Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2003. Die FAZ porträtiert den russischen Fernsehjournalisten Wladimir Kara-Mursa, der als Heizer arbeitet, um nicht Propaganda machen zu müssen. Die NZZ exhumiert  unter japanischen Exzessen der Urbanisierung einen Sinn für Ruhe und Eleganz. In  der FR sieht Stephan Eric Bronner die Lüge als Teil der amerikanischen Politik. Die taz liebt Bulgarien.

FAZ, 04.08.2003

Ein bewegendes Porträt über den Fernsehmoderator Wladimir Kara-Mursa legt die Moskauer Kulturkorrespondentin Kerstin Holm auf der Medienseite vor. Kara-Mursa war Moderator der wichtigsten Nachrichtensendung im unabhängigen Privatsender TVS, bis auch dieser im Rahmen von Putins Gleichschaltungspolitik geschleift wurde - jetzt arbeitet er, wie einst die Dissidenten, als Heizer für 120 Euro im Monat. "Kara-Mursa sieht für sich keine Möglichkeit mehr, ein Teil des Systems und zugleich anständig zu bleiben. Diejenigen ehemaligen Kollegen, die sich den heute gültigen Spielregeln unterworfen haben, will er nicht verurteilen. Aber die Art, wie sie wohldressiert ihre Verlautbarungspflichten erfüllen, wirkt beklemmend auf ihn. Und die Genugtuung der Obrigkeit, die ihnen gezeigt hat, wer der Herr im Hause ist, kann er sich nur allzu lebhaft vorstellen." Wie wär's denn, wenn westliche Journalisten einen kleinen Fonds auflegten, um zumindest einen Ansatz von freier Information in Russland zu erhalten?

Weitere Artikel in einer gehaltvollen Ausgabe: Lorenz Jäger berichtet, dass der fromme Mel Gibson einen Jesus-Film gedreht hat ("Passion", dessen Dialoge auf Latein und Aramäisch gesprochen werden). Zwar hat ihn noch keiner gesehen - aber auf der Grundlage des Drehbuchs wurden zum Beispiel (aber nicht online) in der New Republic Antisemitismusvorwürfe gegen den Film erhoben. Gerhard R. Koch zieht eine recht skeptische Bayreuther Zwischenbilanz: "Zumindest blieb der einstige Bayreuther Anspruch, Maßstäbe hinsichtlich szenischer Stringenz und musikalischer Inspiration zu setzen, mehr als einmal schmerzlich unerfüllt."

Andreas Platthaus vermutet in der Leitglosse, dass die Fußballbundesliga auch für die ARD zum Zuschussgeschäft werden wird. Regina Mönch hat Kulturstaatsministerin Christina Weiss auf eine Reise ins deutsch-polnische Grenzgebiet begleitet und sah ebendort die kulturelle Zukunft Europas erblühen. Tobias Döring gratuliert dem Erzähltheoretiker Franz Karl Stanzel zum Achtzigsten. Ingeborg Harms hat in Frankfurt den Bukovina Club besucht - dort tanzt der müde Abendländer zu entfesselter Zigeunermusik. Jordan Mejias hält uns über jüngste Peripetien in der Frage der Bebauung von Ground Zero auf dem laufenden. Hans-Christian Rössler schildert Daniel Barenboims Engagement für die Musikerziehung junger Palästinenser. Dietmar Polaczek schreibt zum Tod der Witwe Ignazio Silones, Darina.

Auf der Medienseite singt der ehemalige Bundesliga-Spieler ein kleines Hohelied auf den WDR-Fußballmoderator Dietmar Schott. Auf der letzten Seite erinnert Dieter Bartetzko an die große Schauspielerin Tilla Durieux, die in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Joseph Croitoru erzählt, dass Israel die Heirat zwischen israelischen und nicht israelischen Arabern erschwert.

Und Michael Gassmann erklärt, wie Bundeswirtschaftsminister Clement Arbeit schafft: Um die Langzeitarbeitslosen genauer zu überwachen, sollen in den Arbeitsämtern 11.800 Stellen geschaffen werden. Na, bravo!

