Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.08.2003. Wozu brauchen wir eigentlich die Akademie der Künste, fragt die FAZ. Wozu brauchen wir eigentlich eine immer weiter expandierende Kulturindustrie, fragt die SZ. In der FR greift Doron Rabinovici noch einmal die Debatte um Ted Honderich auf. Die taz besucht Shrinking Cities. Die NZZ beobachtet eine zaghafte Annäherung der Warschauer an ihren ungeliebten Kulturpalast.

FR, 26.08.2003

In einem sehr differenzierten Beitrag zur Debatte um den Antisemitismus-Vorwurf gegen das Buch des kanadisch-britischen Philosophen Ted Honderich "Nach dem Terror" (mehr dazu hier), versucht der in Wien lebende Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici (mehr hier)eine Begriffsklärung von Antisemitismus und Antizionismus. Er analysiert noch einmal die Diskussionsbeiträge von Micha Brumlik (hier) und Jürgen Habermas (hier) und stellt fest, es sei "zumindest unsinnig und plump antizionistisch, wenn auch nicht unbedingt antisemitisch, zu behaupten, Zionismus sei Rassismus. Erst im Textfluss ergibt sich aber das ganze Bild. Brumlik sprach zu Recht von antisemitischem Antizionismus, da unmittelbar vor jenem Diktum über den Zionismus Honderich sich gegen die Juden schlechthin wendet. Nicht bloß die Zionisten, nicht eine Fraktion, nicht die israelische Gesellschaft, nein, die Juden, alle, hätten von ihren Peinigern gelernt."

Viel Würdigung und Anerkennung lässt Frank Keil dem Chef der Hamburger Deichtorhallen, Zdenek Felix, zukommen, der nach zwölfjähriger Amtszeit das Haus verlässt und nach Berlin geht. Gelobt wird vor allem seine kuratorische Leistung: "So kontrastierte er Publikumsliebling Annie Leibowitz mit Anna und Bernhard Blume, stellte den seinerzeit noch unbekannten Andreas Gursky neben Henri Cartier-Bresson aus, so wie er jetzt, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, als Ausstand den dänischen Architekten und Designer Arne Jacobsen der Malerei Werner Büttners gegenüber stellt."

In der Kolumne Times mager rügt Harry Nutt aus gegebenem Anlass die neue Fehlstartregelung in der Leichtathletik, weil sie "das Egalitäts- zugunsten eines eliminatorischen Strafprinzips" aussetze. Besprochen werden eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum, die Skizzen von Aldo Rossi zeigt, ein Album der schottischen Gruppe Mogwai, für die der Rezensent sogar Kant bemüht, und der neue Roman von Don DeLillo, "Cosmopolis". (siehe dazu unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

SZ, 26.08.2003

Thomas Steinfeld ist des Jammerns der Kulturunternehmen müde und will ihren Klagen auch nicht mehr so recht glauben: "Wenn die Sommerabende so weich und mild sind, dass dem Publikum die Säle der Kinos zu eng werden, zieht eine bekümmerte Meldung durch die Kulturpresse, dass die Versorgung der Deutschen mit Lichtspielen in Gefahr gerät. Wenn die Umsätze von Verlagen und Buchhandlungen sinken, kommt der Verdacht auf, dass ein Volk das Lesen einstellt", schreibt Steinfeld, wobei nichts von alledem erwiesen sei. "Es scheint einen immer schon fertigen Enthusiasmus für die Kunst zu geben, der jede kommerzielle Einbuße als existentiellen Verlust wahrnehmen will, eine Art von gesamtkultureller Klaustrophobie, der kein Raum ausreicht und die nur mit weiten, offenen Horizonten leben zu können meint."

In der Reihe "Völkerwanderung Deutschland" untersucht der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar den "Sinn und Unsinn der deutschen Green-Card-Politik". Eines zumindest scheint sie laut Yogeshwar geschafft zu haben: "Viele sind plötzlich überzeugt, jeder Inder habe eine genetische Prädisposition für Abstraktion, ein Gefühl für Zahlen und eine extrem hohe Lernbereitschaft. Jeder ist ein IT Spezialist und wenn der Computer streikt, kann ein Inder bestimmt helfen. Mutter Teresa ist tot - es lebe das Indernet!"

