Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.08.2003. In der NZZ spricht Don DeLillo über seinen neuen Roman "Cosmopolis". In der SZ fordert Gregor Schöllgen die Formulierung europäischer Sicherheitsinteressen. In Le Monde betont Serge Klarsfeld, dass die Franzosen gegen die Judenvernichtung waren. Die FR besucht Thomas Manns Haus an der Kurischen Nehrung.

NZZ, 27.08.2003

Thomas David hat in New York Don DeLillo getroffen und mit ihm über seinen neuen Roman gesprochen: "'Cosmopolis'", sagt DeLillo, 'basiert auf der einfachsten Idee: Ein Mann fährt quer durch Manhattan. Ich wusste sofort, dass die Autofahrt einen ganzen Tag dauern würde. Das war alles, was ich wusste.' Er sitzt in einem Hinterzimmer im Büro seiner New Yorker Agentin und redet mit leiser Stimme über die Entstehung seines neuen Romans. Er begann mit der Arbeit im April 2000 und beendete 'Cosmopolis' zwei Jahre später; zum Zeitpunkt der Terroranschläge vom 11. September 2001 sei der Roman so gut wie fertig gewesen, sagt er, es gebe nichts in dem Buch, das direkt von den Ereignissen beeinflusst worden sei. Er trägt eine Brille, schweres Glas, das DeLillos Gesicht einen halbwegs hoffnungsfrohen Glanz verleiht. Er trägt einen dunkelblauen Strickpullover; in Reichweite neben ihm liegen eine schwarze Lederjacke und eine Baseballmütze."

Weitere Artikel: Andrea Köhler erinnert sich wehmütig an die wilden Zeiten vom "Mythos" East Village, als dieser Stadtteil noch das Zuhause der New Yorker Künstlerszene war. Christoph Egger ist "gespannt", was das 60. Mostra d'arte cinematografica auf dem Lido von Venedig uns dieses Jahr zu bieten hat und gibt schon mal eine Vorschau auf das zu erwartende Programm. Aldo Keel schreibt über Norwegens Familien im Umbruch: mehr als die Hälfte der Neugeborenen hat Eltern ohne Trauschein. Und Harm Klueting berichtet über einen Kongress zur Aufklärung in Los Angeles.

Besprochen werden Don De Lillos Roman "Cosmopolis" und Iris Changs historisches Buch "The Chinese in America".

FR, 27.08.2003

Ursula März hat das Sommerhaus der Familie Mann in Nidden auf der Kurischen Nehrung besucht und herausgefunden: "Mit Thomas Mann kam auch der erste Strandkorb für die Kurische Nehrung. Bis dahin waren sie verpönt. Bei dem Dichter aber wurde das Möbel geduldet. 'Der Strand empfiehlt sich nicht durch Komfort. Nur wir haben einen Strandkorb, alle anderen Gäste bauen sich Sandburgen.'" (Familie Mann beim Spaziergang)

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte schreibt zum Auftakt der Filmfestspiele in Venedig. Guido Fischer war beim 6. Stockhausen-Kurs in Kürten. Besprochen werden Rob Schmidts Horrorthriller "Wrong Turn", eine Ausstellung mit Werken von Hans Holbein dem Jüngeren im Mauritshuis in Den Haag und Bücher, darunter Günter Grass' neuer Gedichtband, Ralph Hammerthalers Roman "Alles bestens" (wir kennen den Mann persönlich und können der FR versichern: Er heißt Hammerthaler, nicht -stein) und Adornos Briefwechsel mit seinen Eltern (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 27.08.2003

Mit Wohlwollen betrachtet der Historiker Gregor Schöllgen (mehr hier) Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne, meint aber, dass es im nationalen Interesse an der Zeit sei, europäische Sicherheitsinteressen zu formulieren: "Je weniger es also um nationale Einsätze geht, um so weniger wird sich von nationalen Interessen sprechen lassen. Jedenfalls geht es nicht in erster Linie um Deutschlands Interessen auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Kongo, sondern um die Interessen Europas. Keine zweite Regierung hat das so klar gesehen wie die deutsche, als sie schon im Sommer 1999 das Vorhaben einer gemeinsamen Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) ins Gespräch brachte. Die folgenden Entwicklungen haben demonstriert, dass die Europäer auf diesem Feld tatsächlich rasch handlungsfähig werden müssen. Das kann nur gelingen, wenn sie ihre Sicherheits- und Verteidigungsinteressen nicht mehr auf die überkommene nationalstaatliche Weise, sondern gesamteuropäisch definieren."

