsfilm "Love Actually" (hier zur Filmhomepage) satt gesehen: "Ein Schmachtfetzen? Eine getrüffelte Pralinenschachtel? Oder nicht doch eher eine schwitzende Kalbshaxe? Nun - dieser Film ist alles zusammen, in jedem Falle aber eine Kalorienbombe der Affekte, die die spezifische Dichte eines gut abgehangenen englischen Plumcake aufweist."

Ein Zitatenpotpourri zur Fehde der lateinamerikanischen Literaten hat Markus Jakob zusammen getragen. Er geht vor allem auf einen posthumen Text Roberto Bolanos zur Lage der lateinamerikanischen Literatur ein (wir berichteten hier und hier), und er schließt: "Unausstehlich, darf man wohl sagen, sind zuweilen sowohl die jungen Herausforderer wie die alten Haudegen."

Den hundertsten Geburtstag des britischen National Art Collections Fund hat Georg Waser zum Anlass genommen, diese Organisation, die sich "dem Retten von Kunstwerken für die Nation verschrieben hat", ausführlich zu würdigen. Besprochen werden die Ausstellung zum Maler Ludwig Richter in der Dresdner Galerie Neue Meister, und noch eine Hand voll Bücher, darunter Nicolas Bergs Studie über die deutsche Holocaust-Forschung, Jerzy Szackis "elegant formuliertes" Buch über den Liberalismus nach dem Ende des Kommunismus und Andrew Millers Roman "Zehn oder fünfzehn der glücklichsten Momente des Lebens" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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TAZ, 19.11.2003

Im Interview mit Kolja Mensing erklärt Unternehmensberater Michael Loebbert, was es mit dem Storymanagement auf sich hat: Wer als Manager erfolgreich sein will, muss gute Geschichten erzählen können. Denn nur durchschnittliche Manager legen Zahlen vor, gute Manager geben ihren Mitarbeitern, Kunden und Geldgebern das Gefühl, "in einer wichtigen Geschichte mitzuspielen".

Harald Fricke fragt sich, ob die entschlackte Neu-Abmischung "Let it be ? naked" wirklich ein "Back-to-the-Roots-Programm" ist oder nicht doch eher "eine späte, nein, feindliche Übernahme durch Old Paul, perfekt im Timing, kurz vor Weihnachten". Dieter Kammerer berichtet, dass der Hauptverband Deutscher Filmtheater Klage gegen das neue Filmförderungsgesetz angedroht hat.

Auf einer Tagesthema-Seite gibt der Politologe Chalmers Johnson (zur Person) den USA-Kritikern ordentlich Futter: Denn dort, meint Johnson, ist der militärisch-industrielle Komplex praktisch an der Macht: "Das Pentagon ist nicht das Verteidigungsministerium - es ist eine Nebenregierung auf der Südseite des Potomac. Und die Kommandeure der Regionalkommandos - wie Centcom für den Nahen und Mittleren Osten oder Eucom für Europa und Afrika - sind die Nachfolger der römischen Prokonsuln, viel mächtiger als alle Diplomaten und zivilen Regierungsbeamten der USA."

Und noch TOM.
Stichwörter: Afrika, Europa

Tagesspiegel, 19.11.2003

Einen kundigen Artikel über das posthume Beatles-Album "Let It Be - Naked" legt Kai Müller vor. Unter anderem darf man da "The Long and Winding Road" ohne die vom Produzenten Phil Spector zugefügten Streicher-Arrangements hören. Aber "es ist natürlich ein Irrglaube anzunehmen, man könne etwas Reineres und Schöneres schaffen als einen Mythos", meint Müller.
Stichwörter: Beatles

FAZ, 19.11.2003

In einem Artikel über die Krise des chinesischen Buchwesens erzählt Zhou Derong, wie der amerikanische Handelsminister Donald Evans die Chinesen bei einem Besuch vor ein paar Tagen in heftige Verlegenheit versetzte: Er "stattete einem Pekinger Geschäft einen Blitzstaatsbesuch ab, das zu einem staatlichen Filmstudio gehört, hinter dem wiederum das Kulturministerium steht. Dort erstand er eine DVD von Quentin Tarantinos neuestem Film 'Kill Bill' für umgerechnet knapp einen Dollar. Anschließend präsentierte er die Scheibe in seiner Pressekonferenz. Und so gelang es ihm, die Chinesen nicht nur zum Kauf von dreißig Maschinen des Typs Boeing 737 anzuregen: Peking schwört jetzt hoch und heilig, wirklich und wahrhaftig gegen die Industrie der Raubkopien vorzugehen."