Der Schriftsteller Georg Klein (mehr hier) berichtet über seinen ersten Besuch in der Hamburger AOL-Arena, wo im Rahmen des Spiels HSV gegen Bayern Uwe Seeler seine Lebenserinnerungen sowie eine Auswahl an "Altmännerknien" präsentierte. Der Gefängnis-Mord an dem pädophilen Priester John J. Geoghan veranlasst Fritz Göttler zu einer Reflexion über das Gefängnis als einem "starken Teil der amerikanischen populären Mythologie", die vor allem auch im Kino ihren Niederschlag fand. Jürgen Berger berichtet vom "Forum Wormatia", einem "diskursiv-schauspielerischen Nibelungengipfel", der parallel zu den Festspielen stattfand. In der Kolumne "Zwischenzeit" erzählt Claus Heinrich Meyer, wie der "ewige Laudator" Christoph Stölzl dem Fotografen Stefan Moses noch was beibrachte. Irgendwas zwischen Fassungslosigkeit und großer Belustigung löste bei "zig" die oberbürgermeisterliche Freude über die zeitweise Umbenennung von Wolfs- in "Golfsburg" aus.

Wolfgang Schreiber gratuliert dem Dirigenten Wolfgang Sawallisch zum 80. Geburtstag. "tost" informiert über das unselige Handwerk sogenannter "Blätterdiebe", die Seiten aus Bibliotheksbeständen schneiden. Ein Nachruf gilt schließlich dem englischen Kunsthistoriker John Shearman.

Auf Seite drei erklärt Susan Vahabzadeh, warum den großen US-Filmstudios die Kosten explodieren - die teuren Stars sind schuld. Und auf der Medienseite wird die Blattreform bei Le Monde gelobt.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Egon Wellesz' "Die Bakchantinnen" in Salzburg, Calixto Bieitos Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" bei den Edinburgher Festspielen und eine Ausstellung von Zeichnungen und Entwürfen von Aldo Rossi Architekturmuseum in Frankfurt. Und Bücher, darunter eine Studie über die Gelehrtensatire seit der Aufklärung, eine Neuedition von Anton Kuhs Streitschrift "Juden und Deutsche" und der Roman "Das Leben entzwei" von Brigitte Giraud (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 26.08.2003

Die Städte schrumpfen, vor allem im Osten, das schreit nach einer Untersuchung. Die hat jetzt, wie Daniel Dahm zu berichten weiß, die Bundeskulturstiftung im Rahmen des Programms "Kunst und Stadt" in Auftrag gegeben und ein Konsortium von Wissenschaftlern, Künstlern und Architekten eingesetzt. "'Shrinking Cities' untersucht den kulturellen Wandel in diesen Städten, die Konflikte und Zukunftsmöglichkeiten, die er bedingt. Dazu werden vier Standorte beispielhaft in den Blick genommen - Detroit in den USA, Iwanowo in Russland, Manchester und Liverpool in Großbritannien sowie Halle und Leipzig in Deutschland. Über diese Auswahl soll ein weltweites Spektrum von Schrumpfungserscheinungen und deren kulturellen Ausdrucksformen analysiert und dokumentiert werden."

Weitere Artikel: Jan Engelmann erzählt von seinen schönsten adornitischen Erlebnissen. Knut Henkel informiert darüber, warum das Gastland Deutschland im Januar auf der Buchmesse in Havanna offiziell nicht teilnehmen wird: Wegen "Verschlechterung der Menschenrechtslage in Kuba" habe das Auswärtige Amt die Teilnahme vergangene Woche abgesagt. Gerrit Bartels gewährt schon einmal einen kleinen Ausblick auf das Trendthema des bevorstehenden Bücherherbsts: Liebe. So geil findet Brigitte Werneburg Geiz nun auch wieder nicht, dass sie künftig ein Rabbatt-Coupon-Heftchen von Karstadt mit sich herumschleppen würde, und fordert stattdessen ein vollcomputerisiertes Nachlasssystem. Als "Grenzposten des Regiewesens" beschreibt Anton Thuswaldner Andrea Breth und Michael Thalheimer, deren Inszenierungen "Das weite Land" (Schnitzler) und "Woyzeck" (Büchner) er vorstellt.

Besprochen Michael Kumpfmüllers Roman "Durst", Friedrich Gundolfs "deutsche Literärgeschicht", ein "urkomischer" Reisebericht eines in Kenia aufgewachsenen Bulgaren entlang des Ganges und Wolfgang Büschers Protokoll seines Fußmarschs von Berlin nach Moskau (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.
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NZZ, 26.08.2003

Gerhard Gnauck berichtet, wie die Warschauer den ungeliebten Kulturpalast, das Symbol "Moskauer Zwingherrschaft" allmählich in milderem Licht betrachten: "Wie die Westberliner sich einst an die Mauer gewöhnt hatten (auch wenn sie das heute nicht zugeben), so haben sich die Warschauer an dieses sowjetische 'Geschenk' gewöhnt. Im Gegensatz zur Mauer kann man den Palast freilich nicht abreißen, zumindest nicht ohne weiteres." Sieglinde Geisel erzählt, wie die Berliner Off-Theatergruppe Ra.M.M. das halb verfallene Schloss Bröllin in der Uckermark für sich entdeckte und zu einem Treffpunkt der internationalen experimentellen Szene machte.

