Gregor Schöllgen

Willy Brandt

Eine Biografie
Cover: Willy Brandt
Propyläen Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783549071427
Gebunden, 400 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Willy Brandt war neben Adenauer der bedeutendste Kanzler der Bundesrepublik und einer der herausragenden Sozialdemokraten des 20. Jahrhunderts. Zehn Jahre nach seinem Tod legt Gregor Schöllgen die erste große Brandt-Biografie vor.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.10.2001

Die Willy Brandt Biografie des Historikers Gregor Schöllgen findet Richard Meng zwar äußerst detailreich und informativ, aber in der "politischen Deutung nicht besonders ambitioniert". Es handelt sich hier um eine allzu konventionelle Darstellung des Lebensweges des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers, meint der Rezensent, da es der Autor nicht wagt, einen etwas mutigeren und für die gegenwärtige Politik anregenden Zugang zu wählen. Details aus dem privaten Leben Brandts würden allzu effekthascherisch, ja sogar als Werbemittel eingesetzt, und erhielten dadurch allzu großes Gewicht. Die Folge ist eine Reduktion aufs Persönliche, so der Rezensent, die politische Fragen unbeantwortet lässt. In der politischen Lebensbilanz kommen für Richard Meng folgende Stationen zu kurz: Brandts Rolle für die "diffuse Neudefinition eines 'Demokratischen Sozialismus'", seine Integrationskraft gegenüber großen Teilen der Protestgeneration der sechziger Jahre, das "langsame Umsteuern der SPD mit Blick auf die Nach-Schmidt-Ära", sein Verhältnis zu Oskar Lafontaine und das Fehlen einer europäischen Vision in Brandts Politik. Aus welchen Motiven heraus die SPD in den achtziger Jahren nach einer neuen Ostpolitik tastete, beantworte der Autor ebenfalls nicht. "Begegnet bin ich ihm (Willy Brandt) nicht, aber ich kenne ihn gut", zitiert Meng aus dem Vorwort des Autors. Und dieser Satz trifft für ihn auch die Qualität der Biografie: So "nüchtern und emotionslos" arbeite Schöllgen die "Außenansicht" Brandts heraus. "Nicht weniger, aber auch nicht mehr" biete diese Biografie.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001

Hans-Jochen Vogel, Vorsitzender des nationalen Ethikrates und Nachfolger Brandts als SPD-Parteichef, gibt eine sehr genaue und redliche Besprechung der neuen Brandt-Biografie. Unter lobenswerter Vermeidung von Sensationen und Enthüllungen habe der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen in "flüssiger und leicht lesbarer" Weise eine große Anzahl bisher unbearbeiteter und verstreuter Quellen verwendet, um die Erfolge, Niederlagen, Motive und Zielvorstellungen des Friedensnobelpreisträgers zu untersuchen. In seiner Auseinandersetzung mit der komplexen Persönlichkeit Brandts hätte sich Vogel allerdings "mehr Zurückhaltung gegenüber dem persönlichen Bereich" des Politikers gewünscht. Ausdrücklich kritisiert Vogel das Urteil, das der Autor über Brandts politische Weggefährten (vor allem Wehner und Schmidt) und deren Beziehung untereinander fällt: Wenn auch Rivalitäten in der Politik eine Rolle spielten, so dienten Politiker doch vor allem ihrem Land. Ergänzend fügt er einige Korrekturen hinsichtlich von Daten und Fakten an. Sein Fazit: Der Autor hat uns Willy Brandt "einmal mehr als Mensch und als Politiker in bemerkenswerter Weise nahe gebracht". Für "Die" Biografie", wie der Untertitel lautet, hält er das Buch jedoch nicht.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.10.2001

Sozialer Aufstieg, politische Ämter und internationale Anerkennung - rein äußerlich, meint Daniel Koerfler, sei das Leben Brandts eine Erfolgsmeldung, der allerdings sein Rücktritt als Bundeskanzler einen erheblichen Kratzer versetzt hat. So sei es auf den ersten Blick verwunderlich, dass Schoellgen, ein Historiker aus Erlangen, stattdessen das sensible "Psychogramm eines 'Gescheiterten'" zeichne. Aber Brandts Weg sei von vielen Niederlagen und bösen Erfahrungen gezeichnet gewesen, seine Persönlichkeit sehr widersprüchlich gewesen: Alkohol, Frauengeschichten, Depressionen waren nach Koerfler ständige Wegbegleiter. Positiv findet Koerfler, dass Schoellgen ganz ohne Anmerkungsapparat auskommt. Gelegentlich fehlen ihm genauere Details zu politischen Fragen wie bei der Ostpolitik, oder es stört ihn, dass gnädig über politische Defizite der Brandt-Regierung hinweggegangen wird. Nicht das politische Wirken Brandts, sondern dessen widersprüchliche aber beeindruckende Person stünden im Mittelpunkt des Buches.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2001

Etwas bissig fragt Gunter Hofmann, ob das Buch des Historikers und Mitherausgebers der Willy-Brandt-Edition, Gregor Schöllgen, den Anspruch einer Biografie erfüllt. Der Rezensent hat dafür eine eindeutige Antwort und die lautet "nein". Schöllgen hat es versäumt, meint Hofmann, das widersprüchliche Leben des Staatsmannes konsequent "nachzudenken". Stattdessen habe er das Politische auf das Persönliche reduziert und darüber hinaus auch noch hobbypsychologische Überlegungen angestellt. Manches Interessante lasse sich hier zwar nachschlagen, aber viel Neues habe der Band nicht zu bieten, kritisiert der Rezensent. Warum ein Mensch mit so vielen Brüchen und Widersprüchlichkeiten wie Willy Brandt am Ende zur Ikone der Bundesrepublik wurde, erfährt der Leser, so Hofmann, in dieser vorgeblichen Biografie jedenfalls nicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2001

Rainer Blasius ist die Biografie des Erlanger Wissenschaftlers Gregor Schöllgen über den schillernden SPD-Chef Willy Brandt, der mit dem bürgerlichen Namen Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck das Licht der Welt erblickte und sich später in Willy Brandt umbenannte, eine sehr lange Besprechung wert. Darin führt der Rezensent recht detailreich die einzelnen Stationen des Staatsmannes, der 1992 starb, auf und verweist, neben den politischen Leistungen von Brandt, auch auf seinen berühmt-berüchtigten Lebenswandel. Doch sei der Autor, lobt Blasius, klug genug, in seiner Biografie auf spekulative Beschreibungen von Brandts Frauengeschichten zu verzichten. Porträtiert werde hier der Politiker und der Mensch Brandt, und zwar in gebührender Kürze, spannend erzählt und auf eine breite Leserschaft ausgerichtet. Dieses nicht leichte Unterfangen sei Schöllgen hervorragend gelungen und er kehre auch nicht, so der Rezensent, Brandts deutschlandpolitische Irrpfade vor 1989 unter den Teppich.