Besprochen werden eine Ausstellung von Fotografien Tom Woods in Berlin, Johann Kresniks "Pee Gynt"-Bearbeitung in Salzburg und einige Sach- und Fachbücher.

NZZ, 04.08.2003

Joachim Güntner rekapituliert die Debatte um das Zentrum gegen Vertreibung und fragt, ob die Deutschen überhaupt eines brauchen: "Es gibt einen sentimentalen, von Groll freien 'Vertriebenen-Tourismus' junge Reisende aus dem Westen entdecken für sich selbst die osteuropäische Terra incognita; junge Polen erkunden die Geschichte ihrer vormals deutschen Geburtsorte; die polnischen Schriftsteller Stefan Chwin (mehr hier) und Pawel Huelle huldigen literarisch dem deutschen Danzig. Individuelle Wahrnehmung sprengt die alten Stereotype. Reicht das nicht? Erinnerung, Trauer, wechselseitige Anerkennung und Aussöhnung können sich, wie man sieht, informell vollziehen. Bedarf es zudem der moralisch-symbolischen Aufladung auf politischer Ebene, eben durch ein 'Zentrum gegen Vertreibungen'? Es scheint so. Eine Kultur, die das Opfer-Sein prämiert, fördert das Verlangen, sich den Opferstatus symbolisch bestätigen zu lassen."

Dass in Japan der erste Eindruck oft trügt, beweist Urs Schoettli mit einem ästhetischem Blick auf die Insel. Der Blick auf Details lasse die "Exzesse der Urbanisierung" in den Hintergrund rücken und die typisch japanische Ästhetik allgegenwärtig werden. Es wird versucht, westliche Strukturen mit dem "Sinn für Eleganz, Ruhe und Schönheit" in Einklang zu bringen, um dem obersten Gebot der Japaner, der "Sicherstellung der Harmonie" auch im hektischem Alltag gerecht zu werden. Die "Wahrnehmung der einfachen Ästhetik" im ganz alltäglichen Kontext läge dann auch den Blick für die "höhere Ästhetik der Kunst" frei.

Weitere Artikel: Huldrych Blanke wirft einen besorgten Blick auf die schwindende Zahl der rätoromanischen Muttersprachler in der Schweiz. Besprochen werden Johann Kresniks "Peer Gynt"-Inszenierung auf der Perner-Insel und die Ausstellung "Bauhausstil - zwischen International Style und Lifestyle" im Bauhaus Dessau.

FR, 04.08.2003

Stephan Eric Bronner, amerikanischer Politik- und Literaturprofessor, sieht die Lüge zwar ganz realistisch als einen Teil der Politik, doch in den USA werde das Lügen derzeit auf die Spitze getrieben. "Nach wie vor gibt es ein paar kritische Leitartikler wie Paul Krugman von der New York Times oder Robert Scheer von der Los Angeles Times; Sean Penn kann sich unverändert eine ganzseitige Anzeige leisten, in der er seine Kritik am Irakkrieg vorbringt. Aber diese Stimme werden vom Chor rechter Kraftmeier übertönt: CNN ist nichts weiter als eine kleine Klitsche, wenn man sie mit der gebündelten Medienmacht der im Fernsehen gezeigten Nachrichtenshows vergleicht, die von Megaberühmtheiten wie Rush Limbaugh, Bill O'Reilly (hier die Protestseite gegen ihn) und Pat Robertson (und seine Gegner) moderiert werden (...) Der Glaube an die reaktionäre Grundhaltung der amerikanischen Öffentlichkeit hat eine self-fulfilling prophecy bewirkt: das breite Publikum bekommt die von ihm gewünschte Show frei Haus geliefert, die dann ihrerseits nachhaltig die unterstellten Vorurteile bestärkt."

