Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2003. Die SZ wünscht sich für den Osten eine Kultur des Aufstiegs aus eigener Kraft. Die NZZ  ist Bücherverbrennern im Irak auf der Spur. Die taz porträtiert Michael Moore. Die FAZ sucht Berlins historische Mitte.

SZ, 14.11.2003

"Der Osten ist nicht so arm, wie gern geglaubt wird", meint Jens Bisky, aber schwach. Jedenfalls sieht er keinen Grund für Sanftmut und Zartgefühl, mit denen der Westen dem "Mezzogiorno ohne Sonne" gemeinhin begegnet. "Die Routine des Transfers behindert das Entstehen eines Bürgertums und einer Unternehmerschicht, einer Kultur des Aufstiegs aus eigener Kraft. Das freundliche Schweigen der Westdeutschen hat da etwas Beunruhigendes. Es wirkt wie ein Zeichen der Resignation, als zahlten sie Schweigegeld."

"Festzustellen ist, dass Theaterkritik sich weitgehend davon verabschiedet hat, zwischen einer Aufführung und dem Publikum zu vermitteln. Das Publikum ist wie die Aufführung Gegenstand der Kritik geworden: Zuschauer werden sowohl entmündigt wie funktionalisiert", schreibt Hans-Joachim Ruckhäberle, Chefdramaturg am Bayerischen Staatsschauspiel, den Kollegen ins Stammbuch. Statt einer "Sprache der Kritik" sieht er ein "System der fließenden Übergänge" wirken: "Zwischen theaterpolitischer Gesinnungs- und Meinungsmache, Geschmäcklerei, Kalkül, Reduzierung auf Klischees wie der Zuordnung von jung und alt, konventionell und experimentell, verstaubt und modern."

Weiteres: Heribert Prantl plädiert dafür, die "überflüssigen", weil stummen und meist schlafenden Schöffen abzuschaffen. Alex Rühle beglückwünscht den Düsseldorfer Künstler Felix Droese zu der Idee, seine Drucke jetzt bei Aldi zu verkaufen: für zehn Euro das Stück. Tobias Kniebe spielt einmal durch, was bei der Fusion von BMG und Sony Abbau von Redundanzen bedeuten könnte. "csc" grämt sich über einen antisemitischen Ausfall von Mikis Theodorakis.

Ein wenig allürenhaft, aber irgendwie doch passend findet Michael Struck-Schloen den Abgang von Pianist Francois-Rene Duchable, der sich vom Konzertbetrieb mit den Worten verabschiedet hat: "Im Konzertleben herrscht die Arroganz der Selbstbefriedigung ... Und die Künstler beteiligen sich an dieser musikalischen Lüge, ertragen ein Leben in Hotels, auf Flughäfen und die Partys nach den Konzerten, in denen sie tote Musik für halb tote Zuhörer gespielt haben." Christian Seidl empfiehlt daher gleich die Konzerte des Bossa-Veteranen Marcos Valle. Jan Bürger freut sich, dass das Manuskript von Joseph Roths erstem Exilroman "Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde" nun im Marbacher Literaturarchiv liegt. Wert legt die SZ außerdem auf die Feststellung, dass der Deutsche Architekturpreis dieses Jahr nicht allein an Axel Schultes, Charlotte Frank und Christoph Witt gingen.

Besprochen werden der isländische Film "Noi Albinoi" von Dagur Kari, Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater in der Sammlung Essl in Klosterneuburg, die Ausstellung des Briefwechsels zwischen Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. im Frankfurter Museum für Kommunikation und Bücher, darunter Lars Gustafssons Gedichtband "Auszug aus Xanadu", Bill McKibbens Gentech-Band "Genug! Der Mensch im Zeitalter seiner gentechnischen Reproduzierbarkeit" und Peter Singers neues Buch "One World. The Ethics of Globalisation" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Abschließend sei noch auf eine Reportage hingewiesen, die uns gestern im SZ-Feuilleton irgendwie durch die Lappen ging: Man kann sie im Netz aber noch nachlesen. Der Schriftsteller Marc Fischer hat den Rapper Jay-Z besucht, der gerade mit einer CD seinen Abschied vom Hiphop gegeben hat. Und was will er jetzt tun? "Hollywood ist das Ziel allen Strebens in der amerikanischen Gesellschaft, es ist unser Mekka, jeder will nach Hollywood. Der kleine Jay-Z will mit den Großen spielen, den Big Boys, und sehen, was dabei herauskommt", kündigt der Rapper an.