Die israelische Historikerin Fania Oz-Salzberger beschwert sich in einer bitteren Polemik über Europas Angst vor Israel: laut einer Umfrage halten 59 der EU-Bürger und gar 65 Prozent der Deutschen Israel für eine Bedrohung des Weltfriedens - das Land liegt damit weit vor Nordkorea, Pakistan oder Syrien. Oz-Salzbergers Analyse: "Die arabische Welt steht auf der Liste weit unten, Israel dagegen ganz oben, weil Europäer so viel Angst vor arabischem Zorn haben. Israel ist der sichtbare Auslöser dieses Zorns. Israel gilt als Stachel im Fleisch des gesichtslosen, amoralischen Monsters muslimischer Gewalt. Über Israel und die Vereinigten Staaten regt man sich auf, weil sie, europäisch geprägte Zivilgesellschaften, ein menschliches und moralisches Antlitz haben, das vertraut ist. Der arabische Zorn und Hass, der sich in wahllosem Töten und destabilisierenden Terroranschlägen äußert, hat kein solches Gesicht."

Weitere Artikel: Dirk Schümer erzählt, wie die Italiener um ihre bei einem Bombenanschlag im Irak getöteten Soldaten trauern. Gina Thomas wundert sich in der Leitglosse über die "tiefe Erregung", die der Bush-Besuch in London auslöst. Andreas Platthaus schildert angesichts des Animationsfilms "Findet Nemo", der jetzt in Deutschland anläuft, den unwiderstehlichen Erfolg des Studios Pixar. Der libanesische Autor Hassan Daoud von der Beiruter Zeitung al-Mustaqbal bekundet sein Entsetzen über den Anschlag gegen die Istanbuler Synagoge. Martin Lhotzky hat einem Wiener Vortrag des Historikers Heiko Haumann über die Entstehung des Dracula-Mythos zugehört. Timo John stellt die erste Feng-Shui-Raststätte auf der Autobahn A 8 von Stuttgart nach Ulm vor.

Auf der Medienseite porträtiert Michael Seewald den Filmproduzenten Hubertus Meyer-Burckhardt, der sich als Sat 1-Aufsichtsrat, Springer-Vorstand, NDR-Talkmaster ein Zubrot verdient.

Auf der Stilseite bespricht Michael Gassmann eine Ausstellung über die Todesanzeige einst und jetzt im Aachener Zeitungsmuseum. Und Ingeborg Harms befasst sich mit einer Berliner Ausstellung über skandinavisches Design (unter anderem wird ein "verrutschter Flaschenhalter" namens "Delirium tremens" aus einer isländischen Werkstatt präsentiert).

Auf der letzten Seite berichtet Heinrich Wefing, dass die Stadt Dallas "ihren kommerziellen Frieden" mit dem Kennedy-Attentat vor genau vierzig Jahren gemacht habe. Patrick Bahners macht sich Sorgen um das historische Kolleg in München, das die Professoren nicht mehr mit Stipendien ausstatten kann. Und Paul Ingendaay porträtiert den katalanischen Musiker Jordi Savall, der sich um die Wiederbelebung der alten Musik Spaniens verdient macht.

Besprochen werden die erste Ausstellung des Internationalen Hauses der Fotografie in Hamburg mit Werken aus dem Bestand der neuen Institution und die "Recitations" des französisch-griechischen Komponisten Georges Asperghis, vorgetragen von Franziska Sörensen in Dramstadt.