Besprochen werden Bücher, darunter Friedrich Polakovics' Großessay "Versuch über den Krieg", James Salters Roman "Cassada" und Jürgen Beckers Journalroman "Schnee in den Ardennen" und Lothar Kettenackers Band über die Luftkriegsdebatte "Ein Volk von Opfern" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Licht, Uckermark, Westberlin

FAZ, 26.08.2003

Wozu brauchen wir eigentlich die Akademie der Künste, fragt Mark Siemons, angeregt von den Streitigkeiten um den Neubau am Pariser Platz. Nicht zum Reden in einer ohnehin grassierenden Talkshow-Kultur, meint er, sondern zum Schweigen, allerdings einem bestimmten, qualifizierten Schweigen, dem Schweigen, das dem Sprechen vorausgeht: "Vermutlich käme es darauf an, die Aussagekraft der vernutzten, verbrauchten Worte in der Intimität eines voröffentlichen Raums wiederherzustellen. Die Akademie müsste zuerst wieder eine Art Schutzraum des Denkens bieten, in dem die Mitglieder auch außerhalb ihrer offiziellen Versammlungen ungeschützt und radikal sprechen können, bevor sie die Öffentlichkeit suchen. So könnten tatsächlich die Mitglieder der Akademie und nicht die Impresarios des Kulturbetriebs darüber entscheiden, was und auf welche Weise die Akademie zum Thema macht."

Weitere Artikel: Kerstin Holm betrachtet die Plakate zur Wahl der Duma im Herbst und stellt fest: "Wählerwerbung, die auch noch den Anschein von Argumentation ersetzt durch Sehnsuchtsbilder von sozialer Harmonie, hat sich in Russland exakt in dem Maße durchgesetzt, in dem der Graben zwischen Regierenden und Regierten immer größer wurde." Gerhard Rohde gratuliert dem Dirigenten Wolfgang Sawallisch zum Achtzigsten. Christian Schwägerl resümiert ein Berliner Kolloquium, das zu einem "biokulturellen Ko-Konstruktivismus", das heißt zur Zusammenarbeit von Geistes- und Sozialwissenschaften bei der Erforschung des Gehirns, aufrief. Wolfgang Sandner besucht das Baltic Sea Festival in Stockholm. Wolfram Kinzig berichtet über neueste Tendenzen der Patristik (die sich mit den Kirchenvätern auseinandersetzt) anlässlich einer "International Conference on Patristic Studies" in Oxford. Andreas Obst beobachtet die Aufführung von Stockhausens in ein Hubschrauberquartett montiertes Streichquartett in Salzburg. Thomas Poiss gratuliert dem italienisch-slowenischen Autor Boris Pahor (mehr hier und hier) zum Neunzigsten.

Auf der letzten Seite geht der Kunsthistoriker Michael Diers noch mal über die Biennale in Venedig, wo man jetzt einen entspannteren Blick werfen kann, und hebt unter anderem die Arbeit "Fallender Garten" der Schweizer Künstler Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger in der Kirch San Stae hervor. Joseph Hanimann erzählt, dass Hector Berlioz durch eine allzu platt lancierte Gerüchteküche als Kandidat fürs Pariser Pantheon verbrannt wurde, und annonciert gleich das nächste Rennen, denn nun kursieren Gerüchte um George Sand als nächste Kandidatin. Allerdings kündigen die Anwohner des Schlosses von Nohant, wo ihre Gebeine ruhen, beherzten Widerstand an. Und Andreas Platthaus porträtiert den Comiczeichner Andre Juillard, der in Anlehnung an Hokusai 36 Ansichten des Eiffelturms (Bild) vorlegt.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg über eine Kampagne der Schweizer Wochenzeitung WoZ, dem Schwizer Pendant zur taz, die für ein Relaunch Kapital bei ihren Lesern akquirieren muss. Und Michael Hanfeld greift die äußerst gespannte Atmosphäre zwischen der BBC und dem Murdoch-Konzern auf, der von der Kelly-Krise profitieren zu wollen scheint und in seinen Blättern die ehrwürdige Anstalt angreift - nun schlug die Programmdirektorin der BBC 1, Lorraine Heggessey, in einem Interview zurück.

Besprochen werden eine Ausstellung über Paul Klees Spätwerk in der Basler Fondation Beyeler und Sachbücher, darunter Kocku von Stuckrads "Geschichte der Astrologie".