NZZ, 14.11.2003

Werner Bloch blickt angesichts der zerstörten Bibliotheken im Irak in eine "finstere Zukunft" und hinterfragt die Hintergründe für die systematische Bücherverbrennung, denn Bücher zu verbrennen sei keine leichte Aufgabe: "Sie widersetzen sich dem Feuer, ähnlich wie grosse Holzstücke, und man braucht hohe Temperaturen, um sie in Brand zu setzen. In Bagdad und Basra wurden offenbar gezielt Brandbeschleuniger eingesetzt. Bücher karrte man in genau ausgewählten Ecken des Gebäudes zusammen, sie wurden mit brennbaren Chemikalien übergossen und so positioniert, dass die Hitze auch die Regale und Metallkonstruktionen der Gebäude zum Einsturz brachte. Brandbeschleuniger, erklärt der französische Unesco-Gesandte Jean-Marie Arnoult, finde man allein bei der Armee - sowohl bei den irakischen als auch bei den amerikanischen Streitkräften. Es sei klar, dass militärische Techniken angewandt wurden - nur weiß man nicht von wem."

Weitere Artikel: Markus Jakob sorgt sich um die Stadtentwicklung Madrids, die "aus dem Ruder zu laufen droht". Aldo Keel hat bei der Kür des Autors des Jahres durch die norwegische Verlegervereinigung "Nebentöne" vernommen. Auf der Filmseite befragt Marli Feldvoss den Regisseur von "The Humain Stain", Robert Benton, und seine Schauspieler zur filmischen Umsetzung von Philip Roths vielschichtigem Roman. Daniele Muscionico begeistert sich für Josef Fares "entwaffnende" Polizeikomödie "Kops", ein "Knäckebrot-Western", der mit "Lässigkeit und geradezu Coen'schem Sarkasmus, einem Faible für Milieuschilderungen und viel Wortwitz" ausgestattet sei.

Besprochen werden Leos Janaeks Oper "Katja Kabanowa" im Genfer Grand Theatre, "eine Geschichte von unterdrückten, übersteigerten, schliesslich eruptiv ausbrechenden Gefühlen", die Jubiläumsveranstaltung des Londoner Tanzfestivals Dance Umbrella (hier), bei der Merce Cunningham in der Tate Modern in Olafur Eliassons Installation "The Weather Project" tanzen lässt, und die Emanuel Josef Margold-Ausstellung im Museum Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe.

TAZ, 14.11.2003

Heute erscheint Michael Moores neues Buch "Volle Deckung, Mr. Bush!", ab Sonntag tourt das Schwergewicht der amerikanischen Linke auch noch durch Deutschland. Robert Misik ist hin und her gerissen zwischen Faszination und Befremden: "Michael Moore ist kitschig, egomanisch; populistisch, dass es oft schmerzt; er versimpelt Dinge; und man kann es auch ein bisschen unehrlich finden, wenn einer den Rächer der Enterbten markiert und längst in New York in einem Zwei-Millionen-Dollar-Apartment mit Blick auf den Broadway wohnt. Und doch ist Moore einfach großartig. Wenn der Kampf um die Hegemonie in allen Sphären der ideologischen Formierung der Gesellschaft ausgetragen wird, dann ist das, was Michael Moore betreibt, sozusagen Klassenkampf in Disneyworld. Der Held wird notwendigerweise ein bisschen selbst zur Mickey Mouse. Und Moore ist natürlich viel klüger, als er sich stellt."

Katrin Bettina Müller versteht die Angriffe gegen das Erlanger Theater nicht, das das Durchhaltestück "Die Wölfe" des NS-Dramatikers Hans Rehberg aufführen will: "Als ob das Regietheater mit Texten nichts anderes anzufangen wüsste, als dramatische Texte wie ideologische Programme zu verkünden". Dirk Knipphals staunt dagegen, warum Bundespräsident Johannes Rau dazu aufrufen konnte, "ein 'Ideal' zu verehren, das 'das eigene Leben übersteigt' - gemeint war Schiller -, ohne einen Aufschrei des Entsetzens hervorzurufen. Brigitte Werneburg hat viele neue Poesiealbumssätze vom Treffen der Sammler Heinz Berggrün und Friedrich Christian Flick mit nach Hause genommen. Tobias Rapp befindet, dass Dizzee Rascal mit dem Debütalbum "Boy In Da Corner" den britischen HipHop neu erfunden hat.