Susan Vahazadeh gibt einen Ausblick auf die heute in Venedig beginnenden Filmfestspiele: "Während in Europa der Eindruck entstanden ist, die 60. Mostra sei eine Hollywood-Studio-Veranstaltung, hat das Branchenblatt Variety wieder Gift gespritzt, bevor de Hadeln überhaupt das Programm vorgestellt hatte - es habe bei den Studios Überlegungen gegeben, bestimmte Filme gar nicht zuzulassen für Venedig, damit an ihnen nicht der publikumsvergrätzende Beigeschmack des Arthouse-Kinos kleben bliebe - der filmische Makel schlechthin." Fritz Göttler stellt Margarethe von Trottas Film "Rosenstraße" vor, den deutschen Beitrag beim Festival.

Weiteres: Jürgen Otten erzählt, warum der französische Geiger Renaud Capucon - obgleich ein veritables Wunderkind - nicht den Tschaikowsky-Pfad gegangen: "Solokonzerte, ja, gerne. Aber im wesentlichen soll es die Kammermusik sein." Jörg Hätzschel berichtet, was mit den unidentifizierten Toten des 11. September geschehen soll, die noch immer in einem Barackendorf an New Yorks Stadtautobahn aufbewahrt werden. Von Stefan Koldehoff ist zu erfahren, dass der Ölmilliardär J. Paul Getty Hitler "nach Kräften unterstützte", indem er etwa während des Zweiten Weltkriegs Deutschland mit Öl und Treibstoff versorgte. Kristina Maidt-Zinke klagt, dass in Helsinki ausgerechnet beim Konzert der Leningrad Cowboys der Strom ausfiel. "jsc" meldet, dass die Familie Sachsen-Weimar gegen 15,5 Millionen Euro keine Ansprüche auf Weimarer Kulturgüter mehr erhebt. Gottfried Knapp schreibt zum Tod des Stadtbau-Soziologen Lucius Burckhardt.

Anlässlich der neuen Gesamtausgabe von Wilhelm Busch versucht sich Robert Gernhardt (mehr hier) an der Klärung der Frage, ob Busch Antisemit war, immerhin heißt es in der Frommen Helene "Und der Jud mit krummer Ferse, / Krummer Nas und krummer Hos? / Schlängelt sich zur hohen Börse / Tiefverderbt und seelenlos." Ein schlüssiger Beweis ist das für Gernhardt allerdings noch lange nicht.

Besprochen werden die Ausstellung "Russisch Paris" im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum, Simon Winchesters Erzählung vom Vulkanausbruch im Jahre 1883 "Krakatau. Der Tag, an dem die Welt zerbrach" und neue CDs, darunter eine Paisiellos-DVD mit Cecilia Bartoli und neue Händel-Aufnahmen von Marc Minkowski.
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TAZ, 27.08.2003

Im Vorblick auf die Filmfestspiele von Venedig lobt Cristina Nord die solide Auswahl der Filme. Esther Slevogt hat in George F. Walkers Loser-Zyklus "Suburban Motel" an der Berliner Schaubühne "den wahrscheinlich schönsten Theatertod seit langem" erlebt und sich auch sonst ganz gut amüsiert. Gerrit Bartels bespricht kurz neue Bücher, darunter Volker Hages "Zeugen der Zerstörung", Dirk Wittenborns "Unter Wilden" und James Salters "Cassada" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Schlagloch-Kolumne muss Kerstin Decker feststellen, dass sie ein Mann ist. Zumindest legen das die jüngst im Spiegel ausgeführten Erkenntnisse nahe, wonach es E-Hirne und S-Hirne gibt, also emotionale (weibliche) und systematische (männliche).
Stichwörter: Venedig

Weitere Medien, 27.08.2003

Serge Klarsfeld, Präsident des "Verbandes der Kinder jüdischer Deportierter in Frankreich" legt in Le Monde einen bemerkenserten Artikel vor, der eine neue Phase in der französischen Vergangenheitsbewältigung einläuten könnte. Nach Jahrzehnten, in denen die französische Mitverantwortung herausgearbeitet wurde, betont Klarsfeld, dass die französische Bevölkerung die Verfolgung und Deportation der Juden eindeutig ablehnte. "Die Franzosen stehen dem feigen Verhalten ihrer Regierung nicht nur kritisch gegenüber, sie haben auch Mitgefühl mit den Leiden der Opfer und machen sich keine Illusionen über ihr Schicksal." In keinem anderen Land seien so viel Juden gerettet worden, konstatiert Klarsfeld.

