Karlheinz Stierle

Francesco Petrarca

Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts
Cover: Francesco Petrarca
Carl Hanser Verlag, München 2003
ISBN 9783446203822
Gebunden, 973 Seiten, 50,00 EUR

Klappentext

Vor fast 700 Jahren hat der rastlos tätige Dichter, Schriftsteller und Publizist mit seinem Denken und Handeln entscheidend seine Zeit geprägt, so dass die vorliegende Biografie - mit vielen bisher unübersetzten Werken - als Schlüssel zum Verständnis des 14. Jahrhunderts dient. Schon jetzt darf dieses Buch als ein Standardwerk gelten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2004

Hier haben sich Fortuna und das große Rad der Zeit ein Stelldichein gegeben, frohlockt Rezensent Georges Güntert. Denn Karlheinz Stierles Petrarca-Monografie erscheint nicht nur pünktlich zu dessen 700. Todestag, sie ist auch eine "herausragende Arbeit", wie es sie in der deutschsprachigen Romanistik "seit Curtius, Auerbach oder Hugo Friedrich" nicht mehr gegeben hat. Stierle arbeite Petrarcas Eigentümlichkeit besonders deutlich an der Gegenüberstellung mit Dante heraus. Während letzterer als Vertreter einer "vertikalen" und "hierarchischen" Ordnung gelten könne, sehe Stierle in Petrarca den in der "Horizontalität" der "Vielfältigkeit" lebenden Menschen der Neuzeit begründet, der die "Sinnkrise" zum konstitutiven Moment erhebe. Besonders anschaulich geht dies für den Rezensenten aus der "ausführlichen und differenzierten" Analyse hervor, die Stierle von Petrarcas Brief über die Bergbesteigung des Mont Ventoux durchführt, und die für den Rezensenten den eigentlichen Höhepunkt dieser "monumentalen", "intellektuellen Leistung von ungewöhnlichem Format" darstellt. Dieses Werk, schwärmt der Rezensent am Ende seiner umfassenden Besprechung, ist purer "Anlass zur Freude und Dankbarkeit".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.01.2004

Karlheinz Stierles "große Studie" über Francesco Petrarca, die nun rechtzeitig zum bevorstehenden 700. Geburtstag des 1304 geborenen Dichters erschienen ist, hat Rezensent Volker Breidecker sehr beeindruckt, auch wenn er im Detail einige Kritik anzubringen weiß. Vor allem die Schlüsselstellung, die Stierle dem philosophischen Nominalismus William von Ockhams für Petrarcas geistigen Hintergrund einräumt, sowie die Ernennung Avignons zur "Hauptstadt des 14. Jahrhunderts" findet Breidecker nicht wirklich überzeugend. Er sieht darin eher "Glasperlenspiele", die glücklicherweise für den tatsächlichen Ertrag, den Stierle aus der "minutiösen Lektüre und Analyse" von Petrarcas Schriften, Briefen und Dichtungen ziehe, "eher folgenlos" blieben. In Stierles Darstellung Petrarcas als Urbild für die Figur des europäischen Intellektuellen, in dem breiten Raum, der er seiner Emanzipation vom Erbe Dantes eingeräumt, sieht Breidecker "vielleicht so etwas wie einen Paradigmenwechsel in der Bewusstseinsgeschichte des europäischen Intellekts". Er hebt hervor, dass das die Lektüre des Buches Geduld erfordert und die Bereitschaft, auch mal "längere Durstrecken" auf sich zu nehmen. Dafür werde man von Stierle schließlich "reich belohnt" und betrete "weite Landschaften des Geistes mit chiare, fresche et dolci acque". Was Stierle über Petrarcas Landschaften, seine Lyrik und seine "Kunst der freien Gedankenbewegung" schreibt, gehört für Breidecker zu den Glanzstücken des Buchs.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.12.2003

Dass Petrarca zu den Großen der Menschheitsgeschichte gehört, daran lässt auch die große Studie des Romanisten Karlheinz Stierle keinen Zweifel. Ein Großer freilich war er auch auf einem anderen Gebiet: dem der Selbststilisierung. Der Mythos, der er heute ist, das wird deutlich, ist nicht zuletzt sein eigenes Werk und steht damit neben der mutigen Neuerfindung der Liebeslyrik wie des Begriffs vom Subjekt, die dazu führte, dass Jacob Burckhardt ihn als den "frühesten vollständigen modernen Menschen" pries. Wirklich widersprechen, so ist jedenfalls der Rezension von Rolf-Bernhard Essig zu entnehmen, will Stierle da nicht. Etwas kurz kommt, hält nun Essig dagegen, die Bedeutung der Antike als Vorbild, und zwar genau deshalb. Mehr Aufmerksamkeit widme Stierle dem Entwurf der geistesgeschichtlichen Umgebung, von Dante bis zum Nominalismus, von den oberitalienischen Stadtstaaten bis zur zeitgenössischen Malerei. Unterbelichtet bleiben dagegen, so wieder Essig, die Musik und das Soziale und auch Boccaccio. Weitere Kritikpunkte: Wiederholungen gibt es und manchmal auch allzu abwegige dekonstruktive Assoziationen. Das aber, meint Essig, kann summa summarum und am Ende der knapp tausend Seiten nichts daran ändern, dass es sich um eine "achtunggebietende Studie" handelt, die die "Augen öffnet für die unerhörten Schönheiten dieser Geistes-Gegend."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.11.2003

Eine ausführliche Besprechung widmet Maike Albath dem 900 (!) Seiten starken Porträt des Dichters, Philosophen und Humanisten Francesco Petrarca, das der Konstanzer Romanist Karlheinz Stierle verfasst hat. Albaths Urteil fällt etwas zwiespältig aus: fesselnd findet sie Stierles Auseinandersetzung mit Petrarcas literarisch-philosophischen Zeugnissen, wie seinem berühmten Text über die Besteigung des Mont Ventoux und seinen auf Italienisch abgefassten "canzoni", ein Umgang mit vertrauten Texten, der ihrer Meinung nach einen neuen Zugang ermöglicht. Darüber hinaus äußert Albath jedoch viel Kritik: sie stört sich an zahlreichen Wiederholungen, die durch die Behandlung eines Themas oder Lebensabschnitts unter verschiedenen Aspekten zustande kämen; sie glaubt, auf die immer gleichen Argumente zu stoßen - die Ausweitung des Blicks, ein Zulassen von Pluralitäten und des Fragmentarischen -, die irgendwann zu "Passe-partout-Erklärungen" gerönnen. Sie stößt sich auch an mangelnden Erläuterungen. Wer Blumenbergs Petrarca-Intepretationen nicht kenne, den könne auch Stierles Gegenthese von Petrarcas Nominalismus nicht überzeugen, wendet sie ein. Für Albath verkörpert Stierles Porträt eine "gelehrte Gesamtschau mit anregenden Einzeldarstellungen", dessen Dilemma in der kulturgeschichtlichen Oberflächlichkeit begründet liege.
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