Und schließlich TOM.
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FR, 14.11.2003

Petra Kohse diskutiert eingehend das U-Boot-Drama "Die Wölfe" des Nazi-Dramatikers Hans Rehberg, das das Erlanger Theater auf seinen Spielplan gesetzt hat. Kohse stört sich allerdings vor allem an den ursprünglichen Plänen der Sabina Dhein, die Premiere ohne Kommentar stattfinden lassen zu wollen. Doch für die Aufführung des Stückes zeigt sie Verständnis: "In der Tat liest sich 'Die Wölfe' stellenweise als Abgesang auf das Kriegsgeschäft. Zwar mühen die Männer sich redlich, der deprimierten Stimmung im Hause etwas entgegenzusetzen und den anderen beiden Frauen das angeblich heldische Wesen des U-Boot-Fahrers zu erklären. Dabei verheddern sie sich aber ziemlich zwischen Schein und Sein, Wollen und Müssen, bürgerlichen Neigungen und dem 'Schwert und Eichenlaub am Hals'."

Nach dem beschlossenen Abriss des Palastes der Republik möchte Thomas Medicus an seiner Stelle lieber das Ethnologische Museum sehen, statt die "trostlose Leere" einer Grünanlage. Ulrich Clewing berichtet von der "wunderbaren Stunde", die er mit den Sammlern Heinz Berggruen und Friedrich Christian Flick im Berliner Kanzleramt verbracht hat. In der Kolumne "Times mager" verrät Daniel Kothenschulte, warum Künstler noch immer umsorgt werden müssen: "Sie sind kreativ und notorisch geldbedürftig." Besprochen wird das Album "New York Muscle" des "Bavarian Gigolo" DJ Hell.

Außerdem zu lesen ist die doch sehr schöne Geschichte mit Wurst des Schriftstellers und Zeichners Eugen Egner, heute mit dem "Literaturpreis für grotesken Humor" der Stadt Kassel ausgezeichnet wird.

FAZ, 14.11.2003

Regina Mönch ist durch Berlin spaziert, doch statt einer historischen Innenstadt findet sie nur ein "Archipel zusammenhangloser Inseln". Vom Brandenburger Tor bis zum Schlossplatz ist alles gut. Doch dann steht man vor dem Palast der Republik, der abgerissen werden soll. Man sehe sich "die dürftigen Begrünungsversuche an und fürchte sich. Wer sollte dann, wenn nicht einmal mehr der Grusel der Palastruine lockt, dort verweilen wollen - und auf dem Weg wohin? Zumal nur Minuten entfernt, hinter dem Brandenburger Tor, der große Tiergarten beginnt. Die Gegenden hinter dem Tor und vor dem Tor als Einheit zu denken fällt auch vierzehn Jahre nach dem Mauerfall nicht nur Berliner Stadtplanern schwer."

Weitere Artikel: Robert von Lucius porträtiert das Goethe-Institut in Riga. Niklas Maak war dabei, als im Kanzleramt Christina Weiss mit den Kunstsammlern Friedrich Christian Flick und Heinz Berggruen plauderte. Patrick Bahners schreibt zum Tod des Historikers Helmut Heiber. Frank Pergande berichtet, dass der Theaterverbund in Brandenburg nicht funktioniert. I.L. Allen bisherigen Denkmaldebakeln zum Trotz plant der Bund gemeinsam mit dem Land Berlin zwei weitere Denkmäler für Opfergruppen des Nationalsozialismus: eines "für die verfolgten Homosexuellen" und eines "für die verfolgten und ermordeten Roma und Sinti". Matthias Oppermann war bei einer Tagung zur Geschichtspolitik in der Villa Vigoni.

Auf der Medienseite berichtet Martin Lhotzky über einen wenig ergiebigen Kongress über kulturelle Unterschiede, moralische Gemeinsamkeiten und die Rolle der Medien in Wien. Auf der letzten Seite porträtiert Hannes Hintermeier die Verlegerin Barbara Schwepcke, die - von WG Sebald angeregt - in England ein Pendant zu den rororo-Monografien herausgibt. Und Dietmar Dath meldet, dass bei der "Freilegung von Schlammarealen in Flandern ein Labyrinth fast vollständig erhaltener Schützengräben und sonstiger Befestigungsanlagen ans Licht gebracht" wurde, während gleichzeitig die Metal-Band "Iron Maiden" auf ihrer neuen CD "Dance of Death" einen Gefallenen von Paschendale besingt.

Besprochen werden Marius Petipas Ballett "Don Quichotte" in Marseille, ein Klavierabend "von einer sich mitteilenden, expansiven Eigenart" mit Maurizio Pollini in Frankfurt, zwei Ausstellungen zum "Blauen Reiter" in der Kunsthalle Bielefeld und im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, die Uraufführung von Franzobels "Mozarts Vision" in Wien, Josef Fares' Film "Kops", eine Lesung von Sue Mingus zur Musik des "Charlie Mingus Orchestra" beim Festival "Enjoy Jazz" in Mannheim und eine Ausstellung mit Werken von Johann Georg von Dillis im Münchner Lenbachhaus.