Die New York Times besucht die Steinway-Fabrik in Hamburg und stellt die bange Frage: Klingen Hamburger Steinway-Flügel wärmer als New Yorker Steinways-Flügel? Dazu gibt's eine Audio-Slide-Show.

FAZ, 27.08.2003

In einem ideologiekritischen Rundumschlag schimpft Dietmar Dath auf die kleinbürgerlichen Vorstädte Europas und Amerikas und warnt vorm lauernden Elend der von Coca-Cola ausgebeuteten Dritten Welt. Allerdings. "Das große bedrohliche Anderswo, in dem die hiesigen Zustände ausreichend zugespitzt sind, um die diskursiven Strömungsverhältnisse der Phantomschmerz-Unzufriedenheit mit den Nuggets des echten, berichtsfähigen Elends anreichern zu können, wird sich so schnell nicht gegenständlich herholen lassen, wie das die mehr oder weniger militante Dritte-Welt-Solidarität der siebziger und achtziger Jahre gehofft hat, die immer davon träumte, 'den Kampf in die Metropolen zu tragen' oder wenigstens unser Elend - das ein psychologisches, ein Wohlstandselend war und bleibt - mit dem dortigen auf irgendeiner politmetaphorischen Ebene 'kurzzuschließen'." Was natürlich schade ist.

Weitere Artikel: Peter Körte meditiert in der Leitglosse über den Fall des Fassbinder-Schauspielers Günter Kaufmann, der seinen Steuerberater umgebracht haben soll, andererseits aber an Amnesie leidet. Anton Thuswaldner gratuliert dem österreichischen Autor Peter Henisch zum Sechzigsten. Josef Oehrlein berichtet über die Südamerika-Tournee der Jungen Deutschen Philharmonie.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld über den von den Produzenten Bernd Eichinger und Nico Hoffmann ausgelobten "First Steps"-Preis, mit dem Debütarbeiten von Filmregisseuren bedacht werden. Ahmad Taheri meldet, dass der Teheraner Strafgerichtshof nun konstatierte, die Fotografin Zahra Kazemi sei umgebracht worden - der beschuldigte Geheimdienst weist allerdings die Verantwortung zurecht von sich, denn in Wirklichkeit, so Taheri, sei der Mord von der den Mullahs unterstehenden Justizbehörde begangen worden. Jörg Bremer schreibt, dass in Israel die arabischen Begriffe "Intifada" und "Hudna" verpönt seien. Auf der Stil-Seite findet Ralf Drost Kosenamen peinlich, und Eberhard Rathgeb denkt über Stühle nach.

Auf der letzten Seite lädt Hannes Hintermeier mit der Unterzeile "Das Archiv in Gmunden und das Bernhard-Haus in Obernathal bewahren den Nachlass des Schriftstellers" zur Lektüre eines Artikels über Thomas Bernhard ein (immerhin finden wir darin den schönen Satz: "Der Schimpfkanonier ist nicht mozartkugelfähig, aber für das Renommee der Kulturlandschaft taugt er allemal.") Jordan Mejias porträtiert die Bestsellerautorin Arianna Huffington, die mit Arnold Schwarzenegger in der kalifornischen Gouverneurswahl konkurriert. Und Jürgen Kaube fragt sich mit dem saarländischen Kulturminister, ob die Kinder an unseren Schulen einen Benimm-Unterricht brauchen.

Besprochen werden eine Ausstellung indischer Malerei für den Moghul-Kaiser Akbar den Großen in Zürich, eine Ausstellung über den traditionalistischen Architekten Paul Schmitthenner in Frankfurt, Marco Tullio Giordanas Film "Hundert Schritte" und eine Ausstellung mit neuen Werken des Malers Peter Doig in Maastricht.