Franzobel (mehr hier) resümiert die Salzburger Pimperl-Posse um den Phallus-Mann auf dem Max-Reinhardt-Platz, nun abgeschoben nach Wien. "Weil man Angst hat, dass dieser nur mit weißen Tennissocken und raufgerutschtem Unterleiberl bekleidete, sich selbst in den Mund spritzende Plastilin-Jedermann dem Festwochenpublikum in die falsche Kehle kommt? Weil dieser 'Arc de Triomphe' für das stehen könnte, was die Salzburger während der Festspielzeit zu schlucken haben, das gespritzte Selbstbefriedigungstheater? Dabei war ja erst vor wenigen Tagen zu lesen, dass häufige Selbstbefriedigung nicht, wie zu Hoffmannsthal-Zeiten behauptet, das Rückenmark schwächt, sondern die Prostata stärkt."

Weitere Artikel: Inge Günther kürt Daniel Barenboim wegen seines Engagements für Palästina zum "politischsten israelischen Konzertmeister". Markus Brauck wettert über die Scheinheiligkeit und Weltfremde der katholischen Kirche in punkto Homosexualität. "Wenn man es schon nicht verhindern kann, dann kann man es wenigstens verbieten". In Times mager verfasst Michael Rudolf eine eloquente Hymne an das Wasser in all seinen Erscheinungsformen. Aus einer Meldung erfahren wir, dass Daniel Libeskind sich bei dem Wiederaufbau von Ground Zero gegen den Pächter Larry Silverstein durchgesetzt hat.

Auf der Medienseite stellt Matthias B. Krause den neuen New York Times-Chefredakteur Bill Keller vor, der im Vergleich zum harten Vorgänger "geradezu reizend" wirkt. Wolfgang Hettfleisch findet die runderneuerte Sportschau gar nicht mal so schlecht. Matthias Thieme diskutiert, warum das rheinland-pfälzische Privatradio RPR zwei nun zur Jugendwelle mutiert.

Besprochen werden Ibsens "Peer Gynt" in der wenig überzeugenden Version von Johann Kresnik bei den Salzburger Festspielen und eine Ausstelllung italienischer Gegenwartskunst "Premio Agenore Fabbri" in Darmstadt. Zu empfehlen: Spaghetti a la Mussolini.
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TAZ, 04.08.2003

Oh, wie schön ist Bulgarien, trällert Jochen Schmidt in seiner amüsant-informativen Liebeserklärung, dem dritten Teil der Streifzüge durch Europa. Bulgarien scheint ihm jedenfalls attraktiver als erwartet. "Ein herrliches Land. In jedem Cafe wird man von einer Miss World bedient. Man erfährt von Mädchen, die sich schon in der Schulzeit den Schlüpfer für die Hochzeitsnacht kaufen. Es gibt zwei Fernsehkanäle für 'Pop-Folk', einer Art billig produzierter Bumsmusik, die entfernt an Balkanklänge erinnert. Den ganzen Tag laufen diese Videos im Fernsehen, ein Mann, der auf einem Laster mit Bierkisten sitzt und singt: 'Zeit für ein Bier, Zeit für ein Bier'."

George Sand (mehr hier) soll ins Pantheon überführt werden. Für die Tagesthemenseite hat sich Dorothea Hahn in Frankreich umgesehen und liefert uns ein schönes Stimmungsbild zu Schriftstellerin und Pantheonisierung. Serge Robin etwa, Bürgermeister von Nohant, will Sand in seinem Ort behalten und vermutet die notorische Pariser Intellegenzija hinter den Plänen. "Die Dame war ein bisschen revolutionär. Sie hat sich erlaubt, Hosen zu tragen, Pfeife zu rauchen und Liebhaber zu haben. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr hat sie in Paris gewohnt. Dann ist sie ins Berry gekommen. Sie wollte immer hier bleiben. Bei ihren Nächsten."

Weitere Artikel: Christian Semler rät auf der Meinungsseite, das Jahr 2003 zur Verarbeitung der RAF zu nutzen - mit der geplanten Ausstellung. Magdalena Kröner hat sich auf den Strand in Düsseldorf begeben und staunt: "GI-Jane war ein Witz gegen die Operation rheinischer Wüstensturm."

Auf der Medienseite zollt Achim Dreis der auferstandenen Sportschau verhaltenen Respekt.

Besprochen wird einzig und allein eine Ausstellung mit der listigen Globalisierungskritik des chinesischen Künstlers Chen Zhen im Westfälischen Landesmuseum Münster.

Schließlich Tom.

SZ, 04.08.2003

Andrian Kreye hat eine der "Ready New York"-Broschüren (mehr hier) ergattert, und weiß nun, wie er sich bei Katastrophen aller Art zu verhalten hat. "Die Gegenmaßnahmen sind glücklicherweise denkbar simpel. Bei Erdbeben, Atomschlägen und einstürzenden Gebäuden empfiehlt das Amt, Schutz unter einem Tisch zu suchen. Wer unter Trümmern eingeklemmt wird, sollte sich mit einer Trillerpfeife bemerkbar machen. Befindet man sich im Falle einer radioaktiven Verseuchung im Freien, hilft es, ein Gebäude aufzusuchen, es sei denn die Quelle der Radioaktivität befindet sich in einem Gebäude, dann sollte man dieses umgehend verlassen."

Franziska Augstein versucht sich in der politischen Vogelschau und lässt (viele) Gegner und (wenige) Befürworter von Tony Blair aufmarschieren, um dessen Schicksal zu klären. "Die 'Blair-Revolution', die Mandelson einst ausgerufen hatte: konstitutionelle Kosmetik. Die Reform des Oberhauses: auf halber Strecke steckengeblieben. Der 'Dritte Weg': ein Boulevard der Sachzwänge. Blairs Bilanz nimmt sich derzeit so miserabel aus wie das öffentliche Verkehrswesen. Das Motto ist ausgegeben: Der Tod Kellys sei der 'Wendepunkt' in Blairs Karriere."

Jörg Häntzschel hat in den USA den prächtig finsteren Masked and Anonymus gesehen, in dem Bob Dylan mit vielen Stars, Gandhi und dem Papst herumgeistert. "Auch Dylan, der sich hier schon bewegt wie seine eigene Mumie, wird bald unter ihnen sein: 'It?s not dark yet, but it's getting there.'" Fritz Göttler erklärt, wie Mel Gibson mit seiner umstrittenenen Jesus-Verfimung (mehr hier) immer mehr in die Messias-Rolle hineinrutscht.

Auf der Literaturseite überbringt Joachim Sartorius Nachrichten von der Poesie. Richard Doves "Lenau" beginnt im Schwäbischen: "Your music was black, as black as your clothes: / how it thrilled and apalled the Stuttgart burghers / you kept aloof from."

Die Medienseite nutzt Christopher Keil zu einer Kritik der neuen Sportschau. Julia Bonstein stellt uns "Brot" vor, die Lieblings-TV-Figur spät heimgekehrter Kinder. In der Reihe Große Journalisten charakterisiert Willi Winkler Karl Philipp Moritz als Idealisten einer vollkommenen Zeitung.

Besprochen wird einiges: Johann Kresniks politischer Abgesang nach Ibsens "Peer Gynt" und Fabio Luisis konzertante Aufführung der "Ägyptischen Helena", beide bei den Salzburger Festspielen, Bertrand Bonellos somnambuler Film "Le Pornographe", Adam Fischers kontrolliert emphatische musikalische Leitung von Wagners "Götterdämmerung" in Bayreuth, Gustav Kuhns alternative "Götterdämmerung" in Erl, die umfassende Ausstellung zum "Wert des Lebens" in der österreichischen Euthanasie-Gedenkstätte Schloss Hartheim, eine Schau der Fotografien Louise Lawlers im provisorischen Übergangsquartier des abgerissenen Frankfurter Portikus, eine große Retrospektive des malerischen Werks von Jean Dubuffet im Rupertinum in Salzburg, und Bücher, darunter die Edition der Briefe Max Webers aus den Jahren 1913/1914, Katharina Lanfranconis Gedichtband "Im traum heisst mein geliebter meer" sowie Andrew Crumeys teils witzig teils schwachbrüstiger Roman "Rousseau und die geilen Pelztierchen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).